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Warén von Ulrike Jonack

Rezension von Martin Weber

 

Klappentext:

Als die Besatzung der Parzival auf Warén landet und dort auf scheinbar menschliche Siedler stößt, gerät sie zwischen die Fronten eines politischen Konfliktes.

Dank der überlegenen Waffen des Galaxy-Schiffs drohen die Streitigkeiten zu eskalieren, bis Ines Braun ungeahnte Fähigkeiten in sich entdeckt und eingreift, um den Krieg zu verhindern.

Aber wer ist Ines Braun wirklich? …

 

Rezension:

Mit dem 300 Seiten starken SF-Roman >Warén< legt Jon – das Pseudonym für Ulrike JONack – ihr Erstlingswerk vor. Ihr Buch handelt von Astronauten, die mit dem Raumschiff Parzival in einem Forschungsauftrag unterwegs sind und auf einen lebensfeindlichen Wüstenplaneten stoßen, von dem sie zuerst glauben, er sei unbewohnt. Dann stellt sich heraus, daß eine einzige Siedlung existiert. Die Raumfahrer entsenden eine Landemission, die nahe der georteten Stadt niedergeht. Der Erstkontakt findet jedoch nicht mit deren Bewohnern statt, sondern mit einer anderen Gruppe von Eingeborenen, den Siedlern. Jene wurden aus der Stadt verbannt, leiden nun aber unter den katastrophalen Lebensbedingungen, da sie von der urbanen Infrastruktur, besonders vom Zugang zu den Wasserreservoirs, abgeschnitten sind. Beide Fraktionen entstammen derselben Spezies; es sind menschenähnliche Intelligenzen, die sich selbst Kara und ihren Planeten Warén nennen. Der oberste Herrscher der Städter ahnt nicht, daß ein Angriff der Siedler unmittelbar bevorsteht, die sich damit ihre existentielle Grundversorgung sichern wollen. Ihnen stehen dabei Intriganten und Sympathisanten unter den Ratsherren zur Seite.

In diesen Interessenskonflikt zwischen beiden Bevölkerungsteilen werden die Raumfahrer hineingezogen; jede Seite versucht die Neuankömmlinge, die im Vergleich mit der Zivilisation auf Warén über fortgeschrittenere technische Mittel verfügt, für sich zu vereinnahmen. Die Machtspiele zwischen und innerhalb der beiden Fraktionen von Kara sind für die Terraner anfänglich so gut wie undurchschaubar; sie wissen nur eines: eine gewaltsame Auseinandersetzung würde wahrscheinlich im Untergang dieser Kultur gipfeln. Daher versuchen sie – allen voran das Teammitglied Ines Braun - zu vermitteln. Erschwert werden diese Bemühungen um eine friedliche Beilegung des Konflikts dadurch, daß die Kara davon sprechen, daß noch eine andere Gattung von Intelligenzen den Planeten bewohnt, nämlich immaterielle Wesen, die über mentale Einflußnahme desöfteren direkt in ihr Alltagsleben eingreifen. Die irdischen Ankömmlinge wollen das zuerst nicht glauben, bald stellt sich jedoch heraus, daß diese „Geister“ wirklich existieren und mit den Kara kommunizieren. Sie sind die wahren Herrscher über den Planeten, verfolgen mehrheitlich aber keineswegs rücksichtslos ihre eigenen Interessen, sondern bemühen sich um ausgleichende Kooperation mit den Kara. Doch auch diese Instanz ist in sich gespalten, es gibt drei rivalisierende Parteien und eine von ihnen nimmt sogar Einfluß auf das Denken der Menschen...

 

Die zentrale Gestalt des Romans, die Biologin Ines Braun, umgibt ein Rätsel, da ihre Identität im unklaren liegt: vor einigen Jahren wurde ihr zur Unkenntlichkeit verstümmelter Körper in einer Raumfähre entdeckt und nur das Bemühen der Ärzte konnte ihr wieder ein menschliches Aussehen verleihen. Niemand – auch sie selbst nicht - weiß aber, wie die Frau zu ihren Verletzungen gekommen ist, wie sie davor aussah und wer sie war. Ihre Stellung an Bord der Parzival ist nicht unumstritten, besonders ein bestimmtes Besatzungsmitglied bringt ihr feindselige Gefühle entgegen, weil sie seine verstorbene Lebensgefährtin angeblich des Mordes bezichtigte. Die junge Tochter dieser Frau, die sich ebenfalls auf der Parzival aufhält, steht zwischen den Fronten, da sich dieser Mann ihrer angenommen hat, sie aber andererseits ein gutes Verhältnis zu Ines Braun hat. Diese Konstellation spielt beim Einsatz auf Warén eine Rolle, denn alle der Genannten gehören zum Team der Landemission. Diese Beziehungsquerelen vereinfachen das dramatische Geschehen auf Warén nicht gerade; die Situation fordert Ines Braun einiges ab und schließlich kommen Kräfte in ihr zum Vorschein, die niemand vermutet hätte.

 

Das Cover ziert ein stimmungsvolles Motiv, das sogar (eine Seltenheit am Buchmarkt) zum Geschilderten paßt. Druck- oder Satzfehler sind kaum zu finden; einzig ein paar Absätze zur Markierung wechselnder Handlungsschauplätze fehlen, was durch das unvermittelte Umblenden der Erzählung ohne gleichzeitige optische Kennzeichnung im Text gelegentlich irritiert. Anzunehmen ist, daß kein professioneller Lektor zum Einsatz kam, was sich jedoch in der sprachlichen Gestaltung in keinster Weise niederschlägt: Defizite in Grammatik und Stil sind nicht zu bemerken.

