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Interview mit Ju Honisch

Redakteur: Ralf Steinberg

 

Im Rahmen unseres Specials zu den Preisträgern des Deutschen Phantastikpreises 2009 widmen wir uns diesmal Ju Honisch. Mit ihrem Romandebüt Das Obsidianherz eroberte sie nicht nur die Kritiker im Flug, sie überzeugte die Phantastik-Fans Querbeet durch alle Vorlieben. Wie man dem Interview anmerken wird, ist Ju keine Freundin kurzer Statements. Wir hatten Spaß dabei mit ihr zu plauschen und wir hoffen, dass sie auch euch begeistern wird.

 

 

Ju bei der Verleihung des DPP 2009


Fantasyguide Hallo Ju, im Rahmen des Deutschen Phantastik Preises 2009 und dem Gewinn des Preises in der Kategorie Bestes deutschsprachiges Romandebüt hast Du schon eine Menge Interviews gegeben. Wie ist das Star-Leben?

 

Ju Honisch Oh, das mit dem Star-Leben kann ich so gar nicht beantworten. Ich habe keins. Mein Leben ist grauslich normal und von des Durchschnitts Blässe angekränkelt. Die Interview-Anfragen überschlagen sich nicht, sie tröpfeln eher so. Und zumindest von den weiter verbreiteten Printmedien hat sich noch nie eines für den Deutschen Phantastik Preis interessiert. Ich wünschte, es wäre anders, aber es ist tatsächlich so, dass man erst im Ausland punkten muss, damit die einen über den Umweg der internationale Nachrichtenagenturen (von denen sie die Nachrichten beziehen, weil das leichter und billiger ist, als selbst zu recherchieren) dann im Inland größerflächig bemerken. Nur um ein Beispiel zu nennen: die Frankfurter Rundschau war als einziges (da lokales) Medium mit dem HiWi ihrer Internet-Redaktion auf dem BuCon, auf dem abends die Phantastik Preise verliehen wurden. Nun gab es da kein Buffet und keine Getränke, also ging man gleich wieder, noch bevor es mit der Preisverleihung überhaupt losging. – Soweit zum Starleben.

 

Fantasyguide Besonders spannend fand ich die Tatsache, dass Du aus der Lyrik und der Musik kommst. Ist es schwer, die lyrische Ader in den Romanen zu unterdrücken, bleibt viel beim Lektor hängen oder hast Du in der Prosa gleich eine andere Art des Schreibens gefunden?

 

Ju Honisch Ich habe mich immer als Geschichtenerzählerin gesehen. Auch meine Lieder erzählen Geschichten. Für mich war das kein Spagat, eher zwei Seiten derselben Sache. Auch habe ich nicht wirklich nacheinander erst Musik und dann Text produziert, sondern im Grunde schon immer beides.

Im Moment verschiebt sich allerdings das Gewicht ein wenig zugunsten von Prosa. Das ist primär eine Zeitfrage. Man kann einfach nicht alles machen – zumindest solange man noch einen regulären „Day-Job“ hat, mit dem man den Hauptanteil seiner Brötchen verdienen muss. Wenn das „Star-Leben“ dann irgendwann mal Wirklichkeit werden sollte, mag das wieder anders sein.

Mein Lektor ist übrigens gnädig. Er ist der einzige Lektor, den ich kenne, der einem von einem selbst gestrichene Passagen wieder in den Text reinsetzt.

 

Fantasyguide Wer ist denn Dein Lektor und kannst Du uns ein Beispiel für die entzerrte Selbstzensur geben?

 

Ju Honisch Mein Lektor ist Oliver Hoffmann, wobei an „Salzträume“ Andrea Bottlinger auch mitgewirkt hat. Ein Beispiel weiß ich leider nicht mehr.

 

Fantasyguide Filk ist nur wenigen Liebhabern wirklich bekannt. Was hat Dich damals daran gereizt und wie stehst du heute dazu?

 

Ju Honisch Filk ist – wenn auch nicht unter dem Begriff – im Grunde weithin bekannt. Fantasy-Folk, Pseudo-Mittelalter-Folk, Balladen mit Handlung: all das passt da mit rein. In den letzten Jahren ist das sehr beliebt geworden, und die meisten Leute wissen einfach nicht, dass es das unter dem Namen Filk schon seit vierzig Jahren gibt.

