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Fantomas gegen die multinationalen Vampire herausgegeben von Ralph Doege

Und andere Erzählungen aus und über Lateinamerika

Reihe: Perspektivenwechsel Bd. 1

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Fantomas gegen die multinationalen Vampire ist der erste Titel der Reihe Perspektivenwechsel, die sich Texten jenseits des kommerziellen Mainstreams widmet. Der Einstieg liefert zehn Texte mit dem Kernthema "Lateinamerika". Dabei handelt es sich um Kurzgeschichten, Auszügen aus Romanen und Essays, die zwischen fünf und sechsundsiebzig Seiten lang und zwischen 1968 und 2007 entstanden sind. Zudem gibt es eine kleine Einleitung zum jeweiligen Autor und dessen Werk. Doch nun zu den Texten im Einzelnen:

 

Gabriel García Márquez; Der Argentinier, der es fertigbrachte, dass alle ihn liebten (5 S.): García Márquez würdigt mit zwei Anekdoten über Begegnungen seiner selbst mit Julio Cortázar diesen großartigen argentinischen Schriftsteller.

Julio Cortázar; Fantomas gegen die multinationalen Vampire (60 S.): Der Erzähler hatte einige anstrengende Tage in den Sitzungen des zweiten Russell-Tribunals verbracht und drückt sich jetzt vor der Heimfahrt, weil es zu Hause noch anstrengender werden wird. So kommt es, dass er beinahe seinen Zug verpasst und auf die Schnelle nur einen Stapel mexikanischer Comics an einem Brüsseler Bahnhofskiosk als Reiselektüre erstehen kann. Im Zug stellt er fest, dass die Comics von einer infamen Verschwörung gegen die Bildung berichten: "Die Intelligenz in Flammen". Auch Julio Cortázar – also der Erzähler selbst – und Susan Sontag werden bedroht. Es scheint, als könne nur Fantomas helfen – doch in Wirklichkeit ist alles viel schlimmer.

Die titelgebende Geschichte ist nicht nur die längste, es ist wohl auch die beste. Dem Plot nach ist es ein Polit-Thriller, aber die üblichen Spannungsquellen kommen kaum zur Anwendung, so sehr neigt er zur Persiflage. Cortázar hat einen Vorzeigetext der Postmoderne geschaffen: Neben normalem Text gibt es Comicbilder, Infografiken und anderes Bildmaterial, er verwischt die Grenzen von Realität und Fiktionalität und verwendet noch weitere postmoderne Stilmittel. Die Geschichte erinnert an J. G. Ballards The Atrocitiy Exhibition – sie ist allerdings wesentlich flüssiger zu lesen und zugleich viel komischer und viel bitterer. Dazu gibt es noch einen zwölfseitigen Anhang, der in Grundzügen erklärt, worum es in dem zweiten Russell-Tribunal im Jahre 1975 ging – nämliche um die Verstöße gegen die Menschenrechte in Lateinamerika und den finanziellen Nutzen, den multinationale Konzerne daraus zogen – und ein vierseitiges Nachwort von Claudia Weber.

Alban Nikolai Herbst; Lena Ponce (11 S.): Ein Handelsreisender ist der seltsamen Argentinierin Lena völlig verfallen – und sie verlangt von ihm, dass er ihren Ehemann tötet. In dieser Geschichte dreht sich alles um Entfremdung bzw. Befremdung: In der Fremde verlangt eine Fremde Befremdliches.

Roberto Bolaño; Labyrinth (22 S.): Ein Foto, vermutlich von 1977. Darauf ein runder Tisch, an dem halbkreisförmig acht Personen sitzen und in die Kamera schauen. Ausgehend von dieser fotografierten Situation entwickelt Bolaño regressiv – mal folgernd, mal spekulierend – ein vielschichtiges Beziehungsgeflecht.

Guadalupe Santa Cruz; Plasma (16 S.): Der Detektiv Bruno und die vermeintliche Drogendealerin Rita geraten philosophierend mit der Polizei aneinander. Dieser sprachspielerische Auszug aus dem Roman Plasma wandelt verhalten auf den Spuren von William S. Burroughs' Junkie.

