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Dunkle Schwingen

Autor: Chris Schlicht

 

Malik ließ seine Hand mit einem scharfen Ruck nach vorne schnellen. Der Vogel, der mit hängenden Schwingen auf seiner Hand gesessen hatte, krächzte erschrocken und flatterte hoch. Doch er kam nicht weit, der schwere Lederriemen an seinen Füßen hinderte ihn daran, zu fliehen und das Ende behielt Malik fest in seiner Hand. Das Tier musste auch nicht weit fliegen, nur bis zu der Leiche, die im Staub des Weges lag und über die sich Maliks Meuchler beugte.

Der Mann wich zur Seite und zog seinen Dolch aus dem Brustkorb des Toten, während der Vogel unruhig neben dessen Kopf hin und her lief. Dann sprang er auf den Körper und legte den Kopf schief. Dabei sah er aber nicht in die aufgerissenen Augen des Toten, sondern zu Malik, der ungeduldig mit dem Lederriemen schnalzte und drohend einen Schritt näher kam.

„Lass ihn doch, Vater, er hat gerade erst seine Pflicht erfüllt, vielleicht ist er einfach müde“, wagte der junge Mann einzuwenden, der für das Ableben des Mannes auf der Straße verantwortlich war. Dabei zog er sich das schwarze Tuch vom Kopf, das bisher sein Gesicht verborgen hatte.

„Das schafft er schon, halte dich raus, Rajan“, blaffte Malik und starrte wieder auf den Raben. „Nun mach schon, Totenleser, bevor er dir nichts mehr sagen kann. Ich will wissen, wer ihn beauftragt hat und wie groß die Truppen der Seldschuken sind – und ob er ihnen schon eine Botschaft zukommen lassen konnte.“

Der Rabe ließ wieder die Flügel hängen und bot ein trauriges Bild der Erschöpfung und der Resignation. Doch dann wandte er sich dem Toten mit mehr Aufmerksamkeit zu. Mit dem Schnabel tippte er vorsichtig, in einer rituell erscheinenden Abfolge zuerst auf die Stirn, dann den Mund, die Nase und schließlich auf die starren Augen. Die schwarzen Augen des Tieres wurden trübe und es legte den Kopf mit weit aufgerissenem Schnabel in den Nacken.

Das Schauspiel, das sich ihm bot, faszinierte Malik immer wieder aufs Neue. Der Körper des Toten krampfte sich zusammen und schien mit einem Mal wieder von Leben erfüllt zu sein. Die Augen begannen zu leuchten und der Mund öffnete sich. Nebel strömte aus dem Mund, vereinigte sich mit dem Licht der Augen und zog sich zu dem aufgerissen Schnabel hin. Der Rabe sog den Nebel in sich auf und gab einen gequälten Laut von sich. Der Körper unter ihm entspannte sich wieder, nichts schien geschehen, doch die Augen des Toten hatten jegliche Farbe verloren. Wie hart gekochte Eier schwammen sie blind in den Augenhöhlen.

Der Rabe schüttelte sich und breitete die Flügel aus, um auf Maliks ausgestreckten Arm zurück zu kehren, doch die schwachen Bewegungen seiner Schwingen reichten nicht, ihn vom Boden zu heben. Mit einem verzagten Krächzen sah er zu Malik hoch und brach dann über dem Toten zusammen.

Malik knurrte ungehalten und warf wütend die Leine über den Körper des Tieres, während sein Sohn zu dem Raben sprang.

„Ich hatte dir gesagt, dass du seine Kraft nicht an dem unwichtigen Anderen verschwenden solltest“, wagte der junge Mann zu protestieren. Er faltete die hängenden Schwingen des Tieres vorsichtig zusammen und nahm es auf den Arm. Seine Hand strich dem Raben zärtlich über das glänzende Gefieder.

Der böse Blick, mit dem ihn sein Vater bedachte, wurde für Rajan zur körperlichen Qual. Dann zog sich der alte Hauptmann des Assassinenkommandanten Muhammad II von Alamut einen schmucklosen Ring mit einem grünen Stein vom Finger und warf ihn seinem Sohn zu. Rajan fing ihn geschickt auf und sah ihn nun doch fragend an.

