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Interview mit Bernd Ulbrich

Redakteur: Ralf Steinberg

 

Einst erfolgreicher SF-Autor in der DDR, dann Berufsverbot und ins Vergessen geraten, überrascht Bernd Ulbrich nun mit einem fulminanten Roman.

Zwischen Erfolg und Berufsverbot - wir befragten den Berliner Autor Bernd Ulbrich über seine Zeit in der DDR und über seinen neuen Roman "Flam oder Diesseits und Jenseits".

 

Fantasyguide: Herr Ulbrich, mit Flam oder Diesseits und Jenseits melden Sie sich energisch zurück. Wie kam es zu dieser doch recht langen Pause?

 

Bernd Ulbrich: Jetzt müsste ich weit ausholen über die aktuelle Verlagslandschaft und über die Wende, die sogenannte, über Manipulation, Jugendlichkeitswahn und andere Wahne in diesem real existierenden Gemeinwesen.


 

 

Der unsichtbare Kreis, 1977

Fantasyguide: Ja, machen Sie es!

 

Bernd Ulbrich: Einiges wird Spekulation bleiben. Aber fahren wir darin fort. Ich vermute, zum einen habe ich den Anschluss verpasst, infolge Verkaufs des G. Kiepenheuer Verlages. In der ersten Periode nach dem Mauerfall zehrten wir noch vom Bonus des Ost-Autors, waren wir als Exoten interessant für den Westen, sozusagen ein zusätzliches Event in der Langeweile des Wohlstandsalltags. Allerdings fehlte mir, durch die Ruhepause des Publikationsverbotes in der DDR bedingt, der Markenname, die Autorität des zeitnahen Erfolgs. Der Untergang meiner beiden Bücher bei Kiepenheuer ist sicherlich auch dessen Schicksal geschuldet. Dann folgte eine zu große Lücke, um den Verwaltern des literarischen Erfolgs nicht mißtrauisch zu erscheinen. Ich versuchte jahrelang, meinen ersten, großen Roman anzubieten. Aber einem anspruchsvollen Verlag einen anspruchsvollen Stoff einzureden, hat merkwürdigerweise nicht funktioniert. Vielleicht wollte man auch keinen namenlosen Autor fortgeschrittenen Jahrgangs, wie gesagt, Spekulation.

Wir, die Ossis, sind ja nicht sehr geliebt als Produzenten, im allgemeinen, nicht nur was die Literatur anbelangt. Wir sollten und sollen Konsumenten sein, nicht aber Ansprüche stellen. Vermutlich brachten wir auch in mancher Hinsicht eine historische, eine literarische, eine gesellschaftliche Sicht ein, die wegen ihres kritischen Potentials nicht so sehr beliebt war. Wir galten vielleicht als unbequem auch. Die, die es in der DDR schon waren, wollten es jetzt natürlich wieder sein. Das hat sich genau so in anderen Berufszweigen hergestellt. Wer in der DDR gegen den Strom schwamm, dem eilte dieser Ruf voraus. Sage mir doch keiner, daß der Querdenker hier und jetzt beliebt ist. Das ist doch eine der großen Lügen von Politik und Wirtschaft. So trägt sich manches an Vermutung zusammen, warum habe ich damals den Anschluss nicht geschafft? Vielleicht weil ich überhaupt zu anspruchsvoll an mich und andere bin. Literatur hat hier und heute ihre Probleme, andere als zur DDR-Ära aber eben auch. Damit lässt sich unter marktwirtschaftlichen Bedingungen per se kein Massenpublikum anziehen, da muss man sich als Verlag mühen, kein attraktives Verbum zu Zeiten der Saturiertheit. Besagte Mühen sind natürlich wesentlich geringer bei einem pubertierenden Debütanten (jung, weiblich, fotogen), der, die mit Siebzehn seinen, ihren ersten Roman vorlegt und den, die man dann ein bisschen ausquetschen kann, wie eine Zitrone. Schon steht der Nächste in der Tür, ex und hopp. Ein paar Ikonen, ja, Markennamen, Autoritäten. Aber bitte mit Sahne. Eine unreife Gesellschaft sucht sich ihren adäquaten Spiegel, und was findet sie dahinter? Ihr Märchenland.

