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Der verwunschene Zwilling von Lynn Flewelling

Reihe: Tamír Triad, Band 1

Rezension von Linda Dannenberg

 

Eine alte Prophezeiung besagt, dass das Land Skala nur solange ein gesegnetes Land ist, wie eine Königin auf dem Thron sitzt. Doch König Erius widersetzt sich dieser Prophezeiung, reißt die Krone an sich und tötet alle, die sie ihm und seinem Sohn wieder abspenstig machen könnten. Nur seine geliebte Schwester vermag er nicht zu töten. Jedoch gilt das nicht für deren Kind, sollte die Schwangere ein Mädchen zur Welt bringen.

Ebenfalls einer Prophezeiung folgend, machen sich die Zauberin Iya und ihr Schüler Arkoniel auf den Weg, um dieser Geburt beizuwohnen. Sie wissen, dass Ariani, die Schwester des Königs, mit Zwillingen schwanger ist: ein Mädchen und ein Junge. Und sie hatten Visionen, in der sie sahen, dass das Mädchen dazu bestimmt ist, die rechtmäßige Königin von Skala zu werden. So beschließen sie, mit der Hilfe der seltsamen Hexe Lhel und ihrer verbotenen Magie, das Mädchen zu schützen, in dem sie ihren Bruder töten und dann die Gestalt beider vertauschen. Doch der Zauber geht nicht völlig reibungslos von statten: Der Bruder wird zu einem rachsüchtigen Dämon, der seine Schwester, nun in der Gestalt eines Knaben, verfolgt, und Ariani verfällt dem Wahnsinn.

Für das Kind, Tobin, brechen nun schwere Zeiten an. Sie beziehungsweise er muss sich und seinen Weg finden, muss den vielen Gefahren, die ihn bedrohen, entkommen und sich eines Tages der Wahrheit stellen, dem, was er wirklich ist und was aus ihm werden soll ...

 

Lynn Flewelling gehört zweifellos zu den großen Autorinnen der Fantasy-Literatur. Sowohl ihre Reihe um die „Schattengilde“ als auch die „Tamír Triad“ haben ihr eine große Anhängerschaft eingebracht – völlig zu Recht, zeichnen sich doch beide Reihen durch viele positive Eigenschaften aus, wenngleich der Grundtenor der „Tamír Triad“ um einiges düsterer ist. „Der verwunschene Zwilling“ ist eine Neuauflage und -übersetzung des bereits im Jahr 2003 bei Lübbe erschienen „Das Orakel von Skala“.

 

Während in diesem Auftaktband eigentlich nicht viel mehr passiert als eine Einführung in den Plot und die Vorstellung der Charaktere beziehungsweise die richtige Positionierung dieser, kommt doch eine Menge Spannung auf. Flewelling schreibt extrem atmosphärisch und vermag es so, den Leser schon nach wenigen Seiten mitzureißen. Nicht selten läuft einem ein kalter Schauder über den Rücken, wenn der Geist von Tobins Bruder sein Unwesen treibt; hier beweist die Autorin, dass sie auch eine Menge von subtilem Horror versteht. Im Laufe der Handlung jedoch erkennt man sogar die Beweggründe und das Wesen des toten Bruders, sodass man, ebenso wie Tobin, die Angst verliert und eher Mitleid mit ihm empfindet.

Auch hierin besteht eine Stärke von Lynn Flewelling – sie nutzt kein „Gut-Böse-Schema“, keine ihrer Figuren ist eindimensional, trägt eine weiße oder schwarze Weste oder handelt vorhersehbar. Ihre Charaktere sind ambivalent, vielschichtig, plastisch und so lebendig und glaubwürdig gezeichnet, dass ihre Entwicklung und ihr Schicksal den Leser unwillkürlich berühren, ganz egal, ob es sich um den Zauberer Arkoniel handelt, den Zweifel darüber plagen, ob der Zweck die Mittel heiligt; um Ariani, die in ihrem Wahnsinn einerseits furchterregend und abstoßend ist, aber auch eine zutiefst tragische, mitleiderregende Figur oder um Tobin, den Jungen, der keiner ist, der in die Rolle der Königin einfach nicht zu passen scheint.

Nicht nur die Charaktere überzeugen, auch die Welt, die Flewelling erschaffen hat und die sich im Laufe der Geschichte immer weiter entfaltet, ist interessant und glaubwürdig geschildert.

 

Genau wie die Charaktere mit ihren eigenen Dämonen kämpfen – im übertragenen genauso wie im wahrsten Sinne des Wortes – regt „Der verwunschene Zwilling“ auch den Leser zum Nachdenken kann. Ist es wirklich verantwortbar, einen Menschen zu töten, um viele andere zu retten? Kann man guten Gewissens weiterleben, wenn man eine solche Schuld auf sich geladen hat? Flewelling hat eine Menge Tiefgang in ihren epischen Roman gebracht – dies ist keine seichte Fantasykost und trotz des jungen Protagonisten auch keineswegs ein Jugendbuch. Wenn man sich auf die Geschichte einlässt, wird sie eine bleibende Erinnerung hinterlassen.

 

Fazit:

„Der verwunschene Zwilling“ ist ein kleines Meisterwerk, das vor allem durch die intensive, überzeugende Charakterzeichnung besticht, aber auch mit einem interessanten Setting, einer dichten Atmosphäre und elektrisierender Spannung aufwarten kann. Hinter der eher unscheinbaren Aufmachung verbirgt sich ein Buch, das man nicht so leicht aus der Hand legen kann und das den Leser voll Spannung auf den zweiten Teil warten lässt.

 

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Der verwunschene Zwilling

Reihe: Tamír Triad, Band 1

Autor: Lynn Flewelling

Übersetzer: Michael Krug

Broschiert: 571 Seiten

Verlag: Otherworld Verlag; (August 2008)

ISBN-10: 3902607076

ISBN-13: 978-3902607072

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 22.09.2008, zuletzt aktualisiert: 01.06.2018 17:11