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Die Nacht der Morlocks – Die Zeitmaschine kehrt zurück von K.W. Jeter

Rezension von Torsten Scheib

 

Rezension:

Es gibt sicherlich nicht Wenige, die sich an eine ihrer ersten wahren Gänsehautmomente in jungen Jahren erinnern; zusammengekauert auf der heimischen Couch, beide Hände vor die Augen gelegt und immer wieder mal zaghaft zwischen den Fingern hervorgelugt … während ein entschlossener Wissenschaftler aus dem 19. Jahrhundert den Kampf gegen eine unheimliche, nach Menschenfleisch gelüstende Rasse aufnimmt: Die Morlocks!

 

Selbst wenn man sich George Pals nach wie vor kongeniale Adaption des H.G. Wells-Klassikers mit den eher ernüchternden Augen eines Erwachsenen von neuem betrachtet und die unheimlichen Mutationen aus der fernen Zukunft nun mehr wie eine Mischung aus graublauer Ganzkörperschminke, halbwegs gut gemeinten Perücken und simplen Gesichtsapplikationen wirken, so haben die Kannibalen nichts von ihrer sinistren Faszination verloren. Wells’ Roman übrigens auch nicht. Die titelgebende Zeitmaschine gehört auch noch heute, mehr als ein Jahrhundert nach der Erstveröffentlichung des Romans zu den ganz großen, fast schon ikonischen Sujets der Science-Fiction. Die Liste derer, die sich nach Wells literarisch mit Zeitreisen, temporären Paradoxien sowie deren möglichen Konsequenzen auseinandergesetzt haben, würde jeden Rahmen sprengen. Wohingegen die Aufzählung jener, die sich bewusst mit Wells Vorlage und deren offenem Ende befasst haben, ungewöhnlich klein ist. So schrieb Scifi-Großmeister Stephen Baxter mit Zeitschiffe (1995) eine konsequente, wenn auch ein wenig zu fröhliche Fortsetzung. Ein weiterer Brite, nämlich Christopher Priest, verknüpfte in Sir Williams Maschine (1976) sogar zwei Wells-Klassiker miteinander – Die Zeitmaschine und Krieg der Welten. Selbst zwei deutschen Autoren juckte es in den Fingern: Carl Grunert verfasste 1908 de facto eine Fortsetzung mit der Novelle Pierre Maurignacs Abenteuer und auch Wolfgang Hohlbein verschaffte dem namenlosen Erfinder beziehungsweise Protagonisten samt Morlock-Anhang einen kleinen Auftritt im Hexer-Zyklus. Auch der vorwiegend im Science Fiction- und Horrorbereich schreibende US-Amerikaner K. W. Jeter gehört zu den ganz wenigen, welche das ungewisse Schicksal des Zeitreisenden keine Ruhe gelassen hat; von der Bedrohung durch die Morlocks ganz zu schweigen. Doch sollten über dreißig Jahre ins Land ziehen, ehe Morlock Night (so der Originaltitel) eine deutsche Übersetzung erhalten würde.

Doch statt den Leser nach 802.701 zu entführen, nimmt uns Jeter zurück ins Viktorianische England des Jahres 1892. Dort musste sich gerade der ansonsten eher ruhige Protagonist, Hocker, ein völlig lächerliches Ammenmärchen anhören. Von einer Zeitmaschine! Und einer Zukunft, in der die Menschen zu stupiden Futterquellen verkommen sind! Welch absurder Schwachsinn!

Bis Hocker von der Wahrheit förmlich überrannt wird – genauer gesagt von zwei sich überlappenden Zeitlinien, die sich ausgerechnet im London des Jahres 1892 kreuzen. Spazierte Hocker noch bis vor wenigen Sekunden durch eine verwaiste Gasse, findet er sich nun unvermittelt auf einem Schlachtfeld wieder. Und der Feind ist ihm dicht auf den Fersen!

Doch wer hat es auf ihn und den Rest der Londoner Bevölkerung abgesehen? Was sind das bloß für unheimliche bleiche Kreaturen, die grausamer Konsequenz alles vernichten und jeden eliminieren, der sich ihnen in den Weg stellt?

Von der geheimnisvollen Kriegerin Tafe erfährt Hocker schließlich die schreckliche Wahrheit: Die Morlocks sind nämlich keine literarischen Phantasmagorien sondern vielmehr reale Kreaturen, die zur Invasion angesetzt haben – und kurz vorm Sieg stehen. Dass es sich bei dem Anführer der Morlock’schen Armeen ausgerechnet um einen Menschen handelt, macht die Tragödie noch schlimmer.