 


Eltermißhandlung, 1993

Das resultiert natürlich auch aus der historischen Situation Deutschlands. Dieses Minderwertigkeitsgefühl, das die Nation nach zwei verlorenen Kriegen entwickelt hat, der Absturz aus dem nationalen Größenwahn. Damit ist der Glaube an Großes verloren gegangen. Man traut in Deutschland der eigenen Fähigkeit nicht mehr. Das hängt auch mit dem vierzigjährigen Rückzug beider deutscher Staaten aus internationalen Konflikten zusammen. Man leidet hier höchstens noch an den Eltern und dafür gibt’s ja dann den Psychotherapeuten. Das Bedeutende kommt angeblich aus den USA, aus Frankreich – irgendwoher eben, aber nicht aus Deutschland. Da ist so ein gewisser Anfang gewesen nach dem Krieg - Gruppe 47 - die haben praktisch die lebenden Klassiker gestellt, und dann kam in Bundesdeutschland eine große Pause nach dieser Generation, die eigentlich bis heute andauert. Es hat sich also nicht mehr hergestellt, ein lebendiges literarisches Leben im Sinne einer Nationalliteratur. Die Erben mochten in einem gewissen, teilweise akzeptablen Erneuerungswahn, das Erbe nicht antreten und schütteten das Kind mit dem Bade aus. Durch Vertreibung und Teilung war die deutsche Geistestradition entwurzelt. Sie krankte vor sich hin so ohne rechte Nährstoffzufuhr, manchmal mit schönen Scheinblüten (ich lasse zwei, drei Ausnahmen gelten). Dann kamen noch wir aus dem Osten hinzu und beanspruchten Boden.

Wir sprachen möglicherweise eine andere Sprache, jedoch nicht im Sinne von Sklaven. Ich wehre mich gegen den Vorwurf, der gegen uns durch die Forderung erhoben wurde: Mit dem Übergang in diese nun mit neuen Werten versehene Gesellschaft müsste sich auch die Sprache verändern. Das habe ich eigentlich bei mir selbst nicht festgestellt. Meine Sprache ist vorher gewesen und auch nach dem Mauerfall. Ich habe mich in keiner Weise angepasst, vielleicht noch modisch, das fehlte. Ich habe mich auch nicht der neue Ideologie des Geldes unterworfen, mittels der Sprache angedient. Ich arbeitete ja damals an einen Roman. Die Geschichte handelt zwischen 1941 und 1989. Ich habe sie in diesem besagten Zeitraum des Umbruchs vollendet. Ich kann nicht sagen, dass ich einen Konflikt erfahren hätte mit mir selber, gedanklich strukturell oder stilistisch. Ich habe einfach weitergeschrieben.

Bei diesem Thema braucht man ein bisschen Hilfe, wenn Westkollegen sagen: „Na ihr habt ja früher Sklavensprache geübt und nun müssen wir euch erst mal Demokratie beibringen!“



Flam oder Diesseits und Jenseits, 2005

Das ist alles Quatsch. Wir haben unsere deutsche Sprache gepflegt, viel mehr in der DDR als in Westdeutschland. Es gab ja dieses falsch verstandene Freiheitsgefühl nicht, das letztlich zu Schlamperei und Beliebigkeit führt. Für einen kurzen Moment hat der denkende Ossi wirkliche Freiheit erfahren. Aber die meisten haben sich schnell angepaßt.

 

Fantasyguide: Vielleicht, weil der Einfluss größer war?

 

Bernd Ulbrich: Natürlich war der Einfluss drüben größer, über den Markt, die Verlockungen des Marktes. Der Sieger waren ja die USA, die Westalliierten. Der Ostalliierte, der uns oktroyierte Große Bruder, wurde nicht in dem Maße angenommen, mit seiner Kultur. Dabei ist uns auch manches verloren gegangen, das stimmt.

Da wurden Amerikanismen, Anglismen rein genommen in die Sprache - und das geht schon in Richtung Sklavensprache. Ich will das niemandem zum Vorwurf machen, das ist eben so. Ein Prozess der überall so stattfindet, von der Antike bis heute.

Die lange Pause hängt auch mit meinem Alter zusammen. Ein älterer, ein reifer Mensch ist heute nichts mehr wert. Ich bin ja noch nicht alt, aber als Arbeitnehmer wäre ich jetzt nicht mehr vermittelbar. Und so bin ich offenbar auch als Autor schon nicht mehr kv auf dem Kriegsschauplatz Markt. Mit etwas über 60 gehöre ich zu dem Schrott, von dem man sich nichts mehr erwartet, vor allem keinen Profit. Das ist einer dieser grandiosen Wahne unserer Welt, ein Irrsinn. Wie der Arbeitnehmer in der Fabrik, der nicht mehr beschäftigt wird über Fünfzig. Ich bekomme natürlich nirgendwo mehr ein Stipendium oder ähnliche Förderung. Das kann ich mir in meinem Alter abschminken.

