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Interview mit Mirko Thiessen - Autor von "Der Bund der Raben"

Mirko Thiessen

Redakteur: Ralf Steinberg

 

Der 1970 in Lübeck geborene und in Hamburg lebende Autor Mirko Thiessen gelang mit seinem Erstlingswerk "Die Rückkehr des Wolfes" ein fesselnden Fantasyroman, welcher viele Freunde bei den Lesern gefunden hat.

Schon damals stellte er sich unseren Fragen in einem ersten Interview

 

Seine neue Serie über den Bund der Raben beweist wiederum eindringlich das große Können des Fantasy-Autors. Der Fantasyguide nahm das zum Anlass, den Hamburger erneut eindringlich zu befragen:

 

Fantasyguide: Hallo Mirko, es ist einige Zeit her seit unserem letzten Interview und Du steckst mitten in Deiner großen Fantasy-Reihe, dem Bund der Raben. Sechs Teile sind geplant, wird der Platz ausreichen, oder werden die Teile nur immer dicker?

 

Mirko Thiessen : Der Platz wird definitiv ausreichen. So etwas wie manchen Autoren, die sechs Bände ankündigen und dann sechzehn schreiben, wird mir nicht passieren. Band 3 ist schon mal dünner als Band 2, und auch die folgenden Bände sollen nicht an Umfang zunehmen.

 

Fantasyguide: Wie weit gehen Deine konkreten Handlungspläne denn?

 

Mirko Thiessen : Sagen wir mal so: Als ich den letzten Punkt unter den Rücken der Schildkröte gesetzt hatte, da hatte ich noch gar nicht vor, die Geschichte weiterzuführen. Dann aber fand ich es doch spannend zu erzählen, was denn nun aus Mariana und der ihr prophezeiten Zukunft wird, und was aus der nicht beendeten Bedrohung durch den Prinzipal wird. Inzwischen habe ich die Geschichte bis zum Ende von Band 6 weitgehend im Kopf.

 

Fantasyguide: Du gehst sehr sparsam mit Magie um. Was für Fantasy willst Du schreiben?

 

Mirko Thiessen : Zauberer, Elfen und Zwerge sind langweilig geworden. Die Menschen im Rabenzyklus sind gewöhnliche Menschen mit normalen Fähigkeiten.

Vielleicht beherrschen die weisen Frauen des Roten Landes und die Priester der Ikilaner (im noch unveröffentlichten Band 3) eine Art subtiler Magie - aber für den Leser wird nie aufgeklärt werden, ob es sich tatsächlich um Magie handelt, oder ob die Ereignisse in diesen Ländern nicht doch logische Erklärungen haben oder gar bloße Zufälle sind. Ich schätze, das sollte jeder Leser selbst entscheiden. Es gibt Magie im Rabenzyklus, aber die geht von den nichtmenschlichen Völkern aus, die ich bewusst so ausgewählt habe, dass sie nichts mit klassischen Zwergen, Elfen etc. gemein haben.

 

Fantasyguide: Fantasy gilt für viele als ein beschönigender Blick auf das Mittelalter, wie weit geht Dein Wissen über den geschichtlichen Hintergrund, was baust Du davon ein?

 

Mirko Thiessen : Wenig, denn das ist völlig unwichtig. Um es weniger provokant zu sagen: Ich lese viel über Antike und Mittelalter und versuche, dann und wann etwas davon einzubauen. Die Haronen sind etwa nach dem Vorbild der antiken Spartaner entstanden; Sparta war ein extrem militaristischer Staat, der im Gegensatz zu den anderen Stadtstaaten des klassischen Griechenlands keine Wissenschaftler und Philosophen hervorbrachte, weil sich alles auf die Erziehung der Jungen zu Kriegern konzentrierte. Hier hat mich aber weniger eine exakte Abbildung der spartanischen Gesellschaft interessiert - dafür habe ich mich dann doch zu wenig mit dem Thema befasst - als vielmehr die Frage, was aus Menschen wird, die auf eine solche Weise erzogen werden, welches Trauma sie mit sich herumschleppen und was geschehen mag, wenn sich einer nicht so vollständig wie erwartet mit der Gesellschaftsordnung identifiziert. Und so geht es mir bei den meisten Themen: Die Fantasy-Welt ist nur ein Rahmen, um zu sehen, wie sich Menschen in Extremsituationen verhalten. Wer genau hinsieht, wird vielleicht Parallelen zur heutigen Gesellschaft entdecken. Und das letzte, was ich will, ist ein beschönigender Blick auf das Mittelalter, eine Zeit, in die sich kein halbwegs vernünftiger Mensch zurückwünschen sollte.

