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Lotus-Effekt hrsg. von Heidrun Jänchen und Armin Rößler

Rezension von Ralf Steinberg

 

Rezension:

Der elfte Band der Science Fiction Reihe des Wurdack Verlages ist wieder eine Anthologie. Die beiden Herausgeber Heidrun Jänchen und Armin Rößler sind ebenfalls mit je einer Kurzgeschichte vertreten und haben um sich eine breite Auswahl an Storys gesammelt, die insgesamt von hoher Qualität sind. Auch wenn viele Anthologie-Leser eher gezielt querbeet lesen, kann man hier getrost ein Lesen der Reihe nach empfehlen, steigern sich die Autoren doch bis zu einem grandiosen Ende.

 

Zu den einzelnen Geschichten.

 

Die titelgebende Geschichte Lotus-Effekt von Christian Günther behandelt recht zynisch den Umgang mit grad nicht benötigten Soldaten in naher Zukunft. Solide arbeitet Günther die Probleme heraus, die sich beim Eingriff in die Erinnerungen ergeben können, aber letztlich bleibt die Geschichte vorhersehbar und reißt nicht richtig mit.

 

Wesentlich lustiger ist da Thomas Hockes Story um ein Praxis-Experiment. Ein Phager wird trainiert ist allerdings sehr kurz und arbeitet weder Hintergrund, noch Figuren deutlich heraus. Vielleicht liegt es daran, dass ich die Pointe nicht verstand. Es bleibt das Gefühl einer auf humorvoll getrimmten Geschichte, deren Witz nicht zündet.

 

Nadine Boos nimmt sich für den Aufbau einer stimmigen Atmosphäre in Photosolaris viel Zeit. Die Figuren und ihre Beziehungen liegen ihr spürbar am Herzen. Ihre Begegnung mit einer Riesenalge wirkt insgesamt aber etwas zu unaufgeregt, zu keiner Zeit gelingt es der Autorin Spannung zu vermitteln.

 

Mit Sebastian Riegers Nichts wie der Himmel nimmt die Anthologie jedoch endlich Fahrt auf. Sehr gefühlvoll und mit der richtigen Mischung aus Verwirrung und Aufklärung gelingt es ihm auf wenigen Seiten, eine interessante Figur zu entwickeln, deren Schicksal einen berührt.

 

Der Traum vom Fliegen von Lutz Herrmann lässt die eigentliche Leidenschaft des Autors für Krimis deutlich spüren. Die Geschichte verlässt jedoch zu keiner Zeit bekannte Bahnen. Der eher typische Entwurf zur Lösung von Pensionsproblemen wird zwar stilsicher präsentiert, vermag aber nicht durch Innovation zu begeistern.

 

Ein echter Bernhard Schneider hingegen ist Lapsus. Gekonnt baut der Autor einen interessanten, wenn auch typischen, dystopischen Hintergrund auf, über den man gern noch mehr erfahren hätte. Seine Protagonistin steht dieser Welt hilflos gegenüber und scheitert. Leider vermag es Schneider nicht, der Geschichte ein befriedigendes Ende zu verpassen, ihm gebührt dafür der Sticker "Voyager-Ende des Buches".

 

Mit Bromsel und Chester schuf Olaf Trint zwei Figuren, von deren Abenteuern ich unbedingt noch mehr lesen möchte. Schnully ist herrlich abgefahren, witzig und gekonnt erzählt und zudem klassische gute SF. Der erste Höhepunkt der Anthologie.

 

In Wir könnten Kolumbus fragen setzt sich Thomas Wawerka mit fehlgeleiteten Computerprogrammen auseinander und entsprechenden Konsequenzen für die betroffenen Menschen. Die arg konstruierte Story kann leider weder von den Figuren, noch vom Hintergrund her überzeugen. Besonders auffällig sind sehr schwache Dialoge, hier liegt deutlich Potential für Verbesserungen.

 

An Kafka versucht sich Andrea Tillmanns in ihrer kurzen Studie Aussichtsloser Morgen. In seiner Aussage auf böse Art erschreckend, hinterlässt der Text lediglich die Frage, ob die auffälligen Wortwiederholungen Stilmittel sind oder eine leichte Schwäche der Autorin offenbaren. Mit etwas mehr sprachlichem Druck könnte dieses Kammerstück durchaus noch intensiver werden.

 

Thomas Templs Erzählung Gebäude Nummer 15 könnte durchaus für einen Roman reichen. Überraschend hintergründig baut der Autor seine Welt auf, stellt mit interessanten Figuren in einer spannenden Konstellation ein mehr als solides Gerüst zusammen, um den Leser eine zwar eher typische Geschichte zu erzählen, aber die Art und Weise, wie ihm das gelingt, lassen darauf schließen, dass Templ ein Gespür für Figuren und Konflikte hat. Es würde mich sehr wundern, wenn wir von ihm in Zukunft nicht längeres lesen werden.

