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Der Bratengott

erschienen in der Anthologie In den Gassen von Saramee
Autor: Christian Endres

sowie in der eBook-Reihe Geschichten aus Saramee Band 4: Der Bratengott













Protagonisten

Marktplatz

Buch

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eBook

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Der Bratengott

So weit Argus wusste, gab es in diesem wie im nächsten Leben keine Orden für Barmherzigkeit und ritterliches Verhalten – erst recht nicht in einer Stadt wie Saramee. Dabei war es dem hageren Ermittler völlig egal, was die unzähligen Priester, Prediger und Propheten, die man tagsüber an jeder halbwegs belebten Straßenecke antraf, ohne Unterlass und aus dem Brustton der Überzeugung heraus über ein Leben voll guter Taten und eine spätere Belohnung in ganz und gar himmlischen Sphären verkündeten.
Argus war ungeachtet der feurigen Reden und flammenden Manifeste dieser selbsternannten Frömmler fest davon überzeugt, dass ein Mann niemals umsonst arbeiten sollte. Wenn man vorübergehend schon keinen Auftrag ergattern konnte, dann war es seiner Einschätzung nach das Sinnvollste, sich einfach in eine stille Ecke zu setzen, die Füße hochzulegen und einen Krug Wetah zu genießen, bis die Lage durch die Launen des Schicksals von sich aus eine Besserung erfuhr und man wieder im Geschäft war, um nach dieser kurzen Pause dann eben wieder das zu tun, was man am besten konnte – gegen eine angemessene Entlohnung, versteht sich.
Zu seinem Bedauern brachte Argus’ Profession es immer wieder mit sich, dass er hie und da ein leichtfertiges Versprechen geben und sich auf manch einen krummen Handel einlassen musste, auf Grundlage dessen sich einzelne Personen immer wieder erdreisten konnten, später an ihn heranzutreten und eine Gegenleistung für frühere Gefälligkeiten oder Informationen zu fordern – ohne dass eine angemessene Entlohnung in Aussicht stand.
Oh, wie Argus diese Parasiten hasste! Erst recht natürlich, wenn er sich so wie im Fall des alten Bolter nun, der ihn in einer knappen Nachricht darum gebeten hatte, ihn an seinem Stand in der Stadtmitte zu besuchen, nicht einmal mehr genau daran erinnern konnte, was für ein Gefallen das überhaupt gewesen war, für den da nun plötzlich ein Ausgleich gefordert wurde.
Unglücklicherweise trieb irgendein nebulöser Gesprächsfetzen gerade noch nahe genug an Argus’ Erinnerungsvermögen vorbei, um die Bitte des alten Mannes nicht einfach mit einem Schulterzucken abzutun.
Außerdem hatte Bolter einen nicht zu unterschätzenden Vorteil auf seiner Seite, der es Argus ohnehin schwer gemacht hätte, dem alten Mistkerl einen Wunsch abzuschlagen und nicht wenigstens einmal kurz bei ihm vorbeizuschauen: Gebratene, heiße, fettige, knusprige Köstlichkeiten.
Schon seit ewigen Zeiten betrieb der alte Bolter am Rand eines der vielen öffentlichen Brunnenplätze im Zentrum der Stadt einen kleinen Stand, wo er gegrillte Leckereien aller Art verkaufte. Vom Parcelaflügelchen bis zur Mantuarippe fand man alles auf Bolters Grill – einem ofenartigen Konstrukt aus drei großen Steinblöcken, dreizehn dünnen Eisenstangen und einigen braun gestrichenen Holzlatten –, solange es sich nur braten oder garen ließ.
Die Gasse, deren engen Zugang Bolter mit seinem Stand und den dort feilgebotenen Mahlzeiten für Zwischendurch einnahm, war nicht einmal zwei Meter breit und im Grunde nicht mehr als der naturgegebene Abstand zwischen den beiden zweistöckigen Häusern links und rechts daneben. Da es sich obendrein um eine Sackgasse handelte und Bolter mit seinem Gewerbe seit mehr als zwanzig Jahren Anspruch auf den Platz erhob, kannte man das Gässlein schon seit Jahren nur noch als Bratengasse.
Bereits von Weitem erspähte Argus den kleinen Stand mit seinem weißhaarigen Besitzer.
Als er schließlich auf knapp zehn Meter herangekommen war, stieg ihm auch schon das unverkennbar-köstliche Aroma von heißem Fett und gebratenem Fleisch in die Nase, das wie eine Wolke über dem Platz hing. Der alte Bolter erkannte Argus nur wenige Augenblicke später und winkte dem Ermittler mit einer langen Metallzange zu, die gleichermaßen dem Umdrehen seiner fettigen Spezialitäten wie dem Vertreiben von Fliegen und Käfern diente - und die, vorausgesetzt, dass er sie kurz zuvor in heißes Fett getaucht hatte, auch als Waffe nicht gänzlich ungeeignet war.