 

Fantasyguide: Zwischen Teil 1 und Teil 2 liegt ein Wechsel in den Figuren-Prioritäten. Wird das so weiter gehen, oder hast Du schon eine zentrale Figur für den gesamten Zyklus?

 

Mirko Thiessen : Das wird im Wesentlichen so weiter gehen. Die zentralen Figuren der ersten beiden Bände treten jetzt in den Hintergrund, obwohl manche von ihnen noch dabei sind. In Band 3 spielen zwar Mugrat und Susanna noch eine größere Rolle, und in Band 4 wird es ein Wiedersehen mit Alberto geben - aber die wichtigsten Charaktere werden jetzt andere: Flick, ein Straßendieb aus der Stadt Korn; Georgio, ein Sohn des verräterischen Grafen von Tilanda; und natürlich Mariana, die Tochter von Dharana, der in den ersten beiden Bänden so eine bedeutsame Zukunft prophezeit wurde. Vielleicht ist sie am ehesten das, was man eine zentrale Figur des Zyklus nennen könnte, obwohl sie im ersten Band noch ein ungeborener Fötus war.

 

Fantasyguide: Der Oberbösewicht scheint der Prinzipal zu werden, kannst Du da nach den Kriegsherren noch eine Steigerung erarbeiten?

 

Mirko Thiessen : Bisher ist der Prinzipal nur erwähnt worden. Wer oder was dieses Wesen eigentlich ist, wird erst noch aufgedeckt - in den nächsten Bänden erfährt man mehr darüber. Er unternimmt drei Versuche, Norlan zu erobern. Im Bund der Raben und im Rücken der Schildkröte hat er die Haronen geschickt, um Norlan mit bloßer militärischer Überlegenheit zu schlagen. Der nächste Versuch wird subtiler - er wird mit Versprechungen und Täuschungen die Völker Norlans aufeinander zu hetzen versuchen. Das erleben wir in den Bänden 3 und 4. Dann wird es noch einen dritten Versuch geben, über den ich noch nichts verraten möchte. Es wird also keine Steigerung im Sinne immer größerer Armeen und immer grausamerer Feldherren geben. In den Bänden 3 und 4 wird es keine einzige große Schlacht geben - und dennoch verspreche ich, dass die Spannung noch einmal gesteigert wird.

 

Fantasyguide: Überhaupt das Thema Gewalt. In wieweit ist es notwendiges Stilmittel bei Dir? Grenzt es Deine Leserschaft ein?

 

Mirko Thiessen : Gewalt ist Teil der Menschenwelt, allemal einer mittelalterlichen Welt. Da sehe ich keinen Grund, das auszuklammern. Wichtig ist mir bloß, dass Gewalt nicht verharmlost wird. Das wird sie weniger im Rabenzyklus als in herkömmlichen Fantasy-Epen von schwertschwingenden Helden, die ihre Feinde fällen wie Grashalme. Auch bei mir gibt es so einen Helden: den Ritter Oscar, den alle als vortrefflich loben. Bis man ihn kennenlernt und bemerkt, was für eine erbärmliche Figur er in Wahrheit ist, ein arroganter Kerl ohne Rückgrat. Ein Charakter, der mir sympathisch erscheinen soll, wird nie in eine Schlacht ziehen und mit seinen Freunden lustige Wettkämpfe um die Zahl der getöteten Feinde austragen.

Dass der Rabenzyklus als Kinderbuch ungeeignet ist, versteht sich von selbst. Allerdings finde ich es auch viel reizvoller, Bücher für erwachsene Leser zu schreiben.

 

Fantasyguide: Was vielleicht viele sich fragen, die von der Qualität Deiner Arbeiten überrascht sind: Warum hast Du keinen Vertrag bei einem Major-Verlag?