Guillermo Cabrera Infante; Der Bittsteller (11 S.): Ein junger Kubaner, der es in seinem Heimatdorf nicht mehr aushielt, wendet sich als Bittsteller an eine lokale Berühmtheit und alten Bekannten seiner Mutter – man beginnt, unbeholfen zu plaudern. Eigentlich ist es ein Auszug aus dem Roman Drei traurige Tiger, doch es funktioniert ganz hervorragend als situative Kurzgeschichte mit einem bitteren, klassisch überraschenden Ende.

Matthias Politycki; Das letzte Lächeln des Herrn Broder Broschkus (10 S.): Broder Broschkus, ein aufgrund von Fehlspekulationen geschasster Hamburger Bankier, hat beschlossen, nach Kuba auszuwandern, und schlendert nun ein letztes Mal um die Alster. Eine ins Klischee neigende Abrechnung mit dem hohlen Wohlstandsleben.

Juan Villoro; Die ewige Rückkehr zur bärtigen Frau (15 S.): Dies ist ein amüsantes, selbstironisches Essay über die Hass-Liebe der Mexikaner zur Megastadt Mexico City. Villoro vergleicht die Beziehung zur Stadt mit der zu einer geliebten Frau mit Bart – wenn man sie küsst, stößt sie einen ab, aber schon nach kurzer Zeit will man sie wieder küssen.

Keto von Waberer; Das Katzenhaus (20 S.): Ins Haus nebenan, das Katzenhaus, zieht eine ungewöhnliche Frau ein. Obwohl die meisten der konservativen Nachbarinnen mit der liberalen Dora nicht klarkommen, beginnt die Erzählerin Ellen eine zaghafte Freundschaft. Diese Kurzgeschichte nimmt die Welt des schwachen Geschlechts in Mexiko ins Visier, die beinahe ebenso hartherzig sein kann wie ein beliebiges Verbrechermilieu.

Santiago Roncagliolo; Der Fahrgast neben mir (6 S.): Die junge Frau mag es nicht, angeschaut zu werden. Sie befürchtet, dass man es sofort sieht – schließlich wurde ihr in die Brust geschossen. Wer sich ein bisschen mit Gespenstergeschichten auskennt, wird das Thema nicht überraschen; nichtsdestoweniger ist es eine sehr gelungene Variante – modern und mexikanisch.

 

Fazit:

Die Textsammlung Fantomas gegen die multinationalen Vampire spannt einen sehr weiten Bogen – es gibt Kurzgeschichten, Romanauszüge, Essay usw. Diese Varianz findet sich im Formalen wie im Inhaltlichen wieder: Cortázars Text ist postmodern, Bolaños äußerst situativ, von Waberers dagegen eher unauffällig; Roncagliolo bietet eine Gespenstergeschichte, Politycki einen kleinen Teil einer naturalistisch anmutenden Entwicklungsgeschichte. Diese Vielfalt ist wohl der einzige einheitliche Wesenszug der Sammlung. Entsprechend werden die verschiedenen Texte auch unterschiedlich auf Leser wirken. Wenn der geneigte Leser jedoch an Lateinamerika und Literatur als Kunstform interessiert ist, dann wird er mindestens mit Cortázars Geschichte, die hier übrigens zum ersten Mal in deutscher Sprache erscheint, sehr lohnenswerte Lektüre erhalten.

 

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Textsammlung:

Titel: Fantomas gegen die multinationalen Vampire

Untertitel: und andere Erzählungen aus und über Lateinamerika

Reihe: Perspektivenwechsel Bd. 1

Original: -

Herausgeber: Ralph Doege u. a.

Autoren: Julio Cortázar, Roberto Bolaño, Santiago Roncaglielo u. a.

Übersetzer: Christiane Barnaházi, Elisabeth Schöberl u. a.

Verlag: Septime (Februar 2009)

Seiten: 226 Broschiert

Titelbild: Xavier Teixidó

ISBN-13: 978-3-902711-00-7

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 27.02.2010, zuletzt aktualisiert: 21.12.2019 14:31