Un Lon Dun von China Miéville

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Der jungen Londonerin Zanna geschehen in letzter Zeit eigenartige Dinge: Nickte ihr dieser Hund zu? Hatte die Wolke da ihr Gesicht? Warum haben all die Eichhörnchen Nüsse vor ihr abgelegt? Nachdem ihr Vater sie beinahe aufgrund eines plötzlich aufkommenden Nebels überfahren hatte, übernachtet sie bei ihrer Freundin Deeba. Des Nächtens bemerken die Mädchen, dass sie von einem Regenschirm beobachtet werden. Zanna will den Dingen auf den Grund gehen, Deeba mahnt zur Vorsicht – die Verfolgung des Regenschirms führt die beiden ins düstere und bizarre UnLondon. Dort sind die Häuser höher und verfallener, Wandermüll verfolgt die Londonerinnen (ein Milchkarton erweist sich als besonders hartnäckig) und die UnLondoner sind – befremdlich. Aber die zwei haben Glück: Zanna wird gleich als die Schwasie erkannt; sie ist die Auserwählte, die UnLondon vor dem gefährlichen Smog bewahren soll. Es beginnt eine gefährliche Hetzjagd zu den Prophezeiern, denn die Häscher des Smog haben die Fährte der Schwasie schon aufgenommen.

 

UnLondon ist grotesk – es gibt Bienenschwärme in Gestalt von Menschen, mit Chamäleonbeinen Wände erklimmende Doppeldeckerbusse und einen Schneider, der seinen Kopf als Nadelkissen nutzt (so zusagen ein netter Pinhead) und Kleidung aus Texten schneidert: "Die Hauteste der Couture. Literatur auf den Leib geschneidert. Niemals wieder das Elend einer nichts sagenden Garderobe." (S. 51)

UnLondon ist gefährlich – es gibt nicht nur den Smog und seine Handlanger, da sind auch Geister, die die Körper der Lebenden zu stehlen vermögen, und – Giraffen. Deren größte Leistung war es, die harmlosen Punks der Zoos als normale Vertreter ihrer in Wahrheit blutrünstigen Gattung hinzustellen.

UnLondon ist heruntergekommen – alles ist schmutzig, schmierig und schäbig. Überall ist Graffel (Gerümpel, Ramsch, Ausschuss, Firlefanz, entsorgt in London), es gibt sogar Häuser aus Graffel. Und natürlich den lebenden Müll.

Dieses wunderbare Setting ist wie üblich für Miévilles Texte eine der Stärken seiner Geschichte. Es vereint Elemente, die schon andere Autoren positiv verwenden konnten: Wie Michael de Larrabeiti verwendet er ein schmutziges London, lässt seine Protagonisten improvisieren und hat eine antiautoritäre Grundhaltung; tatsächlich könnte Hemi der Semigeist ein Borrible sein (auch wenn er nicht heiß auf einen Namen ist). Wie Walter Moers in seinen Zamonien-Geschichten fabuliert Miéville unglaublich groteske Wesen, Bauten und ganz generell Phänomen, die sich keinen Deut um physikalische Plausibilität scheren. Hier kommen zuweilen auch Erinnerungen an Lewis Carrolls eigenwillige Figuren auf – vor allem der weiße und der rote Bischof dürften Anspielungen auf die Schachfiguren aus Alice hinter den Spiegeln sein. Von Neil Gaiman stammt das zentrale Konzept des anderen Londons: In Gaimans Niemalsland ist es Unterlondon, bei Miéville ist es UnLondon. Auch das Nicht-Wahrnehmen der Un(ter)Londoner wird thematisiert: UnLondon wird durch den Phlegma-Effekt geschützt – wer sich in UnLondon aufhält, den ignorieren die Londoner; war man zu lange fort (etwa neun Tage), dann ist man ganz vergessen.