 

Fantasyguide: Martin Walser verkauft immer noch Bücher...

 

Bernd Ulbrich: Ja natürlich! Der gehört als ein guter Autor der Gründergeneration zu den Ikonen, der ist ein Markenname. Demzufolge geht mit einem solchen kein Verlag ein Risiko ein. Wer keinen Namen hat, muss auf andere Art Bedeutungsträger sein oder Beziehungen zur Presse haben (geben selbst Verlagsleute zu) oder die Oma umbringen, damit er als Newcomer - furchtbares neudeutsches Wort – also als Einsteiger, für Furore sorgen kann. Ansonsten: Jung, weiblich, fotogen, möglichst mit den Wundmalen Christi. Der Stil- und Würdelosigkeit sind keine Grenzen gesetzt.

Das Gesamtkunstwerk Autor-Buch wird verkauft, in dieser Reihenfolge. Werbetechnisch gesehen bin ich also nicht das optimale Objekt. Das ist vielleicht ein Teil des Rätsels. Es gehört allerdings auch Glück dazu, zur richtigen Zeit die richtigen Menschen am richtigen Ort zu treffen. Das ist in unserem Geschäft einfach unabdingbar. Das muss man ohne Verbitterung akzeptieren. Manch einer hat dieses Glück, und ich hatte es halt bislang nicht, sagen wir, bis gestern. Das ist einfach so ein Faktor, der mit Schicksal und mit Zufälligkeiten zu tun hat. Ich habe keinen Grund verbittert zu werden; ich weiß, was ich kann. Manchmal ein bisschen böse schon, aber nicht wegen dieser Umstände. Es gibt wichtigere, derentwegen man böse sein kann und muß in dieser Gesellschaft. Das nützt der Literatur.

 

 

Fantasyguide: Das trifft vielleicht viele ehemalige DDR-Autoren, ihre Themen zu finden...

 

Bernd Ulbrich: Meine Themen zu finden, hatte ich, bis auf die Lernphase Ende der 70er Jahre, nie Schwierigkeiten,. Über den kleinen Umweg der jüngeren Zeitgeschichte habe ich mich kontinuierlich an die Gegenwart herangearbeitet. Der erste Roman, den ich so um die Wende und noch in den Jahren danach geschrieben habe, weil ich noch anderes fertig machen musste, Überarbeiten der beide Bände für Kiepenheuer zum Beispiel, geht von ‘41 bis ‘89, eben jüngere deutsche Geschichte. Dann kommt der Roman »Flam...«, der eigentlich mehr eine Liebesgeschichte und der fünf Jahre vor und zwei nach der Wende spielt. Und jetzt bin ich direkt in der Gegenwart angekommen, in dieser Gegenwart und habe ein Thema auf dem Tisch, ein Verbrechen an der Menschlichkeit. Wie es alles übersteigt, das bisher da war, geschehen durch ein Kartell von Industrie, Militär, Politik, Geheimdienste, Medizin – ein Großversuch an Menschen, der grausamer und perverser nicht vorstellbar ist. Das ist mein neues Thema. Und jetzt werde ich dieser Gegenwart genauso unbequem wie ich mit meinen Themen damals unbequem war für die DDR. Die Macht des Kapitals kann darüber lächeln. Sie gründet sich auf der solidesten aller Grundlagen, dem menschlichen Egoismus.

 

Fantasyguide: Robert sagt im „Flam“ auch an einer Stelle, dass man heute alles machen könne, dass die Provokation nicht mehr provokant sei.

 

Bernd Ulbrich: Ich verweigere mich jeder Art von billiger, marktgerechter Provokation. Um gotteswillen nicht Provokation um derselben willen. Das Verfahren ist inflationär. Jeder Idiot provoziert heute und glaubt, das sei Kunst. Ich halte von Provokation als Mittel der Kunst überhaupt nichts. Man soll seinem Gewissen, seinem Lebensgefühl folgen und dann eine spannende Geschichte um Menschen schreiben, die von Gefühlen und Verstand bewegt werden und eben auch politische Wahrheiten aussprechen und auch leiden. Das sind eigentlich die Zutaten für eine gute Geschichte, mit einem Quantum Dramatik (nicht zu verwechseln mit Action) und Liebe und vor allem Witz, Stil und Würde. In dieser bornierten, verspielt pubertären Gesellschaft, wo alle nur nach Spaß machen und wollen, betreiben nur noch Wenige Ernsthaftigkeit, Stil und Würde mit Witz.


