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Andycon 2010

Raumschiff Andymon

Redakteur: Markus Mäurer

 

Wie ein gestrandetes UFO wirkt die silberne Kugel, die zwischen den Wohnhäusern hervorragt. Unbeeindruckt von diesem Fremdkörper wuseln die Erdlinge daran vorbei, während im Hintergrund die Tram rattert. Doch an diesem Tag war etwas anders. Immer wieder bogen gutgelaunte Sonderlinge aus dem Strom der Menschen ab und hielten auf das UFO zu.

An diesem Tag sollte dieses UFO tatsächlich abheben und seine Besucher auf eine Reise zu fremden Planeten mitnehmen. Der Himmel war blau, die Sonne strahlte und die Temperaturen waren zum ersten Mal sommerlich - beste Startbedingungen. Aus ganz Deutschland waren Passagiere gekommen, einer sogar aus Russland. Gleichgesinnte aus allen Altersschichten sollten dieses Generationenschiff bemannen: Schriftsteller, Wissenschaftler und Fans.

Das Raumschiff: die Andymon, die ihm richtigen Leben Zeiss-Großplanetarium Berlin heißt.

Die Projektleitung: der SF-Club Andymon.

Die Mission: die Zelebrierung des 25-jährigen Bestehens.

 

Der Samstag:

Am Samstag den 24. April um 13.00 Uhr ging es los. Die Passagiere, die sich ihre Plätze bereits im Vorfeld reserviert hatten, fanden sich im Kinosaal ein, um von der Crew über den Ablauf der Mission gebrieft zu werden.

Zunächst gab es einige Hintergrundinformationen über den Anlass der Reise. Vor 25 Jahren trafen sich einige junge Astronomen in der Archenhold-Sternwarte Treptow (in der damaligen DDR) und gründeten aufgrund einer gemeinsamen Vorliebe für Science Fiction den SF-Club Andymon, benannt nach dem bekannten Roman von Angela und Karlheinz Steinmüller.

Dann war es so weit - Ready for Take-Off. Das UFO war zum Start bereit, die Passagiere in ihren Sitzen und unter der Anleitung von Karlheinz Steinmüller startete man um 14.00 Uhr Ortszeit in die Zukunft. Dafür hätte man sich keinen kompetenteren Führer wünschen können, denn der Physiker Steinmüller ist vor allem als Zukunftsforscher tätig und berichtete mit ansteckender Begeisterung von seinen Forschungsergebnissen. Er nahm seine Passagiere nicht nur mit in die Zukunft sondern auch in die fernste Zukunft. Er nannte zahlreiche Theorien, wie eine mögliche Zukunft aussehen könnte, welche Probleme die Menschheit auf diesem Weg zu lösen hatte.

Um 15.30 Uhr wurde Dr. Steinmüller von Prof. Dr. Dieter B. Herrmann abgelöst, der das Steuer übernahm und um 180 Grad drehte, zurück in die Vergangenheit, bis zum Ursprung des Universums - dem Urknall. Leider hörte sich das Ganze wie eine Physikstunde in der Schule an. Statt näher auf den LHC (Large Hydron Collider), den Teilchenbeschleuniger einzugehen, vermittelte er vor allem Grundlagenwissen über den Aufbau von Atomkernen mit all seinen Bestandteilen wie Protonen, Elektronen, Gravitonen, Hicks, Quarks etc. und deren Ladungsverhältnissen. Der Vortrag war nicht schlecht, aber leider zu trocknen.

Um 17.00 ging es dann im Planetariumssaal wieder langsam zurück in die Zukunft. Unterwegs machte das spektakulär inszenierte Programm der ESA und einiger Planetarien, halt bei Galileo Galilei. Die Passagiere konnten ihn bei seinen bahnbrechenden Erkenntnissen über die Umlaufbahnen von Planeten beobachten. Dann ging es im Eilschritt weiter zum ESA Kontrollzentrum, von wo aus der Beobachtungssatellit Herschel gesteuert wird. Diese ganze Reise wurde auf die riesige Kuppeldecke des Planetariums projiziert und hinterließ einen atemberaubenden Eindruck.

Um 18.30 Uhr traf der Besuch aus Russland ein - Dmitry Glukhovsky der Erfolgsautor von Metro 2033 und Metro 2034. In echt wirkte er wesentlich umgänglicher als auf den Pressefotos seiner Bücher, und so gab er sich auch auf dem Podium. Nachdem er dem Publikum versicherte, dass er ganz schlecht Deutsch spreche, bewies er kurz darauf das Gegenteil. Doch zunächst las er Auszüge aus Metro 2033 auf Russisch vor, die dann noch einmal von einem engagierten Simon Weinert auf Deutsch vorgetragen wurden. Danach ging es in eine Fragerunde mit Hardy Kettlitz, Hannes Riffel und dem Publikum.

Glukhovsky erzählte, dass er seine Vorbilder im magischen Realismus Südamerikas sehe - bei Autoren wie Borges, Marquez etc. Die Idee zu dem Roman habe er gehabt, als ihm jemand erzählte, dass die Moskauer Metro der größte Atomschutzbunker der Welt sei. Die Heimatstation WDNCh von Artjom sei auch seine Heimatstation, und der Weg den Artjom in der Geschichte zur Polis zurücklegt, sei sein Schulweg gewesen. Zur Zeit plane er keine weiteren Bücher im Metro-Universum, da er sich mit jedem Buch weiterentwickeln wolle und nicht dasselbe erzählen. Es gebe aber andere russische Autoren, die Metro-Romane schreiben, die eben dasselbe erzählen und damit die Erwartungen der Leser erfüllen. Er habe auch am Computerspiel zu Metro 2033 mitgearbeitet und sei für die Dialoge verantwortlich.

