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Interview mit Alexander Lohmann

Alexander Lohmann

Redakteur: Ramona Schroller

 

Alexander Lohmann dürfte vor allem den DSA- bzw. Myranor-Lesern ein Begriff sein. Sein Erstling Die Mühle der Tränen war 2003 für den Deutschen Phantastik Preis nominiert. Wenigeren dagegen dürfte bekannt sein, dass Alexander Lohmann freier Lektor ist und seine eigene, kleine Firma namens Wortwirkung betreibt. Auch ist er Mitherausgeber eines Fanzines, bekennender Rollenspieler und seit einiger Zeit auch Übersetzer.

 

FantasyGuide.de sprach mit Alexander Lohmann:

 

FantasyGuide: »Alexander Lohmann, wer ist das eigentlich?«, werden sich jetzt die Leser fragen. Kannst du ihnen darauf eine Antwort geben?

 

Alexander Lohmann: Nicht nur eine, sondern sehr viele. Im Internet habe ich beispielsweise schon zwei Selbstvorstellungen: Unter www.wortwirkung.de/alohm eine als Lektor und Übersetzer, die andere unter www.romanecke.de/thron/Autor/autor aus der Perspektive als Autor. Was ich gemacht habe, was ich derzeit mache und was ich machen möchte; was mich interessiert, was ich kann und was ich mag - all diese Dinge machen mich aus, aber sie ergeben nicht immer das gleiche Bild.

Eine umfassende Vorstellung bestünde also aus Puzzlestücken: Schüler und Luftwaffensoldat und Mathematisch-technischer Assistent und Student und Freiberufler; Programmierer und Journalist und Lektor und Autor und Übersetzer; Industrieinformatiker und Germanist und Historiker; Linguist und Literaturwissenschaftler und Althistoriker und Pädagoge/Psychologe/Philosoph; Leseratte und Computerfreak und Rollenspieler und Fanziner und Hobbyverleger. Zyniker und Idealist und Sophist. Generalist. Ach ja, Nichtraucher … und noch eine Menge Dinge, die sich nicht in einen »knackigen« Begriff packen lassen. Das alles dann zu einem halbwegs strukturierten Bild zusammengefügt - und das ist der Baukasten für Alexander Lohmann!

Was dabei rauskommt, wissen andere Leute vermutlich besser als ich. So wie sich jeder Mensch letztlich immer nur im Spiegel sieht.

 

FantasyGuide: Wie bist du zum Rollenspiel gekommen?

 

Alexander Lohmann: Als ich das erste Mal vom »Schwarzen Auge« hörte, noch zu Schulzeiten, konnte ich mir wenig darunter vorstellen. Ich dachte an irgendeine Art Brettspiel. Bei der Bundeswehr lernte ich allerdings 1988 ein paar Rollenspieler kennen, und diese »Mundpropaganda« hat dann die Lust geweckt, selbst eine Gruppe zusammenzustellen. Ein Fantasy-Fan war ich ja schon länger, und die Möglichkeit, sonst nur gelesene Welten selbst zu erleben, war natürlich elektrisierend.

 

FantasyGuide: Nur wenige wissen, daß du gemeinsam mit deiner Lebensgefährtin Linda Budinger auch ein Fanzine namens Der Menhir herausbringst. Würdest du jungen Autoren auch heute noch den Weg über die kleinen Fan-Magazine empfehlen?

 

Alexander Lohmann: Die Szene hat sich verändert. Viel von der Aktivität, die früher über Fanzines ablief, hat sich heute ins Internet verlagert. Es gibt noch Fanzines, aber abgesehen davon, dass der Vertrieb schwieriger ist, hat auch das Feedback nachgelassen: Früher waren Fanzines ja nicht nur eine Veröffentlichungsmöglichkeit, sondern Teil einer regen Szene mit vielen Leserbriefen, Diskussionen und vor allem auch Rückmeldungen auf die Texte. Davon konnte man als junger Autor profitieren.

Heute würde ich Neueinsteigern immer noch empfehlen, die Veröffentlichungsmöglichkeiten bei Fanzines zu nutzen. Man kann dabei allerdings nicht mehr dasselbe »mitnehmen« wie noch bis in die 90er. Die entsprechenden Internet-Publikationen füllen diese Lücke teilweise, allerdings ist dort eine sehr viel stärkere Spezialisierung zu beobachten und die Rückmeldungen, die man als Autor dort bekommt, sind oft nicht mehr so repräsentativ verteilt.

Manches, was früher an Kurzgeschichten in Fanzines erschien, wird heutzutage in Buchanthologien bei unkommerziellen, privaten »Kleinstverlagen« herausgebracht. Auch das ist eine Einstiegsmöglichkeit, die junge Autoren nutzen sollten; das Feedback dabei ist allerdings noch geringer.