Störgröße M, 1980

Fantasyguide: In Ihrer Biografie steht zu lesen, dass ihr zweiter Kurzgeschichtenband, Störgröße M, als „unangebracht“ galt. Tatsächlich sind die Geschichten, insbesondere Das große Rennen, recht deutliche Kritiken am realen Sozialismus. Warum kam das Buch damals überhaupt in die Läden?

 

Bernd Ulbrich: Weil die nicht aufgepasst haben. Ich hatte richtig Furore gemacht mit meinem ersten Band, Der unsichtbare Kreis, der kam auch gleich bei Suhrkamp heraus in der Phantastischen Bibliothek. Zu der Zeit war dieser Band schon in Arbeit und wurde dann einigen Leuten suspekt. Man gab mir unter der Hand den Tip, „schreib mal so nicht weiter!“ Ohne, dass mir jemand gesagt hätte, was mit dem So gemeint war. Er war den Genossen politisch zu ambitioniert. Aber ich zehrte immer noch vom Bonus des ersten Bandes. Die Zensoren der unteren Ebene werden sich gedacht haben, na ja, Science Fiction, das merken die Leute nicht, das können wir durchgehen lassen, vielleicht erscheint es ja wieder bei Suhrkamp und wir bekommen wieder ein paar Devisen. Aber die Ökonomen hatten nicht mit der Abteilung XX der ›Firma‹ gerechnet. Die hatte schon ihren langen Arm ausgestreckt.


Abends im Park und nachts und morgends, 1983

Fantasyguide: Abteilung XX?

 

Bernd Ulbrich: Stasi, Literaturabteilung, die haben mich ausgebremst. Ideologie rangierte vor Devisen. Das erhellt auch aus einem Vorgang mit einem westdeutschen Verlag. Meine Person wurde im Glossar einer Anthologie ein bisschen madig gemacht, obwohl ich in diesem Band gar nicht vertreten war. So etwas ist einfach unfein, man redet nicht einen Autor schlecht in der Art, dass er nichts Ordentliches mehr schriebe oder in dieser Manier, wenn er nicht in der Publikation vertreten ist. Das geht nicht. Das ist unseriös. Da existierten offensichtlich Interzonenverbindungen, von denen naive Linke nichts ahnten. Ein weiterer Sammelband von mir erschien in der BRD nicht mehr.

Damit hatte ich auch den Status des Devisenbeschaffers und Kulturbotschafters der DDR verspielt.

Dann kam mein dritter Band, mit Gegenwartsgeschichten, Abends im Park und nachts und morgens. Jahre später gestand man mir: „Da haben wir nicht aufgepasst!“

Als der dann 83 erschien, mit Verzögerung, denn er war eigentlich für ‘82 geplant, aber da fand der Kongress (17. – 18. Juni 1982 X. Kongress des Kulturbundes der DDR in Dresden - Anmerkung der Red.) statt, und zu diesem Anlaß sollte nicht suspekte Literatur als Neuerscheinung diskutiert werden.

Ich brauchte drei Jahre, bis ich mitbekam, dass dahinter System steckt. Man nahm mir ja keine Zeile mehr ab. Ich wurde von Mal zu Mal vertröstet auch mit Förderverträgen. Literarisch wurden mir Schwächen angedichtet. Das war natürlich an den Haaren herbeigezogen. Ich hatte eine merkwürdige Position inne, war ja immer noch Mitglied des Vorstandes des Berliner Schriftstellerverbandes, wurde aber nicht mehr publiziert.

 

Ich war dazu gekommen wie die Jungfrau zum Kinde, und hier muss ich kurz abschweifen, in bester Absicht. Ich war durch die Tochter mit Gisela Steineckert bekannt (Gisela Steineckert - sehr erfolgreiche Lyrikerin und Kulturfunktionärin in der DDR – Anmerkung der Red.). Sie hatte immer junge Autoren gefördert und war offenbar durch meine Eigenschaft, kein Blatt vor den Mund zu nehmen, aufmerksam geworden und empfahl mich den Genossen. Als ich dann in Ungnade fiel, wurde ich auch in diesem Kreis zur Unperson. Man kannte mich plötzlich nicht mehr. Doch anfangs, auf die Empfehlung hin werden sich ihre Genossen gedacht haben: Carascho, den können wir vielleicht gebrauchen. Das sicherlich auch in bester, klassenkämpferischer Manier - oder später, wie ich dann vermutete, schon in der: Den kanalisieren wir auf diese Weise, den schalten wir, wenn nötig, ab.

