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Interview mit Tim Curran

Redakteur: Torsten Scheib



Tim Curran

 

 

Tim Curran, dessen deutscher Einstand »Zerfleischt« momentan gehörig Staub aufwirbelt, erwies sich im Interview als wenig blutrünstig.









 

 

Fantasyguide: Hi Tim – und vielen Dank, dass Du Dir Zeit für unsere Fragen genommen hast. Außerdem herzlichen Glückwunsch zu Deinem Erfolg in Deutschland. Die hiesige Leserschaft liebt Zerfleischt. Zu Recht, wie ich ergänzen möchte. Momenten dürfte es einer der härtesten Romane, wenn nicht sogar DER härteste Roman auf dem Markt sein. Könntest Du uns ein wenig über Deinen Hintergrund erzählen? Was hat Dich dazu gebracht, Horror zu schreiben? Was inspirierte Dich zu »Zerfleischt«?

 

Tim Curran: Mein Hintergrund ist eher langweilig. Den größten Teil meines Lebens verbrachte ich in der gleichen Stadt und verdiente mir meinen Lebensunterhalt als Hilfsarbeiter und in einer Fabrik. Ich denke, dass es diese Arbeiterklasseherkunft ist, die es mir ermöglichte, Menschen zu studieren ebenso wie das Verhalten der Bevölkerungsschichten beziehungsweise deren Ausgrenzung. Schon als Kind mochte ich es, den Leuten einfach zuzusehen, deren Wechselbeziehungen zueinander und zu den jeweiligen Gesellschaftsschichten zu verfolgen. Die Fabrikarbeit ermöglicht tolle Einblicke in Sachen menschlichem Verhalten.

 

Horror liebte ich schon von Kindesbeinen an. Als kleiner Junge bin ich stets von der Schule nach Hause gerannt, um keine Episode von Dark Shadows zu verpassen. Ich denke, dass mich diese Serie für alle Zeiten »verdorben« hat. Da war ich, ein fünf- oder sechsjähriger, leicht zu beeindruckender Dreikäsehoch und schaute mir eine Sendung mit Vampiren, Werwölfen und Geistern an. Außerdem war die böse Hexe, Angelique meine erste richtige Liebe. Aufgewachsen bin ich in einer Nachbarschaft, in der jeder dem anderen gerne mal einen Schrecken verpasste. Zum Beispiel erzählte die ältere Schwester meines besten Freundes uns Kindern gerne schreckliche urbane Legenden und Geschichten über hiesige Familien, die ihre mutierten Sprösslinge im Dachboden unter Verschluss hielten – und was geschehen würde, wenn sie fliehen könnten. Der Vater von einem anderen Freund erzählte uns gerne eine besonders garstige Version von Frankenstein und behauptete stets, es sei die Wahrheit! Dies war auch der gleiche Mann der uns mitten in der Nacht raus zum Friedhof fuhr und einfach zurückließ. Er fand das ziemlich witzig. Außerdem ermahnte er uns, nicht bei offenem Fenster zu schlafen, da sich des Nächtens eine entflohene Irre auf den Straßen rumtrieb, die mit Vorliebe kleine Jungs verspeiste. Und wenn wir im Jugendlager in unseren Zelten schliefen, warnte er uns davor, an den Seiten zu schlafen, da es diesen einen Wahnsinnigen gab, der gerne mit seinem langen Messer die Seitenwände aufschlitzte, die dahinter schlafenden Kinder aufspießte und deren Blut von der Klinge leckte. Das war schon einer! Wie ein großes Kind! Aber genau diese Sachen waren es gewesen, die mich zum Horror geführt haben.

 

Nun, der Hauptmechanismus in »Zerfleischt« ist ein Gen, welches aktiviert wird, wenn die Bevölkerung zu gefährlichen Ausmaßen und Komplexitäten angeschwollen ist. Derlei geschieht übrigens wirklich: Bei Lemmingen, Ratten, Zikaden, Heuschrecken und diversen anderen, in Gruppen lebenden Insekten. Der Vorgang wird zu einer Art Volkswanderung, bei der letztlich nur ein Bruchteil der ursprünglichen Bevölkerung überlebt. Dies war die Inspiration für das Buch. Ich fand es interessant, dieses Gen global zu aktivieren und die Weltbevölkerung 50.000 oder 100.000 Jahre zurückentwickeln zu lassen. Freilich nur geistig und nicht körperlich. Damit sich die Spreu vom Weizen trennt, gewissermaßen. Die Idee eines genetischen Ausbruchs erschien mir bedeutend unverbrauchter als die ständigen Viren- oder Seuchenausbrüche. Besonders die Viren, Viren, Viren.

