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Interview: Harald Giersche

von Ralf Steinberg

 

Seit 2011 bereichert der Begedia Verlag von Harald Giersche die deutsche Phantastik-Szene und nicht wenige beachtenswerte Bücher sind seitdem in die weite Lesewelt entlassen worden. Doch ein Projekt von der Größe, wie sie die Veröffentlichung des gesamten ENTHYMESIS Universums von Matthias Falke darstellt – immerhin sieben Trilogien! – stemmt man nicht alle Tage. So wurde es endlich Zeit, dass wir uns mit dieser verlegerischen Heldentat befassten:


Harald Giersche auf dem BuCon 2012
Harald Giersche auf dem BuCon 2012

Fantasyguide: Harald, als Verleger des Begedia-Verlages hast Du Dich in den letzten Jahren immer wieder um die SF gekümmert. Welchen Stellenwert hat sie in Deinem Programm?

 

Harald Giersche: Wiewohl der SF-Anteil in den letzten Jahren stark gesunken ist, macht er einen wichtigen Teil aus. Denn SF sind Träume. Und die Menschen wollen träumen. Außerdem bin ich selbst SF-Fan, daher wird Science Fiction ein wichtiger Teil des Angebots bleiben.

 

Fantasyguide: Glaubst Du, dass es Besonderheiten auf dem deutschsprachigen Buchmarkt gibt, die auch Dein Programm beeinflussen?

 

Harald Giersche: Mhm, kniffelige Frage. Ein Punkt ist logischerweise die Sprache. Ein übersetzter Roman ›klingt‹ anders, als ein nativ in deutsch geschriebener. Aber auch inhaltlich, da aber eher durch Weglassen. Bei auf der Erde spielenden Plots wäre das zum Beispiel, dass etwas nicht in der Wüste Nevadas passiert, sondern in Köln. Ein deutsch geschriebener Science Fiction Roman bringt eher Lokalkolorit mit ein.


Ruinenwelt, Cover von Alexander Preuss
Ruinenwelt, Cover von Alexander Preuss

Fantasyguide: Wie kam es zu dem Projekt, das gesamte ENTHYMESIS Universum zu veröffentlichen?

 

Harald Giersche: Oha, ja, Matthias' kleine Reihe. Irgendwann nach einem BuchmesseCon erhielt ich eine facebook-Anfrage, ob ich nicht einen sehr interessanten Roman machen wolle. Er würde mich als Physiker sicher packen. Tat er auch, aber Ruinenwelt war eben der zweite Teil der zweiten von sieben Trilogien, wie mir etwas später, nachdem Matthias mir weitere Manuskripte anbot, klar wurde. Aber Reihen haben auch Vorteile und sind mir lieber als Einzelromane.

 

Fantasyguide: Was gefällt Dir an dieser Roman-Reihe? Bewegten Dich für die Auswahl nur rein verlegerische Aspekte oder bist Du gar Fan?

 

Harald Giersche: Es ist eine Space Opera nach bester Manier. Das ist das Gute. Eine Auswahl in dem Sinne habe ich ja nicht getätigt. Die Romane sind, sofern nicht bereits geschrieben, im Kopf des Autors nichtsdestotrotz bereits fertig. Sie müssen nur noch ausgearbeitet werden. Aber um die Frage dennoch zu beantworten: Ein Fan bin ich eigentlich nicht mehr, also inhaltlich. Denn genau der Physiker in mir, der die ersten beiden Romane so gut fand, findet einige der späteren nicht mehr sooo prickelnd. Dennoch, es ist eine klasse Reihe, die Welt wird immer weiter ausgebaut. Matthias' Schreibe ist gut, man findet schnell hinein. So eine Reihe bindet Leser, was sie zu einem Plus macht.


Matthias Falke auf dem BuCon 2010
Matthias Falke auf dem BuCon 2010

Fantasyguide: Matthias Falke nennt es ein großes verlegerisches Risiko. Wie geht man als Verleger mit den Unwägbarkeiten eines solchen Mammutprojektes um?