 

Dass Christian Weis blutrünstige Geschichten schreibt, sieht man ihm zwar nicht an, aber er kann es ohne Zweifel mit einer gehörigen Portion an kühler Härte und folgerichtiger Depression. Zwar ist sein Held Kozak der typisch zerrissene Polizist, der durch die Umstände seiner Arbeit geläutert wird, doch gelingt es Weis, dies als schlüssige Entwicklung darzustellen. Lediglich der Hintergrund wirkt in Entschlossen etwas eindimensional und zu bekannt.

 

Konsumaten von Thomas Backus ist eine stimmungsvolle Groteske, kurz, auf den Punkt und nur allzu vorstellbar, vielleicht etwas zu betont übertrieben.

 

Karla Schmidt bewegt sich in Weg mit Stella Maris in verschiedenen Universen und auch wenn der geübte Leser die Zusammenhänge zwischen dem Robbenproblem und der "Stella Maris" sehr bald durchschauen dürfte, gelingt es der Autorin, eine technisch funktionierende Geschichte zu erzählen. Der traurige Grundton gibt ihr eine melancholische Note. Etwas unbefriedigend ist das Verhalten von Dr. Maris. Es wird nicht klar, warum sie so gefühlskalt zu einem elfjährigen Mädchen ist, das sie für ihre Mutter hält, hier stört die Abwesenheit der Figur, um ihre Handlungen erklärbarer zu machen.

 

Enttäuscht war ich von Uwe Posts Decoi vult. Die Geschichte über ein Augeninterface und chinesischer Konkurrenz ist stark an den Haaren herbeigezogen und stolpert über eine Fülle an logischen Löchern. Ständig fragt man sich beim Lesen, warum die Hauptfigur nicht das Offensichtliche probiert, etwa das neue Implantat im Institut untersuchen zu lassen. Auch das zunächst plötzlich auftauchende Konkurrenzprodukt, welches kurz darauf massenhaft verbreitet und leicht zugänglich ist, hinterlässt mehr Fragen, als Antworten. Der transzendente Schluss dürfte den Leser dann auch eher verärgern.

 

Mit Armin Rößlers Gespinst beginnt das Ende. Das gute Ende. Nämlich das abschließende Drittel der Anthologie, mit ausnahmslos sehr guten Geschichten.

Rößlers Story um Avram Barbieri , der sich einer alten Last stellen muss, ist in erster Linie eine solide SF, die an sich weder innovativ noch sonderlich spannend ist, ihre volle Wirkung aber entfaltet, wenn man schon mehr aus dem Argona-Universum des Autors gelesen hat. Dass die Geschichte nur in diesem Umfeld wirkt, ist ein Handicap, welches der Autor wohl bewusst eingegangen ist.

 

Arno Endler wagt sich mit Strafmaßnahme an eine der schwersten Übungen in der SF, mit der man nicht bei allen SF-Fans punkten kann. Mir gefiel die bissige Satire um nervige künstliche Intelligenzen aber ungemein. Besonders die Verbindung mit der sich verändernden Sicht auf derartige ethische Probleme in aufeinanderfolgenden Generationen, hier anhand der bevormundenden Tochter wunderbar inszeniert, hinterließ bei mir ein verständnisvolles Nicken. Gut beobachtet und gekonnt umgesetzt.

 

Ein Altmeister könnte er sein. Jene große Anthologie Der lange Weg zum Blauen Stern hätte der Startschuss für eine neue Generation von DDR-SF-Autoren sein können. Aber auch Karsten Kruschel wurde von der Revolution in ferne Gewässer gespült. Nun endlich sind die Segel neu gesetzt. Barnabas oder Die Vorzüge kleiner Welten ist in vielerlei Hinsicht eher klassische Phantastik, in der es mehr um die Wechselwirkung zwischen Mensch und rätselhafter Umwelt geht. Kruschels Blick geht dabei mitten hinein in eine größere Geschichte, berichtet von einer kleine Begebenheit die eigentlich eine große ist. Man darf gespannt sein, wie sein angekündigter Roman wird. Mir jedenfalls hat die Geschichte um den kleinen Novizen Appetit auf mehr gemacht.

 

Die Ernte fällt heut' aus beginnt eher als Military SF-Geschichte. Aber Niklas Peinecke setzt den Fokus auf den tragischen Aspekt einer Liebe in den Wirren des Krieges, um den militärischen Konflikt eher nebenher, aber anschaulich zu beleuchten. Im Vordergrund steht mit Tetian ein einfacher Mann, der seinen Gefühlen nachgeht. Eindringlich geschrieben, mit einem etwas hastigen Nicht-Ende.