Aber solche Hintergründe habe ich in meiner Naivität damals nicht erkannt. Ich wollte mitmachen, aktiv sein, verändern, helfen. Also ich hab gesagt: Ja, ich mach mit und versuchte eben das Beste, das man daraus machen kann.

Und hab’s auch versucht, hie und da. Aber der Berliner Vorstand war praktisch die dritte oder vierte Instanz. Nach dem Zentralvorstand, nach den Staisaufpassern, nach der Parteigruppe. Auf uns kamen nur noch Haushaltsprobleme oder andere Kleinigkeiten. Wir hatten nichts Wichtiges zu entscheiden. Aber ich war in diesem Verein drin und nach ein paar Jahren dachte ich mir: Hier musst du wieder raus, du bist falsch am Platze, aber ich suchte einen Effekt. Ich wollte denen den Koffer auf die Füße knallen. Ein entsprechender Anlaß fand sich leider erst ‘88. Ich habe dann mit einem bösen Brief mein Mandat nieder gelegt. Sie haben es nicht mal in den Mitteilungen bekannt gegeben.

Es war ein komischer Zustand. Auf der einen Seite als Autor nicht mehr veröffentlicht, auf der anderen Seite Mitglied des Vorstandes. Ich wurde selbst innerhalb meiner Aufgaben ausgebootet ohne dass ich es gleich bemerkte. Seltsame Vorgänge geschahen da. Ich war ja auch in der Aufnahmekommission.

Und eines Tages, weil ich nicht so ein Systematiker bin, in solchen organisatorischen Dingen, eines Tages stellte ich fest, dass schon lange keine Sitzungen mehr stattgefunden hatten. Ich war als Mitglied einfach nicht mehr eingeladen worden, war praktisch mit meiner Stimme mundtot gemacht, stillschweigend weggeschoben worden, der Ulbrich ist zu unbequem, den wollen wir nicht.

Ich fühlte mich zunehmend unwohler in dem Kreis, wurde auch von Kollegen unsachlich und auf äußerst kindische Manier angegriffen, Parteileute mitunter, na ja, es waren merkbar Spannungen da. Wir paßten nicht zueinander.

 


Störgröße M, 1990

1986 habe ich dann um ein Gespräch ersucht, im Ministerium. Höpke (Klaus Höpcke geb. 27. 11 1933, war von 1973 bis 1989 stellv. Minister für Kultur - Anm. d. Red.) stand natürlich nicht zur Verfügung, dafür war ich zu unbedeutend, aber eine freundliche Bereichs- oder Abteilungsleiterin. Ja, es war ein nettes Gespräch mit zwei grauen schweigsamen Herren (die waren auch optisch völlig farblos) im Hintergrund, die wurden mir nicht vorgestellt von jener Genossin, Mitarbeiterin, des Ministeriums.

Am Schluss sagte sie zu mir: „Herr Ulbrich, wir wussten,“ es war ein offenes Gespräch, aber da habe ich doch sehr gestaunt, „wir wussten bei ihrem letzten Buch –‚Abends im Park...‘ - nicht, was wir da erlauben. Können Sie nicht einfacher schreiben?“ Das war nett, aber in bisschen naiv gesagt. Dieser Satz charakterisiert die Freundlichkeit der Atmosphäre. Diese kleinen Mitarbeiter waren ja auch nur Räder im Getriebe, hatten sich angepasst.

„Nee“, habe ich gesagt, „ich kann nicht anders, ich bin so, ich mach das nicht mit Absicht.“

Das war’s. Danach erschien auch weiterhin kein Buch mehr von mir. Das dauerte bis ’89 an. 1990 kam dann eine große Nachauflage von meinen utopischen Geschichten, und dann sollte sogar noch zwischen Mauerfall und Währungsunion ein neuer Band, die utopischen Liebesgeschichten, ohne jede Änderung erscheinen, die die angeblich bisher künstlerisch immer zu schwach waren. Das wurde dann nix mehr, ich bekam noch viel Geld dafür, sozusagen Sterbegeld der DDR.