 

Harald Giersche: Wie oben bereits gesagt, wenn ein zwei Bücher erstmal Abnehmer finden, dann ist das Durchstarten mit einer Reihe oder Serie kein Risiko. Es birgt eher das Risiko, dass der Autor irgendwann nicht mehr liefern kann.

 

Fantasyguide: Mir scheint, dass mit dem megafleißigen Autor zumindest Verlässlichkeit in den Abgabeterminen gegeben ist, wie empfindest Du die Zusammenarbeit?

 

Harald Giersche: Ja, megafleißig. Kann man beinahe Wahn nennen, im positiven Sinne. Aber es beruhigt, wo wir jetzt mit »Enthymesis« in den Bereich kommen, in dem die Kopfdaten abgerufen und in die Tastatur gehauen werden. Beim Phalansterium (Band 5.2) hatte Matthias einen Hänger mittendrin, und hat nach über der Hälfte sogar einen großen Teil neu schreiben müssen. Der schmeißt Mengen weg, die andere erst einmal schreiben müssen. Daher habe ich große Hoffnung, dass wir das Ding durchbekommen.


Enthymesis-Flyer
Enthymesis-Flyer

Fantasyguide: Warum hast Du nicht den ganzen Falke im Programm? Seine großartigen Erzählungen etwa erschienen nicht bei Dir …

 

Harald Giersche: Naja, er hat mir damals »Enthymesis« angeboten, weil mein Programm praktisch nur aus SF bestand, und seine anderen Sachen teilweise bereits woanders untergebracht. Im Prinzip war er ja erst kurz davor so richtig bekannt geworden, als Michael Haitel Harey reloaded hatte :-)

 

Fantasyguide: Bist Du schon der berühmten Künstlerzickigkeit begegnet? Könntest Du damit umgehen?

 

Harald Giersche: Ja, die gab es auch schon, aber bisher glücklicherweise in kleinem Rahmen. Ist ein sehr eigenartiger Zustand. Aber wenn ich ein Buch haben will, muss ich das zusammen mit dem Autor ›einkaufen‹. Ich meine, ich kann ganz gut damit umgehen.


Hardy Kettlitz mit seinem Exemplar von Frank Hebbens »Oubliette« im November 2014
Hardy Kettlitz mit seinem Exemplar von Frank Hebbens »Oubliette« im November 2014

Fantasyguide: Gerade erst ist Oubliette von Frank Hebben erschienen. Das Buch ist wunderschön gestaltet, man spürt die gestalterische Technik von Hardy Kettlitz, aber ist Lyrik nicht eigentlich unverkäuflich?

 

Harald Giersche: Ja, das ist leider richtig. Aber Franks ›Zeug‹, ich nenne es jetzt mal liebevoll so, ist etwas besonderes. Es ist eigenartig. Komprimiert. Natürlich ist es ganz besonders von seiner Grundeinstellung gefärbt, aber kraftvoll. Schwer zu sagen. Wenn ich sonst alle Spökes weglassen müsste, würde ich Hebben behalten.

 

Fantasyguide: Wird es weitere Lyrik-Bände geben? Ich habe da auch etliche Texte …

 

Harald Giersche: Hehe, so einfach ist das nicht, wie ich eben sagte, es geht nicht darum, dass ich mal Lyrik machen wollte. Und ob es überhaupt eine Wiederholung gibt, ist gar nicht sicher …


Museumsschiff, Cover von Alexander Preuss
Museumsschiff, Cover von Alexander Preuss

Fantasyguide: Hat sich das Verlegerleben so entwickelt, wie Du es Dir bei Gründung vorgestellt hast?

 

Harald Giersche: Überhaupt nicht. Als ich anfing, wollte ich hauptsächlich selber schreiben. Der Verleger schlich sich ein, als ich bei BoD probiert habe, wie die Sachen so werden und ich andere Autoren dabei haben wollte. So als Abwechslung. Zack, saß ich auf der anderen Seite des Schreibtisches. Wie viel Arbeit es ist, wenn man das praktisch im Alleingang macht, hatte ich erst recht nicht auf dem Schirm.

 

Fantasyguide: Was waren für Dich die Höhepunkte, auf welche Bücher bist Du stolz?