„Sieh zu, dass du das Federvieh wieder auf die Beine bringst. Wenn er wieder er selbst ist, bringst du mir den Ring sofort zurück. Er darf ihn auf keinen Fall behalten, ist das klar? Und dann quetsche ihn aus. Alles, was wichtig ist oder sein könnte.“

Rajan nickte ergeben und lief seinem Vater hinterher zu den beiden versteckten Pferden. Schweigend kehrten sie zur Bergfeste El Alamut zurück, die wie ein böses Tier dräuend und düster auf dem Kamm eines Berges hockte und über die umgebenden Täler und Schluchten zu wachen schien. Nur an einer Seite führte ein schmaler Weg hinauf zu einem Tor, das aber nicht das einzige Hindernis auf dem Weg hinein in den Palast war. Dem ersten Tor folgten noch zwei weitere und man konnte sie immer nur hintereinander passieren. Von den anderen Seiten her war die Feste uneinnehmbar, denn dort fielen die Hänge steil ab, teilweise fast senkrecht und viele hundert Fuß tief. Die Grundmauern waren in den Fels hinein geschlagen, geschaffen für die Ewigkeit. Nur wenige Fenster schmückten die Außenmauern, sie wirkten eher wie schmale Schlitze. Doch so düster und abweisend das Gemäuer auch erschien, im Inneren war es ein Palast, wie er einem jeden arabischen Baumeister Ehre machen würde.

Von den Wachen erfuhren die beiden Männer, dass Muhammad II noch nicht von einer Reise zurückgekehrt sei, was Malik sehr erleichterte. „Das verschafft uns noch Zeit, dem Federvieh die Geheimnisse der beiden Spione zu entlocken. Auf, sieh zu, dass du ihn wieder aufpäppelst!“

Rajan sah seinem Vater nach, der im Palast verschwand und das finstere Gesicht seines Sohnes nicht mehr sah. „Du verbrauchst ihn und ich muss ihm wieder neue Kraft geben. Aber die Art und Weise, wie mir das immer wieder gelingt, ekelt dich an“, murmelte Rajan wütend und beeilte sich, den Wohntrakt der Assassinen zu betreten. Auf dem Gang war es still. Nur ein einziger Mann begegnete ihm, doch der war hoffnungslos in den Träumen gefangen, die ihm der Genuss der Drogen verschafft hatte, von dem sie ihren Namen hatten – die Haschischraucher, Haschaschin, die im Rausch kaltblütig mordeten – Assassinen. Rajan hatte sich der Droge nach dem ersten Mal des Genusses verweigert. Er hatte einen anderen Weg gefunden, sich für seine Aufgaben vorzubereiten, denn was nutzten ihm in dieser rauen Wirklichkeit die Träume von einem Paradies.

Der Rabe in seinem Arm regte sich, doch das Leben wollte noch nicht in den Körper des Tieres zurückkehren. Die Zweifel am Paradies kamen nicht zuletzt durch seinen engen Kontakt mit dem Raben. Das Wesen im schwarzen Federkleid hatte ihm klar gemacht, dass es so etwas wie ein Paradies nicht gab. Die Seelen der Toten gingen nach dem Zerfall des Körpers in die Elemente über, ohne Erinnerungen, ohne Gefühl.

Er musste jetzt sein Leben leben, raus aus El Alamut. „Nicht ohne dich, aber Vater wird das nie zulassen“, flüsterte er und küsste das Gefieder des Raben.

Rajan erreichte seinen Schlafraum, von dem eine Tür in eine Kammer in einen der Türme abzweigte. Die Kammer war mit dicken Matratzen und vielen Kissen ausgelegt, auf die Rajan nun den geschwächten Vogel bettete. Vor dem einzigen schmalen Fenster war eine Metallplatte eingebaut, die nur mit ein paar kleinen Löchern versehen war. Durch diese Löcher hatte nicht einmal eine Schlange eine Chance zur Flucht, nun schien die Sonne hindurch und zauberte helle Flecken auf das Gefieder des Vogels. Rajan nahm den Lederriemen von den Füßen des Tieres, zog den Ring seines Vaters über die Daumenfedern der rechten Schwinge und murmelte eine rituelle Formel. Dann beobachtete er fasziniert die Verwandlung, die mit dem Tier vor sich ging. Es streckte sich, die Federn zogen sich immer mehr zurück, die Handschwinge spreizte sich zu Fingern auseinander und es wurde größer und größer.

