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Jenseits des Rheins von Erik Hauser

Unheimlich-makabre Geschichten aus der Kurpfalz

 

Rezension von Andreas Flögel

 

Verlagsinfo:

Jenseits des Rheins liegt ein kleines Dorf in der Kurpfalz. Seltsame Dinge ereignen sich dort hinter der Fassade der scheinbaren Wohlanständigkeit.

Ein Metzger führt gegen einen Konkurrenten einen erbitterten Kleinkrieg, der ein überraschendes Ende ?ndet, besorgte Bewohner sichten in den Rheinauen ein merkwürdiges, halb menschliches, halb tierisches Wesen, und eine alte Tante, die einfach nicht sterben will, bereitet ihrer Familie Kopfzerbrechen …

 

Rezension:

Es kommt immer wieder einmal vor, dass einem ein tolles Buch durch die Lappen geht. So wäre es mir beinahe mit Jenseits des Rheins passiert.

Ich kannte Geschichten von Erik Hauser aus verschiedenen phantastischen Anthologien und habe sie in sehr guter Erinnerung. Trotzdem hatte ich »Jenseits des Rheins« sozusagen nur aus dem Augenwinkel wahrgenommen und völlig falsch eingeordnet. Das lag zum Teil wohl auch daran, dass mir der Agiro-Verlag bisher kein Begriff war.

Jedenfalls ordnete ich das Buch innerlich als »Geschichtensammlung mit Lokalkolorit, Geschenkbuch für Leute mit Bezug zur Kurpfalz« ein. Damit stand es ehrlich gesagt nicht gerade an der Spitze meiner Leseliste.

Aber ich hatte das Glück, dass Bekannte und Freunde nicht so oberflächlich waren und mir mit Begeisterung von dem Buch berichteten. Jetzt erst bemerkte ich, dass das Buch einige dieser Geschichten enthielt, die mir so gut gefallen hatten und dass es einen Untertitel hatte (Unheimlich-makabre Geschichten aus der Kurpfalz), der mich auf weitere Geschichten dieser Art hoffen lies.

Eine Lesung des Autors auf dem BuCon bekräftigte diesen Eindruck.

 

Um es kurz zu machen, ich wurde nicht enttäuscht, und mir wäre beinahe ein Buch voller sehr guter Geschichten entgangen, meist makaber, teilweise unheimlich, aber immer unterhaltend, oft mit ironischem Unterton.

 

Das Buch vereinigt Geschichten die zum größten Teil in Brühl, einem Dorf in der Nähe von Heidelberg angesiedelt sind. Aber dieses Brühl ist ein literarisches Konstrukt, zwar inspiriert vom realen Ort, aber allgemeingültiger, sozusagen der Prototyp für eine eher ländliche Gemeinde im Gegensatz zum urbanen Umfeld. Bevölkert ist dieser Ort mit allerlei Gestalten, die ihrerseits überspitzt und archetypisch erscheinen. Dennoch hat man bei den meisten das Gefühl, genau so jemanden auch in der eigenen Verwandtschaft zu kennen.

Erzählt werden die Geschichten aus der Sicht eines Ich-Erzählers in einem meist ironischem Tonfall. Das bietet die geeignete Distanz zum makaber-unheimlichen Inhalt, versteckt den Schrecken im Humor. Denn was den meist titelgebenden Verwandten und Bekannten (wie zum Beispiel in Mein Onkel Stanislaus oder der Metzgergeschichte) passiert, ist für sich genommen eigentlich nichts für zarte Gemüter, was durch die Art, wie es dargeboten wird, aber vom Leser nicht unbedingt erwartet wird.

 

In einer anderen Gruppe von Geschichten (insbesondere Mädchen Monster Modigliani, eine meiner Lieblingsgeschichten, aber auch in z. B. Der Schrecken von Brühl oder Rashomon am Rhein) besteht die Kunst des Autors gerade darin, dass nichts explizit gesagt wird, aber die Andeutungen für den Leser zwingend genug sind, dass er sich die eigentliche Geschichte im Kopf zusammensetzen kann. Allerdings immer mit einem Rest an Ungewissheit. Diese Technik hat Erik Hauser auch noch einmal meisterlich in einer der Vignetten (Nach dem Hochwasser), die den Geschichten vorangestellt sind, auf gerade einmal eineinhalb Seiten angewandt.

 

Den Abschluss der Sammlung bildet die Novelle Der alte Niklas, die einen anderen Grundton hat und in mehreren Punkten von den vorherigen Geschichten abweicht.

Es ist die deutlich längste Geschichte, eben eher eine Novelle als eine Kurzgeschichte, und der geänderte Grundton ergibt sich schon daraus, dass sie beginnt, als der Ich-Erzähler noch deutlich jünger ist, also noch nicht das Alter für die ironische Distanz der anderen Geschichten erreicht hat. Sie umfasst mehrere Jahre und gegen Ende nimmt sie Bezug auf Geschehnisse aus anderen Geschichten, stellt somit eine Klammer um alles dar. Erik Hauser zeigt hier, dass er es auch versteht, mit einer konventionell erzählten Geschichte zu fesseln und zu berühren, insbesondere beim Höhepunkt der Handlung.

 

»Jenseits des Rheins« ist als Hardcover mit Lesebändchen erschienen und deshalb nicht gerade billig.

Aber vielleicht hat man ja in der Verwandtschaft einen Onkel oder eine Tante, die sich freuen, wenn sie endlich mal zur Bildung beitragen können, indem Sie einem ein schönes Buch mit »Dorfgeschichten« schenken, anstelle der »gruseligen Sachen« die sonst immer auf dem Wunschzettel stehen?

 

Fazit:

Ich jedenfalls habe das Buch sehr genossen. Es ist für mich ein Highlight des Jahres und ich wünsche ihm noch viele Leser.

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Buch:

Jenseits des Rheins

Unheimlich-makabre Geschichten aus der Kurpfalz

Autor: Erik Hauser

Gebundene Ausgabe, 328 Seiten

Agiro, 20. September 2016

Titelbild: Michael Beck

Titelbild-Foto: Peter Kauert

 

ISBN-10: 3939233641

ISBN-13: 978-3939233640

 

Erhältlich bei: Amazon

Inhalt:

  • Mein Onkel Stanislaus
  • Der geschlossene Kreis
  • Der Schrecken von Brühl oder: Rashomon am Rhein
  • Onkel Herberts große Stunde
  • Raphaels dritter Engel oder: Vampir wider Willen
  • Mädchen, Monster, Modigliani
  • Tante Theas langer Abschied
  • Ohne Fleisch kein Preis oder: Darf's auch ein bisschen mehr sein?
  • Der alte Niklas

Weitere Infos:

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Erstellt: 12.12.2016, zuletzt aktualisiert: 13.12.2016 18:12