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Interview mit Oliver Dierssen

geführt von Carina Schöning

 

Oliver Dierssen, geboren 1980 in Hannover, arbeitet seit 2007 als Arzt in einer psychiatrischen Klinik in Hannover. Er interessiert sich für das Kaufen und alphabetische Einsortieren von Büchern, gelegentliches stressfreies Reisen und uneingängige Rockmusik. Als der Heyne Verlag 2008 zu seiner Aktion „Schreiben Sie einen magischen Bestseller“ aufrief, hat der überzeugte Hannoveraner sein Manuskript für sein Debüt Fledermausland eingereicht und ist prompt unter den fünf Finalisten gekommen. Sein Funny Fantasy Roman spielt ebenfalls in der Hauptstadt Niedersachsens und erzählt von dem chaotischen fast-Studenten Sebastian Schätz und seinen Problemen mit Vampiren und GEZ Zwergen.

 

Fantasyguide: Hallo Herr Dierssen, erstmal möchte ich mich ganz herzlich bei Ihnen bedanken, dass Sie sich für uns und unsere Leser Zeit nehmen ein paar Fragen zu beantwortet. Bitte stellen Sie sich vorab kurz vor? Was muss der aufmerksame Leser über Sie wissen?

 

Oliver Dierssen: Dem unaufmerksamen Leser sollte genügen: Das ist der Typ mit der Comicfledermaus auf dem Cover, der meinte, Hannover bräuchte unbedingt seinen eigenen Fantasyroman. Vom aufmerksamen Leser würde ich mir etwas mehr wünschen, ich stelle gern etwas Trivia zur Verfügung: In meinem neuen Arbeitszimmer habe ich eine gummierte Backsteinimitattapete an der Wand, das sieht so schlimm aus, wie es sich anhört. Ich fahre kein Fahrrad. Ich schreibe Bücher über depressive Vampire und Oger mit Problemen. Ich wohne in Hannover am Waldrand und kann abends die Fledermäuse vor meinem Fenster beobachten. Bislang lassen sie mich in Ruhe, aber ich traue dem Frieden nicht. Sie beobachten mich ebenfalls.

 

Fantasyguide: Die Informationen über Sie auf der Verlagshomepage sind ein wenig dürftig. Besonders interessant finde ich aber die Formulierung „er interessiert sich insbesondere für das Kaufen und alphabetische Einsortieren von Büchern […]“ Da drängt sich doch eine Frage geradezu auf, wie groß ist denn mittlerweile Ihre Sammlung?

 

Oliver Dierssen: Da wir gerade einen Umzug hinter uns haben, weiß ich das ganz genau: Es sind exakt 210 kg Billy-Regal. Ohne Bücher, versteht sich. Wie viel die wiegen, weiß ich gar nicht so genau. Das Sortieren kann ich übrigens empfehlen, es entspannt den Geist und beruhigt den Leib, eine alphabetische Meditation, während der man auf feine Ideen kommt, zum Beispiel auf die, noch mehr Bücher zu kaufen, damit man sie einsortieren kann. Zusehen, wie so eine Sammlung wächst, ein neues Buch an der richtige Stelle einschieben, die Bretter vollmachen – das ist Zen.

 

Fantasyguide: Bevorzugen Sie privat ein bestimmtes Genre, oder doch lieber Querbeet durch die Buchhandlung? Was können Sie speziell unseren Lesern empfehlen?

 

Oliver Dierssen: Ich bin ganz und gar kein Genreleser. Früher einmal hatte ich den Ehrgeiz, jeden neu erscheinenden Vampirroman gelesen zu haben, monatelang bin ich vor der Ecke mit den Anne Rice Büchern herumgeschlichen. Aber das Genre ist mir in den letzten fünf Jahren erheblich zu unübersichtlich geworden, und die Luft ist irgendwie raus. Neulich las ich in einem Forum: „Suche Bücher, in denen Vampire noch Vampire sind.“ Ich teile diese tiefe existentielle Verwirrung, habe dem Genre den Rücken gekehrt und blicke nur noch selten zurück. Wenn sich in meine Geschichten mal ein Vampir einschleicht, ist er ebenfalls verwirrt und auf der Suche nach einem sicheren Plätzchen, das ein Untoter in der Postmoderne einnehmen kann.