Was mich daran fasziniert? Zum einen, dass es um Texte mit Handlung oder Aussage geht, um Dichtung, der man tatsächlich aktiv und konzentriert zuhören muss. Bei der Dauerberieselung von BLAH, der man ständig ausgesetzt ist, ist das etwas Besonderes.

Zum anderen mag ich die handgemachte Art der Musik. Ich selbst komponiere ja auch schon mal „digital“, z.B. die Musik zu meinen Buch-Trailern (Trailer "Das Obsidianherz", Trailer "Salzträume", Trailer zu "Bisse").

Aber ich schätze es tatsächlich, wenn man das Entstehen von Musik mit Stimme und Instrumenten noch live erleben kann und es eine direkte Kommunikation zwischen Musiker und Publikum gibt.

Und der dritte und gewiss nicht unwichtigste Punkt ist, dass Filk nicht nur eine Musikrichtung ist, sondern auch eine Gemeinschaft, oder ‚Community’. Es handelt sich dabei um die toleranteste und zugleich kreativste internationale Gemeinschaft, die ich kenne. Hier wird bewusst das Recht zur Kreativität auch jenen zuerkannt, die vielleicht grade erst anfangen oder deren Begeisterung noch größer ist als ihr Können.

Filk hat einen – und das meine ich positiv – ganz großen Friede-Freude-Eierkuchen-Anteil, wird getragen von fröhlich-freundlichem Miteinander-Chaos. Ich habe ganz wunderbare, spannende und interessante Menschen über Filk kennengelernt in einer ganzen Reihe von Ländern; Leute von weit her, die mich besuchen oder die ich besuche. Eine gute Freundin, die ihr vielleicht kennt: Erfolgsautorin Tanya Huff, die die Blood Books geschrieben hat, auf denen die TV-Serie Blood Ties basiert. Auch sie macht Filk.

 

Fantasyguide Ist der "Friede-Freude-Eierkuchen-Anteil" nicht ein gefundenes Fressen für diejenigen, die der Phantastik Eskapismus vorwerfen?

 

Ju Honisch Wer Fressen finden will, wird immer und überall welches finden, und ich wünsche guten Appetit.

Ich bin dieser Eskapismus-Phrase einigermaßen müde. Sie ist so hohl und unreflektiert. Wir alle frönen unserem Eskapismus. Er ist Teil unserer Menschlichkeit. Wünsche und Pläne und Phantasie sind Grundstock für Innovation. Ohne geht es nämlich nicht.

Neil Gaiman hat in England vor zwei Jahren mal was Schönes erzählt: er war Ehrengast auf der ersten riesig großen chinesischen Fantasy- und Science Fiction Convention. Diese wurde nach vielen Jahren, in denen diese Literaturform als äußerst subversiv galt, tatsächlich vom chinesischen Staat für die Fans organisiert. Da kam man nämlich drauf, dass trotz der riesigen Mengen wohlausgebildeter Chinesen dieses Land kaum Innovationen macht. Man macht nach, aber nicht neu. Und siehe, da sahen sich die Chefs der Chinesen in der Welt um und stellten fest, dass die Leute, die die technische Entwicklung in den letzten Jahren vorangetrieben haben in Computertechnologie u.ä. große Schnittmengen mit denen haben, die man auf Fantasy- und SF Cons findet oder die zumindest so etwas gerne lesen. China fördert also jetzt staatlicherseits die Phantasie, und Europa ergeht sich naserümpfend in Eskapismus-Bashing. Da geht er hin, unser Technologievorsprung.

Und mal ganz ehrlich: Wer sich in einer Großstadt ohne Parkplätze einen riesigen, spritschluckenden Geländewagen fährt – ist der kein Eskapist? Wer große Mengen Geld irgendwelchen Schönheitschirurgen hinterher wirft, in der wenig durchdachten Hoffnung, dann jung zu bleiben und nie zu sterben – ist der kein Eskapist? Alle, die irgendwann einmal in der grauen Vorzeit einem Märchenerzähler gelauscht haben, sind das alles Eskapisten? Und wie war es mit dem ersten Primaten, der vom Baum gestiegen ist – könnte man dem vielleicht auch noch Eskapismus vorwerfen?

Was Friede-Freude-Eierkuchen angeht, so ist mir Friede lieber als Krieg, Freude lieber als Traurigkeit, und Eierkuchen sind auch nicht zu verachten – am besten mit Ahornsirup. Das ist kein Eskapismus. Das ist ganz einfach normal.

 

 

Fantasyguide Ist es nicht einfacher geworden, CDs mit Deinen Liedern zu veröffentlichen?