Insgesamt gab er sich sehr umgänglich und humorvoll.

Um 20.00 Uhr fand mit dem Hörspielkino unterm Sternenhimmel die letzte Veranstaltung des Tages statt. Der Name war Programm, und die zahlreichen Besucher fanden sich unter einem kuppelförmigen Sternenhimmel wieder, der sie direkt nach Metropolis brachte. Das Konzept des Hörspiels im Zeiss-Großplanetarium Berlin ist wunderbar. Es gibt wohl kaum einen besseren Ort um sich zurückzulehnen und sich mit auf eine Reise zu den Sternen nehmen zu lassen.

 

Der Sonntag:

An dieser Stelle sollte ich nicht verschweigen, dass auch ich zu den Passagieren des Raumschiffs Andymon gehörte. Doch am Sonntag verpasste ich den frühen Start um 10.30 Uhr, und damit den - wie man mir sagte - hoch interessanten Vortrag des Dirigenten Frank Strobel, zur Rekonstruktion des Films Metropolis.

Um 11.45 erzählte Dr. Wolfgang Both von sozialistischen Utopien und warum sie so wenig erforscht seien. Dr. Both trug kenntnisreich und frei vor, und hatte die ein oder andere Überraschung im Gepäck.

Um 13.00 bewegten wir uns wieder in den russischen Sektor. Im Planetariumssaal fand eine Podiumsdiskussion über die neue russische Phantastik mit Dmitry Glukhovksy und Erik Simon (seines Zeichen Übersetzer aus dem Russischen und Polnischen) statt. Fazit: Die russische Science Fiction und Phantastik ist quicklebendig. Es gibt mindestens drei professionelle SF Magazine, die monatlich erscheinen. SF verkauft sich gut, hat aber in jüngster Zeit die Tendenz russisch-imperialistischen Träumen nachzuhängen.

Um 14.30 betrat die Besatzung der SFC Andymon, unter der Führung von Prof. Dr. Tilman Spohn, das erste Mal fremde Planeten. Dabei referierte Dr. Spohn mit großer Begeisterung über die Bedingungen, unter denen Leben auf anderen Planeten möglich sein könnte. Ein hervorragender Vortrag, dem am Ende nur ein wenig Zeit fehlte.

Den Abschluss der Reise bildete die Lesung aus der Fantasyguide.de-Anthologie Der wahre Schatz. Es lasen Ralf Steinberg, Markus Richter und Jakob Schmidt.

 

Persönliches Fazit:

Ich bin erst im Oktober 2009 nach Berlin gezogen. Berlin, diese moderne Metropole, die direkt am Puls der Zeit liegen soll; marode aber mit Stil. Das neue Paris oder New York. Vor allem war es in den Wintermonaten kalt, düster, dreckig und vereist. Eine matschig, glitschige Eiswüste, groß und anonym; eher abweisend als einladend. Nicht sehr futuristisch, eher sibirisch. Kaum einen Schritt konnte man machen, ohne dabei auszurutschen. Das „hochmoderne“ Verkehrssystem (in Berlin S-Bahn genannt) fiel ständig aus und ratterte ansonsten, als würde es dem Fünfjahresplan um 10 Jahre hinterher hinken.

Um mit der Zukunft Schritt zu halten, musste ich also zu Hause bleiben - im Warmen. Die Füße hochgelegt, einen SF-Schmöker in der Hand; oder im Netz surfend auf SF-Netzwerk.de oder SF-Fan.de. Die Zukunft fand überall statt, aber nicht in Berlin.

Das änderte sich am 24. April. Das Raumschiff Andymon kam, und mit ihm nicht nur die Zukunft, sondern auch der Sommer. Es war T-Shirt-Wetter, als ich die Startrampe hinaufschritt und die kalten, tristen Wintermonate hinter mir ließ. Ich war nicht der Einzige. Menschen, die ich sonst nur aus dem Internet kannte, unter obskuren Nicknames (meiner ist übrigens Pogopuschel), erschienen mir auf einmal in der dritten Dimension. Aber James Cameron hatte nichts damit zu tun, dass sich »SF-Freaks« wie ShockWaveRider oder Frank Böhmert in die Öffentlichkeit trauten. Nein, es war die Zukunft, die rief, und die will man möglichst mit Gleichgesinnten erleben.

Das Team um den SF-Club Andymon sorgte dafür, dass es in angenehmer und unvergleichlicher Atmosphäre geschah. Welcher Ort könnte besser für einen SF-Con sein, als Deutschlands größtes Planetarium. Die Räumlichkeiten waren unschlagbar und die großzügig bemessene Programmplanung sorgte dafür, dass man zwischen den Programmpunkten immer genügend Zeit hatte, zum Quatschen oder Bratwurstessen.

An dieser Stelle Herzlichen Glückwunsch zu 25 Jahren SF-Club Andymon, und auf die nächsten 25.

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Erstellt: 04.05.2010, zuletzt aktualisiert: 15.09.2019 17:26