Jedem lesenden Menschen kann ich Philip K. Dick ans Herz legen. Es gibt kaum einen Autor, den ich mehr bewundere: Für seinen unerschöpflichen Ideenreichtum, seine lebendige Sprache, seine kraftvollen, überwältigenden Visionen. Und ich bin nicht einmal Science-Fiction-Fan, so gar nicht. Das Orakel vom Berge ist ein ausgezeichnetes Buch, um in das Werk von Dick einzusteigen. Wenn das nicht die Moral zersetzte, müsste man es in Schulen lesen.

 

Fantasyguide: Deutsche Autoren werden zum Glück immer mehr gelesen. Wie denken Sie über die derzeitige Marktsituation und lesen Sie privat auch die Konkurrenz?

 

Oliver Dierssen: Das „zum Glück“ möchte ich gern in Anführungszeichen setzen. Einmal muss ich bei Glück automatisch an Hirschhausen denken, darauf wurde ich wie viele andere Menschen erfolgreich konditioniert. Und ganz abgesehen davon, dass ich ein deutscher Autor bin, sehe ich wenig Glück oder Unglück in der Frage der Herkunft eines Buches. Ich freue mich, wenn Bücher gelesen werden, ganz unabhängig davon, aus welchem Land sie stammen. Grundsätzlich interessiert es mich nicht besonders, von wo ein Autor kommt.

Es wäre ja sehr langweilig, wenn ich „die Konkurrenz“ nicht lesen würde, da bliebe ja nichts übrig, und das Sortieren wäre nur noch halb so schön. Wobei mir auch der Begriff der Konkurrenz nicht so gefällt. (Dierssen meckert viel rum) Es ist ja vielmehr so, dass ein Genre wie die Phantastik sich selbst am Leben erhält, sich selbst befruchtet. Dass Fledermausland im Laden steht, verdankt es nicht allein den Käufern, sondern den unzähligen Autoren, die ihm den Weg gebahnt haben, die Übersinnliches und Seltsames und Fledermaussachen salonfähig gemacht haben. Ich würde die gleichen Geschichten schreiben, wenn Phantastik gerade gar nicht angesagt wäre. Aber Dankbarkeit für die günstigen wirtschaftlichen Bedingungen, die fühle ich schon.

 

Fantasyguide: Gibt es vielleicht sogar stilistisch oder thematisch Vorbilder?

 

Oliver Dierssen: Ich bewundere die Authentizität von Stephen King, die Sprachwitz von Joanne Rowling, die visionären Bilder von Philip K. Dick und das Genie von Jonathan Franzen, die Radikalität von Rolf-Dieter Brinkmann und Aufrichtigkeit in den Stücken von Lutz Hübner. Nein, kein Genreleser.

 

Fantasyguide: Nun zu Ihrem Debütroman „Fledermausland“, der Ende letzten Jahres im Heyne Verlag erschienen und davor unter den finalen Manuskripten der Aktion „Schreiben Sie einen magischen Bestseller“ gekommen ist. Wie fühlt es sich an, dass eigene Buch in die große Sammlung einzusortieren? Bekommt es einen Ehrenplatz?

 

Oliver Dierssen: Es ist natürlich sehr schwer, „Fledermausland“ korrekt einzuordnen. Alphabetisch, klar, das liegt auf der Hand. Aber in welcher Kategorie? Eher „Horror/Science Fiction“ (im Arbeitszimmer links am Fenster) oder „Fantasy/Historischer Roman/Jugendbuch“ (das zweite Regal neben dem Lichtschalter). Oder vielleicht – weil es mir mit der Sache ernst ist – eher im Bereich der ernsten Literatur? Dierssen zu Dickens? Neben Umberto Eco? Verzwickt ... und erheblich zu kompliziert. Wir haben die Belegexemplare von „Fledermausland“ provisorisch im Bettkasten des Gästebetts gelagert, auf dem ich schlafen, wenn ich nachts Rufbereitschaft habe. Man liegt gut, finde ich. Ein sanftes Ruhekissen. Und der sichere, geheime Platz bewahrt Fledermausland davor, in meinem Alltag anzukommen, ich genieße das Gefühl des ersten Romans, der einfach etwas ganz Besonderes für den Autor ist.