Das war der Hergang vorm Mauerfall. Ich hatte praktisch Publikationsverbot und habe das dann auch schriftlich mitgeteilt bekommen, paar Jahre später, von Amtswegen. Und bin dadurch jetzt auch Träger des Ehrentitels Verfolgter des DDR-Regimes und erhalte eine kleine Wiedergutmachung wegen beruflicher Benachteiligung. Wäre ich Täter gewesen, wäre es mehr. Aber ich hadere nicht mit meinem Schicksal. Geld ist nicht alles, wie wir wissen.

 

 

Wenn morgen Weltende wäre, 1994

Fantasyguide:Viele Leser warten sicher auf neue utopische Geschichten von Ihnen. Gibt es da neue Projekte oder unveröffentlichtes Material?

 

Bernd Ulbrich: Nein. Es gibt eigentlich gar nichts, weder an Unveröffentlichtem, noch Angedachtem oder Konzipiertem. Ich habe damals eigentlich alles veröffentlich und...

Halt! Doch, es gibt!

Und zwar der Band utopischer Liebesgeschichten Wenn morgen Weltende wäre, ein hilfloser Titel, uns fiel nix anderes ein, der bestand eigentlich ursprünglich aus dem doppelten Umfang. Friedemann Berger von Kiepenheuer hat sich dann vier Geschichten herausgesucht, Friedemann Berger (geb. 13. April 1940, Geschäftsführer und 1993-94 Programmdirektor des wiederhergestellten G. Kiepenheuer Verlages - Anm. d. Red.) damals. Und eigentlich gibt’s da noch einen zweiten Teil. Den müsste ich heute nach so langer Zeit natürlich erheblich überarbeiten. Ich hätte noch zwei große SF-Romanthemen. Ein historisches und ein gewissermaßen göttliches. Aber ich mache das nicht, kann das nicht machen, weil ich keinen Namen habe, als Science Fiction Autor in Deutschland. Es hat keinen Sinn. Ich sehe es so, die Szene ist amerikanisch dominiert, englisch noch ein bisschen, vielleicht französisch, aber deutsche Autoren bis auf zwei, drei Ausnahmen, haben hier keine Chance, und deshalb fange ich gar nicht erst wieder an und will auch nicht in die Schublade SF gesteckt werden. In Deutschland hat man eine Vorliebe für Schubladen.

Die Themen liebe ich richtiggehend, die ich da vorhätte, wenn. Das sind eigentlich große philosophisch-historische Themen. Das bin ich meiner Entwicklung schuldig, anders kann ich gar nicht mehr. Aber vorerst nicht, nee. Ob der zweite Band utopischer Geschichten, der Rest, der da noch herumliegt, wenn ich den aufarbeite, ob der dann irgendwo erscheinen könnte, weiß ich nicht, im Moment bin ich auf Roman fixiert. Wenn ich den Durchbruch schaffe, mit einem meiner Romane, dann mach ich vielleicht wieder SF, denn das ist ja mein literarischer Anfang gewesen, und wie an seiner Kinderzeit, hängt man an seinen Wurzeln.


 

Fantasyguide: Können Sie etwas zur aktuellen SF-Szene in Deutschland sagen?

 

Bernd Ulbrich: Zur aktuellen SF-Szene kann ich nichts sagen, weil ich dazu keine Verbindungen mehr habe, noch lese ich Science Fiction. Ich habe viel zu viel anderes zu bewältigen, wenn ich als übernächstes einen historischen Roman anfange, muss ich umfangreiche Studien betreiben. Diesen habe ich auch schon in der DDR angefangen, ohne eine Chance, ihn zu veröffentlichen. Der spielt hundert Jahre vor der französischen Revolution. Da existierte eine Piratenrepublik - es gab öfter mal solche merkwürdigen Gebilde in der Karibik. Die hatten natürlich mit einer richtigen Republik nicht substantiell zu tun. Aber da hatte sich ein Franzose gefunden, , der wollte hundert Jahre vorausgenommen, die großen Grundsätze, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, verwirklichen, auf Madagaskar. Diese Geschichte ist mir mal untergekommen. Das Unternehmen scheiterte naturgemäß. Ende des siebzehnten Jahrhunderts musste so etwas scheitern, wie später ja auch.