 

Ohne Zweifel die beste Geschichte der Anthologie stammt von Heidrun Jänchen und beschließt sie auch, um auf der letzten Seite des Buches für ihren Roman Simon Goldsteins Geburtstagsparty zu werben. Wer zuvor Ein Geschäft wie jedes andere las, wird jedoch kaum umhin können, den Roman eiligst zu ordern.

Erzählt wird von einer Welt, die unweigerlich aus unserer hervorgegangen ist, in der der Sparwahn im Gesundheitswesen zu immer übleren Krankenversicherungssystemen führte. Kaum jemand kann sich die Beiträge oder Prämien für eine umfassende Versorgung leisten, wer zu früh oder am falschen Leiden erkrankt, ist ein Todeskandidat. Solchen Menschen bietet Sigo ein Geschäft an. Gesundung und zwei Jahre Luxus. Als Preis dient der eigene Körper, der nach der Frist weiterverkauft wird. Sigo kann nur knapp von diesen Vertragsabschlüssen leben, das Leben ist teuer geworden und er will seiner Tochter eine vernünftige Bildung bezahlen können. Doch dann ist seine nächste Kandidatin für die zwei Jahre verlängertes Leben Marthe. Mit der zunächst notwendigen Mühe, die Sigo investieren muss, damit Marthes Vertrag zu seiner Provision führt, entwickelt sich zwischen beiden etwas, womit Sigo nicht gerechnet hat, das nicht nur ihn verändert.

Besonders die starke Lösung des Konflikts macht Jänchens Erzählung zu einer wunderbaren und nachhaltigen Geschichte über die Kraft von Liebe und Lebenswille. Allein dieser Beitrag der Mitherausgeberin macht die Anthologie schon empfehlenswert und sie ist zwar die beste, aber nicht die einzige Perle in dieser Sammlung.

 

Ernst Wurdack selbst griff erneut zu Tastatur und Maus um ein passendes Covermotiv zu entwerfen, welches stimmungsvoll in Messing schimmernd, ohne gewöhnliche SF-Motive auskommt und wohl genau deshalb richtig gut ausschaut.

Ein nettes Gimmick ist auch der Klappentext auf der Rückseite des Buches, der als Zukunftssicherheitstest wohl mehr zum Inhalt des Buches sagt, als es etwa Klappentexte der Konkurrenz gewöhnlicherweise tun.

 

Lobend erwähnen muss man auch die Kästchen mit Kurzbiografien der Autoren zu Beginn jedes Textes. Sie helfen, sich die Namen der Autoren besser im Gedächtnis zu verankern, sie verdienen es.

 

Fazit:

Mit der Anthologie »Lotus-Effekt« gelingt es Verlag und Herausgebern eine beeindruckende Reihe guter SF-Kurzgeschichten zu versammeln. Auf einem qualitativ hohen Niveau und mit gekonntem Abwechslungsreichtum in Stil und Thematik bietet der Band sowohl Unterhaltung als auch Bedenkenswertes. Mit Heidrun Jänchens herausragender Geschichte »Ein Geschäft wie jedes andere« enthält das Buch ohne Zweifel auch eines der SF-Höhepunkte des Jahres.

Der Verlag musste bereits nachdrucken und das zu recht.

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Buch:

Lotus-Effekt

HerausgeberInnen: Heidrun Jänchen und Armin Rößler

Wurdack Verlag, März 2008

Taschenbuch, 215 Seiten

Cover: Ernst Wurdack

 

ISBN-10: 393806532X

ISBN-13: 978-3938065327

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Inhalt:

  • Christian Günther: Lotus-Effekt
  • Thomas Hocke: Ein Phager wird trainiert
  • Nadine Boos: Atmosphäre in Photosolaris
  • Sebastian Rieger: Nichts wie der Himmel
  • Lutz Herrmann: Der Traum vom Fliegen
  • Bernhard Schneider: Lapsus
  • Olaf Trint: Schnully
  • Thomas Wawerka: Wir könnten Kolumbus fragen
  • Andrea Tillmanns: Aussichtsloser Morgen
  • Thomas Templ: Gebäude Nummer 15
  • Christian Weis: Entschlossen
  • Thomas Backus: Konsumaten
  • Karla Schmidt: Weg mit Stella Maris
  • Uwe Post: Decoi vult
  • Armin Rößler: Gespinst
  • Arno Endler: Strafmaßnahme
  • Karsten Kruschel: Barnabas oder Die Vorzüge kleiner Welten
  • Niklas Peinecke: Die Ernte fällt heut' aus
  • Heidrun Jänchen: Ein Geschäft wie jedes andere

Weitere Infos:


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Erstellt: 05.05.2008, zuletzt aktualisiert: 08.09.2017 20:39