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Scheibenweise - Eine Rundreise auf der Scheibenwelt des Terry Pratchett

Redakteur: Ralf Steinberg

 

Discworld?

Eine Welt auf einer Scheibe?

Die Welt muss gar nicht rund sein. Bücher sind es ja auch nicht.

Hey, es gibt doch Hörbücher, die werden meist in Form silberner Scheiben gereicht.

Eine ganze Welt auf einer Disc...

Ah, Discworld!

 

Diese Gedanken entstammen nicht der Werkshistorie Terry Pratchetts. Wahrscheinlich würde er solch plumpe Herleitungen zutiefst erschreckt zurückweisen.

Doch worum handelt es sich nun aber wirklich bei dieser berühmtesten aller Weltscheiben?

 

Das Multiversum erstreckt sich in jede Falte der Realität und auch überall sonst. Es muss eine etwas abseitige Gegend sein, in der die Sternenschildkröte Groß A'Tuin umherzieht. Auf ihrem Rücken erfüllen vier Elefanten den schweren Job eine flache Welt zu tragen, die kreisrund ist, von Mond und Sonne umschwebt wird und die merkwürdiger ist als alles, was in einem Finanzamtformular steht.

 

Vor 22 Jahren begann der weltumfassende Erfolg der Scheibenweltromane. Die Geschichten um Truhe, Rincewind, Oma Wetterwachs, Karotte und natürlich TOD trafen die Fantasygemeinde mitten ins britische Herz. Viele erleiden noch heute Schmerzanfälle, wenn sie den Namen Terry Pratchett hören, aber bestimmt genauso viele Lesekundige fallen jedesmal voller Dankbarkeit vor ihrem Buchhändler auf die Knie, wenn ein weiterer Scheibenweltwälzer in der jeweiligen Sprache käuflich erworben werden kann. So wundert es auch nicht, dass Mr. Pratchetts Werke bereits 1% aller verkauften britischen Bücher ausmachen.

 

Spezifisch betrachtet ist die Scheibenwelt eine völlig normale Fantasywelt. Es gibt Zauberer und Magie, Hexen, Zwerge, Trolle, aber auch Götter, Pyramiden und Kerkerdimensionen.

Wahrscheinlich ist der jährliche Neuerscheinungsmarkt überfüllt mit diesen Kreaturen und Themen.

Doch auf der Scheibenwelt bestehen die Konflikte meist nicht darin, böse Magier zu vernichten oder Dracheneier einzusammeln. Eher bestehen die Probleme aus freigelassenen Zaubersprüchen, überladenen Pyramiden oder etwa gefräßigen Möbelstücken. Pratchetts Figuren versuchen in einer Welt voller Absurditäten ein Überleben in Würde hinzubekommen.

Dabei gibt es die großen Persönlichkeiten, etwa TOD oder Oma Wetterwachs, die die Realität sicher in der Hand haben und sie auch manchmal zerquetschen, wenn sie zu fest zudrücken.

Dann gibt es die Typen, die zwischen den fest zu packenden Händen der großen Persönlichkeiten hindurchrutschen und entweder schnell Reißaus nehmen, wie etwa Rincewind oder einfach zu klebrig sind, um irgendwo stecken zu bleiben, was natürlich im besonderen Maße auf Treibe-mich-selbst-in-den-Ruin Schnapper zutrifft.

Aber es gibt auch die Opfer, jene armen Kreaturen, die der Versuchung nicht widerstehen können, den Inhalt von Truhe zu ergründen oder zufällig nichts von der Bedeutung eines Hexenwunsches wissen oder einfach nur den richtigen mit dem falschen Zeitpunkt ihrer Anwesenheit an wichtigen Orten verwechseln. Wir denken hier teilnahmsvoll an den Bibliothekar der Unsichtbaren Universität, der „Ugh!“, natürlich kein Tier ist.

 

Die Themen der Scheibenweltromane sind nicht minder mannigfach wie die sie ausfüllenden Figuren. Mord und Intrigen, Liebe und Eifersucht, Tod und Krankheit, Heldenmut und feiger Verrat. Meist geschieht alles auf einmal.

Selbst Goethes Faust hinterließ seinen literarischen Abdruck im Scheibenweltgesicht - im „Eric“ und Shakespeares Dramatik eskaliert in „MacBest“.