 

Ju Honisch Die Technik ist natürlich einfacher geworden. Als wir Anfang der 90er Jahre angefangen haben mit einer ersten Kassetten-Heimproduktion, haben wir das analog auf einem Vierspur-Kassetten-Tonbandgerät gemacht. Das war nicht einfach. Da konnte man nämlich nichts schneiden. Heute kann man digital schon auch mal nachbessern, wenn es irgendwo zwackt. Tatsächlich ist es aber so, dass mit der Zunahme der technischen Möglichkeiten im gleichen Maße auch die Ansprüche steigen. Katy Dröge-Macdonald und ich basteln gerade an unserer neuen CD. Sie wird Shadowhorses heißen, und vielleicht wird sie ja irgendwann fertig.

Unsere CD Produktionen sind jedoch reine Hobby-Produktionen. Im allgemeinen Handel findet man sie nicht. Wer sich dafür interessiert: Filkshop.de

 

Fantasyguide Kannst Du Songs, etwa über Badeerlebnisse umtriebiger Hexen, in Deine Romane einbringen, oder fühlst du Dich einem gewissen literarischen Ernst verpflichtet?

 

Ju Honisch Oh, das ist schwierig. Ich fühle mich nicht einem gewissen literarischen Ernst verpflichtet, aber tatsächlich schreibe ich eher ernst als heiter. Übrigens auch bei den Liedern. Die witzigen sind eher die Ausnahme. Doch Witziges merken sich die Zuhörer besser. Deshalb ist das Lied über Badeerlebnisse umtriebiger Hexen auch weitaus bekannter als (meines Erachtens durchaus bessere) Lieder über die Probleme der Welt. Ich versuche ja auch in meinen Büchern, nicht immer und dauernd bierernst zu sein. Ob man meine Ironie allerdings immer versteht ist etwas, was letztlich nur die Leser beantworten können.

(Fantasyguide Ju stellte uns freundlicherweise eine Kostprobe ihrer Lieder zu Verfügung: Überzeugt euch selbst!)

 

Fantasyguide In Deiner Fan-Karriere hast Du aber noch mehr angestellt, als Lieder zu schreiben, welcher Teil des Fandoms hat Dich am meisten geprägt?

 

Ju Honisch Entdeckt habe ich das Fandom über Star Trek so um 1990. Und als ich erst mal eine Ecke vom Fandom entdeckt hatte, gab es eine Kettenreaktion. Ein bisschen Science Fiction, ein bisschen Fantasy-Verein, ein bisschen Gewandungsszene, ein bisschen Rollenspiel. Und sehr bald schon Filk, wo von allem etwas dabei ist. Jede Nische ist hier vertreten. Sicher hat mich diese Vielfalt am meisten beeindruckt und geprägt.

 

Fantasyguide Über die Qualität von FanFiction wird ja gern gelästert, dabei ist es ein probates Mittel, mit dem Schreiben anzufangen und manche landen dann auch tatsächlich als Autoren der Lieblingsserie – könnte Dich das noch reizen?

 

Ju Honisch Ich habe sogar mal Fan-Fiction produziert – in gewisser Weise – als ich für einen Storywettbewerb einer ST Convention 1991 mal eine Geschichte geschrieben habe, die erfreulicherweise auch gewonnen hat.

FanZines waren nie mein „Ding“. Und auch online lese ich keine FanFiction. Dabei bin ich mir sehr bewusst, dass da vermutlich ein paar wirklich gute Sachen mit dabei sind. Tatsächlich finde ich es eine wunderbare Art, zu üben und einen Stil zu entwickeln.

Für den Fantasy-Verein, bei dem ich seit 10 Jahren nur noch als Karteileiche herumspuke, habe ich damals eine ganze Reihe von Geschichten geschrieben. Was mich aber immer gestört hat, war die Vorgabe von bereits definierten Ideen oder fixen Parametern. Ich wollte immer selbst etwas entwickeln, und das kann man letztlich nur mit eigenen Ideen.

 

Fantasyguide Karteileiche? Bist Du dem Vereinswesen entwachsen oder gibt es andere Gründe?

 

Ju Honisch Ich habe einfach keine Zeit mehr. Bisweilen nehme ich mir vor, wieder mal zu einem Treffen zu gehen, aber es klappt fast nie.


Ju bei ihrer Lesung aus Salzträume beim BuCon 2009

Fantasyguide Steampunk, romantische Fantasy – es gibt Autoren, die sich gegen Klassifizierungen wehren und andere, die sich in einer Untergattung wohl fühlen. Mir scheint, Du wirst das 19. Jahrhundert nicht so schnell verlassen, oder?