Die Morgensonne stand zu dieser frühen Stunde noch recht tief und lugte wie das monströse Auge eines Gottes in den schmalen Spalt zwischen den Häusern, sodass Argus, als er die Hälfte der Distanz zwischen sich und Bolters Stand überwunden hatte, den Kopf ein wenig zur Seite drehen musste, um dem starrenden Blick der Sonne zu entgehen.
Genau in dem Moment aber, da er den Kopf abwandte, glaubte er aus den Augenwinkeln heraus ein Blitzen über der Bratengasse wahrzunehmen – als er allerdings noch einmal neugierig in die Sonne blinzelte, sah er nichts weiter als das blutige Rot des monströsen Götterauges.
Und spätestens als er im nächsten Augenblick auch noch gegen ein keuchendes Hindernis prallte, war das Aufblitzen vergessen.
Erschrocken wich Argus vor der schlanken Gestalt zurück, mit der er zusammengestoßen war – einem dürren, glatzköpfigen Mann mittleren Alters, der eine grüne Tunika trug und dessen kahlgeschorener Kopf von einem wirren Muster schuppenartiger Tätowierungen geziert wurde, während in jedem seiner Ohren mindestens fünf kleine Silberringe baumelten.
Argus entspannte sich ein wenig, als der seltsam gekleidete Fremde kein Anzeichen von Aggression an den Tag legte und stattdessen die Augen niederschlug, die Handflächen mit den Fingerspitzen nach oben auf Höhe der Brust aneinander presste und sich mehrmals entschuldigend in Argus’ Richtung verneigte. Der Ermittler spähte über die Schulter des Mannes und sah, dass hinter dem Kerl noch mehr als ein Dutzend Männer und Frauen vor dem großen Brunnen standen, die wie sein Gegenüber eine steife Tunika aus raschelndem grünen Stoff an ihrem knochigen Leib und eine Schlangenhautmuster-Tätowierung auf ihrem rasierten Schädel spazieren trugen.
Ein älterer Mann aus ihrer Mitte, der zusätzlich ein großes, goldenes Schlangenkopf-Amulett an einer Kette um den Hals trug, kletterte auf den steinernen Rand des Brunnens und bereitete sich auf eine Ansprache vor.
Argus nickte dem seltsamen Fremden unverbindlich zu, schob sich an ihm und seinen kahlen Ebenbildern vorbei und erreichte endlich Bolters Stand, wo er sofort von leckerem Bratenduft umfangen wurde.
Der alte Händler mit dem immer lichter werdenden weißen Haar strahlte über das ganze vor Schweiß und Fett glänzende Gesicht.
»Argus! Danke, dass du so schnell kommen konntest.«
»Deine Nachricht hat ja auch ziemlich dringend geklungen, alter Knabe«, erwiderte Argus umständlich, nur um mit einem zweideutigen Lächeln hinzuzufügen: »Und schließlich schulde ich dir was, oder?«
Marek hätte Argus, insofern er Zeuge dieser Heuchelei geworden wäre, sicherlich wieder einen seiner Vorträge darüber gehalten, wie tief Argus doch gesunken sein musste, wenn er jetzt schon einen harmlosen alten Mann das Blaue vom Himmel herunter log, solange nur die Aussicht auf eine möglichst heiße, fettige Gratismahlzeit bestand. Argus für seinen Teil hatte damit keine Probleme. Bolters gegrillte Leckereien standen schließlich in dem Ruf, die schnellste und billigste Delikatesse des einfachen Mannes zu sein – und er war bei Weitem nicht der einzige mehr oder minder brave Bürger Saramees, der eine Schwäche für Bolters deftige Mahlzeiten aus dem schattigen Schlund der sagenumwobenen Bratengasse hatte.
»Ja, das ist wahr«, gestand Bolter indes mit traurigem Lächeln, nur um gleich darauf etwas munterer hinzuzufügen: »Aber wenigstens habe ich zur Zeit einen ganz ordentlichen Umsatz.« Er deutete auf die Meute grüngewandeter Glatzköpfe, die sich mittlerweile in einen Halbkreis um den Brunnen und ihren Oberglatzkopf mit dem Schlangen-Amulett aufgestellt hatten. »Mefungier«, erklärte Bolter leutselig, als er Argus’ verwirrten Gesichtsausdruck bemerkte. »Leben in einem versteckten Kloster in den Bergen. Einmal im Jahr verlassen sie ihr Tal und pilgern nach Saramee, wo irgendwo im Dschungel ein Schrein ihres Echsengottes steht – oder so was in der Art.« Der alte Mann zuckte mit den Schultern. »Wie auch immer … jedenfalls stehen sie auf gebratene Eidechsenschwänze, je fettiger desto besser.«
»Eidechsenschwänze?«, echote Argus ungläubig, da man selbst als hartgesottener Sarameer solche kulinarischen Extravaganzen sonst nur von den Glisk oder den Jinjend in den entsprechenden Vierteln gewohnt war.