Zum tragischen Ende greifen französische Kriegschiffe ein und bombardieren das nieder. Als die Genossen in der DDR hörten, ein kommunistischer Vorversuch, und der scheitert auch noch! Was der Ulbrich da wieder plant. Konterbande! Damit hatte ich keine Chance. Diesen Stoff will ich eigentlich als nächstes machen. Meine Liebe gilt ja der Seefahrt, ich bin nämlich ein verhinderter Seemann. Es ist eine dramatische Geschichte. Sie sehen, ich habe auch gar nicht mehr den Zugang zur Science Fiction. Historie und Gegenwart interessieren mich mehr. In dem Roman, an dem ich gerade arbeite ist ein ganz klein wenig Utopisches drin. Ich übertreibe ein wenig in der Darstellung dieses Biotops in dem meine kleine Modellgesellschaft etabliert ist. Und auch die Möglichkeiten der Pharmaindustrie übertreibe ich so ein klein bisschen. Aber es ist alles schon denkbar, meine ich. In soweit ist der phantastische Ansatz schon noch ganz klein vorhanden.

Bei Flam ja auch, mit dieser Seelenwanderungsgeschichte, so ganz komme ich vom Phantastischen im weitesten Sinne nicht los. Mehr jedoch nicht jetzt im Moment. Ich habe keine innere Beziehung mehr zu dem, was der Markt mir an SF darstellt. Der einzige Kontakt zu meinen Wurzeln: Ich fahre jedes Jahr nach Wetzlar zu den Tagen der phantastischen Literatur (Wetzlarer Tage der Phantastik - Anm. der Red.).

 

Fantasyguide: Ihre Hauptfigur in „Flam“, Robert Iks, werden durch Stasi und Partei massive Hindernisse in den Weg gelegt, neue Stücke auf die Bühne zu bringen. Im Hinblick auf ihre Biografie stellt sich die Frage: In wieweit ist „Flam“ autobiografisch oder gibt es andere reale Personen dahinter, etwa Benno Besson oder Heiner Müller?

 

Bernd Ulbrich: Letztere auf gar keinen Fall. So sehr haben die ja nicht gelitten. „Flam“ ist ansatzweise in seiner Gesamtheit, vom Prinzip her autobiografisch skizziert. Aber stark verfremdet. Ich habe meine Karriere ja nicht im Theater gemacht, obwohl ich mit Theatertruppen angefangen habe, wozu mir später dann der Mut fehlte, mich auf das Milieu einzulassen. Auch der familiäre Hintergrund - mir fehlte es damals einfach noch an Bildung. Mir ist es außerdem gemäßer, zu schaffen, wo ich Alleinherrscher bin, und das ist die Prosa. Da muss ich mich niemandem unterwerfen, muss keinen Regisseur beachten, nicht Schauspieler. So wunderbar das ist, mit Schauspielern zu arbeiten, in Hinblick auf bestimmte Schauspieler sich eine Geschichte auszudenken, man ist nicht so ganz autark wie in der Prosa. Aber vor allem fehlte mir der Mut. Ich hätte damals hingehen müssen, an irgendein Theater, und hätte sagen müssen: Hier bin ich und will irgendwas machen! Das haben ja manche durchgezogen, ganz naiv. Mit dieser Selbstdarstellung sind die dann auch angekommen. Haben sich durchgehungert und immer mal einen kleinen Job gekriegt, Regieassistent oder so. Hätte ich alles machen können, fehlte mir im Hinblick auf Heute einfach der Mut, mich darauf einzulassen. Wobei ich sagen muss: Auch wieder Glück. Das Schicksal hat mich dahin getrieben, wie es mir auch nie erlaubt hat, richtig im Filmgeschäft Fuß zu fassen. Es hat mich dahin geprügelt, Romane zu schreiben. Und das ist mein Ausdrucksmittel. Romane! Da drin lebe ich wie mit einer Familie und meinen ganzen alter Egos. Da kann ich mich vor allem so vieler unterschiedlicher Raffinessen und Stilmittel bedienen, vom Dialog über Reflexionen, auktoriales Erzählen (Außenperspektive des allwissenden Erzählers - Anm. d. Red.).) und so weiter.

Darin habe ich langsam meinen Stil gefunden. Der wird sich zwar immer noch verändern, der wird im neuen Roman ganz anders sein, als im „Flam“ und nachher bei der Seefahrergeschichte wieder völlig anders. Und wenn ich dann in die biblische Zeit gehe, was noch eine gewaltige Herausforderung ist, ein Roman um Paulus, dann wird er auch wieder anders sein. Ich führe ein spannendes Leben.

Das ist das Schöne: Man entwickelt sich daran. Man wächst nicht ein.