 

Ju Honisch Ich mag das 19. Jahrhundert. Ich habe ja tatsächlich einen Hochschulabschluss in Geschichte (Staatsexamen und Magister). Ich fühle mich in der Vergangenheit zu Hause, wobei ich aber froh und dankbar bin, im Hier und Jetzt zu leben, nicht zuletzt weil ich solche Errungenschaften wie medizinische Versorgung, soziales Netz und last but not least Innentoiletten wirklich erfreulich finde.

Trotzdem ist die Vergangenheit eine wunderbare Spielwiese, denn sie wird aus unserem Blickwinkel vereinfacht wahrgenommen, scheint nicht so vielschichtig und komplex oder kompliziert zu sein wie das Hier und Jetzt. Ein Irrtum natürlich, aber ich schreibe ja Romane und keine historischen Forschungsarbeiten.

Und ja, ich werde dem 19. Jahrhundert wohl noch ein bisschen treu bleiben. Der nächste Roman, der 1867 spielt, ist bereits fertig geschrieben. Und der übernächste ist auch schon recht weit gediehen. Danach würde ich gerne etwas Urban Fantasy in der Jetztzeit ausprobieren. Plan steht schon.

Und was die Romantik angeht – vor der muss man keine Angst haben. Liebe ist ein Grundbedürfnis, und man bekommt auch in unserem Land nicht den Schulabschluss aberkannt, wenn man mal ein bisschen romantisch sein möchte. Es ist okay, Leute. Wir dürfen auch mal träumen. Ehrlich.

Andere Länder tun sich damit allerdings meist etwas leichter.

 

Fantasyguide Mir fiel beim Lesen von Autorinnen wie Marion Zimmer Bradley, Diana Gabaldon oder Jennifer Roberson auf, dass es immer wieder Punkte gibt, an denen mich die weibliche Schwäche und Eingeschränktheit der Hauptfiguren nervt. Sind das nur dramaturgische Details oder eine notwendige Charakterisierung?

 

Ju Honisch Nun, wenn man ein historisches Setting hat, dann ist die Eingeschränktheit der handelnden Damen schlichtweg vorgegeben. Da ist zum einen die Vorgabe der Erziehung – oder des bewusst betriebenen Mangels derselben –, aber nicht zuletzt auch einfach die Kleidung. Wer ein Korsett, das einem die Luft abschnürt, und ein Krinolinenkleid mit 1,5m Durchmesser trägt, der springt nicht grade mal mit Elan auf den Tisch und zieht ein Schwert.

Man kann natürlich sozialgeschichtlich durchaus darüber debattieren, in wieweit die Mode und die Schönheitsvorstellungen eben auch gezielt darauf hingewirkt haben, Frauen hilflos zu machen. Kleiderregeln und Mode werden bis heute primär von Männern gemacht. Heute schnürt man die Damen nicht mehr, bis sie umkippen, sondern man lässt die Mode vorführenden Mädels hungern, bis sie – wiederum – umkippen. Möglicherweise ist das Prinzip ja ähnlich?

 

Fantasyguide Das 19. Jahrhundert ist geprägt von deutlichen Veränderungen in der Rolle der Frau. Von der Erzieherin zum schützenswerten Besitz des Mannes, reduziert auf Hausarbeit und Aussehen. Muss man da als Leser nicht automatisch rebellieren und mit Unverständnis auf manche Szenen reagieren?

 

Ju Honisch Nein, denn es war einfach so. Dass es so war, heißt ja nicht, dass es so RICHTIG war. Auch nicht, dass es so erstrebenswert war oder in irgendeiner Weise nachahmenswert.

Vielleicht wird man sich beim Lesen einer solchen Szene ja bewusst, was sich alles geändert hat. Ich würde mir wünschen, dass es so wäre und dass man sich immer bewusst ist, wie lang und hart und unendlich entbehrungsreich die Entwicklung hin zu einer Gleichberechtigung (die wir, wie ich meine, noch keinesfalls vollständig erreicht haben) war.

Die Damen aus meinen Büchern, gehen alle über das von ihrer Zeit vorgeschriebene Idealbild der züchtigen Hausfrau hinaus, manchmal innerhalb eines Entwicklungsprozesses, den die Handlung auslöst. Sie sind deshalb noch keine Suffragetten. (Wäre vielleicht mal nett, über eine zu schreiben?) Aber sie sind auch keine Ja-sagenden Mäuschen.

