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Schlangentanz

Autor: Christian Endres

Normalerweise war Kronn durstig wie ein Mantuabulle, wenn er abends in der Goldenen Laute einkehrte. Der Staub, den der warme Meereswind durch die Straßen und Gassen Saramees blies, klebte einem am Ende eines langen Tages im Freien förmlich am Gaumen und verlangte danach, mit Wetah oder Wein fortgespült zu werden.
Doch Kronns schaumgekrönter Krug stand unberührt vor dem massigen Söldner, der in einer Nische an der Nordwand der gut gefüllten Taverne saß. Überhaupt wurde dafür, dass so viele Männer anwesend waren, erstaunlich wenig gezecht, wie generell wenig gesprochen, geflüstert, gescherzt, gelacht, geprahlt oder gestritten wurde.
Kronn kannte diese lautlose Anspannung gut. Als man hier in der Laute früher noch die Grubenkämpfe hatte bestaunen können, war es ähnlich gewesen. Die Männer schienen sich ihre Emotionen für das aufzusparen, was gleich aus der Tür des Hinterzimmers zwischen Tresen und Treppe kommen würde. Ja, es war wirklich fast wie früher, diese Ruhe vor dem Sturm. Manchmal vermisste Kronn das blutige Spektakel in den Gruben, das Malv Porond abgeschafft hatte, kaum dass die Oktopustinte unter dem Kaufvertrag für die Goldene Laute getrocknet war.
Der Söldner warf einen Blick in Richtung Tresen, wo Malv sich mit einem Kaufmann unterhielt und sich zwischendurch immer wieder nervös die lederne Augenklappe rieb.
Eines musste man dem alten Veteranen ja zu Gute halten: Er hatte immerhin für einen Ausgleich, eine neue Attraktion gesorgt.
In diesem Moment verstummte auch der letzte Redner im Schankraum. Kronn reagierte auf die Stille, indem er seinen Blick nach rechts gleiten ließ.
Die Tür zum Hinterzimmer öffnete sich, und heraus trat eine Göttin.
Kronn und die anderen Männer starrten gebannt auf die schlanke Frauengestalt, die wie eine sinnliche Verführerin aus fremden Sphären jenseits der Gestirne aus dem Dunkel der Ewigkeit schritt und von innen heraus zu strahlen schien. Am Leib trug sie nur ein blaugrünes Etwas, das mehr von ihren Reizen und ihrer ungewöhnlich hellen Haut zeigte und diese betonte als dass es tatsächlich etwas verbarg. Dennoch sah man nur wenig von dem zarten Sahneschimmern, da eine große, oliv-braun gemusterte Riesenschlange vieles bedeckte – die Schöne trug das mehr als armdicke Reptil einmal um die schmale Hüfte gewunden und wie eine Boa um die zarten Schultern geschlungen. Der Kopf der Schlange schmiegte sich in die Hand der jungen Frau, gleiches galt für ihren Schwanz auf der anderen Seite.
So schritt die hellhäutige Göttin bis zu einem Tisch in der Schankraummitte. Grazil stieg sie über einen Stuhl auf die Tischplatte und verharrte dort in völliger Regungslosigkeit, angestarrt von einem wilden Haufen, der sich gierig die Lippen leckte.
Dann begann es mit der Heftigkeit eines Hitzegewitters.
Irgendwo aus dem Hinterzimmer ertönte ein Trommeln und Rasseln, als zwei Glisk ihre Instrumente in die Klauenhände nahmen und für den Rhythmus sorgten, zu dem die blasse Tänzerin und ihre schuppige Gefährtin die Meute in der Laute in ihren Bann zogen.
Wie jeden Abend dauerte es nicht lange, bis die Männer voller Begierde jede Bewegung der Schönen zu inhalieren schienen; bis der Tanz auch die letzten erhitzten Sinne schneller raubte als dieses elende Cakura, das kürzlich aus dem Drogensumpf der Stadt hervorgekommen war.