 

Fantasyguide: Du hast außerdem eine Fortsetzung zu Lovecrafts Berge des Wahnsinns verfasst, was auf den ersten Blick ein wenig seltsam anmutet, bedenkt man, das H. P. Lovecraft alles andere als direkt und schonungslos gewesen ist. Welche Vorgehensweise ist Dir lieber: Mit dem Kopf durch die Wand oder eher subtil?

 

Tim Curran: Ich mag Horror in allen Variationen. Vom rohen Hardcore-Stil eines Edward Lee zu den schleichenden Geistererzählungen eines M. R. James. Das merkt man meinem Schreibstil auch an, wie ich finde. Ich experimentiere stets mit neuen, unterschiedlichen Erzähltechniken. Manchmal möchte man einfach nur schockieren, wohingegen ein anderes Mal lediglich die Andeutung einer besonders hässlichen Szene großen Einfluss ausüben kann.

 

Fantasyguide: Zurück zu »Zerfleischt«. Hierbei handelt es sich nicht um einen weiteren, typischen Endzeitroman. Anstelle von Zombies oder Vampiren regiert einzig und allein die unbeschönigte menschliche Barberei. Denkst Du, dass die menschliche Verfassung wirklich so einfach beiseite gefegt werden kann?

 

Tim Curran: Nun, die Bestie lauert in jedem einzelnen von uns. Bei manchen mehr, bei anderen weniger ausgeprägt. Ein Überlebensszenario wie in »Zerfleischt« würde aber wohl bei jedem die hässliche Seite hervorbringen. Sie ist da. Die Zivilisation ist lediglich eine Fassade. Sogar der Gehörnte höchst selbst ist lediglich ein Symbol für unsere eigenen Teufel, die in jedem einzelnen schlummern, denke ich; dass Tabu, erneut den animalischen Trieben zu verfallen und die urzeitlichen Gelüste zu stillen.

 

Fantasyguide: Bist Du mit den Werken des britischen Horror-Autors James Herbert vertraut? In »Zerfleischt« hallt ein Echo seiner frühen Werke wieder, wie ich finde. Dunkel oder Unheil beispielsweise, wenngleich bedeutend kaltschnäuziger.

 

Tim Curran: Ja! Ich bin ein riesiger James Herbert-Fan und »Dunkel« und »Unheil« zählen, gemeinsam mit der Ratten-Trilogie zu meinen Favoriten. Herbert wird gerne und ungerechterweise von den (Horror-)Kritikern übersehen, dabei ist sein Einfluss gewaltig. Ich denke, dass er derjenige Schriftsteller war, der mich am meisten dazu angetrieben hat, ebenfalls Horrorromane zu schreiben; sogar mehr noch als Lovecraft oder King.

 

Fantasyguide: Bist Du ein Vollzeit-Autor oder gehst Du immer noch einer regulären Arbeit nach? Wie sieht ferner ein typischer Schreibtag für Tim Curran aus?

 

Tim Curran: Ich arbeite noch immer in einer Fabrik. Geschrieben wird in der Freizeit; für gewöhnlich zwischen drei und vier Stunden täglich. Dafür benötigt man Disziplin und da ich von Natur aus ein eher fauler Zeitgenosse bin, hat es auch ein paar Jährchen gebraucht, diese Eigenschaft zu perfektionieren.

 

Fantasyguide: Wir haben ja bereits Lovecraft erwähnt, der ganz klar einen gewaltigen Einfluss auf dich ausgeübt hat. Aber wie sieht es mit anderen »klassischen« Schriftstellern sowohl aus dem Horror- wie aus anderen Genres aus? Wen bewunderst Du? Und was ist mit der aktuellen, »neuen Welle« von Horror-Autoren, zum Beispiel Nate Southard oder Brian Keene?

 

Tim Curran: Ich lese so gut wie alles und jeden. Gut oder schlecht, völlig egal. Meine Bewunderung rangiert von Jack London zu Franz Kafka, von Ray Bradbury zu Charles Bukowski, von Arthur Machen zu Thomas Ligotti. Und auch unter den »neuen« Horror-Autoren habe ich einige Favoriten, etwa Brian Keene. Ein toller Autor und guter Freund.