Erneut zuckte Bolter mit den Schultern. »Schmecken gebraten gar nicht mal so schlecht. Knuspriger als Parcelafleisch, aber auch saftiger als Margerippchen, wenn du mich fragst. Ein paar Vorurteile weniger und ein oder zwei angesehene Vorreiter, und das Zeug wäre die Delikatesse beim Adel.«
»Du hast so ein Ding gegessen?« Argus besann sich schnell eines Besseren, als Bolter schon Luft holte und zu einer Antwort ansetzen wollte. »Schon gut, schon gut! Ich will es gar nicht so genau wissen.«
Der Händler fügte sich lächelnd Argus’ Wunsch und verzichtete auf weitere Ausführungen. »Ein bisschen komisch ist es ja schon«, räumte er außerdem ein. »So weit ich weiß, verehren die Mefungier nicht nur ihren Echsengott, sondern auch jeden seiner Sprösslinge: Eidechsen, Schlangen, Frösche, Salamander – und trotzdem futtern sie die Schwänze der Viecher.«
»Wäre ja nicht die erste religiöse Spinnertruppe mit Hang zum Kannibalismus«, warf Argus glattzüngig ein, doch schüttele Bolter sofort den Kopf.
»Das ist es nicht. Ich habe mir sagen lassen, dass sie es als Geschenk ihres Gottes sehen, dass viele seiner kriechenden Schöpfungen ihr Hinterteil abwerfen können – als Aufforderung zur Vereinigung zwischen Mensch und Reptil. Wahrscheinlich glauben unsere Freunde dort drüben, ihrem Gott näher zu kommen, wenn sie einen Teil von ihm verspeisen.« Wieder schüttelte er den Kopf. »Dabei sollte ihnen doch klar sein, dass es einem alten Mann wie mir nicht möglich sein dürfte, just an den Tagen, da sie unangemeldet in die Stadt platzen, vier Dutzend Echsen für meinen Grill zu finden, die auch noch genau zu diesem Zeitpunkt ihren Schwanz abwerfen.«
Nun zuckte Argus unter seinem mausgrauen Umhang mit den Schultern.
»Echsenpriester und Froschpropheten sind wohl auch nur falsche Nattern, schätze ich.«
»Na, ich weiß nicht. Vielleicht halten sie es ja auch einfach nur für ein Wunder ihres Gottes«, bemühte Bolter sich um eine etwas weniger zynische Einschätzung seiner exotischen Kundschaft aus den Bergen.
»Wieso haben diese Echsenfresser, wenn sie schon auf Pilgerfahrt sind, eigentlich keine Fastenzeit einzuhalten?«, fragte Argus mit einem interessierten Blick auf die vermeintlichen Köstlichkeiten auf Bolters Grillrost, die einiges von ihrer Appetitlichkeit eingebüßt hatten, seit der blasse Ermittler mehr über Herkunft und Ursprung der fragwürdigen Leckereien wusste.
»Bei ihnen gibt es keine Fastenzeit«, erwiderte Bolter und drehte nacheinander sorgfältig ein halbes Dutzend Echsenschwänze mit der Zange um, was den Flammen unter dem fettstarrenden Metallrost ein gieriges Fauchen abrang. »Aber die Mefungier wären trotzdem nichts für dich, schätze ich.«
»Wieso nicht?« Diese Aussage überraschte Argus nun doch – schließlich hatte er sich vor kurzem erst vorgenommen, etwas mehr Gottesfurcht an den Tag zu legen, und sich seitdem tatsächlich sporadisch immer wieder mal nach einer für ihn geeigneten Konfession umgesehen.
»Du wirst an deiner Haarpracht hängen, nehme ich an?«
Wie von selbst wanderte Argus’ sehnige Hand zu seinem Kopf. Zwar neigte sein Haar besonders während der Trockenzeit zur Widerspenstigkeit, doch war es dem Ermittler dennoch lieb und teuer.
»Ihr Gott schreibt ihnen vor, dass sie sich Haare abrasieren müssen?«
Wieder nickte Bolter bestätigend.
»Und nicht nur das«, fügte er nach einer geschickt gewählten Pause hinzu, während er mit der fettigen Zange scheinbar zufällig auf Argus’ Unterleib deutete. »Wenn du verstehst?«
»Uh … Ja, ich verstehe«, entgegnete Argus reserviert, während seine andere Hand sich wie von selbst mit dem Daumen hinter seine Gürtelschnalle schob und die restlichen Finger gewisse Bereiche wenige Zoll unterhalb der Schnalle abzudecken versuchten.