Auch Kronn, der auf seinen Reisen so manch einen exotischen Tanz gesehen hatte, erlag der Faszination der fließenden Bewegungen, dem Züngeln der sich träge windenden Riesenschlange und dem sündigen Spiel der schummrigen Tavernenbeleuchtung auf blasser, schweißglänzender Haut.
Die Glisk-Musik aus dem Hinterzimmer wurde derweil immer lauter und schneller, während sich die Bewegungen der Frau im gleichen Maße steigerten und dem neuen Rhythmus anpassten.
Schließlich kam das Finale. Die Schönheit ging zu Boden, ließ sich auf den Rücken fallen, blieb ein paar Augenblicke ausgestreckt liegen und ließ die große Schlange über ihren Körper kriechen, bis die beiden Glisk wie Dschungelgeister aus dem Hinterzimmer traten – niemandem war aufgefallen, dass die Musik verstummt war. Einer der Musikanten nahm die Schlange respektvoll an sich und trug sie davon, während der andere der jungen Frau auf die Füße half und sie ins Hinterzimmer führte.
Malv stellte sich sogleich mit einem Knüppel vor die Tür. Sein verbliebenes Auge funkelte die versammelten Männer herausfordernd an.
Für ein paar Sekunden herrschte Schweigen im Schankraum.
Dann hob irgendwo im Getümmel jemand die Stimme.
„Teufelsweib! Großartige Frau. Wirt! Wetah für alle!“
Malv lächelte das grimmige Veteranenlächeln unzähliger Schlachten, ehe er sich wieder hinter seinen Ebenholzschanktisch wuchtete und mit dem Ausschenken begann …

~~~

„Sag das noch mal!“
Marek seufzte genervt. „Ich möchte dich engagieren, Argus.“
„Hast du wieder mal den Schlüssel zur Latrine verloren?“
„Ich kann auch zu einem anderen gehen, wenn du …“
„Nein, nein!“ Argus Panoptes’ sehnige Hand schoss wie eine Sumpfnatter über den Tresen und hielt Mareks Schürze fest, als der Wirt des Einarmigen Gauklers Anstalten machte, sich demonstrativ abzuwenden. Die letzten Tage waren kein Zuckerschlecken für den hageren Ermittler gewesen. Dementsprechend war Argus für jeden Auftrag dankbar – selbst wenn er von Marek, seinem Vermieter und Freund, kam. „Worum geht’s?“
„Ich spreche für den Zirkel der Zapfhähne. Wir … was?“
Argus zog schmunzelnd die Augenbrauen hoch.
„Zirkel der Zapfhähne?“, echote er belustigt.
Marek wirkte verlegen. „Wir haben keinen besseren Namen gefunden. Bis jetzt. Aber wir brauchen im Moment auch erst mal etwas …“
„Wir?“, hakte Argus interessiert nach.
„Willst du nur blöde Fragen stellen?“, schnappte der Wirt gereizt.
Fragenstellen ist mein Beruf“, versetzte Argus ernst. „Deshalb möchtest du meine Dienste in Anspruch nehmen. Schon vergessen?“
Marek atmete tief durch. „Wir sind ungefähr zwanzig Wirte, quer über die Stadt verteilt. Einmal die Woche treffen wir uns und besprechen … Geschäftliches.“ Argus verzichtete darauf, Marek darauf hinzuweisen, dass der Stadtrat Preisabsprachen und dergleichen eigentlich verbot. Marek erklärte unterdessen: „Es geht um Malv Porond, der …“
„… die Goldene Laute übernommen hat, nachdem Pajus mit seiner Tochter und dem Löwen durchs Portal abgedampft ist, ich weiß“, schloss Argus müde. „Pfeifen die Parcelas von den Dächern. Erzähl mir was Neues.“
Der Wirt des Gauklers nickte ein klein wenig beeindruckt.
„Vielleicht bist du doch gar nicht so schlecht“, überlegte er laut.
„Danke.“ Argus lächelte säuerlich. „Was ist nun mit Malv?“
Marek senkte die Stimme, als er dem blassen Ermittler in der Folge das Problem seines einäugigen Zunftkollegen erläuterte.