Dieser ironische Stil, den ich beim „Flam“ gleich am Anfang verwende, der ist jetzt ganz anders, eine andere Ironie, eine ganz andere Verspieltheit und auch Ernsthaftigkeit. Und beim „Aufsteiger“, das ist diese Geschichte von ‘41 bis ‘89, da ist ein ganz anders ernsthafter Ton angeschlagen. Es geht um Tod und Krieg, um Verrat an der Liebe und so was alles, Schicksal in Hochpotenz eben. Dabei bin ich ein so friedfertiger Mensch. Ich muß ja keinen umbringen. Das erledigt die Literatur für mich.

 

Fantasyguide: In Flam gewinnt ja das Gute...

 

Bernd Ulbrich: Beim „Aufsteiger“ gewinnt nicht unbedingt das Gute. Das heißt, das Gute ist eigentlich gar nicht so richtig da. Es handelt sich um einen Menschen, der zum Verräter an sich selbst wird. Erst lässt er sich von den Nazis benutzen, dann von den Kommunisten. Zum Täter wird er durch gewisse Schwächen. Arm im Geiste ist er nicht, er ist intelligent und hätte sich dem auch entziehen können, aber irgendwann war er so in der Maschinerie drin und fand nicht mehr raus. Ich will keine Entschuldigungsgeschichte schreiben für Täter, das nicht, aber irgendwann hat jede Biografie so eine Eigendynamik, und wer dann nicht ganz viel Kraft aufwendet, der kann sich nicht mehr daraus befreien. Und wer noch manipuliert wird, geschickt und auf äußerst gemeine Weise, wie es die Nazis und die Kommunisten ja auch vollbracht haben, der verliert. Welcher Mensch hat schon so viel Kraft. Schwäche kann man keinem so richtig vorwerfen. Weil wir alle ja irgendwo schwach sind, und den ersten Stein zu werfen... Ich lasse auch dem Gerechtigkeit widerfahren. Zum Schluss ist er ein alter Mann und muss erkennen, dass er gescheitert ist. Wegen einer letzten großen Lüge, die er nicht nötig hätte, verliert er auch noch diese Liebe, kurz vor Achtzig, begibt er sich der letzten Chance, weil er von der Lügerei nicht wegkommt.

 

 

Fantasyguide: Im „Flam“ verweigern Sie sich dem Hass und der Gehässigkeit. Wie stehen Sie selbst dieser Zeit der Repression gegenüber?

 

Bernd Ulbrich: Hass, Gehässigkeit ist weder literarische, noch menschliche Qualität. Wer davon nicht frei ist, sollte nicht schreiben. Geschichte ist Geschichte, die läuft ab und ist oft auch roh. Ich kann gut reden, ich war nicht im Knast. Ich hab nicht wirklich gelitten, bin nur beeinträchtigt worden in meiner Entwicklung und habe davon letztlich auch wieder profitiert. Das waren Lehrjahre für mich. Gut, vielleicht hätte mir ein kurzer Knastaufenthalt nicht geschadet, aber den muss ich nicht haben. Insofern bin ich gut dran und kann mich so ein bisschen überlegen geben. Kann sagen, ich stehe über meiner eigenen Geschichte und hab immer was draus gemacht und wenige Einbußen erlitten. Schließlich ist das ganze Leben ein Lernprozess. Gehässigkeit habe ich auch insofern nicht nötig, als ich diesen Leuten gegenüber, die im schlechten Deutsch damals in meine Akte schrieben: „Ulbrich hält sich für einen großen Schriftsteller.“, diesen Leuten gegenüber Sieger der Geschichte bin.

Ich habe mich entwickelt, beherrsche etwas, was nur wenige vermögen. Ich konnte mein Hobby zum Beruf zu machen, konnte frei leben. Gott ja, warum sollte ich jemand hassen? Ich muss nicht Teller waschen, muß nicht mein Geld in der Politik erwirtschaften. Ich muss kein Schloss besitzen, keinen Jaguar fahren. Frei sein kann nur der Wissende. Das ist eine von diesen wohlfeilen Intellektuellensentenzen. Aber es klingt gut, nicht wahr.

 

Fantasyguide: Herr Ulbrich, wir danken Ihnen für dieses Gespräch und wünschen Ihnen viel Glück bei Ihren weiteren Projekten!

 

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Erstellt: 25.04.2006, zuletzt aktualisiert: 17.11.2018 10:28