 

Fantasyguide: Nach Beendigung von »Zerfleischt« drängt sich einem der Gedanke auf, dass Dich so gut wie gar nichts einschüchtern kann – oder? Könntest Du uns ein paar Bücher und/oder Filme benennen, die Dir eine Heidenangst eingejagt haben? Und wie steht es mit Dingen aus dem wahren Leben?

 

Tim Curran: Im Grunde hab ich vor allem Angst! Manchmal hab ich sogar Schiss vor der Dunkelheit, weil ich mir dann vorstelle, was für furchtbare Dinge darin rumkrabbeln könnten! Als Kind war ich sehr feinfühlig und überaus einfallsreich. Der heulende Wind? Für mich waren das Gespenster. Ich war davon überzeugt, dass im Wald und im See Kreaturen hausten, die einen auffressen konnten. Besonders der ächzende Dachboden überzeugte mich, dass dort etwas Derartiges lebte, so weit ich mich erinnern kann. Ferner gab es diese alte Frau, die nachts auf Pilzsuche ging. Meine älteren Geschwister behaupteten natürlich, sie wäre eine Hexe. Und wir glaubten ihnen. Eine andere ältere Dame aus der Nachbarschaft sammelte Puppen, die sie in Reih’ und Glied am Fenster drapierte. Laut meiner Schwester handelte es sich dabei um Kinder, die durch ihren Hintergarten gelaufen und in Puppen verwandelt worden waren. Als Kind ängstigte mich Der Exorzist besonders und später als Erwachsener das Blair Witch Project. Sie gaben der Angst keine Form so dass die eigene Einbildung die leeren Stellen ausfüllte. Dadurch wurde der Schrecken sehr persönlich und intim. Im wahren Leben ängstigt mich die Vorstellung, dass irgendwo dort draußen echte Wahnsinnige und Gewaltliebende auf ihr nächstes Opfer lauern. Ein sehr aufwühlender Gedanke.

 

Fantasyguide: Was können wir in nächster Zukunft von Tim Curran erwarten? Woran arbeitest Du zurzeit?

 

Tim Curran: Unlängst habe ich einen ziemlich heftigen Hardcore-Horrorroman namens Graveworm veröffentlicht. In die gleiche Schiene fährt Cannibal Corpse, der Biker mit Zombies kombiniert. Augenblicklich überarbeite ich außerdem meine beiden Hive-Romane, denen ein dritter folgen soll. Ende 2012 wird Tasmaniac eine weitere Kurzgeschichtensammlung von mir publizieren: Cemetery Wine, der Nachfolger zu meiner ersten Sammlung, Bone Marrow Stew. Im gleichen Zeitraum soll es auch einen Vampirroman geben. Mit Delirium/Dark Fuse kollaboriere ich an mehreren Novellen und Romanen.

 

Fantasyguide: Zu guter letzt – irgendwelche letzten Wörter an die deutsche Leserschaft?

 

Tim Curran: »Zerfleischt« verkauft sich zwar sehr gut in England und den USA, aber dank Frank Festas deutscher Veröffentlichung hat der Roman letztlich eine wahrhaft dankbare Leserschaft gefunden, die das Werk zu schätzen weiß. Dafür möchte ich mich bei meinen deutschen Lesern bedanken. Sie bedeuten mir sehr viel und ich bin froh, einige bereits via Facebook kennen gelernt zu haben. Ich hoffe, es werden noch sehr viele mehr und wer Fragen hat, kann sie mir gerne via tim@corpseking.com übermitteln. Eure Gedanken interessieren mich sehr. Ihr könnt mir jederzeit gerne schreiben, da ich euch alle als meine Freunde betrachte. Ich beiße auch nicht! Sehr gerne würde ich in Bälde auch mal persönlich in Deutschland vorbeischauen.

 

Fantasyguide: Vielen Dank für Deine Zeit und alles Gute für die Zukunft. Wir alle warten gespannt auf Dein nächstes Buch!

 

Tim Curran: Danke ebenfalls; es war mir ein Vergnügen!

 

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Eure Meinung:

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Oliver
Montag, 29. Oktober 2012 15:26 Uhr
Sehr nett. Nur, war Currans "deutscher Einstand" nicht "Der Leichenkönig"?

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Buch:

Zerfleischt

Original: The Devil Next Door, 2009

Autor: Tim Curran

Taschenbuch, 416 Seiten

Festa-Verlag, 25. Februar 2012

Übersetzer: Verena Hacker und Felix F. Frey

Titelbild: Ben Baldwin

 

ISBN-10: 3865521371

ISBN-13: 978-3865521378

 

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 11.04.2012, zuletzt aktualisiert: 16.10.2019 13:19