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Der Zauber von Fleisch und Geist von Storm Constantine

Reihe: Die Wraeththu-Chroniken

Rezension von Christel Scheja

 

Die Wraeththu-Trilogie erschien schon einmal Ende der 80-ger Jahre. Damals war sie mit all den Schwächen und Fehlern eines Erstlings behaftet, was die deutsche Übersetzung leider noch etwas verstärkte. So gingen die damals in der SF-Reihe des Heyne-Verlages veröffentlichten Bücher mehr oder weniger unter. Nur wenige ließen sich von dem exotischen Zauber der Geschichte einfangen. Die Saga wurde zu einem Geheimtipp unter den Lesern, die anderen als heterosexuellen Beziehungen und androgynen Helden nicht abgeneigt waren.

Ihnen ist es vielleicht zu verdanken, dass sich die Autorin zu Anfang des Jahrtausends dazu überreden ließ, ihre Trilogie noch einmal zu veröffentlichen. Da sie sich selbst stark weiter entwickelt hatte, nutzte sie die Gelegenheit Schwächen und Fehler auszumerzen, Lücken zu füllen und die Erzählung plausibler und glaubwürdiger zu machen.

 

Die Gesellschaft, wie wir sie kennen ist zerfallen. Aus einem noch nicht näher erwähnten Grund sind viele Menschen umgekommen, die Städte sind verödet, und die Natur hat sich viele Bereiche zurück erobert. Technik gibt es nur noch im begrenzten Maße, das Informationsnetz und eine zentrale Regierung sind verschwunden. Die Überlebenden verlassen kaum noch ihre Güter oder Städte, der Überlebenskampf fordert ihre ganze Aufmerksamkeit.

Pellaz´ Vater ist ein Verwalter und so verlebt der Junge eine relativ behütete Kindheit auf einer Farm. Was in der Welt geschieht erfährt die Familie nur von Reisenden, die auf dem Gut eine Rast oder mehrtägige Pause machen. Deshalb sind die Wraeththu nicht mehr als schattenhafte Gestalten wie Vampire und Werwölfe. Man sagt ihnen nach, dass sie wilde Außenseiter sind und Menschen skrupellos töten. Manchmal entführen sie auch männliche Jugendliche – warum, dass weiß keiner zu sagen.

Pellaz bekommt zu spüren, was ein Wraeththu ist, als der geheimnisvolle Cal die Farm besucht. Von Anfang an weiß der Junge, was der Fremde ist, aber er kann sich dessen Zauber nicht entziehen. Ohne es wirklich zu wollen, verlässt er seine Familie und begleitet Cal in eine ungewisse Zukunft.

Der Junge wird in einer geheimnisvollen Zeremonie zu einem Har gemacht, einem zweigeschlechtlichen Wesen, das körperlich und geistig den Menschen überlegen ist. Er lernt die Geheimnisse der Wraeththu kennen, und lernt in einer intimen Ausbildung seine neu erwachenden Kräfte zu kontrollieren. Cal ist von Anfang an mehr als nur ein Mentor, sondern auch Seelenbruder und Geliebter.

Doch dann kommt der Augenblick, in dem Pellaz erfahren muss, dass auch die Wraeththu in all ihrer Perfektion Schwächen und dunkle Seiten in ihrem strahlenden Wesen haben...

 

Dank der Überarbeitung und Neuübersetzung hat der Roman deutlich dazu gewonnen. Er führt wesentlich glaubwürdiger in die Welt der Wraththu ein und erstickt die wesentlichen Informationen nicht unter einem Wust schwülstiger Beschreibungen. Der eher nüchterne und klare Stil gibt dem Roman eine Dynamik wie er sie früher nicht hatte.

So macht es wesentlich mehr Spaß, sich mit der exotischen Gesellschaft der Wraeththu zu beschäftigen, die keine zwei Geschlechter kennt. Zusammen mit Pellaz verlässt der Leser die heterosexuellen Moralvorstellungen und öffnet sich den neuen – universell scheinenden der Wraeththu. Doch irgendwann wird deutlich, dass die Hara nicht unbedingt alle menschlichen Eigenarten abgelegt haben. Und da dies der erste Roman der Trilogie ist, werden hier zwar die Weichen für kommende Konflikte gestellt, aber noch nichts davon ausgeführt

Storm Constantines Vision kommt der seit einigen Jahren unter Mädchen und Frauen so beliebten gewordenen Faszination für androgyne und/oder homosexuelle Charaktere entgegen und dürfte die meisten Leserinnen durch die Konzentration auf die Gefühlswelt der Helden sehr entgegen kommen. Das Buch ist nicht nur ein phantastischer Entwicklungs- sondern auch ein waschechter Liebesroman, wenn auch unter anderen Vorzeichen. Nur wenn man als männlicher Leser solchen Dingen gegenüber aufgeschlossen genug ist, wird man die Erzählung unterhaltsam finden.

 

„Der Zauber von Fleisch und Geist“ ist ein fremdartiges und faszinierendes Experiment zwischen Science Fiction, Fantasy und Liebesroman, der die Grenzen des Normalen durchbricht und sich vor allem an Leserinnen und Leser richtet, die ihre Faszination für besondere Beziehungen und androgyne Gestalten nicht verhehlen können.

 

Eure Meinung:

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Anzeige: 1 - 1 von 1.

Seraphina
Sonntag, 13. Mai 2007 19:11 Uhr
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Die Wraeththu - sinnlich, magisch & mystisch!!!
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Ich habe den ersten Band "Der Zauber von Fleisch und Geist" regelrecht verschlungen und kann es kaum erwarten bis der Zauberfeder-Verlag die beiden nächsten Bände der Wraeththu-Chroniken ( "Im Bann von Liebe und Haß", "Die Erfüllung von Schicksal und Begehren" ) veröffentlicht.
Diese Trilogie ist beim Heyne-Verlag inzwischen leider vergriffen!
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Der Band ist besonders empfehlenswert für Freunde aussergewöhnlicher ( plus erotischer ) Fantasy & Science Fiction - Hybriden für Erwachsene bzw. ältere Jugendliche!
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PS:
Inzwischen ist auf englisch eine zweite Trilogie erschienen, unter dem Titel "The Wraeththu-Histories". Hoffentlich findet auch sie bald ihren Weg nach Deutschland!
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Der Zauber von Fleisch und Geist

Reihe: Die Wraeththu-Chroniken Bd. 1

Autorin: Storm Constantine

Klappbroschur mit eingeklebter farbiger Karte, 436 Seiten

Zauberfeder, Braunschweig, erschienen Oktober 2006

ISBN 3-938922-01-X

Übersetzung aus dem Amerikanischen von Marion Müller

Titelfoto von Marja Kettler

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 16.11.2006, zuletzt aktualisiert: 24.05.2020 23:15