»Ein Mann wie eine Statue«, kommentierte Bolter Argus’ verkrampfte Haltung amüsiert und deutete nun mit der Zange auf die spitz zulaufenden Eidechsenhinterteile, die in einer sauberen Reihe auf dem Rost lagen. »Die ersten dürften gleich fertig sein. Kann ich dir etwas anbieten, mein Freund?«
Ein peinlich berührter Argus zog beide Hände übertrieben langsam zurück. »Ich arbeite zwar nur ungern mit leerem Magen, aber …« Sein Kinn ruckte vielsagend in Richtung der Reptilienteile. »Wieso hast du mich überhaupt her gebeten, Bolter? Doch sicher nicht, um mit mir über Religionen zu philosophieren und dann eine Runde Echsenärsche auszugeben, oder?«
Bolters Gesichtsausdruck veränderte sich schlagartig. Mit einem Mal scheinbar von tiefer Traurigkeit erfüllt, schüttelte der alte Mann betrübt den Kopf und beugte sich über den Rost nach vorn, ohne der Hitze Beachtung zu schenken – die unzähligen Jahre hinter seinem Grillstand hatten ihn so resistent gegen die unangenehme Hitze werden lassen wie einen Schmied, der Tag für Tag mit dem lodernden Feuer seiner Esse arbeiten musste.
»Ich zweifle an meinem Verstand, Argus«, offenbarte Bolter dem Ermittler mit heiserer Flüsterstimme. »Ich … ich glaube, ich werde langsam verrückt. Völlig plemplem – wenn du weißt, was ich meine?«
Argus fragte sich, ob er selbst nicht auch wahnsinnig werden würde, wenn er Tag für Tag zehn bis zwölf Stunden Echsenschwänze für irgendwelche religiösen Eunuchen braten würde, behielt diesen Gedanken aber für sich. Bolter hatte ihm einst mit irgendeiner Information ausgeholfen und galt in diesem Viertel obendrein als so etwas wie eine Legende. Ein Rest Höflichkeit war da das Mindeste, was Argus ihm entgegenbringen konnte.
Außerdem hatte Bolter immer noch die große Metallzange in der Hand
– und wie schon erwähnt, waren die Mefungier mittlerweile doch nicht mehr ganz so interessant für Argus’ Suche nach einem passenden Glauben.
»Du übertreibst wahrscheinlich maßlos, Bolter«, versetzte er großzügig und trat einen Schritt zurück, um aus der Reichweite der Zange zu kommen. »Aber angenommen, dem wäre so – wie könnte ausgerechnet ich dir helfen?«
»Finde heraus, ob ich wirklich verrückt werde«, antwortete Bolter ohne lange zu überlegen und fügte ernst hinzu: »Dann binde ich mir einen Stein um den Hals und springe von einem Pier, und die Sache ist erledigt.«
»Mh. Und wie soll ich das herausfinden?« Je länger Bolter über die ganze Angelegenheit redete, desto leichtfertiger wollte Argus dem Verdacht des alten Mannes zustimmen. Scheinbar war Bolter wirklich nicht mehr ganz frisch im Oberstübchen. »Wieso glaubst du überhaupt, verrückt zu werden? Auf mich machst du keinen verrückteren Eindruck als sonst.«
Bolter nickte fahrig. »Danke. Aber … ach, am besten beginne ich von vorn.« Er sammelte sich kurz und wischte seine linke Hand an der fleckigen Lederschürze ab, die seinen Bauch und seine Beine vor heißen Fettspritzern schützen sollte. »Es hat vor knapp zwei Wochen angefangen. Du weißt ja, dass ich da hinten« – er deutete mit dem Daumen über die Schulter in die Sackgasse – »meine Vorratskisten immer halb im Erdreich eingrabe, um sie vor Hitze und Ungeziefer zu schützen. Zwei bis drei Mal pro Stunde muss ich meinen Stand verlassen, um aus diesen Kisten frisches Fleisch oder aus den Säcken dort an der Mauer Kohlen für den Grill zu holen. In der Zwischenzeit brutzelt meistens noch eine Ladung hier vorn auf dem Rost, damit ich keinen so großen Leerlauf habe.«
»Und wo ist das Problem? Das klingt alles ziemlich vernünftig für einen … für einen Delikatessen-Händler wie dich – und ganz und gar nicht nach der Vorgehensweise eines Verrückten.«
»Ja, so weit, so gut, sicher. Aber vor zwei Wochen hat es eben angefangen, mich verrückt zu machen!« Bolter sog nachdenklich an seiner Unterlippe, während er sich zwischenzeitlich wieder mit der Zange um die Eidechsenschwänze kümmerte. »Wenn ich seit dem von meinen Vorratskisten oder dem Abort hinten an der Mauer zurückkomme«, nahm er den Faden wieder auf, »fehlen immer wieder mal ein paar der Fleischstücke, die ich zuvor noch auf dem Rost habe liegen lassen und von denen ich mir sicher war, sie nicht weggenommen oder verkauft zu haben.« Er tippte sich an die Stirn. »Natürlich weiß ich, dass ich nicht mehr der jüngste bin und gerne mal was vergesse, und anfangs habe ich mich auch durchaus noch mit dem Gedanken abfinden können, dass sich vielleicht ein paar hungrige Straßenkinder, ja wegen mir sogar ein paar erfolglose Taschendiebe an meinem Stand bedienen – aber erstens hat sich die letzten dreiundzwanzig Jahren nie jemand einfach so bedient, und zweitens würde ein Dieb doch nicht regelmäßig und immer wieder zur selben Zeit vorbeischauen, oder? Ganz zu schweigen davon, dass man sich nur einmal ohne Zange und die nötige Erfahrung dem Rost und dem spritzenden Fett nähert …«
»Immer zur selben Zeit?«, hakte Argus interessiert nach.