„Du wirst wohl bereits wissen, dass in der Laute keine Grubenkämpfe mehr stattfinden.“ Marek ignorierte Argus’ selbstgefälliges Nicken. „Als Ausgleich hat Malv vor gut zwei Wochen endlich eine junge Frau angestellt, die abends einen Schlangentanz aufführt. Hübsches Ding, ich hab sie einmal gesehen, als wir den Zirkel bei Malv ausgerichtet haben. Hat sich inzwischen auch rumgesprochen, dass sie ziemlich ansehnlich ist.“ Mareks Blick schweifte kurz ins Leere. „Das Mädchen ist verschwunden“, sagte er dann. „Von einen Tag auf den anderen einfach nicht mehr gekommen. Malv weiß nicht, wo sie wohnt, aber er glaubt nicht, dass sie bloß aus einer Laune heraus nicht mehr zu ihm kommt. Er fürchtet, dass der Kleinen etwas zugestoßen ist. Schöne Frauen und Saramee – bekanntlich eine ganz eigene Geschichte.“ Marek schüttelte bedauernd den Kopf. „Könntest du mal schauen, ob du was herausfindest? Ihr Name ist Asira.“
„Schwierig. Aber ich hör mich mal um“, versprach Argus.
Marek wirkte zufrieden und seltsam erleichtert.
Er füllte einen Krug mit Wetah und stellte ihn vor Argus.
„Der geht aufs Haus.“ Marek sah Argus bedeutungsschwer an. „Finde das Mädchen, und du wirst in dieser Stadt niemals mehr Durst leiden.“
Argus prostete Marek in gespieltem Entzücken zu.
„Das nenne ich einen Anreiz, alter Freund …“

~~~

„Ein Mädchen mit einer Schlange? Das kann nur Asira sein.“
Argus setzte sich kerzengerade auf.
Ein Bluthund, der Witterung aufnimmt, dachte Candra, die Besitzerin des Haus der Blüte. Sie und Argus saßen in Candras großer Zimmerflucht im Freudenhaus am Rand des Neuen Basars. Auf einem Tischchen zwischen ihnen stand süßer Tee, daneben ein Korb mit roten Dschungelbeeren.
„Weißt du, wo ich sie finde?“ Argus klang angespannt.
Candra schüttelte den Kopf und musterte Argus über den Rand ihrer Tasse hinweg. Es war erstaunlich, wie dieser Mann all seinen gut verborgenen Schmerz und all seine dunklen Gedanken zur Seite schieben konnte, wenn er eine Spur hatte. Erstaunlich und … traurig.
„Asira war nicht lange bei uns. Sie kam geradewegs aus dem Imperium. Dort hatte sie Probleme – frag mich nicht, welche, ich weiß es nicht.“ Die alternde Freudenhausbesitzerin zuckte mit den Schultern. „Sie hat einen tollen Körper. Ihre Haut hat noch nicht lange die hiesige Sonne gespürt. Das machte sie bei den reichen Herren begehrt.“ Sie seufzte. „Schade, dass sie sich nicht von ihrem Schoßtierchen trennen konnte.“
„Die Schlange.“ Argus nickte wissend.
„Die Schlange, genau. Die anderen Mädchen hatten Angst vor dem Tier. Fürchteten, sie könnte aus Asiras Zimmer kriechen und sie nachts erwürgen. Und die Freier, die zu Asira kamen, liebten zwar ihre helle Haut und ihre wunderbare Figur und ihr helles Haar, aber … manch einer stört sich daran, wenn er nicht die größte Schlange im Raum hat, wenn du verstehst?“ Ein flüchtiges Grinsen huschte über Argus’ Raubvogelgesicht, machte aber sofort wieder einem wissbegierigen Ausdruck Platz.