 

Fantasyguide: Wie kamen Sie überhaupt zu dem Schreibwettbewerb? Lag das Manuskript zu „Fledermausland“ schon halbfertig in der Schublade?

 

Oliver Dierssen: Nach meinem Dafürhalten war es ganz fertig, als ich in einer Buchhandlung auf den Flyer zum Wettbewerb stieß. Ich hatte die erste Fassung frisch runtergeschrieben und war – wie es durchaus normal sein kann – der Meinung, ja, das ist echt in Ordnung, das könnte man so lassen. Ich hatte keine Ahnung, dass mich die nächsten zwei Überarbeitungen noch einmal so lange beschäftigen würden wie die komplette erste Fassung des Romans. Das ist das Seltsame beim Schreiben: Während des ersten Niederschreibens glaubt man an die Kraft jedes einzelnen Wortes, man schreibt quasi schon in die Druckfahnen hinein, und wenn die letzte Seite getippt ist, fühlt man sich wirklich fertig, dann ist es „vollbracht“. Die dann folgenden Überarbeitungen sind ein exakt umgekehrter Prozess: Das Aufbrechen von Textstücken, das Auseinanderhebeln von Gedankenketten; es geht darum, dieses Gefühl von einem abgeschlossenen Meisterwerk kaputt zu machen und alle Schwächen des Textes ans Tageslicht zu holen.

Ein komischer Beruf. Erst redet man sich ein, der eigene Text ist phantastisch, dann muss man sich einreden, alles ist Mist und noch verbesserbar, und schließlich geht es darum, einen erträglichen Kompromiss und seinen Frieden zu finden, wenn das Ding ins Lektorat geht.

 

Fantasyguide: Wie lange hat das Schreiben gedauert?

 

Oliver Dierssen: Es ist nicht ganz einfach, das zu überblicken, wenn man die Arbeit auf freie Abende, Wochenenden und hier und dort eine Nacht verteilt, unterstützt durch Urlaubstage und Überstundenfrei. Grob über den Daumen gepeilt hat mich die erste Fassung etwa sieben Werkwochen gekostet, die Überarbeitungen noch einmal so lange. Da sich die Arbeit aber in viele kleine Portionen gliedert: Einen Herbst und einen Sommer. In dieser Reihenfolge. Der Winter dazwischen gehörte der Medizin, der Frühling einem anderen Buch. Ich glaube, es war (wieder einmal) Stephen King, der allen Schreibenden den Rat gab: Schreibt immer eine Jahreszeit lang; wenn es länger dauert, wird man es dem Text anmerken, es werden Brüche und Inkongruenzen auftauchen. Meine aktuelle Jahreszeit ist mit Fledermausbruchstücken, Lesungen und Interviews, Exposés und Kurzgeschichten gefüllt, eine unruhige, schöne Zeit.

 

Fantasyguide: Im Gegensatz zu vielen anderen Romanen spielt Ihre Geschichte im eher bodenständigen Hannover, wo Sie auch selbst leben. Wie sind Sie dazu gekommen?

 

Oliver Dierssen: Ich möchte an dieser Stelle keine Lanze für Hannover brechen, das haben andere schon zu Genüge getan – mit mittelmäßigem Erfolg. Ich lebe hier sehr gern. Was mir wichtig ist: Schreib, was du kennst. Warum sollte ich nach Berlin oder Stuttgart fahren, dort recherchieren, wenn eine Großstadt direkt vor meiner Nase liegt, noch dazu eine so facettenreiche, provokante, der man nachsagt, kein Gesicht zu haben? Hätte Fledermausland in Berlin gespielt, wäre es eine Berlingeschichte geworden. Hannover ist eine Leinwand, auf der man gut malen kann. „Die Stadt mit dem gewissen Nichts“ sagen Spötter. Beim Schreiben sitze ich gerne an leeren Büroschreibtischen und schaue auf Parkplätze oder Betonwände. In Hannover kann ich also gut arbeiten. Und wenn es mit der Schreiberei zu viel ist, gehe ich in den Stadtwald vor meiner Haustür und schaue mir die Fledermäuse an oder die Rehe. (Okay, die Rehe gibt es nicht, aber es Zeit, für Hannover eine Lanze zu brechen.)