»Oh ja!« Geschickt nahm Bolter nacheinander vier Echsenschwänze mit der Zange auf und bugsierte sie auf ein Holzbrett neben dem heißen Rost. »Echsenschwänze, heiß und fettig!«, rief er anschließend laut und klar, nur um dann wieder leiser zu Argus zu sagen: »Ich habe herausgefunden, dass die Leckereien immer zwischen der zweiten und vierten Stunde verschwinden, nachdem ich meinen Stand morgens in Betrieb genommen habe.«
»Das ist in der Tat ziemlich seltsam«, murmelte Argus halblaut vor sich hin. Er warf einen Blick zurück über die Schulter, wo auf dem Platz um den Brunnen neben den Mefungiern eine ganze Reihe Menschen, Glisk, Adyra und Jinjend unterwegs waren. »Ein ganz schön belebtes Plätzchen«, meinte er nach ein paar Augenblicken nachdenklich. »Kein guter Ort zum Stehlen.«
»Verstehst du nun, wieso ich an meinem Verstand zweifle?«
Argus nickte widerwillig. So wenig Lust er zuvor auch gehabt hatte, seine Schuld gegenüber Bolter zu begleichen – nun erkannte er, dass der alte Mann ihm nicht nur vertraute, sondern auch alle Hoffnung auf ihn und sein Können als Ermittler setzte. »Ich werde sehen, was ich tun kann«, versprach er deshalb aufrichtig. »Tu du einfach, was du sonst auch tust.«
Bolters zaghaftes Lächeln war voller Wärme und Dankbarkeit.
»Danke, Argus«, sagte er ernst. »Du bist ein echter Freund.«
Das bin ich wohl, sinnierte Argus freudlos, als er sich von Bolters Grillstand abwandte und auf die andere Seite des Brunnenplatzes zurückzog.

~~~

Argus ignorierte das monotone Gesumme der Mefungier, die sich um den Brunnen versammelt hatten und ihr kollektives Morgengebet sprachen, wich einem schwer beladenen, schnaubenden Karrial aus und bezog unter dem grünweiß-gestreiften Sonnensegel eines Obstladens schräg gegenüber von Bolters Grillstand Position, wo er sich gegen die raue Hauswand lehnte und mit der morgendlichen Szenerie des Brunnenplatzes verschmolz.
Erst aus dieser Perspektive wurde Argus bewusst, wie einsam, verloren und zerbrechlich der in die Jahre gekommene Bolter hinter seinem Stand an der Schwelle zu seinem kleinen Schattenreich wirkte.
Dennoch konnte auch Argus sich nur schwer vorstellen, dass ein echter Dieb, der etwas auf seinen Ruf – und seine Freiheit – gab, so dreist oder so dumm sein würde, Bolter täglich etwas vom Grill zu stibitzen. Wurde der alte Mann also doch langsam verrückt? Forderten zwanzig Jahre in Hitze und einer ewigen Wolke aus Fettgeruch und den Ausdünstungen vor sich hin bratender Echsenschwänze langsam aber sicher ihren Tribut?
Gib ihm eine Chance, forderte Argus’ Gewissen, und so harrte der Ermittler die nächste Dreiviertelstunde unermüdlich auf seinem Beobachterposten unter dem Sonnenschutz aus und beobachtete die Bratengasse.