 

Dabei haben sich über die Jahre die Geschichten zu mehreren Handlungskreisen ausgewachsen:

Die Zauberer- und Universitäts-Romane

Ausgehend von Rincewind, dem unfähigsten Zauberer der Scheibenwelt, erfahren wir eine ganze Menge über oktarinenes Licht und Magie nur in der Unsichtbaren Universität.

Begründer der Unsichtbaren Universität ist übrigens ein gewisser Alberto Malich, zwar ist das schon tausende Jahre her, doch hat Albert es geschafft, über den Tod hinaus in Arbeit zu bleiben, zumindest darf er den Haushalt von TOD führen.

Der Stab fähiger Mitarbeiter der Unsichtbaren Universität beinhaltet zumeist den Erzkanzler Mustrum Ridcully, ein fast unkaputtbarer Überlebenskünstler, den Quästor, der noch etwas nicht normaler als die anderen ist, ein Professor für unbestimmte Studien, natürlich einen Dekan, den Dozent für neue Runen, den Bibliothekar, der kein Untier ist, den obersten Hirten und dem Lehrer der Unsichtbaren Schriften. Dieses schlagkräftige Team tritt sich nicht nur selbst auf die Füße sondern auch dem Weltgeschehen dieselben ins Gesicht. Dabei vermeiden sie es, Mahlzeiten zu verpassen und Studenten zu begegnen, die ja doch nichts von dem Begreifen würden, was der Lehrkörper tut oder so zu tun tut.

Das Besondere der Unsichtbaren Universität ist ihre Exzentrik. So nimmt sie nicht nur weniger Platz ein, als ihr Inneres erfordern würde, sie ist durch ihr magisches Feld auch durchaus fähig, mit persönlichen Überraschungen aufzuwarten. Unbekannte Räume etwa, sind aus der Top Ten der plötzlichen Zwischenfälle nicht wegzudenken.

Die hier studierenden Magier geben ihr Geld und ihr Leben gerne in Ankh.Morpokh aus. Gerade über „Hinten sind einige Steine in der Mauer“ locker gelangen immer wieder hitzige Spitzhutträger in die Pfirsichblütengasse – einen Trip in die Nacht versuchend.

Die Romane zeichnen sich durch Nonsens und Gruppendynamik aus. Der normale Wahnsinn bürgerlicher Institutionen wird ausgelebt und in aller Konsequenz ausgelebt.

Dass dem Erzkanzler ein Verhältnis nachgesagt wird, hilft eine gute Überleitung herzustellen zu den Hexen der Scheibenwelt

 

Die Hexen-Romane

Das Esmeralda (Oma oder Esme) Wetterwachs in ihrer Jugend ein heißer Feger war, ist unklug zu behaupten, in ihrer Gegenwart. Dennoch sind der Gerüchte viele und Mustrum Ridcully ist ein stattlicher Mann.

Magrat, Oma Wetterwachs und Nanny Ogg bestimmen das hexische Leben der Scheibenwelt, Magrat allerdings eher teilzeitmäßig, da sie Königin wird und den Hexenzirkel mit Krönchen und Windeln tauscht. Dafür kommt Agnes „Perdita“ Nitt hinzu, deren gewaltiger Körper Platz für zwei Personen bietet: Agnes und Perdita.

Nanny Ogg – ist das drahtige Pendant zu Oma Wetterwachs. Die lustige Hexe steht mitten im Leben und etlicher Nachkommen, die sie niemals aus diesem Zentrum verdrängen würden. Sex ist für Nanny mindest so wichtig wie atmen, nur dass man darüber nicht allzu lustige Lieder singen kann. Jeder Wirt in Lancre wird rot, wenn Nannys auf den Tisch hüpft und sämtliche Strophen von „Der Igel ist auf jeden Fall besser dran“ trällert.

Hexen sind im Landstrich Lancre besonders wichtige Persönlichkeiten, was daran liegen mag, dass sie in der Lage sind, Wünsche und Verwünschen in die Realität zu überführen. Eine ungünstig gestimmte Hexe ist nicht gut für die Gesundheit.

Oma Wetterwachs bevorzugt zwar Pschikologie, aber damit ist sie erfolgreicher, als mit Hexenzauberei. Oft genug hilft ihr auch das Talent des Borgens, mit dem sie sich in den Geist von Tieren begeben kann. Um ihren leblosen Körper vor einer versehentlichen Beerdigung zu bewahren, halten die kalten Hände ein Schild umklammert: „Binne nich tot!“

Und Hexen wissen genau, wenn sie es wären, denn ihnen ist der Zeitpunkt ihres Todes von Anfang an klar – welch gelungene Überleitung zu

 

Die TOD-Romane

Kein Wesen der Scheibenwelt ist so gegenwärtig wie TOD.