 

FantasyGuide: »Die Mühle der Tränen« war 2003 für den Deutschen Phantastik Preis nominiert. Dann aber gab der Heyne-Verlag die Rechte für DSA an FanPro zurück und der Roman war schon bald darauf nicht mehr erhältlich. Wie fühltest du dich dabei?

 

Alexander Lohmann: Diese beiden Ereignisse habe ich als beinahe zeitgleich empfunden, und ich fand es schon sehr unglücklich: dass der Roman genau dann nicht mehr erhältlich war, als er auf der anderen Seite durch die Nominierung wieder ins Gespräch gekommen ist. Über die Platzierung habe ich mich trotzdem sehr gefreut. Am meisten hat mich an der ganzen Sache noch gestört, dass man als Autor selbst nicht wusste, wie es mit der Heyne-Reihe weitergehen würde. Von der Einstellung der Reihe habe ich ja erst auf Umwegen und mit einiger Verzögerung erfahren.

 

FantasyGuide: Mit Thronräuber hast du Ende letzten Jahres den letzten »Myranor«-Roman veröffentlicht. War die Arbeit an diesem alt/neuen Kontinent (früher ja das Güldenland) aufgrund der vielen Rassen schwierig?

 

Alexander Lohmann: Die Arbeit mit den zahlreichen unterschiedlichen Rassen war schon schwieriger, weil es zum myranischen Flair gehörte, auch mehrere dieser Rassen mit ihren Eigenarten zu zeigen. Myranor ist nicht in dem Sinne eine »Menschenwelt«, wie es bei Aventurien der Fall ist, und das wollte ich natürlich auch im Roman herausarbeiten. Diese Rassen sind zunächst einmal fremd, und damit der Leser ein Bild von ihren Eigenarten bekommt, sind mehr Details zur Charakterisierung nötig als bei rein menschlichen Figuren. Das kostet natürlich auch Platz im Roman. Als Autor muss man die Geschichte auch sorgfältiger komponieren, damit diese Beschreibungen nicht zum »Infodropping« verkommen. Sie sollen sich ja harmonisch in die Geschichte fügen und emotionale Wirkung entfalten.

Andererseits habe ich diese Besonderheit von »Myranor« auch als Chance empfunden: Es bringt eine Art von Exotik in die Geschichte, die eigentlich nicht der Art von Fantasy entspricht, die ich normalerweise und aus eigenen Antrieb schreiben würde. Ich habe deshalb selbst beim Schreiben etwas Neues kennengelernt, und daher hat es mir auch besonderen Spaß gemacht, mich darauf einzulassen und in diese Welt einzutauchen.

 

FantasyGuide: Kommen wir jetzt einmal zu deiner Firma »Wortwirkung«. Wie kann jemand, der sich gerade denken kann, was ein Lektor in einem Verlag so treibt, sich diesen eben ohne festen Verlag vorstellen?

 

Alexander Lohmann: Ein Lektor im Verlag hat im großen und ganzen ja zwei Aufgabenbereiche: den kaufmännischen und den inhaltlichen. Auf der einen Seite muss der Lektor Projekte planen und betreuen und das Produkt »Buch« von der Akquise bis zum Laden begleiten - das natürlich in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Fachleuten, z. B. aus dem Druck und aus dem Marketing. Inhaltlich muss der Lektor auf die Qualität des Buches achten: Er prüft das Manuskript und überarbeitet es - in Zusammenarbeit mit dem Autor.

Die meisten Leute, wenn sie an Lektoren denken, haben wohl diese zweite, inhaltliche Tätigkeit im Auge. In der Praxis sind die fest angestellten Lektoren allerdings oft genug mehr mit den kaufmännischen, organisatorischen Tätigkeiten beschäftigt. Die inhaltlichen Arbeiten, die Arbeiten »am Buch«, werden dann gerne an freie Mitarbeiter delegiert.

»Wortwirkung« ist in diesem Kontext nicht wirklich eine Firma. Im Grunde ist es nur der Name unseres Internet-Auftritts, in dem Linda und ich unsere Dienstleistungen anbieten. Streng genommen sind wir nämlich einfach nur freiberufliche Lektoren und Übersetzer, spezialisiert auf die Arbeit am Text.

 

FantasyGuide: Bei »Wortwirkung« bietet ihr auch einen Manuskript-Service an. Was genau macht ihr dabei? Wie sieht die Arbeit aus?

 

Alexander Lohmann: Als Freiberufler sind wir natürlich nicht an einen Auftraggeber gebunden, sondern bieten unsere Dienstleistungen prinzipiell jedem an. Wenn also jemand der Ansicht ist, dass sein Manuskript einer Verbesserung bedarf, noch bevor er es an einen Verlag schickt, dann stehen wir dafür natürlich auch zur Verfügung.