Dort allerdings tat sich rein gar nichts – nicht einmal dann, als Bolter für mehrere Minuten im Schatten zwischen den Häusern verschwand. Selbst die längere Abwesenheit des alten Mannes lockte keinen möglichen Dieb hervor, und auch sonst blieb alles ruhig und schien, sah man einmal vom einschläfernden Gemurmel der Mefungier ab, im Umkreis der Bratengasse und des leise plätschernden Brunnens seinen gewohnten Lauf zu nehmen.
Zumindest bist zu dem Moment, da Argus schon nicht mehr mit dem Auftauchen oder Zeichen eines vermeintlichen Fleischdiebs rechnen und bereits zurück zu Bolters Grill schlendern wollte. Gerade noch rechzeitig bekam er mit, wie etwas auf halber Höhe zwischen den Dachoberkanten der beiden Häuser und Bolters Stand in der aufsteigenden Sonne aufblitzte.
Eilig wich der Ermittler in die Schatten zurück und beobachtete gebannt den Bereich über Bolters Grillstand.
Da! Wieder sah er das silberne Glitzern in der Sonne – ein kleiner Stern vor dem göttlichen Auge, der in den Schatten über der Gasse explodierte.
Entschlossen verließ Argus den Schutz des Sonnensegels. Dabei achtete er darauf, durch die Leiber der Anhänger des Echsengottes verdeckt zu bleiben, umrundete hinter ihnen den Brunnen, duckte sich hinter einem Handkarren mit gelben Melonen und überquerte mit wenigen schnellen Schritten anschließend die Distanz zu dem Haus links von Bolters Grillstand, da er das Blitzen zuvor mehr der linken Seite zugeordnet hatte.
In diesem Steinhaus hatte ein Schneider seine Räumlichkeiten, der vornehmlich die obere Mittelschicht Saramees bediente. Auch hier plätscherte in einer Raumecke ein Springbrunnen und sorgte für frische Luft – was bei dem stickigem Geruch nach Stoff und Färbemittel auch dringend nötig war.
»Guten Tag, der Herr!« Kaum dass Argus einen Fuß in den Laden gesetzt hatte, eilte ihm auch schon ein kriecherisch wirkender Mann entgegen, dessen geöltes und parfümiertes Haar mit einem hellblauen Band im Nacken zu einem Pferdeschwanz zusammen gebunden war, während um seinen Hals Tücher in allen anderen helleren und dunkleren Schattierungen von Blau baumelten. »Was kann ich für Euch tun?«
»Ich möchte auf Euer Dach steigen.«
»Ihr wollt was?« Die dünkelhafte Maske des Schneiders zeigte bereits jetzt erste Risse. »Tut mir leid, mein Herr, aber die besten Stoffe habe ich nach wie vor hier unten, ha ha«, versuchte er die Situation zu retten.
Argus stieß einen Seufzer aus. »Das glaube ich Euch gerne, ha ha. Aber mit Verlaub: Ich bin wirklich nicht an Euren Stoffen interessiert. Und nun würde ich wirklich gern auf das Dach Eures Hauses stei–«
»Nicht an meinen Stoffen interessiert?«, wiederholte der Schneider matt und sah Argus – und insbesondere dessen abgetragenen grauen Umhang – angewidert an. »Dann solltet ihr – mit Verlaub – meinen Laden wohl besser durch die Tür hinter Euch wieder verlassen, mein Herr!«
Langsam aber sicher reifte in Argus der Wunsch, den Kerl mit einem der Tücher zu erwürgen, die sich an den Hals des Mannes schmiegten.
»Seht«, versuchte der Ermittler es noch einmal so ruhig wie möglich. »Ich möchte einem Freund helfen … dem alten Bolter, der neben Eurem Laden seit einer halben Ewigkeit einen kleinen Stand mit Köstlichkeiten betreibt, falls Ihr das schon einmal mitbekommen haben solltet.« Argus ignorierte, wie sein geckenhafter Gegenüber empört nach Luft schnappte. »Jedenfalls ist er in Schwierigkeiten. Und ich kann diese Schwierigkeiten vielleicht lösen – wenn Ihr mich auf das Dach Eures Ladens steigen lasst.«
Der Schneider schien innerlich mit sich zu ringen. Schließlich gelangte er zu einer Entscheidung, die Argus dann doch überraschte:
»Bolter, was? Mh. Also gut. Ich bin den Rippchen dieses alten Schlitzohrs restlos verfallen, wisst Ihr?« Er räusperte sich übertrieben gekünstelt, ehe er mit einem Kratzfuß kunstvoll auf einen Vorhang aus braunen Holzperlen hinter der Theke deutete, der einen Durchgang zu einem engen, verschachtelten Treppenhaus verbarg. »Nun denn. Hier entlang, bitte …«

~~~

Betrachtete man Saramee von einem der vielen Türme innerhalb der Stadtmauern aus, fiel einem schnell auf, wie dicht beisammen die meisten Gebäude standen. Überall konnte man regelrechte Häuserketten erkennen, deren Glieder aus von Muschelkalk überzogenem Gestein sich dicht an dicht aneinander reihten. Nicht selten waren die einzelnen Gebäude zusätzlich noch durch kleine Steinstege oder -brücken verbunden, die sich über eine ganze Straße oder Gasse spannten. Darüber hinaus war es ein vertrautes Bild, dass sich mehrere Häuser mit unterschiedlichen Fronten und Eingängen in der Höhe dennoch ein langes Flachdach teilten.