Zunächst schenkte er seine Aufmerksamkeit Rincewind. Doch der floh schneller als seine Lebenszeit. Und obwohl es das Privileg der Zauberer ist, von Tod persönlich in die fernen Weiten Jenseits geleitet zu werden, musste TOD hier passen. Immerhin ist man sich in der Unsichtbaren Universität sicher, dass Rincewind selbst für einen Zauberer der Stufe 0 zu unbegabt ist, da kann es mit dem sterben nicht besser sein. Aber TOD kann warten. Er ist sogar in der Lage, ein recht normales LEBEN zu führen. Doch sein Alltag wandelt sich mit der Zeit und den Seiten der Bücher, in denen er mit einem „HALLO“ auftaucht.

Während seiner Pflichterfüllung beobachtet TOD das merkwürdige Verhalten der Scheibenweltmenschen und entdeckt den Pinocchio in sich. Also bemüht er sich menschlich zu werden. Aber weder werden seine Witze verstanden, noch gelingt es ihm, seinen Charme zu entwickeln. Allerdings lebt er in seiner kleinen Enklave mit Haushälter Albert umgeben von allen Lebensuhren recht zufrieden. Er mag Katzen über alles und lässt gerne mal ein leckeres Curry durch seinen Torso fallen.

TOD hat - auf seine eigene Art und Weise - schon viele Abenteuer bestanden:

So verliert er seine Adoptiv-Tochter Ysabelle an seinen Lehrling Mort, durch Heirat allerdings.

Bei der großen TOD-Bereinigung darf er sich mit all den anderen Toden vereinigen, der Rattentod und der Flohtod allerdings bleiben davon verschont. TOD bekommt auch bald eine Enkelin, Susanna, die wie er in Versalien spricht, durch Wände geht und dergleichen todtypische Dinge kann und ihn hin und wieder vertritt.

Für viele Scheibenweltnerds ist TOD sicher ein guter Freund, mögen sie nun groß oder klein sein – was uns auch schon zur Stadtwache trägt:

 

Die Wache-Romane

Ankh-Morpok ist eigentlich ein selbstregulierendes System, einem Misthaufen nicht unähnlich. Der Patrizier, die Gilden und der Gestank des Ankh halten die Stadt zusammen. Jedoch ist die Stadtwache nicht umsonst. Sie verspricht Ruhm und hohes Ansehen für ihre Mitglieder, allesamt Helden. So etwa Karotte Eisengießersohn, dem größten Zwerg (durch Adoption) der Scheibenwelt, der zufälligerweise das Muttermal der Könige von Ankh-Morpok mit sich herumträgt. Das hindert ihn jedoch nicht in der Stadtwache Karriere zu machen und mit Kollegin Angua, einer Werwölfin, anzubandeln.

Samuel Mumm – ist das Synonym für Resignation, die durch das Bestehen der Welt entsteht. Mumm schwimmt immer gegen den Strom und kommt erstaunlicherweise doch an der Mündung an. Mumm ist eine der Figuren, die sich am meisten verändern innerhalb des Scheibenweltuniversums. Er wird befördert, geadelt und verheiratet. Zudem erhält er mehrfach die Gelegenheit edel und großmütig zu sein, was die Welt zwar nicht gesunden lässt aber auch nicht mehr schadet als etwa eine kleine Hetzjagd durch die Straßen von Ankh-Morpok auf durchgelatschten Sohlen alter Stiefel.

Detritus – repräsentiert eine moderne Stadtwache, die auch Trollminderheiten zu ihren Mitgliedern zählen möchte.

Durch den Verlust der kühlen Heimat im Denken behindert vergisst er schon mal das Ende einer mathematischen Gleichung. Tragisch ist sein Schicksal mit dem Zwerg Knuddel verbunden, zumindest bist dieser in „Helle Barden“ ermordet wird. Knuddel war ein echter Freund und hat sogar einen Kühlhelm für seinen trolligen Freund gebastelt, damit dieser noch genialer wird.

 

Die Scheibenwelt ist kein Ort gnadenvoller Ruhesetzungen. Nichts geschieht ohne Wirkung. Sogar den Wein, den man trinkt, sollte man im nächsten Jahr keltern, zumindest wenn es sich dabei um den reannuellen Wein der Scheibenwelt handelt. Denn die Magie der Scheibenwelt macht das Licht träge und die Zeit verrückt. Das wirkt sich auf die Leser aus.