 

Dass dieses Buch sich an eine jüngere Leserschaft richtet, zeigt sich unter anderen an den vielen Figuren. Sie werden nur skizziert, es gibt keine langwierigen inneren Konflikte und keine komplizierten Konstellationen. Dennoch sind sie alle plausibel motiviert und psychisch anfechtbar. Allesamt sind sie Exzentriker: Zanna ist die Schwasie, Schaffner Jones ein hervorragender Kämpfer, der Stromschläge austeilen kann, Fledderschrimm befiehlt den UnSchirmen und der Bösewicht Smog ist ein intelligentes Wesen aus toxischem Gas. Doch oft genug täuscht der erste Eindruck: Dem Leser stehen einige überraschende Enthüllungen bevor.

 

Die Grundstruktur des Plots ist altbekannt: Die Lebenswelt der Protagonisten wird von einem Bösewicht bedroht – es gilt in einer epischen Queste Mittel und Wege zu finden um die Gefahr abzuwenden. Geht man aber ins Detail, dann findet man viele Brüche mit dem üblichen Verlauf des Schemas – häufig werden die Genre-Konventionen sogar auf den Kopf gestellt.

Die Spannungsquellen passen dazu: Neben den überraschenden Figuren und Wendungen im Plotverlauf, sorgen die allgegenwärtige Bedrohung durch den mächtigen Smog und seine Spießgesellen sowie die wegen des Phlegma-Effektes knapp werdende Zeit für eine ständige Anspannung. Oft wird die Bedrohung akut und ihr muss mit Kampf, List oder Flucht begegnet werden. Dann gilt es noch einige Rätsel zu lösen und natürlich das wunderbare Setting.

Es ist aber auch einiges für erfahrene Leser dabei: Es gibt Anspielungen auf Oz und Narnia, auf Terry Pratchetts L-Space, Kritik am geistigen Eigentum (ähnlich wie sie schon in Eia Weihnacht aus Andere Himmel geübt wurde) und ein Aufgreifen dessen, was Ludwig Wittgenstein Sprachspiel nennt, um nur einige dieser Spannungselemente aufzuzählen.

Der Plotfluss ist zunächst gemäßigt, nimmt aber im Verlauf der Geschichte beträchtlich an Fahrt zu; er passt damit gut zum Inhalt der Geschichte.

 

Erzähltechnisch geht Miéville wiederum klar auf unerfahrene Leser ein: Der Handlungsaufbau ist konservativ, die Erzählperspektive auktorial, ist aber so sehr auf die Außenperspektive fokussiert, dass sie weitgehend objektiv wirkt, Gedanken werden deutlich markiert und die Sätze sind leicht verständlich, sinken aber nie unter die Banalitätsgrenze. Es gibt wieder einige Wortkreationen, diese bleiben aber nahe liegend: Krissel, der Milchkarton, phlötet und phiept.

Schließlich gibt es noch zahllose kleine Tintenzeichnungen des Autors, die Details der Geschichte, vom "ZANNA FOR EVER!"-Graffiti über einen von Piraten gelenkten Zyklopsbrummer hin zu den lebenden Worten, witzig illustrieren.

 

Die Übersetzerin Eva Bauche-Eppers macht einen guten Job, aber eine ganze Reihe von Wortspielen gehen leider verloren: Aus den "Unbrellas", den kaputten, intelligenten Regenschirmen UnLondons, werden "UnSchirme" und aus den "Binja", den mit Nunchakus kämpfenden Mülltonnen, werden "Rabjats".

 

Fazit:

UnLondon und seine bizarren, doch (meistens) herzensguten Einwohner werden vom bösen Smog bedroht – kann die Schwasie Zanna die Gefahr abwenden? Diese Urban Fantasy setzt vor allem auf schräge Wunder, einige echte Überraschungen und viel Action. Es ist zweifelsohne eine gute Geschichte, doch man sollte die Zielgruppe nicht aus den Augen verlieren – wäre ich wieder zwölf Jahre alt, gefiele sie mir sicher noch mal so gut.

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Titel: Un Lon Dun

Reihe: -

Original: Un Lun Dun (2007)

Autor: China Miéville

Übersetzer: Eva Bauche-Eppers

Verlag: Bastei-Lübbe (März 2008)

Seiten: 591-Broschiert

Titelbild: Arndt Drechsler

Innenillustrationen: China Miéville

ISBN-13: 978-3-404-20588-2

Erhältlich bei: Amazon

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zuletzt aktualisiert: 16.05.2019 10:52 | Users Online
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