Dennoch kann man nicht so tun, als wäre es nicht so gewesen wie es eben war. Man würde in einem Roman über das Dritte Reich ja auch nicht alles rosa malen und die Gräuel verschweigen, nur weil diese den Leser von heute beim Lesen vielleicht ärgern könnten.

Ein historischer Hintergrund verpflichtet einen zu ein wenig Anpassung der Charaktere an den Zeitgeist ihrer Zeit. Ich selbst finde historische Romane weitaus ärgerlicher, bei denen die Heldin die „Denke“ eines rebellierenden Teenagers des 21. Jahrhunderts hat.

 

Fantasyguide Wie sieht es aber mit Bettlerinnen, Mägden, Huren, also den ganzen Frauen aus, die keine Möglichkeiten der Entwicklung haben?

 

Ju Honisch Nun, das ist kein spezifisches Frauenproblem. Es ist ein soziales Problem, das wir auch noch nicht gelöst haben. Sozial benachteiligte Frauen – übrigens auch sozial benachteiligte Männer - haben es heute auch nicht leicht.

 

Fantasyguide Die Verbindung von mythischer Fantasy und alternativer Technikevolution mit historischen Schauplätzen könnte doch aber auch mit sozialen Änderungen einhergehen. Warum liest man gerade im Steampunkbereich so wenig über neue gesellschaftliche Entwicklungen?

 

Ju Honisch Technische Errungenschaften haben meist ein Datum, an dem man sie festmachen kann: 7. Dezember 1835 die Lokomotive Der Adler fährt erstmalig zwischen Nürnberg und Fürth. Einfach.

Soziale Entwicklungen gehen sehr viel langsamer und sublimer voran, wenn es sich nicht gerade um eine gewaltsame Revolution handelt. Hier eine Entwicklung literarisch nachzuzeichnen, dazu müsste man vermutlich eine Familiensaga mit mehreren Generationen schreiben: vom Kleinbauern ins Industrieproletariat. Oder vom erfinderischen Handwerker zum Industriemagnaten. Oder der Kampf um Bildung und das Recht darauf in zwei bis drei Frauengenerationen.

In Salzträume wird die erste amerikanische Frauen-Universität erwähnt. Die Heldin überlegt, ob sie – sofern sie überlebt – dort studieren soll. Und auch eine der wenigen weltreisenden Forscherinnen des 19. Jahrhunderts (Ida Pfeifer) findet Erwähnung. Es ist also nicht so, dass der Aspekt nie zur Sprache kommt.

Dennoch schreibe ich keine politische Prosa. Ich möchte unterhalten; mit Abenteuern, die möglichst spannend sind. Wenn nebenbei noch ein paar Fakten vermittelt werden, gut. Aber ich bin – wie schon gesagt – Geschichtenerzählerin. Romane, die einen ausgesprochenen Lehranspruch transportieren, sei er weltanschaulich oder religiös, werden meist schnell ein bisschen lästig. Zumindest mir.

 

Fantasyguide Georges Orwell vertrat die Ansicht, dass es keine unpolitische Literatur gibt. Die Art und Weise, wie Deine Heldinnen agieren, sagen ja dennoch etwas über ein Weltbild aus, oder?

 

Ju Honisch Natürlich. In „Salzträume“ gibt es für Charlotte einiges umzudenken und neu zu bewerten. Und die Meinung einer außerhalb eines engen Zeitrahmens stehenden Person, wie des Vampirs, zu Dingen wie Philosophie oder Religion oder selbst Moral bilden einen Gegenpol zum – jeweils - herrschenden Zeitgeist. Das ist im weitesten Sinne politisch.

Wenn man Politik enger fassen möchte – also staatlich – dann bieten die Verschwörer immerhin die Spielwiese des rücksichtslosen Vormachtstrebens - und der nicht vorkommende, aber immerhin beargwöhnte Kaiser die mögliche Bandbreite der Reaktion eines autokratischen Herrschers (Franzl war nicht nur nett) auf die plötzliche Option einer Überwaffe, die zwar grausam, aber auch wirksam ist.