 

Fantasyguide: Warum ausgerechnet Funny Fantasy? Besonders beliebt ist das Subgenre leider nicht gerade bei den deutschen Autoren.

 

Oliver Dierssen: Mit diesem Begriff tue ich mich ein wenig schwer. Er klingt mir zu sehr nach „Pfanni frisch“ und zu wenig nach Büchern. Ich freue mich natürlich, wenn jemand Fledermausland funny findet. Ich hätte aber auch nichts dagegen, wenn das Buch als spannend oder skurril wahrgenommen würde. Es kam mir nicht auf die Lacherquote an, sondern darauf, eine mystische Geschichte zu erzählen, die unsere Lebenswirklichkeit widerspiegelt und sich bitte nicht zu ernst nimmt.

Noch etwas fällt mir ein bei funny fantasy: Terry Pratchett, dessen Name ja untrennbar mit den Genre verbunden ist, der vielleicht das Genre perfekt repräsentiert. Seit er seine Demenzerkrankung öffentlich gemacht hat, ist er in den Feuilletons angekommen, die das Dadaistische in seinen Werken loben und darin eine verborgene Traurigkeit finden. Das berührt mich. Vielleicht lese ich doch mal eines seiner Bücher, die sollen ja richtig gut sein, wenn man den Feuilletons glauben darf.

 

Fantasyguide: Wie wichtig ist Ihnen Humor?

 

Oliver Dierssen: Ich bin gegen eine Humorquote im Bücherregal und halte Lachen auch nicht für eine Selbsttherapie gegen schlechte Laune, Depressionen, chronic fatigue syndrome oder Fibromyalgie. Die volkswirtschaftliche und gesundheitsökonomische Relevanz von Lustigkeit ist mir egal. Ich stehe Hirschhausen nicht nahe. Und ein Tag, an dem ich nicht zum Lachen gebracht werde, ist kein verlorener Tag, sondern ein ganz normaler. Das Leben ist nämlich oft unkomisch. Sie merken, ich bin sehr gegen absichtlichen Humor, sondern schätze das Versehentliche, Skurrile, das Nebensächliche, über das man Lachen darf, aber nicht muss. Das ist übrigens das Schöne an Flachwitzen: Sie sind nicht lustig, man muss sich nicht totlachen, sondern darf das Sinnlose und Unlustige daran genießen, es gibt keine Lachverpflichtung. Kommt ein Indianer zum Frisör. Pony weg.

 

Fantasyguide: Besonders markant und witzig ist der chaotische Sebastian Schätz. Gab es für diese Figur mit seinen Macken und Schrullen vielleicht ein reales Vorbild? Wie viel ist hier Fiktion?

 

Oliver Dierssen: Vor kurzem bot mir facebook die Freundschaft mit einem Sebastian S. an, der auf meiner Schule war, ein schlaksiger, strubbeliger,, etwas verpeilter Typ, mit dem ich zwar nicht sehr viel zu tun hatte, dessen Optik aber nachhaltigen Eindruck hinterlassen hat. Möglich, dass beim Schreiben hier und dort sein Gesicht aufgetaucht ist. Das ist mir allerdings erst aufgefallen, als das Buch längst im Laden stand. Aber ein wirkliches Vorbild für die Figur gab es nicht – die wenigsten Menschen sind so überdreht, dass sie als Vorlage für eine funny-fantasy-Figur (ähem) dienen können. Ein Freund von mir isst ständig Pizza. Ein anderer hat ständig Probleme mit Frauen, die ihn nicht richtig lieben können. Ich selbst habe ein gespaltenes Verhältnis zu elektrischen Rollläden und bin kein Fan von Flattertieren. Vielleicht ist dies das Geheimnis der Figur: Wir sind alle ein bisschen Sebastian Schätz.