Was wir dabei machen, hängt von den Wünschen des Kunden ab. Wir bieten ein reines Korrekturlesen von Manuskripten an, nach Fehlern in der Rechtschreibung, der Grammatik und Zeichensetzung. Wir machen allerdings auch ein Lektorat, bei dem wir auf den Stil eingehen, die Struktur des Textes und inhaltliche Fehler. Wir verfassen auch die Exposees, die für eine Bewerbung bei Verlagen nötig sind. Als Außenstehender kann man leichter das Wesentliche erfassen als der Autor, der sich oft an den Details festklammert. Denn selbst wer einen spannenden, lockeren Roman schreiben kann, der verkrampft mitunter bei den Exposees und kriegt nur eine Inhaltsangabe hin, die alles andere als Werbung für das Buch ist.

Die Basis unseres Angebotes ist immer ein Gutachten, nach dem wir den Autor dann auch noch konkreter beraten.

 

FantasyGuide: Kommen wir zu einem anderen Thema. Lois McMaster Bujold's Chalion-Romane bei Bastei-Lübbe. Beide Romane wurden für den deutschen Raum von dir übersetzt. Eine professionelle Übersetzung ist sicher eine harte Arbeit. Wie bist du an die Sache herangegangen?

 

Alexander Lohmann: Den ersten Entwurf habe ich zunächst möglichst rasch getippt, um »im Fluss« zu bleiben. Probleme und stilistische Feinheiten blieben zunächst außen vor, und insgesamt war dieser Entwurf auch noch sehr dicht am englischen Original. Dafür war der Rohtext mit Anmerkungen gespickt, die ich mir dann bei der späteren Überarbeitung vorgenommen habe. In mehreren Schritten ging es dann sowohl um den stilistischen Feinschliff im Deutschen wie auch um die Recherche. Denn am Ende braucht man natürlich einen deutschen Text, dem man nicht bei jedem Satz ansieht, dass er aus dem Englischen übertragen wurde - der sich also glatt liest, ohne zu holpern.

Ein Ansatz war natürlich, dass ich alle Dinge vermeiden wollte, die mich selbst als Lektor immer stören. Da hatte ich ja schon einige Jahre Erfahrung, die ich einbringen konnte. Aber solche Mängel findet man natürlich in anderen Texten leichter als in solchen, die man selbst geschrieben hat.

Sehr wichtig finde ich als Übersetzer einen großen Fundus an Nachschlagewerken: Denn im Grunde sollte man auch als Übersetzer immer genauso gut wie der Autor wissen, worüber man gerade schreibt. Die erste Variante, die einem einfällt, ist eben nicht immer die beste.

Mein Idealbild von einer Übersetzung ist ein Text, der so verfasst ist, wie ihn der Autor möglicherweise geschrieben hätte, wenn er deutscher Muttersprachler wäre.

 

FantasyGuide: »Chalion«, die Sherlock-Holmes-Anthologie … Manch einer mag jetzt den Eindruck gewinnen, dass Wortwirkung ziemlich viel für Bastei-Lübbe macht. Besteht da nicht die Gefahr einer »feindlichen Übernahme«?

 

Alexander Lohmann: Für eine »feindliche Übernahme« braucht man eine Firma, und wie gesagt: Eine Firma ist »Wortwirkung« nicht. Wir sind Freiberufler, auch wenn Lübbe derzeit unser Hauptauftraggeber ist. Das hat damit zu tun, dass ich aus dieser Richtung prinzipiell genug Aufträge bekomme und eigentlich keinen Druck verspüre, mich anderweitig umzusehen. Im Vergleich zu den Auftraggebern aus dem Presse- und Sachbuchbereich, für die ich sonst noch tätig war, sind die Arbeitsbedingungen in der Belletristik fast paradiesisch, mit recht verlässlichen und großzügigen Terminen. Und die Themen liegen mir auch.

Das alles ist ein schleichender Prozess, den ich selbst im Einzelfall nicht einmal bewusst reflektiere. Lübbe ist im Laufe der Jahre allmählich zum Hauptauftraggeber geworden, weil die Zusammenarbeit dort insgesamt und über alle Faktoren, die da reinspielen – menschliches Miteinander, Arbeitsbedingungen, Zuverlässigkeit und Bezahlung - für mich am angenehmsten war. Und jetzt setzt Lübbe als Hauptauftraggeber für mich natürlich die Standards, an denen ich andere Arbeitsmöglichkeiten messe. Ich denke, dass ist für Geschäftsbeziehungen ganz normal.

Andererseits fühle ich mich immer noch als freier Anbieter. Ich wäge jeden Auftrag einzeln entsprechend der gebotenen Konditionen ab. Und auch, wenn ich oft schon auf längere Zeit ausgelastet bin: Prinzipiell macht es mir stets besonders viel Spaß, auch mal etwas Neues anzufangen. Daher gebe ich mir auch immer Mühe, bei neuen Anfragen die erforderlichen Kapazitäten so gut wie möglich »freizuschaufeln«.

 

FantasyGuide: Vielen Dank für das Interview!

 

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Erstellt: 20.06.2005, zuletzt aktualisiert: 17.11.2018 10:28