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Der Schattenlehrling von Boris Koch

Reihe: Shadowrun

Rezension von Olaf Kieser

 

Wir schreiben die zweite Hälfte des 21. Jahrhunderts. Der dreizehnjährige Boris wächst behütet als Sohn eines Konzernangestellten auf und träumt – inspiriert von Trideo und Matrixspielen – von einem abenteuerlichen Leben in den Schatten. Während eines Kurzurlaubs in München brennt er schließlich durch, um sich seinen Traum zu erfüllen: Er will Runner werden! Mit Credsticks, die er seinem Vater entwendet hat, bezahlt er die Runner Theseus, Cinque und Key, damit sie ihn ausbilden. Durch sie lernt er die Halb- und Schattenwelt Münchens kennen, lernt Schießen und fiebert seinem ersten Job entgegen. Doch längst hat sich das Team eines skrupellosen Zwergs an seine Fersen geheftet – denn unter den von Boris mitgenommenen Credsticks befindet sich einer, der viel mehr beinhaltet als Geld. Und sein einflussreicher Besitzer will den Stick unter allen Umständen zurückhaben. Bald dämmert es Boris, dass die realen Schatten viel dunkler sind als die aus dem Trideo...

 

Bei „Der Schattenlehrling“ handelt es sich um den ersten Roman für die Shadowrun-Reihe des deutschen Autors Boris Koch. Koch, Jahrgang 1973, lebt als freier Autor in Berlin. Für seinen Jugendkrimi „Feuer im Blut“ wurde er 2008 mit dem Hansjörg-Martin-Preis ausgezeichnet, und mit seiner Fantasy-Parodie „Die Anderen“ hat er viele Leserinnen und Leser begeistert. Zuletzt ist der Roman „Der Drachenflüsterer“ erschienen.“

 

Was ist von einem Shadowrun-Roman zu halten, in dem ein Teenager die Hauptrolle zu spielt? Kann das gelingen? Und dann hat die Hauptfigur auch noch den Vornamen des Autors! Verwirklicht sich da jemand als Romanfigur? Das weckt Erinnerungen an Eragon, bei dem man dem Autor unterstellen kann, dass er sich als Helden literarisch verewigt und seine Allmachtsphantasien in literarische Formen gegossen hat. Ist erfolgreich, muss man aber nicht mögen.

 

Beim Lesen zerstreuen sich jedoch schnell kritischen Gedanken dieser Art, da sie unbegründet sind. Koch hat tatsächlich so etwas wie einen Adoleszenzroman in der Shadowrun-Welt geschrieben. Nun lässt diese Einstufung, die ein klein wenig gewagt ist an bedeutungsschwangeren Stoff denken. Doch Koch hat einen spannenden und witzigen Roman geschrieben, der solche Elemente beinhaltet. Manchmal hat man gar das Gefühl, eine Komödie zu lesen. Boris ist der verwöhnte Sohn eines Konzernangestellten. Seine Welt besteht aus Ablehnung des Lebens der Eltern und der imaginären Welt von Trideo-Actionserien über seinen Lieblingshelden Viper. Dieser Viper ist ein Shadowrunner, der die aufregendsten Jobs hat, immer auf umwerfende Frauen trifft und das Richtig tut. Viper ist die Verkörperung all dessen, was Boris sein will und erleben möchte. Dass es sich um ein kommerzielles Fantasieprodukt handelt, stört den Jungen nicht. Er erkennt dies zwar, doch muss da ja auch ein größeres Körnchen Wahrheit dran sein. Hier gelingt Koch eine schöne Pointe, da er dem Leser bzw. Shadowrun-Rollenspieler den Spiegel vorhält. Man konstruiert seine Vorstellungen von den Schatten nun mal aus den populären Medien. Man weiß nicht wirklich, wie beispielsweise Black Ops und verdeckte Einsätze ablaufen, da man so etwas ja nie gemacht hat. Aber man sieht es in Filmen. Und da sieht das alles cool aus und man spielt es nach. Das erklärt auch, warum so viele Runner mit Ledermäntel durch die Gegend rennen. Das ist nicht praktisch, sieht aber cool aus. Der Leser ahnt, dass die Traumwelt von Boris mit der Realität kollidieren und einer Korrektur unterzogen werden wird. Boris wird sich verändern. Wenn man so will ist das zentrale Motiv des Romans die Konfrontation der Fiktion mit der Wirklichkeit. Koch erzählt davon nie belehrend sondern auf unterhaltsame Art und Weise.

 

Eine Stärke des Romans ist das Runner-Team, das Boris in die Lehre nehmen soll. Ein

Runner-Team als „Ausbildungsbetrieb“, eine köstliche Idee. Theseus, Cinque und Key sind alles andere als ein erfolgreiches Team. Sie schlagen sich so gerade durch und müssen schon mal in skurrilen Kostümen auf Critterjagd gehen. Koch legt diese drei Figuren jedoch nicht als Parodien an und gibt sie nicht der Lächerlichkeit preis. Sie alle haben verschiedene Motive und Interessen, die man edler und mal profaner sind. Die Beschreibung des Alltagslebens und der Freizeitbeschäftigungen der Runner verleiht den Figuren zu einem gewissen Grad Tiefe und Glaubwürdigkeit. Da werden bei abendlichen Kneipentouren Erlebnisse und Geschichten von früheren Runs erzählt. Insgesamt stellt dieses Team eines der ungewöhnlicheren, weil glaubwürdigsten der Shadowrun-Romanreihe dar. Neben den eher ruhigen Abschnitten gibt es aber auch Action und die typischen finsteren Machenschaften von mächtigen Personen im Hintergrund. Die Action-Szenen sind stimmig in das Geschehen eingefügt und dienen nicht nur als obligatorische Unterbrechung der Handlung. Kommt es in diesem Roman zu Kämpfen, dann sind sie aus der Handlung heraus motiviert. Gewalt wird hier nicht als bloßes voyeuristisches Stilmittel verwendet. Koch beschreibt Gewalt als das, was sie ist. Sie ist mit Schmerzen und Blut und nicht selten mit Tod verbunden. Mit dem Monstroseum ist Koch ein interessanter Schauplatz eingefallen. Es handelt sich um die moderne Entsprechung einer antiken Gladiatorenarena. Dort werden dem Publikum mehr oder weniger blutige, aber immer besondere Spektakel geboten.

 

Zusammenfassend kann man feststellen, dass Boris Koch einen guten Shadowrun-Roman geschrieben hat. Der Weg des Teenagers Boris aus der behüteten Konzernwelt hinab in die Niederungen des Runner-Lebens ist unterhaltsam beschrieben. Interessante Figuren und Schauplätze runden das Ganze ab. Die Geschichte ist so glaubwürdig gehalten, wie es eben in diesem Genre geht, und verzichtet auf unnötige Übertreibungen. Auch Leser und Leserinnen, denen Shadowrun bisher fremd war, finden sich schnell und einfach in diese merkwürdige Welt ein. Wer als auf der Suche nach einer unterhaltsamen Lektüre ist, macht mit „Der Schattenlehrling“ alles richtig.

 

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Der Schattenlehrling

Reihe: Shadowrun

Autor: Boris Koch

Broschiert: 297 Seiten

Verlag: Heyne (3. November 2008)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3453524934

ISBN-13: 978-3453524934

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:

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Erstellt: 13.01.2009, zuletzt aktualisiert: 16.11.2018 11:09