Die beiden Häuser, die sich rechts und links an die Bratengasse anschlossen, bildeten hierbei als einzige der um den Platz mit dem öffentlichen Trinkbrunnen angeordneten Gebäude eine Ausnahme.
Argus interessierte sich nicht für diese architektonische Unregelmäßigkeit, welche die Bratengasse ja erst ermöglichte. Viel interessanter waren für ihn die beiden jungen Burschen, die mit einer primitiven Angelrute, die nur aus einem fingerdicken Bambusrohr, einem Stück Schnur und einem Metallhaken bestand, am Rand des Daches knieten und in die Tiefe starrten.
»Er kommt zurück!«, raunte einer der Knaben gerade, woraufhin die beiden sich hastig mit Rute und Beute vom Rand des Daches zurückzogen.
Bei besagter Beute handelte es sich, wie Argus mit einem gewissen Gefühl der Genugtuung feststellte, um einen von Bolters gebratenen Eidechsenschwänzen, von dem sogar noch das goldbraune Fett tropfte.
Die jungen Diebe wussten ihren Fang allerdings nicht sonderlich zu schätzen. Der Bursche mit der Angel hielt die gebratene Leckerei seinem Komplizen hin, der diese wiederum mit spitzen Fingern vom Haken klaubte und über die Gasse hinweg auf das gegenüberliegende Dach warf, wo sich schon eine Schar kreischender Möwen eingefunden hatte – was Argus’ Verdacht bestätigte, dass es nicht der erste Angelausflug der beiden Jungen war.
»Xam! Zirom!« Der Schneider, der das Schauspiel bis dahin schweigend und mit weitaus weniger Verständnis als Argus verfolgt hatte, breitete ratlos die Arme zur Seite aus. »Was in Hirokos Namen macht ihr beiden da? Und was habt ihr überhaupt hier oben verloren?«
»Papa?« Die beiden Jungen wurden merklich blasser, und Argus hätte beinahe gelächelt, als der Knabe mit der Angel versuchte, die Rute – die immerhin gut einen Meter länger war als der kleine Gauner selbst – hinter seinem Rücken zu verbergen.
»Ich glaube«, beantwortete Argus die Frage des Schneiders unschuldig, »dass wir die Diebe gefunden haben.«
»Diebe?« Der Schneider machte einen drohenden Schritt auf seine beiden Söhne zu und hob die Faust. »Ihr zwei erzählt mir sofort, was hier los ist!«
Da keiner der Jungen Anstalten machte, der Aufforderung ihres Vaters nachzukommen, hielt Argus es für angebracht, an ihrer Stelle zu antworten.
»Unser gemeinsamer Freund Bolter«, begann er genüsslich, »beklagt seit einiger Zeit das Verschwinden von Dingen, die er eigentlich friedlich bratend auf seinem Grill weiß. Der arme Mann dort unten zweifelt langsam schon an seinem Verstand und denkst sogar ernsthaft über Selbstmord nach.«
Der Schneider nahm mit zittrigen Fingern den Zipfel eines seiner Halstücher und wischte sich über die Stirn. »Selbstmord?«, raunte er fassungslos, nur um sich dann drohend vor seinen Söhnen aufzubauen. »Ich habe Eurer Mutter gleich gesagt, dass sie euch lieber mit zu Tante Busha nehmen soll, anstatt dass ihr hier bei mir im Laden auf sie wartet, bis sie die arme Frau versorgt hat. Früher oder später musste so etwas ja geschehen …« Zornig streckte er den Arm aus und wackelte mit den Fingern. »Gib das her!« Die Angel sprang förmlich in seine Hand. »Nichts als Flausen im Kopf!«, murrte er dann leise und schwang die Rute ein paar Mal mit lautem Zischen durch die Luft. »Aber wir werden euch den Unsinn schon austreiben!«
Seine Worte unterstrich er mit einem weiteren ruckartigen Schwinger …

~~~

Bolter war außer sich, als Argus zu ihm zurückkehrte.