Als der Vorgang endete, lag ein zierlicher junger Mann vor Rajan auf den Matten, der sich sofort zu einer embryonalen Haltung zusammenkauerte und anfing zu zittern. Schnell warf ihm Rajan eine Decke über den dünnen Leib, obwohl ihn der Anblick der weißen Haut, die so dünn schien, dass sie durch die Adern bläulich schimmerte, immer wieder faszinierte und erregte. Sie bildete einen perfekten Kontrast zu dem tiefschwarzen, langen Haaren und den großen schwarzen Augen, die ihn nun ängstlich und schmerzerfüllt ansahen. Die Prozedur der erzwungenen Verwandlung hatte ihn zwar wieder aus seiner Ohnmacht geweckt, aber noch zusätzlich gequält.

Rajan hörte Schritte auf dem Gang, deren Rhythmus er sofort erkannte. Sein Vater nahte. Er zog dem bleichen Jüngling den Ring vom Finger, obwohl der ihn flehendlich ansah, es nicht zu tun. Rajan strich ihm sanft über die Augenlider, um sie zu schließen. „Lass sie zu, sonst wird er dich gleich befragen!“, befahl er flüsternd und sah sich dann zur Tür um, in der plötzlich sein Vater stand und die Hand ausstreckte.

Seufzend legte Rajan den Ring in die fordernde Hand und wartete auf einen neuen Befehl. Doch es kam nichts, sein Vater drehte sich um und verschwand.

„Es tut mir leid“, murmelte er und strich dem anderen über das Haar. „Ich weiß, dass mein Vater dich wegen des Ringes in der Hand hat. Er weiß aber auch ganz genau, dass er sich, was dich betrifft, nicht voll auf mich verlassen kann. Lass uns ausruhen, dann erzählst du mir, was du gesehen hast und ich gebe es ihm weiter.“

Er erhielt keine Antwort, spürte nur den traurigen Blick, mit dem ihn das Wesen bedachte. Rajan entledigte sich seiner Kleidung und legte sich zu ihm unter die Decke, um ihn mit seiner Körperwärme wieder zu kräftigen. Auch wenn er sich sicher war, dass das Halbwesen ihn nicht mochte, vielleicht sogar hasste, weil er sich zum Erfüllungsgehilfen seines Vaters machte, war Rajan doch seine einzige Bezugsperson, die wusste, was ihm fehlte. Und auch bereit war, es ihm zu geben. Der ausgekühlte Körper des Rabenmenschen fühlte sich im ersten Moment so tot an, wie die Körper der beiden Spione, die Rajan zum Opfer gefallen waren. Langsam wurde auch der Körper des Rabenmenschen wieder wärmer und lebendiger und sein Atem ruhiger.

„Ich hoffe, es gibt eines Tages für uns eine Möglichkeit zu entfliehen. Für uns beide. Ich will hier weg, das Morden ist nichts für mich, aber ich lasse dich hier nicht zurück“, redete er sanft auf den Anderen ein und streichelte ihn vorsichtig. Er verfluchte sich für die Begierden, die er empfand, von denen er ahnte, dass der andere sie nicht teilte. Aber nur bei dem Rabenmenschen fand er Verständnis dafür, bei den anderen nicht. Ebenso wenig fand Rajan in Alamut Verständnis für seine Leidenschaft zu Büchern und Schrift. Ihm war die Feder und der Pinsel als Waffe lieber als kalter Stahl. Damit würde er sich seinen Lebensunterhalt verdienen, wenn er aus Alamut heraus kam. Wenn…

 

Malik rieb sich zufrieden die Hände, nachdem ihm der Rabe all das berichtete, was er von den Toten erfahren hatte. Der Rabenmensch war jedes Gramm Gold hundertmal wert gewesen, den der miese Händler für den Sklaven gefordert hatte. Der Händler, der neben dem ganzen Hokuspokus, den er vertrieb, auch den ein oder anderen echten Zauber besaß. So wie den Ring, der den Raben an den Träger band und mit dem er gezwungen werden konnte, sich zu verwandeln. Normalerweise konnte der Rabe das alleine, aber der Zauberbann des Ringes ließ nur Maliks Willen zu. Daher musste man ihn nicht einmal einsperren. Der junge Mann hatte sich in die hinterste Ecke des kleinen Raumes zusammengekauert und wirkte, als wolle er mit der Steinwand verschmelzen, um seinem Peiniger Malik zu entkommen. Der dürre, weißhäutige Leib zitterte haltlos wie in eisiger Kälte. Tränen liefen ihm über das Gesicht, aber er gab keinen Laut von sich.

