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Der Basilikumdrache herausgegeben von Bartholomäus Figatowski

Phantastische Geschichten aus dem Ruhrgebiet

 

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Aus einem längst dicht gemachten Malakow-Turm tritt ein sonderbarer Kumpel heraus, der geradewegs aus dem 19. Jahrhundert teleportiert sein könnte. Die Glückssträhne zweier Möchtegernganoven wird jäh beendet, als sie zu viele ihrer Giftfässer in den Rhein-Herne-Kanal kippen. In den Schächten der Zeche Mont Cenis sind Schweißbrenner und Märchenkenntnisse unabdingbar. Die Safari in einem gigantischen Schaufelradbagger durch das, was einst das »Ruhrgebiet« genannt wurde, beweist, dass der Bergbau immer eine Zukunft hat… In dieser Anthologie wird in elf ganz unterschiedlichen Geschichten die phantastische Seite des Ruhrgebiets aufgeschlagen.

 

Rezension:

Themenbezogene Anthologien haben ihren eigenen Reiz. Wenn sie zusätzlich noch eine bestimmte Gegend als Schauplatz festlegen, könnte schnell ein Einengung stattfinden, die sich einer breiten Leserschaft verschließt.

 

Der Basilikumdrache wendet sich an Liebhaber der Phantastik im Allgemeinen. So gibt es vom schaurigen Märchen über bitterbösen Horror bis hin zur Zukunftsvision eine bunte Mischung der gängigsten Phantastik-Spielarten. Der Pott und seine Leute spielen dabei aber stets eine ganz besondere Rolle.

 

Die Titelstory von Regina Schleheck erweist sich als muntere und charmante Einstimmung. Erzählt wird die Geschichte einer ganz besonderen Brücke in Herne. Der Ich-Erzähler gibt dem seltsam aussehenden Bauwerk eine Entstehungslegende, die genau den richtigen Ton zwischen Augenzwinkern und Action findet. Seemannsgarn für Bergleute.

 

Susanne Haberland wirbelt in ihrer Geistergeschichte Am Baldeneysee das Leben zweier Yuppies gehörig durcheinander. Die Ruhrpott-Variante des Gespenstes von Canterville verspottet dabei nicht nur die reiche und feine Gesellschaft, sie inszeniert auch ein klein wenig den Konflikt zwischen traditionell ehrlichen Ureinwohnern und neu hinzugezogenem Geldadel, dem die Geschichte von Land und Leute egal sind.

 

Kurz und knackig ist Jörg Weigands Nadeltanz. Die Geschichte um eine Geheimorganisation, Voodoo und einer SEK zündet leider nicht so recht, ihr fehlt etwas Substanz.

 

Wieder mehr in Richtung Schauermär geht Renate Schmidt-V in Tot oder lebendig im Gut Rocholz. Paul triftt am Ende einer Sauftour auf einen Geist aus der Vergangenheit. Der blutige Zombie bringt Paul dazu, über Napoleon und die französische Besatzung nachzudenken. Geschickt wird hier Geschichte in ein phantastisches Kleid gesteckt und lebendig gemacht, ohne den Horror darin aus den Augen zu verlieren.

 

In die gefährliche Welt des Alltags zieht uns anschließend Jutta Kieber mit ihrer bitteren Eifersuchtsgeschichte Das Knöllchen. Das Böse lauert überall, erst recht in Bottrop.

 

Ähnlich finster, aber deutlicher geht Karla Weigand in ihrem Öko-Horror Am Kanal zu Werke. Der Mensch als Vernichter und Zerstörer seiner Umwelt wird mit den Konsequenzen seines Handelns konfrontiert. Zum Ende hin etwas moralinsauer, aber die Facette dieser Geschichte rundet das breite Spektrum der Anthologie mit ab.

 

Ebenso wie das sehr lyrische Märchen Ruf aus dem Nebel von Bettina Forbrich. Erneut wird ein Gebäude, der Adlerturm in Dortmund, zum Ausgangspunkt einer sehr subjektiven Verbindung, wie schon in der Titelgeschichte um den Basilikumdrachen.