„Hast du eine Ahnung, wo sie jetzt sein könnte?“
„Nein. Was meint denn Malv? Bei ihm müsste sie jetzt schon länger sein als bei mir und den Mädchen damals …“
Argus wirkte erstaunt. „Du kennst das Einauge?“
Candra sah Argus unverwandt an. „Ein paar Geheimnisse musst du mir und meinen Kunden schon lassen, mein Lieber …“
Argus nickte widerwillig, ehe er sich von Candra zum Eingang einen Stock tiefer begleiten ließ. Chemlan, der breitschultrige Türsteher, lehnte im Türrahmen und beobachtete die bunte Schar der vorbeiziehenden Passanten. Egal ob Mensch, Glisk, Adyra oder Jinjend – für Chemlan war jeder verdächtig, den er nicht kannte und der sich dem Haus der Blüte näherte.
„Sei vorsichtig, mein Lieber. Wer weiß, mit wem Asira sich eingelassen hat.“ Candra hauchte Argus einen Kuss auf die Wange. „Oder welche Probleme ihr aus dem Imperium hierher gefolgt sind.“
„Asira?“, fragte Chemlan neugierig.
Argus sah Chemlan misstrauisch an. „Was weißt du, Dicker?“
Chemlan bedachte Argus seinerseits mit einem geringschätzigen Blick.
„Nichts, Dürrer. Nur, dass unser aller Freund und Helfer Bofacht ein Auge auf sie geworfen haben soll, wenn man den Gerüchten glaubt.“
Argus und Candra tauschten einen Blick.
Candra sah die Entschlossenheit in Argus Augen.
„Sei vorsichtig“, mahnte sie noch einmal.

~~~

Die Spur zu Bofacht verlief im Sand. Der ebenso mächtige wie skrupellose Alleshändler befand sich derzeit in Kantras, um diverse Geschäftsbeziehungen zu pflegen und, wie man munkelte, eine pikante familiäre Angelegenheit zu klären. Es hatte Argus einige Krüge Wetah und auch einige Cil gekostet, diese für ihn nutzlose Neuigkeit einzuholen und bestätigen zu lassen, ohne dass es ihn und seine Ermittlung irgendwie weiter gebracht hätte.
Entsprechend frustriert schleppte der hagere Ermittler sich am nächsten Morgen in den Schankraum des Gauklers.
Anstelle eines Frühstücks wartete dort allerdings ein wissbegieriger Auftraggeber und Wirt in Personalunion.
„Hast du schon eine Spur?“, fragte Marek und ignorierte Argus’ hungrigen Gesichtsausdruck, der förmlich um ein Frühstück bettelte.
„Nein.“ Argus seufzte. „Sklavenhändler, Zuhälter, Bordelle, Stadtwache, Lumpensammler, Hafenarbeiter – nirgends auch nur ein Hinweis. Krieg ich trotzdem mein Frühstück?“
Marek baute sich hinter dem Tresen auf. „Verplemperst du mein Geld, Panoptes?“, fragte der dicke Wirt misstrauisch.
„Das muss ich mir nicht antun.“ Argus glitt wie eine Schlange vom Hocker. „Behalt deinen Käse! Da hol ich mir bei Bolter lieber ein paar Echsenschwänze, bevor ich mir hier deine Unversch…“
Und plötzlich fiel es Argus wie Schuppen von den Augen …

~~~

Bolter betrieb einen Grillstand mit gebratenen Leckereien in der nach seinem stadtbekannten Delikatessenstand benannten Bratengasse. Sein Geschäft lief gut im Moment – was vor allem an den Mefungiern lag, religiösen Eiferern aus einem Kloster in den Bergen, die einmal im Jahr in die Stadt pilgerten, um im Dschungel den primitiven Schreinen ihres Echsengottes zu huldigen. Nebenbei huldigten sie auch Bolters Leckereien, der für sie in dieser heißen Zeit des Jahres extra ein paar Eidechsenschwänze auf seinen berüchtigten Grillrost warf, sodass die exotischen Frömmler sich mit den Wesen ihres Gottes vereinigen konnten.