 

Mirko Thiessen : Tja, da müsstest du diese Verlage fragen, warum sie mich nicht haben wollen.

 

Fantasyguide: Die Qualität erstreckt sich auch auf Korrektorat und Lektorat. Wer macht das für Dich?

 

Mirko Thiessen : Da habe ich mehrere Bekannte, unter anderem auch eine Mitarbeiterin eines Verlags. Wenn ich ein Buch für fertig halte, lasse ich es etliche Leute gründlich lesen, und am Ende lese ich es selbst noch einmal Wort für Wort. Das ist ein Prozess, der mehrere Monate dauert, der aber sehr wichtig für die Qualität ist, die letztlich herauskommt.

 

Fantasyguide: Deine Schwester hat ein recht ungewöhnliches Design für die Reihe gewählt.

Zwar passen die Titelzeichnungen zum Inhalt, aber die restliche Covergestaltung erinnert eher an eine wissenschaftliche Veröffentlichung, als an einen Fantasy-Roman. Kannst Du uns etwas über ihre Intentionen verraten?

 

Mirko Thiessen : Ehrlich gesagt, mir ist noch keine wissenschaftliche Veröffentlichung mit einem ähnlichen Titelbild in die Hände gefallen. Wir haben die Gestaltung des Titelbilds zusammen entworfen. Ich wollte etwas, was so weit wie möglich von den herkömmlichen Muskelprotz- und Amazonen-Titeln weg ist wie möglich. Dabei ist das Konzept herausgekommen, jeden Titel mit einem wechselnden Hauptmotiv und einer im Hintergrund skizzierten Landschaft aus dem Buch zu versehen. Ich halte die Umsetzung dieser Grundidee für sehr gelungen und freue mich auf die folgenden Titelbilder und die weiteren Karten, die übrigens auch von ihr gezeichnet werden.

 

Fantasyguide: Mir kamen literarische Vergleiche etwa zu Dune beim Lesen in den Sinn.

Gibt es da Reminiszenzen im Bund der Raben?

 

Mirko Thiessen : Nein, nicht zu Dune. Die Ähnlichkeit war mir zunächst gar nicht bewusst, bis man mich darauf hingewiesen hat. Auch dass die Haronen so ähnlich wie die Harkonnen klingen, ist reiner Zufall. Ich habe im kleineren die eine oder andere Referenz untergebracht. Da der Feldherr Havar so vollkommen unmenschlich erscheint, fand ich es eine ganz originelle Idee, seinem Gegner Baldhur zweimal Worte in den Mund zu legen, die Lieutenant Ripley im Kampf gegen das Alien gesagt hat. Wer sucht, wird noch das eine oder andere Zitat aus Literatur und Film entdecken können, einmal sogar aus der "Rückkehr des Wolfes".

 

Fantasyguide: Wie sieht deine aktuelle Planung zur weiteren Veröffentlichung der Folgebände aus, Band 3 soll ja erst nächstes Jahr erscheinen?

 

Mirko Thiessen : Band 3 ist fertig, Band 4 schließe ich gerade ab. Ich lasse mir trotzdem Zeit, weil ich, wie schon gesagt, ein sorgfältiges Lektorat für sehr wichtig halte. Jetzt beginnen erst die Überarbeitungen, um aus dem Geschriebenen eine runde Geschichte zu machen. Für Band 5 und Band 6 kündige ich einmal vorsichtig 2010 als Erscheinungsjahr an. Da ich noch einen Vollzeitjob habe, komme ich leider nur an den Wochenenden zum Schreiben - ich würde mir auch wünschen, dass es schneller voranginge.

 

Fantasyguide: Was können wir noch von Dir in nächster Zeit erwarten?

 

Mirko Thiessen : Ich werde alle Energie in den Bund der Raben stecken, an dem ich jetzt seit sechs Jahren arbeite und der mich bestimmt noch weitere drei Jahre beschäftigen wird. Was ich danach machen werde, weiß ich noch nicht. Vielleicht lehne ich mich dann erstmal zurück und freue mich, dass dieses Mammutprojekt geschafft ist.

 

Fantasyguide: Vielen Dank für das Interview und weiterhin viel Erfolg!

 

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Erstellt: 07.08.2007, zuletzt aktualisiert: 02.04.2017 20:00