 

Harald Giersche: Hier ist eindeutig die »Enthymesis-Reihe« zu nennen, wegen ihres bisherigen Erfolges und der Größe des Projektes. Dann ist da Armageddon, die Suche nach Eden. Die erfolgreiche Horrorreihe aus Deutschland. Die Teamarbeit hat richtig Spaß gemacht. Und da ist diese kleine Anthologie 24 kurze Albträume, die immer noch geht. Praktisch der Topseller.


24 kurze Albträume
24 kurze Albträume

Fantasyguide: Hattest Du schon Projekte, deren Scheitern Dich überraschte?

 

Harald Giersche: Überraschte? Mhm, nicht in dem Sinne, wie ich bei hohen Erwartungen gewesen wäre, aber bei den ersten SF-Titeln hätte ich wegen der durchaus vorhandenen Szene mit ein paar Verkäufen mehr gerechnet. Experimente geht die aber wohl nicht ein.

 

Fantasyguide: Wie gut kann man den Absatz seiner Bücher abschätzen? Kennst Du die Wünsche Deiner KundInnen?

 

Harald Giersche: Gar nicht! Eine kleine Idee bekommt man durch die Vorbestellungen des Grossos. Die haben Erfahrung, wie man Bücher einschätzt. Aber das ist eigentlich schon zu spät, denn da habe ich das Ding bereits gemacht. Wünsche: Die Kund_innen möchten gut unterhalten werden. Ein Blick in die Bestsellerliste zeigt, dass das ganz unterschiedliche Geschichten sein können. Es ist immer ein Schuss ins Blaue.


Michael Schmidt vom Zwielicht-Magazin und Michael Haitel von p.machinery belagern den Begedia-Stand auf dem BuCon 2013
Michael Schmidt vom Zwielicht-Magazin und Michael Haitel von p.machinery belagern den Begedia-Stand auf dem BuCon 2013

Fantasyguide: Auf Conventions kann man die anderen Verleger der Kleinverlagsszene treffen. Begegnung in Freundschaft auf Augenhöhe oder ficht man eher Blickduelle mit der Konkurrenz?

 

Harald Giersche: Ganz klar Augenhöhe, ich habe bei keinem Con-Besuch bisher irgendwelche Animositäten mitbekommen. Wir tauschen uns aus.

 

Fantasyguide: Welches Buch hättest Du gerne gemacht, dass nun woanders erscheint?

 

Harald Giersche: Es gibt da tatsächlich eines, dass mir und einem anderen Verleger vorgelegt wurde. Wir fanden es beide gut, aber ich war eine Woche zu langsam. Was es ist, möchte ich nicht sagen, da ja eigentlich Autoren so was nicht machen sollten. Ich will ihn hier nicht anschwärzen.


Rabenflüstern von Philipp Schmidt
Rabenflüstern von Philipp Schmidt

Fantasyguide: Wohin willst Du den Verlag entwickeln, wohin Dich selbst?

 

Harald Giersche: Punkt 1) Der Verlag muss in die Pluszone. Nach dem plötzlichen Wegfall meiner IT-Tätigkeit habe ich mehr Zeit, die ich auch brauche, um das zu erreichen.

Punkt 2) Ich möchte besser organisiert sein. Da ich aber einen natürlichen inneren Groll gegen zuviel Planung habe, ist das ein ständiger Kampf.

 

Fantasyguide: Was ist euer nächstes großes Ding?

 

Harald Giersche: Da muss ich überlegen. Großes Ding? Nun ja, Aus Rabenflüstern wird die Gottesauge-Trilogie und für einen anderen Fantasy-Dreiteiler bin ich in Verhandlungen mit dem entsprechenden ebook-Verlag.

Allgemein möchte ich gerne eine oder zwei Serien machen. SF und/oder Horror. Mal sehen.

 

Fantasyguide: Vielen Dank!

 

Harald Giersche: Ich muss danken für die Aufmerksamkeit :-)

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Serienguide:

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Erstellt: 08.01.2015, zuletzt aktualisiert: 08.09.2017 20:41