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Beowulf von Gisbert Haefs

Die Geschichte von Beowulf und seinen Taten

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

König Hrothgar und seine Untertanen, die dänischen Scyld-Leute, müssen Schreckliches erleiden, denn Nacht für Nacht wird seine prächtige Methalle Heorot von einem mordgierigen Monster heimgesucht. Das ist der Menschen hassende Grendel aus dem Stamme Kains, der einst seinen guten Bruder mordete und seither in Finsternis wandelt. Indes landet nach zwölf Wintern argen Grams ein stolzes Schiff am Gestade des Dänenkönigs und bringt vierzehn tapfere Mannen König Hygelacs aus dem Gautenland hoch im Norden. Dabei ist ein gewaltiger Kämpe, dem Gott der HErr die Kraft Riesen und das Herz den Tod zu bezwingen schenkte. Es ist der kühne Beowulf, Sohn von Ecgtheow, der das nächtliche Schlachten beenden will, damit des Vaterfreundes Volk mit metfroher Stimme Frieden verkünden kann.

 

Dies muss glasklar sein: Haefs' Beowulf ist kein auf den Motiven des Epos beruhender Fantasy-Roman wie etwa Poul Andersons Hrolf Krakis Saga (eben die Saga jenes Neffen Hrothgars). Es ist auch kein historischer Roman – es ist überhaupt kein moderner Roman. Es ist die Prosa-Adaption eines 3182 Stabreimverse langen Gedichts: des Beowulf-Epos. Entstanden ist es im frühen Mittelalter; ein englischer Mönch hat die Saga nicht nur schriftlich fixiert, sondern auch christianisiert: Grendel stammt von Kain ab, der Skalde besingt den biblischen Schöpfungsmythos und Gott der HErr beschenkte Beowulf mit einem guten Charakter. Dieses Werk wandelt Haefs vorsichtig in einen Erzähltext um. Zwar kürzt er einige redundante Wiederholungen und modernisiert die Wortwahl ein wenig, doch bleibt er insgesamt eng am Geist der Vorlage.

 

Dieses macht sich schon beim Setting bemerkbar. So findet das Geschehen wohl im frühen 6. Jh. im heute südschwedischen Schonen statt. Zu dieser Zeit war die Missionierung der Franken, die mit der Taufe ihres Königs Chlodwig um das Jahr 500 herum einen Wendepunkt fand, noch lange nicht abgeschlossen und an die Franken konnten die Ahnen der Wikinger nur geraten, wenn sie die mit den Franken verbündeten Friesen überfielen; eine Christianisierung Skandinaviens lag noch Jahrhunderte in der Zukunft. Haefs versucht nicht einen möglichen Urtext zu rekonstruieren, sondern erhält die christianisierte Fassung des Beowulf-Epos.

Der Schauplatz wird kaum beschrieben; nur auf die Pracht der Besitztümer, wie Waffen oder Methalle, wird stärker eingegangen. Da dieses der Charakterisierung der Besitzer dient, ist das Setting am besten als symbolische Kulisse zu verstehen.

 

Noch deutlicher werden die Unterschiede des Erzählverständnisses bei den Figuren: Es sind flache Exzentriker, die sich charakterlich zumeist nur graduell von einander unterscheiden. Zentral sind ihr Ruhm und ihre Tapferkeit. Die Figuren, vor allem Beowulf, erinnern mehr an den Superhelden der frühen Comics als an moderne Romanfiguren. Die Hauptfigur ist wenig überraschend Beowulf. Er ist der tapferste Krieger der Gauten. Seit seiner Jugend hat er keine noch so gefährliche Herausforderung abgelehnt. Zu seinem Todesmut gesellt sich unglaubliche Stärke: Nachdem er den fränkischen Helden Daeghrefn (= Tagrabe) besiegt hatte, war er mit 30 erbeuteten Kettenhemden von der friesischen Küste zurück nach Schweden geschwommen. Außerdem lebt er im Sinne des christlichen Gottes, denn er ist kein wrecca, der umherzieht um durch Abenteuer Ruhm zu erlangen, sondern bringt den Freunden Frieden – Beowulfs Vater war immerhin mit Hrothgar befreundet gewesen. Die weiteren Figuren sind noch weniger ausgearbeitet: König Hrothgar ist weise, aber im doppelten Sinne unglücklich, der Krieger Unferth (= Unfriede) ist neidisch und feige, Grendel hasst Menschen ganz allgemein, seine Mutter will Rache wie auch der später auftretende Drache. Die meisten Figuren dienen nur als Aufhänger für Beowulfs Heldentaten.

 

Es wäre leicht den Plot als heroische Fantasy zu begreifen: Nicht nur gibt es anscheinend drei entsprechende Höhepunkte – die Kämpfe gegen Grendel, dessen Mutter und den Drachen – es werden zusätzlich einige Berichte, die von Heldentaten und Kämpfen künden, eingestreut. Doch es wäre meines Erachtens verfehlt, die übrigen Szenen, die etwa ebenso viel Raum einnehmen, als bloßes Füllmaterial zu betrachten. Wenn sich also mit Höflichkeitsfloskeln bei der Ankunft oder Beschreibungen von Siegesfeiern befasst wird, kann man dieses als Sittengemälde betrachten.