Noch politischer wird es, wenn man weiter denkt. Die Handlung ist 1865 angesiedelt. 1866 sah den Deutschen Krieg, die kriegerische Auseinandersetzung des Deutschen Bundes unter Führung Österreichs mit dem Königreich Preußen und dessen Verbündeten. Preußen hat gewonnen, weil Österreich schlecht bewaffnet war. An dieser Stelle könnte man politisch nach dem „was wäre wenn“ fragen – doch die Antwort ist unerheblich, da sie nichts mehr ändert. Aber „was wäre wenn“ es keine Reichsgründung unter preußischer Vorherrschaft gegeben hätte? „Was wäre wenn“ ein Deutscher Bund aus heterogenen Einzelstaaten (der EU ähnlich) nicht in der Lage oder willens gewesen wäre, sich gemeinsam in den Ersten Weltkrieg zu stürzen? „Was wäre wenn“ es diesen 1. WK nicht gegeben hätte? Was wäre uns dann erspart geblieben?

 

Fantasyguide Wohin könnte für Dich eine neue gesellschaftliche Entwicklung gehen?

 

Ju Honisch Neue gesellschaftliche Entwicklungen sind eher ein Thema für eine Dystopie, also in die Zukunft gerichtet. Ich habe mal eine Reihe zusammengehöriger, recht bitterer Kurzgeschichten in dem Genre verfasst. Meine Agentin versucht immer noch vergeblich, einen Verlag dafür zu finden.

Tatsächlich hätte ich auch eine Idee, das Thema Gleichberechtigung in die Zukunft versetzt zu beleuchten. Genaueres möchte ich dazu aber noch nicht sagen.

Aber, sein wir ehrlich, die Zukunft interessiert derzeit kaum noch jemanden. Man ist schon so mit der Gegenwartsbewältigung so beschäftigt, dass man sich, wenn einem gerade das 1000-seitige Handbuch für die Fernsteuerung über den Kopf wächst, lieber in eine (nur scheinbar) gemütlichere Vergangenheit flüchtet. Ganz ehrlich: wer hätte angesichts eines neuen Software-Releases nicht schon mal gerne einen Schwert schwingenden Barbaren zur Verfügung gehabt?

 

Fantasyguide Die Literatur ist voll von tragischen Frauenfiguren jener Zeit, von Effi Briest über Klein Dorrit bis hin zu Anna Karenina – können die Probleme von damals Lesern von heute etwas vermitteln, oder ist das zu hoch gegriffen und reicht es, gute Unterhaltung zu bieten?

 

Ju Honisch Ob es „reicht“? Wer weiß? Ich denke, es ist eine Frage der Gewichtung. Wenn man in „gute Unterhaltung“ den einen oder anderen Anstoß zum Nachdenken mit einbauen kann, sollte man das unbedingt tun. Und ich tue das auch, ganz nebenher, ohne dass es – offenbar – auffällt oder stört.

Die Probleme von damals können auch ganz schnell wieder die Probleme von heute oder zumindest morgen werden, wenn man nicht aufpasst. Es ist mehr als eine Binsenweisheit, dass geschichtliches Wissen – und die Lebensumstände von Effi Briest über Klein Dorrit bis hin zu Anna Karenina zähle ich jetzt mal dazu – dafür da ist, dass man Fehler nicht wiederholt.

Wir verlassen uns gerne auf die Rechte, die wir haben und die wir doch nicht selbst erstritten haben. Wir nennen sie verbrieft und unveräußerlich, und ich wünschte, sie wären es, aber schon die nächste Katastrophe oder der nächste bedepperte Diktator kann das ändern. Und wenn man dann nicht wie Effi Briest oder Anna Karenina zu Grunde gehen will, sollte man zumindest wissen, was es zu verhindern gilt.

 

Fantasyguide Wenn Du jetzt vermehrt das schreiben und auch veröffentlichen kannst, was Du willst – womit können wir als Leser von Dir noch rechnen?

 

Ju Honisch Dem Phantastik-Genre werde ich wahrscheinlich weitgehend treu bleiben. Ich habe mal überlegt, die ziemlich unglaubliche Lebensgeschichte meines Vaters zu einem Roman (mit geänderten Namen) zu verarbeiten. Wenn ich das könnte, würde das vielleicht sogar den Mainstream interessieren. Doch es ist fürchterlich nah und unbequem. Und wahrscheinlich werde ich es nie schaffen.

 

Fantasyguide Vielen Dank für das Interview!

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Das DPP 2009 Special

Das Obsidianherz

gebunden, 810 Seiten

Feder & Schwert, Februar 2008

Umschlaggestaltung von Oliver Graute

 

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Erstellt: 29.01.2010, zuletzt aktualisiert: 17.11.2018 10:28