 

Fantasyguide: Haben Sie vielleicht auch schon mal im Asia Shop gearbeitet? Wie kam es zu der witzigen Szene mit dem Wasserhuhn?

 

Oliver Dierssen: Ich bin bei einem befreundeten Chinesen beinahe mal an einer Drachenfischgräte erstickt. Der Mann kochte nämlich Originalchinesisch und nicht die europäisierte, weichgespülte Version, da würzt man durchaus auch mal mit fingerlangen Dornen nach, um den Essen den letzten Pfiff zu verleihen. Ich habe mich in diesem Zusammenhang ein wenig mit chinesischer Küche beschäftigt, die ja die vielfältigste der Welt ist und aus beinahe jeder organisch gewachsenen Sache ein leckeres Mahl zaubern kann, gejagt, gesammelt, egal. Die Sache mit dem Wasserhuhn musste ich also schreiben, um meine Rechnung mit der chinesischen Küche zu begleichen und meinen kulinarischen Frieden zu finden. (Falls es jemand genauer wissen möchte: Das Wasserhuhn ist ein falsch etikettiertes Nagetier mit einem langen Ringelschwanz, das man nur adäquat zubereiten muss.)

 

Fantasyguide: Im Roman wimmelt es nur so von skurrilen Wesen. Neben einem depressiven Vampir tauchen auch Zwerge, Zombies und Oger auf. Mein persönliches Highlight ist jedoch der russische Domowoj Pjotr mit seinem nervigen Reinigungstick. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

 

Oliver Dierssen: Der Domowoj ist eine versteckte Reminiszenz an Mike Mignola, dessen Hellboy irgendwo auch mal einen filzigen Domowoj aus einem Herd zieht. Domowoje sind in der westlichen Fantasyliteratur etwas unterrepräsentiert, vermutlich, weil sie so ordentliche, hilfreiche Kerle sind und sich im Gegensatz zu Vampiren etc. auch mal nützlich machen. Mir war es wichtig, dass in einem deutschen Roman auch mal Monster mit Sekundärtugenden auftauchen, deren Moral man in der Pfeife rauchen kann, die aber wenigstens die Bude aufräumen und einen ordentlichen Borschtsch kochen können. Ist ein politisches Ding.

 

Fantasyguide: Nicht so schön sind hingegen die detaillierten und ausführlichen Beschreibungen von Sebastians Körperpflege. Wollten Sie damit vielleicht die weibliche Leserschaft verschrecken?

 

Oliver Dierssen: Ich wusste gar nicht, dass Frauen dieses Buch lesen. Es ist kein Buch für die Frau, das ist richtig erkannt. Die Frau liest ja gern was mit Blumen und so vorne drauf. Nein, Spaß beiseite: Wenn Sie die Sache mit dem Ohrenschmalz meinen – das ist die hannoversche Antwort auf Feuchtgebiete. Wie wir wissen, hat Sebastian ja gewisse Probleme mit dem Liebesleben. Die Ohrenschmalzsache, der verstopfte Gehörgang, hat für ihn einen gewissen Ersatzcharakter, aus psychoanalytischer Sicht ein introjiziertes Ersatzobjekt für die unerreichbare Frau. Ich wundere mich, dass das beim Lesen offensichtlich nicht so sehr aufgefallen ist. Beim nächsten Buch muss ich deutlicher werden.

 

Fantasyguide: Die beiden Organisationen GEZ und MAD erinnern stark an die lichten und dunklen Wächter des russischen Autors Sergej Lukianenko. Ist dies absichtlich so gewollt?

 

Oliver Dierssen: Ich würde jetzt gern antworten, das sei unabsichtlich so gewollt. Doch auch diese Antwort bildet nur einen Teil der Wirklichkeit ab. Ich will ganz ehrlich sein: Die Bücher von Lukianenkow kenne ich und mag ich, und ich habe mich mit dem Begriff „Wächter“ sehr schwer getan. Auch die bewährten Alternativen „Hüter“, „Wärter“ und „Bewahrer“ sind in der einschlägigen Literatur ausreichend bearbeitet. Einen Ausweg aus diesem Dilemma bot die Erklärung, dass die Wächterorganisationen MAD und GEZ selbst peinlich berührt sind durch die Zitierung in den Werken von Lukianenkow, dessen Werk besonders durch die GEZ sehr kritisch rezipiert wird.