Die Spannungsquellen haben sich allerdings verschoben. Die ehemals gefährlichen Bedrohungen durch die grausigen Unholde und deren Überwindung durch übermenschliche Heldentaten sind heute schal geworden, da die Figuren zu flach sind und die Leistungen zu überzogen – so etwas taugt heutzutage nur noch zur Parodie. Außerdem sind die Ergebnisse meistens schon bekannt: Entweder aus einer Nacherzählung, Zusammenfassung oder einer der Verfilmungen (in den letzten zehn Jahren gab es drei: Beowulf von 1999 mit Christopher Lambert, Beowulf & Grendel von 2005 mit Gerald Butler und Die Legende von Beowulf von 2007 mit dem per Computer überarbeiteten Ray Winston – diese drei Filme entfernen sich allerdings mehr oder noch mehr von der Vorlage). Die herkömmlichen Spannungsquellen sollten also für die meisten modernen Leser versiegt sein.

Dennoch dürfte der Text für Fantasy-Leser, die sich für die Wurzeln ihres Genres interessieren, lesenswert sein, denn er diente oftmals als Inspiration. Manchmal offenkundiger (wie etwa bei John Gardners tragischer Neuausdeutung Grendel oder Tom Holts Parodie Wer hat Angst vor Beowulf), manchmal subtiler (wie etwa bei Michael Crichtons historischem Fantasy-Abenteuer Der dreizehnte Krieger oder Frank Schweizers philosophischer Komödie Grendl). Am bekanntesten dürfte aber J. R. R. Tolkiens Ableitung sein: Auch dort verwüstet ein Drache die Länder der Menschen, da ein Dieb einen kostbaren Pokal aus dem Hort stahl und beide Male ist der Dieb das dreizehnte Mitglied der Heldentruppe.

Da es einer der ältesten Texte der englischen Literatur ist, ist das Epos natürlich für Mediävisten (Tolkien verwendete Elemente daraus nicht nur für seine Prosaliteratur, als Sprachwissenschaftler verfasste er auch einen vielfach rezipierten Artikel dazu: Beowulf: The Monsters and the Critics; dt. Beowulf: Die Ungeheuer und ihre Kritiker, z. B. in Gute Drachen sind rar enthalten), aber auch für Leser, die einfach 'nur' die Wurzeln der englischen Literatur und damit einen der wichtigsten Texte der Weltliteratur kennen lernen möchten, interessant. Mit einiger Vorsicht ist das Epos auch als historische Quelle verwendbar.

 

Die Erzähltechnik ist wiederum ungewohnt. Die Handlung ist episodisch und schwankt ob der vielen Einschübe zwischen Progressivität und Regressivität. Es gibt nur einen Strang, der aus auktorialen Erzählsituation geschildert wird; da psychologische Faktoren weitgehend ausgespart werden, wirkt es allerdings häufig objektiv.

Der Stil ist sehr empathisch und die Wortwahl würde man heute als gespreizt bezeichnen. Hinzukommen viele sehr eigenwillige Metaphern: die Kenningar. Viele lassen sich leicht aus sich selbst erschließen wie etwa "Lebensräuber", andere sind dagegen dunkler – der "Schwanenweg" ist das Meer und der König ein "Ringgeber". Hier wären einige Erläuterungen nützlich, wie sie J. L. Borges in seinem Artikel Die Kenningar (in: Niedertracht und Ewigkeit) macht. Leider fehlt derartiges im Nachwort dieser Beowulf-Ausgabe. Die Sätze neigen zur Länge, sind aber selten übermäßig kompliziert.

 

Neben der Prosa-Fassung des Epos finden sich noch zwei weitere Texte von Haefs in dem Buch. Da ist zunächst ein fiktionaler Prolog, der dem historischen Autor (Bruder Anonymus) auf die Spitze des Federkiels gelegt wird; hier erläutert Haefs knapp wie es zur christianisierten Fassung gekommen sein könnte. Zum Schluss gibt es noch ein zehnseitiges Nachwort, welches die wichtigsten Fakten zum Epos selbst und zu dessen Rezeption nachreicht.

 

 

Fazit:

Der kühne Recke Beowulf muss sich drei grimmigen Unholden stellen um den Frieden für die Seinigen wiederherzustellen. Wer einen spannenden Fantasy-Roman sucht, der sollte besser weitersuchen. Wer sich aber mit den Wurzeln der Fantasy – oder denen der englischen Literatur – befassen will, der wird nicht um das Beowulf-Epos herum kommen. Haefs' Prosa-Fassung liefert diesen Meilenstein der Weltliteratur in einer für Nicht-Mediävisten zugänglichen Form ohne sich dabei zu sehr von der Grundlage zu entfernen.

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Beowulf

Die Geschichte von Beowulf und seinen Taten

Autor: Gisbert Haefs

Verlag: Insel (24. Oktober 2007)

Broschiert: 135 Seiten

ISBN-10: 3458350063

ISBN-13: 978-3458350064

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 03.12.2007, zuletzt aktualisiert: 12.04.2018 19:29