Doch neben Tafe gibt es auch noch andere Widerstandskämpfer. Den umtriebigen Dr. Ambrose beispielsweise, der Hocker dazu überreden kann, sich ihm anzuschließen. Das Ziel: Ein Ende der Invasion und das Aufhalten des in sich kollabierenden Zeitgefüges; verursacht durch jene Apparatur, welche es dem Zeitreisenden ermöglicht hatte, einen unverfälschten Blick in die Zukunft zu werfen und im Gegenzug den Morlocks Tür und Tor ins späte 19. Jahrhundert geöffnet hat. Doch dafür müssen Ambrose und Tafe tief hinab in das verschlungene Kanalisationslabyrinth unterhalb der völlig zerstörten britischen Hauptstadt. Irgendwo dort unten liegt die Schaltzentrale der Morlocks – und ein mächtiges Artefakt, welches die Legenden der Vergangenheit, die Bluttaten der Gegenwart und die Aussicht auf eine friedliche Zukunft in sich vereint …

 

„Die Nacht der Morlocks“ beginnt furios: Jeter reißt den Leser binnen weniger Seiten mitten hinein in ein temporäres Schlachtfeld, bei dem keine Gefangenen gemacht werden. Dadurch erhalten Lesters Ängste und auch seine noch unbeantworteten Fragen eine Intensität, welche deutlich spürbar ist. Selbst die Tatsache, dass es zwar eine Aussicht auf ein Wiedersehen mit der legendären Zeitmaschine, aber nicht mit deren Erfinder geben wird, kann deshalb auch verschmerzt werden. Man kann es nur als beeindruckend bezeichnen, wie geschickt Jeter in kürzester Zeit einen äußerst spannende und originellen Ausgangspunkt konzipiert, stellenweise aber dann durch den Verfasser selbst kolportiert wird. Just, als man Jeter insgeheim dankbar ist, den Roman weder durch Klischees oder „Gastauftritte“ vermeintlich bekannter und denkbar unpassender Zeitgenossen zu verfrachten, tauchen unvermittelt Merlin, König Artus und selbst das sagenumwobene Schwert Excalibur auf. Häh? Trotz des weiterhin ungehindert und ohne Längen nach vorne preschenden Tempos sind derlei Offenbarungen harter Tobak, den man erst mal verdauen muss. Und das dauert seine Zeit. Erst der Abstieg ins Unbekannte, in die Kanalisation, wetzt diese Scharte zumindest ein wenig aus – auch wenn es Jeter auch dort nicht lassen kann, den Roman erneut durch ein wenig weit ausgeartete Zusätze aus der Welt der Legenden zu „würzen“ – wenngleich dieser Zusatz zumindest nicht ganz so bitter schmeckt als das unerwartete Auftauchen von einem der wohl berühmtesten Magier und Könige. Sicher, man mag dem Roman zugute halten, dass er bereits über dreißig Jährchen auf dem Buckel hat; dennoch bleibt Verwunderung zurück, ob bei der damaligen Leserschaft derlei weit und durchaus exzessiv angewendete Ausschweifungen nicht auch ein pelziges Gefühl auf der Zunge zurückgelassen hat.

Wobei Die Nacht der Morlocks weit davon entfernt ist, ein schlechter Roman zu sein! Es gibt durchaus Gründe, warum Jeters Werk als Fundament der Steampunk-Bewegung angesehen wird. Doch dafür sollten geneigte Leser durchaus eine ordentliche Portion Verständnis mitbringen. Schließlich kommt es nicht alle Tage vor, dass sich die Wege von Merlin mit denen einer grausamen Rasse aus der fernen Zukunft kreuzen.

 

Fazit:

„Die Nacht der Morlocks“ hat Stärken und Schwächen, wobei letzteres sicherlich deutlich zutage tritt, zum Glück aber nicht wirklich die Oberhand gewinnt. Wer die, stellenweise ebenso wilde wie bisweilen einfach lächerliche Naivität des Autoren akzeptiert, bekommt unterm Strich eine solide Fortführung von Wells’ „Zeitmaschine“, die zwar viele Fragen offen lässt, dafür aber trotzdem gut zu unterhalten weiß.

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Buch:

Die Nacht der Morlocks – Die Zeitmaschine kehrt zurück

Autor: K.W. Jeter

Originaltitel: Morlock Night

Übersetzer: Michael Siefener

Edition Phantasia, 31. Mai 2010

Broschiert, 213 Seiten

 

ISBN-10: 3937897399

ISBN-13: 978-3937897394

 

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 24.07.2010, zuletzt aktualisiert: 16.11.2018 11:09