Die Sache mit Lukianenkow, der nun auch noch im Ursprungsberuf ein Kollege ist, hängt mir aber irgendwie nach. Ich muss deutlich darauf hinweisen, dass sich Fledermausland in einem ironischen Kontext bewegt und mit der Schwarzweißmalerei, dem pingeligen Trennen zwischen Gut und Böse, Licht und Dunkel, das wir bei Lukianenkows ernsten Russen finden, gar nichts zu tun haben möchte. Niemand würde die GEZ als Organisation des Lichts ernst nehmen, oder?

Um das Buch in die aktuelle literaturwissenschaftliche und boulevardjournalistische Debatte einzuordnen, verweise ich übrigens auf das Prinzip der Intertextualität: Irgendwie hängt alles mit allem irgendwie zusammen. Fledermausl Roadkill.

 

Fantasyguide: Ihr Roman ist zwar in sich abgeschlossen, aber theoretisch wäre auch eine Fortsetzung möglich? Gibt es vielleicht ein Wiedersehen mit Sebastian und Kim?

 

Oliver Dierssen: Gerade entwickeln sich ganz interessante Dinge in der Fledermauswelt, die mich selbst überraschen und mich ordentlich auf die Folter spannen und vielleicht, aber nur vielleicht, nicht zum Umblättern sind. Um ehrlich zu sein, habe ich gerade keinen fertigen Fledermausroman auf Tasche. Aber das kann sich schnell ändern, warten wir es ab. Ich bin mit diesen lumpigen Zwergen noch lange nicht fertig. Ich fange gerade erst an.

 

Fantasyguide: Woran schreiben Sie zurzeit? Können Sie unseren Lesern vielleicht einen kleinen Vorgeschmack auf den nächsten Roman geben?

 

Oliver Dierssen: Es ist schwer, sich in die Karten schauen zu lassen, wenn man das Deck gerade erst durchgemischt hat und gerade erst eine Runde gegeben hat – ich bin noch, wieder, stets am Schreiben. Vielleicht nur so viel: Ich bekenne mich zur phantastischen Literatur, zu Büchern, die in nicht angesagten Großstädten spielen, zu Kobolden unter dem Bett und Schimmeldämonen am Duschvorhang, ich mag das Knarzen der Gruft, die Einsamkeit von Hochhäusern und Pizzakartons, die in Studenten-WGs herumgereicht werden. Und mich beschäftigt die Mischung aus Verzweiflung und Staunen, dieses mulmige, großartige, unheimliche Gefühl, das sich beim Erwachsenwerden einstellt.

 

Fantasyguide: In einem anderen Interview habe ich gelesen, dass Sie mit der Comic-Fledermaus nicht ganz einverstanden waren. Wie hätte denn Ihr Wunsch-Cover für „Fledermausland“ ausgesehen?

 

Oliver Dierssen: Ich hatte ganz klar darauf spekuliert, das Buch würde im Lukianenkow-Corporate-Design erstellt und im Geschäft direkt daneben ausgelegt werden, Wächter und Vampire, alles klar, und versehentlich ein Bestseller werden, „Wächter der Fledermaus“ oder so ähnlich. Aber da habe ich mich wohl geschnitten und muss die Fledermaus alleine aufpäppeln. Aber sie wächst und gedeiht ganz ordentlich, ein braves Tier, dem nur ein paar Sekundärtugenden fehlen ...

 

Fantasyguide: Noch einmal vielen Dank für Ihre Zeit und viel Glück und Erfolg für die nächsten Veröffentlichungen…

 

Oliver Dierssen: Ebenfalls vielen Dank für die spannenden Fragen. Ich habe mit ihnen eine Menge Spaß gehabt.

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Erstellt: 17.03.2010, zuletzt aktualisiert: 17.11.2017 09:23