Inhaltlich hätte ein Lektor vielleicht doch einige kleine Korrekturen vorgenommen. Welche? Die an sich begabte Jungautorin steigt mitten ins Geschehen ein und entfaltet ein faszinierendes Szenario, das leider etwas unter der Vielfalt der eingeführten Figuren leidet. Es stürmen so viele von ihnen auf den Leser ein, daß man leicht den Überblick verliert und Schwierigkeiten bekommt, zwischen bedeutsamen und weniger wichtigen Akteuren zu unterscheiden. Legt man das Buch einige Tage zur Seite, kann vorkommen, daß beim Wiedereinstieg Probleme auftreten, mit den Namen die richtigen Charaktere zu verbinden. Eine Einschränkung des Handlungspersonals oder wenigstens ein entsprechendes Glossar wäre hier hilfreich gewesen. Des weiteren kommt hinzu, daß Jonack zwar grundlegende Informationen über soziale Positionierung und Persönlichkeitseigenschaften vermittelt, aber meist darauf verzichtet (gilt zumindest für die ersten 100 Seiten), das Äußere der Protagonisten zu schildern. Somit fällt dem Leser schwer, sich vor seinem inneren Auge ein Bild von den Akteuren zu machen, was die Identifikation mit ihnen erschwert und ihren Wiedererkennungswert schmälert. Generell tendiert die Schriftstellerin dazu, der inneren und äußeren Kommunikation ihrer Figuren viel Platz einzuräumen; langwierige Beschreibungen des externen Settings vermeidet sie, was in meinen Augen – abgesehen von der Beanstandung bei den Charakteren – von Vorteil ist, weil solche meist ohnehin ziemlich langweilen.

 

Durch die oftmals erfolgenden Schilderungen aus der Sicht einzelner Kara gerät man mitten ins Geschehen, sieht quasi durch ihre Augen, wird damit aber ebenso mit den unhinterfragten Selbstverständlichkeiten konfrontiert, auf denen ihre Weltsicht basiert, was das Verständnis dafür fördert, wie sie den Kontakt mit den Terranern erleben. Was jedoch für die Kara – und die Autorin – selbstverständlich ist, ist es für den Leser weniger. Die sozialen und kulturellen Hintergründe erschließen sich erst allmählich, es gibt keine einführende Erklärung, mit deren Hilfe man von Anfang an die Verhältnisse auf Warén durchschaut. Daß bietet den Lesern die Möglichkeit des langsamen „Hineinwachsens“ in die Gesellschaft der Planetenbewohner; dieses Puzzlespiel kann jedoch nur im Sinne der Erfinderin funktionieren, wenn auf Seiten der Leser entsprechendes Engagement vorhanden ist.

 

Manche Entwicklungen bleiben etwas unterbelichtet, z.B. wird die Beeinflussung der Geister auf die Menschen nicht in einer wirklich anschaulichen Weise dargelegt. Auch wäre angebracht gewesen, einige deutlichere dramaturgische Höhepunkte einzubauen. Dennoch offeriert die Konfrontation der logisch agierenden Kara mit den eher emotionalen Menschen sowie der zuerst schwelende und schließlich zu eskalieren drohende Konflikt zwischen den beiden Parteien der kleinen planetarischen Bevölkerung genügend Spannung, um keine Langeweile aufkommen zu lassen. Der Handlungsstrang auf Warén wird zu Ende gebracht, wobei man allerdings damit zurande kommen muß, daß nicht alle Fragen restlos gelöst werden (wer oder was sind die „Geister“? Was geschah mit Ines Braun damals beim Unfall? Woher stammen die Kara?).

 

 

Fazit:

Ein beachtliches Debüt, das mit einigen interessanten Ideen aufwartet. Weniger empfehlenswert ist die Lektüre allerdings für diejenigen SF-Fans, die sich breit angelegte, Galaxien und Äonen umspannende Handlungsbögen oder auch action-betonte Abenteuer erwarten. Die linear erzählte Handlung konzentriert sich auf eine überschaubare Zeitspanne und spielt bis auf eine kurze Anflugszene im Weltraum auschließlich auf Warén. Im Mittelpunkt stehen die Figuren und ihre Beziehungen zueinander. Darauf aufbauend erfolgt die einfühlsame, interessante, aber gelegentlich auch etwas anstrengend zu verfolgende Schilderung des Aufeinandertreffens von unterschiedlichen Kulturen; ein Aufeinandertreffen, das unter den erschwerenden Umständen einer eskalierenden Krisensituation stattfindet. Jene, denen es weniger um Effekthascherei, sondern um intelligente Unterhaltung geht, sind mit >Warén< gut bedient, wenn sie bereit sind, sich nicht von den genannten kleineren Einschränkungen am Lesevergnügen stören zu lassen.

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Buch:

Warén

Autorin: Ulrike Jonack

Web Site Verlag, 2002

Taschenbuch, 306 Seiten

 

ISBN-10: 3935982216

ISBN-13: 978-3935982214

 

weitere Infos:


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Erstellt: 09.06.2005, zuletzt aktualisiert: 02.11.2018 16:20