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Hobo Nation von Lucius Shepard

Rezension von Christian Endres

 

Sie springen auf Güterzüge und fahren seit Ende des amerikanischen Bürgerkriegs – bzw. die neue Generation seit der amerikanischen Wirtschaftskrise in den 1930ern – als wohnsitzlose Tramps durchs Land. Man nennt sie »Hobos«. Ganz so einfach ist es dann aber doch nicht, wie die erstmals ungekürzt abgedruckte Reportage von Lucius Shepard beweist, der einige Zeit mit den »neuen Hobos des 21. Jahrhunderts« gereist ist und sich u. a. mutig auf die Suche nach den von den Medien häufig proklamierten »Mafia-Zuständen« innerhalb der Hobo-Zusammenschlüsse gemacht hat - aber auch nach dem Spirit, der die Liebe der scheinbar ausgestoßenen Männer und Frauen zu den Stählernen Schienengiganten und den einsamen Orten erklärt, die sie auf ihren Reisen manchmal sehen ...

 

Romantik zwischen Güterzügen und verschworenen Geheimgesellschaften auf dem Gleisnetz der Vereinigten Staaten? Keine uninteressante Vorstellung. »Hobosein« heißt jedoch auch, einem ganz bestimmten Freiheitsdrang nachzugeben und zugleich anfällig zu sein für den Ausstieg aus der Gesellschaft, obwohl es inzwischen immer mehr »Hobby-Hobos« gibt, für die das Aufspringen auf Güterzüge ein abenteuerlicher Wochenendkick ist. Doch da ist noch mehr, wie Shepards Reportage beweist. Die Gefahr etwa, sich in Alkohol und gepanschtem Speed zu verlieren. Gewalt. Paranoia. Probleme mit der Polizei und den Güterzugfirmen. Und natürlich auch eine ganz eigene Sehnsucht, wenn man nachts in einem offenen Güterwaggon an einem See vorbei rollt, in dem sich der Sternenhimmel spiegelt und die Grenze zwischen Himmel und Erde, zwischen Firmament und Spiegelung, verschwimmt. Wer, wenn nicht Lucius Shepard und sein Hang zu stark surrealen und bewusstseinserweiterten SF- und Horror-Geschichten, wäre besser geeignet oder empfänglich, dieser Stimmung zu folgen und sie in einer knackigen Reportage über das moderne Hobotum einzufangen?

 

Danach gibt es im zweiten kleinen, aber wohlfeinen Hardcover des kuk-Imprints bei der Edition Phantasia noch zwei kürzere Erzählungen von Shepard, wo der Ausnahmeschriftsteller endgültig die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verwischen lässt und um das Thema Hobos zwei seiner stilistisch gewohnt brillanten Kurzgeschichten zum Besten gibt.

 

»Daneben« etwa ist eine großartige, atmosphärisch-surreale Hobo- Novelle mit wunderschönen Metaphern und einer ganz eigenen Stimmung, die fast ein wenig an Farmers Flusswelt erinnert - das Herz des Bandes, das aber nur in Verbindung mit der Reportage davor richtig zum schlagen kommt. Großartig. »Die Ausreißerin« sackt dagegen etwas ab, schließt aber den Kreis zur Reportage zu Beginn des Bandes, da keinerlei fantastische/surreale Elemente enthalten sind - was zwar nicht unbedingt der Kurzgeschichte, dafür aber doch dem Gesamtbild des Buches gut tut.

 

Die Texte von Lucius Shepard sind pures Gold. Egal ob düstere Horror-Novelle mit Hobo-Stimmung oder fetzige Reportage über die modernen Güterzugtramps - stets warten wahre Schatzkammern des geschriebenen Wortes auf Shepards Leser, der sich hier einer ungewöhnlichen, relativ unbekannten Thematik angenommen hat.

 

Ein außergewöhnliches Kleinod für Shepard-Fans - und eine überraschende, atmosphärische und abwechslungsreiche Lektüre für alle anderen.

 

 

 

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Eure Meinung:

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Hobo Nation

Autor: Lucius Shepard

Hardcover, 207 Seiten

kuk, Juni 2008

ISBN: 3937897291

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 10.06.2008, zuletzt aktualisiert: 22.07.2018 21:44