»Schon wieder!«, ereiferte sich der alte Mann und raufte sich die Haare. Er schien den Tränen nahe zu sein. »Bitte sag mir, dass ich nicht verrückt werde, Argus! Wo sind die Echsenschwänze schon wieder hin?«
»Keine Angst, du bist nicht verrückt«, versicherte Argus dem alten Grillbetreiber sanft und hob beschwichtigend die Hände.
Hoffnung schimmerte in Bolters müden Augen. »Bin ich nicht?«
Argus schüttelte das Haupt. »Bist du nicht. Es ist alles wieder in Ordnung. Und du hattest Recht: Es waren Diebe – doch ihre Diebereien werden nun aufhören. Außerdem bittet dein Nachbar dich zu einem Gespräch. Er und seine Söhne wollen dir etwas beichten und sich entschuldigen.«
»Beichten? Entschuldigen?« Für einen Moment erweckte Bolter tatsächlich den Eindruck eines verwirrten alten Mannes, der wahrhaftig den Verstand verloren hatte.
Dann zeichnete sich aber doch noch so etwas wie Verstehen in seinem faltigen, glänzenden Gesicht ab.
»Oh. Ja, nun … schön. Aber ich kann nicht zu ihnen gehen, Argus.«
Argus wölbte eine Augenbraue in Richtung Stirn. »Wieso nicht?«
Knorrige Hände deuteten auf den Rost. »Ich muss die Schwänze gleich ein letztes Mal wenden und die Ladung von vorhin noch einmal anwärmen.« Nun deutete Bolter mit der Zange in Richtung der Mefungier, deren entferntes Gemurmel ständig leiser und fast schon vom Plätschern des Brunnens übertönt wurde. »Ihr Morgengebet kommt gleich zu seinem Ende – und bevor sie sich in den Dschungel und zu ihrem Schrein aufmachen, nehmen sie meistens eine kleine Stärkung zu sich.«
Argus sah Bolter für die Dauer mehrerer Herzschläge durchdringend an.
»Nun gib schon her!«, fauchte er schließlich widerwillig und streckte die Hand nach der Zange aus, während er sich an dem heißen Stand vorbeiquetschte und sich neben den alten Mann an den Grill stellte.
Bolter strahlte über das ganze Gesicht, als er sich auch noch die Schürze auszog und Argus über den Kopf streifte. »Ich bin gleich wieder da! Und denk daran: die Schwänze umdrehen, bevor sie schwarz werden!«
»Ja ja.« Verdrossen zupfte Argus an der fleckigen Schürze. »Ich werd dran denken.«
Der Ermittler sandte einen grimmigen Blick aus der Bratengasse. Sollte auch nur einer der Passanten es wagen, ihn auszulachen, weil er, der findige Argus Panoptes, plötzlich hinter einem Grill stand und auf Reptilienärsche aufpasste, dann würde er die heißen, fetttriefenden Leckereien auf ihre Eignung als Wurfgeschoss hin untersuchen.
Die Minuten verstrichen, ohne dass Bolter zurückkehrte. Wahrscheinlich dauerte das klärende Gespräch zwischen ihm und dem von seinem Hochmut kurierten Schneider und dessen zwei Spitzbuben doch etwas länger.
Als Argus nacheinander die knusprigen Echsenschwänze getreu Bolters Anweisungen zum letzten Mal vorsichtig mit der Zange umdrehte und kurz darauf ganz vom Rost nahm und auf das Holzbrett neben dem Grill legte, spürte er ein starkes Ziehen in der Magengegend, das umgehend von einem hungrigen Knurren Unterstützung erhielt.
Abwechselnd betrachtete Argus die gegrillten Eidechsenschwänze und die Gruppe der kahlen Mefungier. Ein letzter verstohlener Blick – und schon pickte er sich mit der Zange einen knusprigen Schwanz vom Brett, führte ihn zum Mund und biss nach kurzem Pusten entschlossen hinein.
Mh. Gar nicht mal so schlecht, entschied er und biss gleich noch einmal in das knackige Fleischstück.
Mit jedem weiteren Bissen wuchs dabei die Überzeugung in ihm, dass es in Saramee nur einen Gott gab, der regelmäßige Anbetung verdiente:
Der Bratengott.
Genüsslich verspeiste Argus auch noch den Rest der gegrillten Leckerei, ehe er die fettige, in der Sonne glänzende Metallzange in die Luft streckte und wie ein blutbesudeltes Schwert nach erfolgreicher Schlacht hin und her schwenkte; dabei blickte er kühn in Richtung der Mefungier, die eben mit ihrem morgendlichen Ritual fertig geworden waren, und rief: »Göttliche Echsenschwänze, heiß und fettig! Göttliche Echsenschwänze …!«

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taverne/kurzgeschichten/der_bratengott.txt · Zuletzt geändert: 05.03.2016 21:14 (Externe Bearbeitung)