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Traumzeitmonde von Sven Edmund Reiter

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

In der australischen Pilbara-Wüste stirbt auf unerklärliche Weise ein Aborigine-Stamm aus. Im Südpazifik werden hunderte Grindwale an den Strand einer winzigen Insel gespült. Eine Forschungsstation im Kaukasus misst rätselhafte kosmische Strahlung. Währenddessen tritt im äußeren Sonnensystem die Moon-Journey-Mission in ihre entscheidende Phase. Nichts von dem scheint im Zusammenhang zu stehen. Doch eine Gruppe von Wissenschaftlern beschließt, mehr herauszufinden. Bald wird das Schicksal der gesamten Menschheit in ihren Händen liegen …

 

Rezension:

In seiner Danksagung erwähnt Sven Edmund Reiter, dass Traumzeitmonde zunächst die Storyline zu einem Konzeptalbum seiner Band Nitebrain werden sollte. Knapp fünfhundert Seiten Hard-SF sind daraus geworden und man wird neugierig, welche Musik Pate dafür stand.

 

Es gibt viele WissenschaftlerInnen unter den SF-AutorInnen, doch findet man in der aktuellen deutschen Science-Fiction nur wenige Werke, die auch nur annähernd so versiert wissenschaftliche Erkenntnisse und Theorien in ihren Text einfließen lassen, wie es Reiter in »Traumzeitmonde« vorführt. Der Quellen-Anhang geht über fast sechs Seiten und ich bin mir sicher, würde man den Roman daraufhin abprüfen, wurde auch alles verwendet. Es wird sehr stark von den Interessensgebieten der LeserInnen abhängen, ob sie sich auf das geballte Fachwissen in den Kapiteln einlassen wollen, aber das Spektrum ist so breit, dass eigentlich für jeden etwas dabei sein müsste.

So gibt es Anthropologie und Linguistik, Geologie und Erdgeschichte, Astronomie und Quantenphysik, Raumfahrt und Raumfahrttechnik, Ökologie und Verhaltensforschung, Medizin, Politik, Wirtschaftswissenschaften, nebst etlichen Beschreibungen spannender Orte die nicht auf Touristenrouten liegen.

Nach den ersten Blöcken mit wissenschaftlichen Exkursen war ich noch sehr skeptisch, ob der Autor in der Lage ist, darüber hinaus einen echten Roman zu schreiben. Doch nach und nach erkennt man, wie sich die zunächst weit entfernten Fachgebiete aufeinander zu bewegen und auch die damit jeweils verknüpften Figuren an Bedeutung gewinnen.

Reiter schreibt eher nüchtern. Er bleibt auch literarisch durch und durch Wissenschaftler. Zwar spürt man an einigen Stellen, dass er sich von seiner Begeisterung tragen lässt, doch die emotionale Welt seiner Figuren reißt er stets nur an. Irgendwie gewinnen sie dann aber doch im Laufe des Romans an Profil.

 

Die Handlung besteht zunächst aus verschiedenen Schlaglichtern. Brigitte Langendorf sucht einen Aborigines-Stamm auf, um linguistische Studien ihrer Jugendzeit fortzuführen, doch sie findet ein verlassenes Dorf und abgesperrtes Stammes-Land. Angeblich für den Uran-Abbau vorgesehen. Der Stamm selbst starb an der Grippe und Brigitte macht sich auf die Suche nach möglichen Überlebenden, letzte Sprecher einer sonst ausgestorbenen Sprache.

Steven Winstone ist ein junger Astrophysiker, der für die NASA an einer Satelliten-Mission mitarbeitet. Er kann ähnlich einem Synästhetiker, der Farben fühlt, Bewegungen hören. Was ihn befähigt, astronomische Daten mit einzigartiger Genauigkeit zu filtern. Er arbeitet erst seit zwei Monaten im Team und stolpert zufällig über merkwürdige Daten, die ihn zu weiteren Nachforschungen veranlassen. Schon bald stößt er auf weitere Seltsamkeiten der Weltraummission.

Peter Vössler ist Professor für angewandte physische Geographie und besucht eine einsame Insel zwischen Antarktis und Australien. Die eher sentimentale Reise wird zum Beginn neuer Forschungen, als er ein ungewöhnliches Anstranden von Walen beobachtet.

Doch was hat ein Aborigines-Stamm zu tun mit einer Weltraummission und dem Verhalten von Walen?

Erst nach und nach führen die unterschiedlichen Forschungen zueinander. Zunächst erfährt der Leser unglaublich viel zu den einzelnen Forschungsgebieten und immer wieder auch Dinge, die erst deutlich später in der Handlung Relevanz entwickeln. Dabei schrammt Reiter oft an der Grenze des Erträglichen und erst allmählich, wenn man begreift, wofür das Wissen notwendig ist, beginnt man auch diese Passagen zu verschlingen. Denn der Roman entwickelt bald einen Sog. Man will hinter das Rätsel um all die Merkwürdigkeiten kommen, die oft gar nichts Neues darstellen, sondern lediglich in neue Zusammenhänge gesetzt werden. Dadurch hat man auch gar nicht das Gefühl, in der eh nahen Zukunft des Jahres 2016 zu sein, sondern über aktuelle Ereignisse zu lesen.

Die Auflösung ist dann auch ein wahrhaft kosmischer Augenöffner. Nur auf weltpolitischer Ebene schwenkt das Ende nach meinem Geschmack zu sehr in Richtung Kitsch. Aber vielleicht hätte ein anderes Ende auch gar nicht gepasst.

 

Fazit:

Sven Edmund Reiter singt in »Traumzeitmonde« ein Loblied auf die Wissenschaft. Er plädiert für den Sieg der Vernunft über militärisches Denken, präsentiert die positiven Möglichkeiten globaler Zusammenarbeit und unsere Verantwortung für die Erde im Rahmen eines hochwissenschaftlichen Hard-SF Romans.

Das hätte alles schief gehen können. Ist es aber nicht. »Traumzeitmonde« ist eine angenehme Überraschung und ein mehr als gelungenes, zudem sehr spannendes Science-Fiction Debüt.

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Eure Meinung:

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Buch:

Traumzeitmonde

Autor: Sven Edmund Reiter

Taschenbuch, 490 Seiten

Adebor Verlag, 9. Juli 2013

Cover: Stephan Bliemel

 

ISBN-10: 3944269055

ISBN-13: 978-3944269054

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B00G2CL0F4

 

Erhältlich bei: Amazon Kindle-Edition

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Erstellt: 18.03.2014, zuletzt aktualisiert: 12.06.2020 16:31