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Bloß weg hier! von Frank Böhmert

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Berlin (West), Herbst 1973. Betreten des Rasens verboten. Fußballspielen verboten. Kinderspielen in der Durchfahrt nicht gestattet. "Dir werde ich die Hammelbeine langziehen!" - "Der braucht nur mal eine tüchtige Abreibung!" Langhaarige empfehlen: Verbieten verboten.

Im Grunewald stößt der elfjährige Ausreißer Olli auf den gleichaltrigen Bernd, der sich während eines Klassenausflugs verlaufen hat. Olli wittert die Gelegenheit zu einer Heldentat und beschließt, den "Brillenbubi" auf eigene Faust nach Hause zu bringen.

Nach Kreuzberg. Ausgerechnet. Wo die ganzen Asozialen wohnen! Ein Großstadtabenteuer nimmt seinen Lauf ...

 

Rezension:

Endlich startet das große Projekt des Berliner Schriftstellers Frank Böhmert die 6-7-8-9-Dekalogie. Mit dieser losen Romanreihe soll der Zeitgeist verschiedener Jahre aus dem Leben des Autors eingefangen werden, die für ihn eine besondere Bedeutung haben.

Der erste Roman entführt uns in das Westberlin des Jahres 1973. Ein nicht ganz normaler Tag im Leben zweier Großstadtbengel, ihr erster gemeinsamer Tag. Zwei Elfjährige im Trubel ihrer Kindheit, der Stadt und irgendwie auch des ganzen Universums.

Wer Frank Böhmert kennt, der weiß, wie wichtig ihm der »Sound« einer Geschichte ist. Das ist natürlich auch die Musik, die Bands der Zeit und das wofür sie damals standen, aber in erster Linie meint er damit, die Sprache, wie sie klang, verwendet wurde und wie sie sich anfühlte. Bloß weg hier! rekapituliert daher nicht nur den Slang der 70er in Berlin (dass es der Westteil der Stadt ist, sei jetzt zum letzten Mal erwähnt), er findet auch in den Tonfall der Elfjährigen zurück, entdeckt von Großschnautze zu Streber, aber auch Kind und Angsthase die alten Redewendungen und Zungen wieder. Wie ein Spracharchäologe hangelt er sich dabei an Dingen vorwärts, von der Tubifex-Fischfutterdose über den Anrufbeantworter und BVG-Kontrolleuren.

Olli und Bernd reisen nicht einfach nur mit Fahrrad und U-Bahn durch die Stadt, erkunden eine alte Firmenruine und reden über Comics. Vielmehr sind sie selbst die Zeitmaschine, mit der der Leser in das Jahr 1973 eintaucht. Irgendwie finden wir uns selbst auf den autofreien Avus wieder - Frank Böhmert liefert die Bilder dazu so lebensecht, dass man schwören könnte, selbst dagewesen zu sein.

Tatsächlich ist es der Sound, der dies mit uns anstellt. Und obwohl wir im Wesentlichen nur einen Nachmittag mit den beiden Jungs zusammen verbringen, meinen wir nach den 138 Seiten ihr ganzes Leben zu kennen. Und da spielt sich eine ganze Menge ab.

Böhmert schafft es, so ganz nebenbei, an diesem Nachmittag wichtige Dinge geschehen zu lassen. Der saucoole Olli, der Ich-Erzähler und irgendwie Alter Ego des Autors, findet nicht nur ein Freund, sondern er lernt auch auf eine recht harte Tour, was sich hinter seinen Taten verbirgt. Warum er cool sein muss und worin der Unterschied zwischen Streich und Rache besteht.

Aber das reicht dem Autor noch nicht, er krümelt noch weit mehr in die Abenteuergeschichte. Mit den Eltern, ihrem Umfeld und dem nur ganz kurzen Blick in die Wohnungen umreißt Böhmert ganze soziale Schichten. Kein barockes Gemälde erzählt von der Zeit, sondern tatsächlich der Geschmack, der Sound.

 

Frank Böhmert hat sich schon längst von allen Vergleichen weggeschrieben, wenn er seine Dekalogie irgendwann einmal abschließen sollte, wird man ihn als Chronisten bezeichnen, als Wortkomponisten mit einer eigenen, irgendwie kauzigen Stimmlage und wie schon in seinen Kurzgeschichten, wird kaum ein Band dem anderen ähneln.

Es wäre großartig, wenn der Golkonda-Verlag die Reihe weiter führt, denn die Ausgabe ist auch ein Augenschmaus. So erinnert das Covermuster nicht nur an die typischen Tapeten jener Zeit, das Foto stammt zudem aus dem Fundus des Autors samt Fellweste - auch die liebevolle Gestaltung im Innern lassen auf eine Fortsetzung hoffen.

 

Fazit:

Frank Böhmert zaubert den Leser mit einer einzigen gezupften Basssaite in das Jahr 1973. Schwing dich auf dein Bonanza-Rad, spuck große Sprüche und erinnere dich daran, wie es war, als Comics und geheimnisvolle Ruinen wichtiger waren als Schule oder Mädels.

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Eure Meinung:

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Buch:

Bloß weg hier!

Autor: Frank Böhmert

Taschenbuch: 138 Seiten

Golkonda, Juni 2011

Cover: benswerk

 

ISBN-10: 3942396106

ISBN-13: 978-3942396103

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B00578YAWY

 

Erhältlich bei: Amazon Kindle-Edition

Weitere Infos:


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Erstellt: 05.07.2011, zuletzt aktualisiert: 14.01.2019 16:11