Argus fragte sich ernsthaft, wieso er nicht eher darauf gekommen war. Auf der einen Seite eine religiöse Spinnertruppe von Echsenliebhabern, die sich den Kopf kahl rasierten und Schlangenschuppen auf den Schädel tätowierten – auf der anderen Seite eine verschwundene Schlangentänzerin.
Es war noch keine ganze Woche her, dass ein Freundschaftsdienst Argus und den alten Bolter zusammengeführt hatte. Folglich war es ein Leichtes, von Bolter eine kurze Wegbeschreibung zum beliebtesten Schrein des namenlosen Echsengottes im Dschungel zu bekommen, an denen sich die Mefungier für gewöhnlich bis zum Abend aufhielten.
„Frisch ans Werk, Panoptes“, murmelte Argus und bahnte sich mit spitzen Ellenbogen einen Weg zum östlichen Stadttor …

~~~

Argus hatte keine guten Erinnerungen an halb überwucherte Trampelpfade, die wie grüne Tunnel tief in die Eingeweide des Dschungels führten.
Zum Glück hatten die Mefungier durch ihre tägliche Pilgerfahrt einen Weg geschaffen, dem der Ermittler ohne große Mühe folgen konnte.
Argus musste auch nur eine knappe Stunde marschieren, ehe er an den Ort des Geschehens kam: Plötzlich tauchte eine kleine Lichtung vor ihm im Dschungel auf. An deren Ende thronte eine große, grob behauene Steinstatue, die vage an eine Kröte oder einen Frosch erinnerte. Vor diesem wenig ansehnlichen Schrein lag ein kleiner Tümpel mit grün schimmerndem Wasser, der von großen, flachen Steinen umgeben war.
Ein Dutzend Anhänger des Echsengottes hatten sich im Halbkreis um einen jener glatten Steine versammelt, der wie eine natürliche Rampe mit polierter schwarzer Oberfläche ins Wasser ragte.
Auf diesem Stein räkelte sich eine hübsche junge Frau mit heller Haut und hellen Haaren, notdürftig bedeckt von einem grünlichen Fetzen Stoff. Eine riesige Schlange kroch züngelnd über ihren sündig schönen Körper, was die Mefungier regelrecht zu entzücken schien, wenn Argus das aufgeregte Gemurmel der Glatzköpfe richtig deutete.
Der Ermittler duckte sich wieder hinter den Palmstrauch.
Und jetzt, Panoptes?
Der Ermittler dachte an das Mädchen in den Fängen der religiösen Spinner. An lebenslangen Wetah. Und die Dankbarkeit einer Schönheit wie Asira. Schließlich fällte Argus eine Entscheidung.
Er zog sein Schwert und verließ seine Deckung.
„Also gut, ihr Echsenfresser, alle schön ruhig bleiben!“
Die Mefungier fuhren wie ein Mann herum, als Argus zwischen den Büschen und Bäumen hervor trat. Die Anhänger des Echsengottes wichen vor dem blassen Ermittler zurück. Innerlich seufzte Argus erleichtert. Nach seinem ersten Zusammenstoß mit den Mefungiern hatte er darauf gebaut, dass sie sich auch im Kollektiv und außerhalb der Stadt nicht wehren und an ihrem religiösen Pazifismus festhalten würden. Also trat er mit erhobenem Schwert auf die Mefungier zu.
„Halt! Halt! Was soll denn das?“
Die blonde Schönheit war inzwischen aufgesprungen, hängte sich die Schlange über die Schultern und trat Argus mit ausgestreckten Armen, in denen sie Kopf und Schwanzspitze des Reptils hielt, in den Weg.
Argus’ Blick huschte über die Reize der blassen Frau.
„Malv schickt mich“, erklärte er. „Er macht sich Sorgen.“
Das hübsche Gesicht der Tänzerin verzerrte sich. „Ja?“, fragte sie gehässig. „Hat er Angst, dass er zu wenig Wetah ausschenkt, weil nicht genug geile Böcke kommen, um mir auf den Arsch zu starren?“
Argus merkte, wie ihm die Situation entglitt.