 

Solcherart eingestimmt, wird Marika Bergmanns Union ›U‹ noch eindringlicher. Nicht ohne Grund lässt der Herausgeber diese beiden Frauenfiguren einander folgen. Inbesitznahme und Auflösung weiblicher Welten in einer technikdominierten Welt bilden die Grundlage des in seiner Form aus der Sammlung herausragenden Textes. Die Autorin schlägt mit Worten wie Hammerschläge auf das immer beklemmender pochende Leserherz ein. Man windet sich vor dem Unvermeidlichen. Das man nebenbei einen kalten, fast lebensfeindlichen Ruhrpott serviert bekommt, erhöht die klaustrophobische Spannung noch.

 

Auch in Benjamin Nemeths Der Kepkow-Apparat gerät eine Frau in das Getriebe der Technik. Die Verbindung von Steampunk mit Horrorelementen ist zwar wesentlich konservativer erzählt, versucht aber ebenfalls in die Psychologie seiner Figur einzusteigen. Das Setting verträgt auf jeden Fall weitere Geschichten.

 

Ein weiterer Turm bildet das zentrale Moment in Rainer Schorms Teufe. Kolinowski trifft am Malakow-Turm auf einen Untergangspropheten. Zwischen Alltagsgeschichten aus dem Pott, politischen Seitenhieben und dem Ausloten einer Männerfreundschaft entwickelt sich eine klassische Postapokalypse.

 

Die Welt nach der Apokalypse schildert Achim Hiltrop in Glück auf!. Dabei denkt er konsequent und pointiert den Weg zu Ende, den der Bergbau im Ruhrgebiet nehmen wird, nicht ohne noch eine kleine Verschwörungstheorie in die Welt zu setzen, sogar ganz ohne Siths im Hintergrund.

 

Herausgeber Bartholomäus Figatowski berichtet im Vorwort, dass er aus über 50 Einsendungen für sein Projekt aussuchen konnte und tatsächlich ist ihm eine äußerst abwechslungsreiche Auswahl phantastischer Texte gelungen ohne einen wirklichen Totalausfall. So kann man den Basilikumdrachen jedem empfehlen, der Kurzgeschichten mag, egal, ob man mit dem Ruhrgebiet etwas am Hut hat oder nicht. Hinterher jedenfalls kennt man ein paar Sachen mehr als die Einheimischen.

 

Erwähnt werden soll noch die Unterstützung des Buches durch die »Historische Gesellschaft Bottrop«. Das Engagement für Literatur abseits des Massenmarktes ist so selten wie lobenswert!

 

Fazit:

Alles in einem Pott – die Welt der Phantastik ebenso wie Liebe, Geschichte und Politik. Ein kurzweiliges Lesevergnügen über das größte unheimliche Gebiet Deutschlands, dem Ruhrgebiet. Machen Sie doch mal Urlaub im Reich der Zombies, Monster und Basilikumdrachen, Sie werden es nicht bereuen.

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Eure Meinung:

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Buch:

Der Basilikumdrache

Herausgeber: Bartholomäus Figatowski

gebunden, 110 Seiten

Verlag Nicole Schmenk, 6. Dezember 2011

Cover: Michael Hüter

 

ISBN-10: 3943022064

ISBN-13: 978-3943022063

 

Erhältlich bei Amazon

Inhalt:

  • Regina Schleheck: Der Basilikumdrache
  • Susanne Haberland: Am Baldeneysee
  • Jörg Weigand: Nadeltanz
  • Renate Schmidt-V.: Tot oder lebendig im Gut Rocholz
  • Jutta Kieber: Das Knöllchen
  • Karla Weigand: Am Kanal
  • Bettina Forbrich: Ruf aus dem Nebel
  • Marika Bergmann: Union ›U‹
  • Benjamin Nemeth: Der Kepkow-Apparat
  • Rainer Schorm: Teufe
  • Achim Hiltrop: Glück auf!

weitere Infos:


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Erstellt: 29.02.2012, zuletzt aktualisiert: 30.09.2019 08:42