 

Die Bilder der Scheibenwelt

Der Erfolg der Scheibenweltromane hat auch etwas mit ihren Illustratoren zu tun. Josh Kirby (1928-2001) ist wohl ohne Zweifel einer der markantesten Covergestalter. Seine Bilder sind leicht zu identifizieren und bersten schier vor Vielfalt. Sein Werk sollte an anderer Stelle ausführlicher behandelt werden.

Wenden wir uns dem aktuellen Discworldartisten zu: Paul Kidby.

Der wurde 1964 geboren. Seine Schwester ist Schuld an seiner Verbindung zur Scheibenwelt, schenkte sie ihm doch zum Geburtstag eine Ausgabe von "Die Farben der Magie". Da Kidby seit seinem erst Kneterlebnis heftig visualisierte, fügten sich sofort bunte Bilder in seinem Kopf zusammen.

Und nicht nur da. Flugs füllte sich sein Skizzenblock in derselben Geschwindigkeit, wie er die Romane las. Alsbald zeigte er seine Skizzen auch Terry.

Wie in der Rundwelt üblich, läuft nichts ohne sie, den Agenten. So nahm zuerst Colin Smythe Kontakt zu Paul auf und gemeinsam diskutierten sie einige der Ideen.

Kidbys erste offizielle Arbeit zur Scheibenwelt aber war Werbung für das erste Scheibenwelt-Computerspiel: Eine querformatige Bleistiftzeichnung des Bibliothekars. Nachdem dieses Blatt auch als Kunstdruck sehr erfolgreich war, folgten weitere Zeichnungen dieser Art: Greebo (Nanny Oggs tyrannischer Kater), TOD und Rincewind.

Weiter ging es mit Karten, Postern und weiteren Werbedesigns.

Nach dem Tod von Josh Kirby 2001 war es daher kein Wunder, dass er für die illustrierte Ausgabe von "The Last Hero" (Der letzte Held) gebucht wurde. Seither zieren seine skurrilen Bilder die Cover der Scheibenweltbücher.

 

 

Die Scheiben der Scheibenwelt

Die ersten Computerspiele kamen nicht direkt auf Scheiben. Zunächst eher in Disketten-Form. 1986 erschien das Textadventure The Colour of Magic.

Grafisch richtig los und in Scheiben ging es 1995 mit

Discworld, erschienen bei Psygnosis und die Serie blieb dem Adventure treu. Abgefahrene Rätsel, ein hoher Schwierigkeitsgrad und ein witziger Comicstil sorgten für angenehme Stunden.

1997 folgte mit Discworld 2 ebenfalls von Psygnosis eine Fortsetzung.

Der bisher letzte Bit&Bytes Ausflug der Serie kam im Sommer 1999 mit Discworld Noir von GT Interactive, das eine dunkle Kriminalstory zum Hintergrund hatte. Für viele Gamer der beste Teil.

 

Aber kein Bild, keine Animation kann den Eindruck ersetzen, den die Farben der Fantasie malen. Nur die Bücher sind das wahre Paradies der Scheibenwelt. Inzwischen hat Piper die Aufgabe übernommen die deutschen Ausgaben der Taschenbücher unter das Volk zu bringen. Wegen der besseren, da vollständigen Cover sollte man seinen Blick auch mal in Antiquariate schweifen lassen, um die alten Goldmann oder Heyne Ausgaben zu erwerben, aber auch in Bibliotheken wird der Lesefreund fündig, meist steht Pratchett gleich neben Tolkien, wer deutsche Bibliotheken kennt, weiß, dass damit meist auch schon das gesamte Angebot an Fantasy umrissen ist. Aber wer sich die Karte Mittelerdes anschaut, muss zustimmen: Eine Kugel ist Tolkiens Welt auch nicht gerade und ob gerade oder rund – darüber kann man diskutieren und das kommt von?

Richtig, von Disk!

 

 

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Eure Meinung:

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Myrrdin
Sonntag, 27. November 2005 14:24 Uhr
Was auf vieles zutrifft....... Bei den ScheibenWelt ganz besonders: Mann oder Frau mag es oder nicht!!! Ich mag besonders die Bücher mit/um TOD! Und die Assasinen sind etwas speziell. EINE GUTE REZESION- .um

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Erstellt: 28.10.2005, zuletzt aktualisiert: 18.03.2017 14:01