„Du bist freiwillig hier, oder?“ Es war keine Frage.
„Was denn sonst?“ Asira lachte abfällig. „Dachtet Ihr, ich wurde entführt und als Opfer für irgendeinen Gott in den Dschungel geschleppt?“
Argus biss sich auf die Unterlippe.
Betont langsam schob er das Kurzschwert zurück in die Scheide.
„Ihr seid also freiwillig hier.“ Der Ermittler lächelte freudlos.
„Warum?“, fragte er nach ein paar Augenblicken matt.
Asira versuchte, trotz des Gewichts der Schlange auf ihren Schultern mit selbigen zu zucken. Ihr Kopf deutete auf die Mefungier hinter ihr und Argus. „Ich fühle mich wohl bei ihnen. Sie denken, dass ich eine besondere Frau bin, weil ich zu den Schlangen spreche.“
Sie schwenkte den Arm, bis die Hand, die den Kopf der Würgeschlange stützte, direkt auf Höhe ihres Gesichts war und die Schlange Asira zischelnd mit der Zunge über Nase und Augen tastete.
Argus fühlte sich von dieser Vertraulichkeit zwischen der schönen jungen Frau und dem einschüchternden Reptil zugleich angezogen und abgestoßen. Aber wer war er schon, um sich ein Urteil zu erlauben?
„Ihr wollt also hier bleiben?“
Asira nickte. „Sie verehren mich. Sie respektieren Sarica und fürchten sie nicht. Wenn ich für sie tanze, erfüllt sie das mit Ehrfurcht und Zufriedenheit. Sie sehen die wahre Schönheit meines Tanzes.“
„Was, wenn sie wieder in die Berge zurückgehen?“
„Ich gehe mit ihnen. Ihr Kloster soll gut verborgen sein.“
„Ihr versteht nicht einmal Ihre Sprache“, gab Argus zu bedenken – seine letzte Trumpfkarte.
Wieder hob Asira den Kopf der Schlange – diesmal jedoch so, dass das Reptil Argus direkt in die Augen schauen konnte. „Sie spricht auch eine andere Sprache als ich. Trotzdem verstehen wir uns blendend“, meinte Asira außerdem bedeutungsschwer.
Argus sah der riesigen Schlange lange in die dunklen Augen.
Sssssssss ….
„Alles Gute“, sagte der Ermittler irgendwann mit gedämpfter Stimme, ging langsam rückwärts und verschmolz wie ein grauer Geist mit den Schatten des Waldes.

~~~

Später würde Argus Marek erzählen, dass Bolter ihn auf eine falsche Fährte geführt hatte und Asira wohl längst die Stadt verlassen habe.
Einige Wochen später, als Saramee die Erinnerungen an die betörende Schönheit bis auf ein paar flüchtige Träume hier und da schon fast vergessen hatte, kam auf einem großen Segelschiff aus dem Imperium ein Fremder in die Stadt der Vertriebenen und fragte überall nach einer wunderschönen Frau mit einer großen Schlange. Irgendwann kam er auch in den Einarmigen Gaukler und setzte sich neben Argus und einen anderen Gast an den Tresen.
„Gibt sich als Tänzerin aus“, knurrte der ganz in Schwarz gekleidete Mann mit dem schweren Dialekt von jenseits des Meeres. „Politische Auftragsmörderin. Hat drei Minister umgebracht. Hohes Kopfgeld. Na?“
„Nie gesehen“, brummte Argus in seinen Krug und trank ihn leer, bevor er Marek – mit einem wissenden, traurigen Lächeln – ein paar Cil über den Tresen zuschob.
Insgeheim dachte der Ermittler an eine schöne Schlangengöttin, die das perfekte Versteck für sich und all ihre Künste gefunden hatte.
Und hoffentlich auch ihren Frieden.

– ENDE –

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taverne/kurzgeschichten/schlangentanz.txt · Zuletzt geändert: 05.03.2016 21:14 (Externe Bearbeitung)