Maliks Blick fiel auf seinen Sohn, der mit finsterem Gesicht hinter ihm saß und sichtlich wütend über die Misshandlung des Rabenwesens war. Wut kochte in dem alten Hauptmann auf. Wut darüber, dass sein einziger Sohn nicht hinter all dem stand, was sein Vater tat und dass er sich dem Leben der Assassinen derart entzog und entfremdete. Einen solchen Sohn brauchte er nicht. Wenn er den Raum verließ, würde Rajan sich wieder mit dem Raben vergnügen.

Ein bösartiges Grinsen umspielte Maliks Lippen. Er würde Rajan auf eine tödliche Mission schicken, die anderen den Weg ebnen würde. Der Rabe würde dann länger brauchen, um sich zu erholen, aber sterben konnte er nicht. Das hatte ihm der Händler versichert. „Komm mit, Rajan, ich habe einen Auftrag für dich.“

„Nein, tut das nicht!“

Verwundert drehte sich Malik um, denn diese verzweifelt vorgebrachten Worte kamen von dem Rabenmenschen. Der schwächliche Jüngling war plötzlich aus seiner Ecke hervorgeschnellt und hatte Maliks Arm umklammert, was dieser mit zornigem Blick bedachte. Der Rabe sah ihn mit weit aufgerissenen, flehenden Augen an.

„Bitte, schickt ihn nicht in den sicheren Tod!“

Mit einer heftigen Bewegung schlug Malik nach dem Rabenmenschen, so dass dieser in die Ecke zurück geschleudert wurde. Weinend kauerte er sich in den Decken zusammen.

„Komm jetzt, Rajan!“, donnerte Maliks Stimme durch die Kammer und sein Sohn folgte ihm. Doch in seinem Blick war nicht mehr nur Unwillen zu lesen. Es war blanke Furcht, genährt durch die Vorahnung, welche die Worte des Raben in sein Herz pflanzte.

 

„Wo zur Hölle ist der Rabe!“, brüllte Malik den Wachposten an, der seine Runden über die Festungsmauer zog. Der Mann zuckte zusammen und wies hoch zum äußersten Turm der langen, schmalen Festungsanlage. Dieser Turm schloss die Festung zum Ende des Bergkamms ab und ragte über der steilen Klippe auf, die dort mehrere hundert Fuß senkrecht in die Tiefe stürzte. „Dort oben, Herr, wie jeden Tag, seit euer Sohn aufgebrochen ist!“

Malik knurrte etwas Unverständliches und eilte die Treppen hoch auf die Plattform des Turmes. Der Rabenmensch stand auf den Zinnen und starrte blicklos in die Ferne. Den alten Hauptmann befiel ein mulmiges Gefühl, als er sah, wie der Wind an den dürren weißen Gliedern des Jungen zerrte. Malik wusste, wie leicht er war und fürchtete fast, dass der Wind ihn in die Tiefe reißen konnte. Das schwarze Haar peitschte wie ein düsteres Banner um ihn herum.

„Komm sofort da herunter!“, befahl Malik und schloss seine Handfläche um den Ring an seinem Daumen. Damit konnte er seinen Anordnungen noch mehr Gewicht verleihen, doch seit Rajan fort war, schien der Rabenmensch eine Willensstärke zu besitzen, die es ihm nicht leicht machte, über das Wesen zu herrschen.

Langsam, unendlich langsam wandte der Rabenmensch seinen Kopf zu ihm um und bedachte ihn mit einem höhnischen Blick. „Und was willst du tun, um deinem Befehl Nachdruck zu verleihen?“

Malik war einen Moment lang völlig perplex. Sein Mund öffnete und schloss sich sofort wieder. Dann gewann die Wut Oberhand in ihm. Er drückte den Ring fester in seine Handfläche und konzentrierte sich darauf, seine Missbilligung über den Ring auf den Jungen zu übertragen. Dieser zuckte sofort schmerzerfüllt zusammen, doch dann tat er etwas, das Malik erschreckte. Er trat noch einen Schritt weiter nach vorn, so dass seine Füße halb über der Kante hingen. Immer heftiger zerrte nun der Wind an ihm, weil er sich nicht mehr im Schatten der Zinnen befand.

„Was soll das?“, brüllte Malik entsetzt.

„Ich habe einen Weg gefunden, mich deiner Herrschaft zu entziehen“, entgegnete das Wesen ungerührt. Seine Stimme war schwach und kaum zu verstehen. „Jemandem, der seinen Sohn in den sicheren Tod schickt, dem darf man auch keine anderen, Schätze anvertrauen, selbst weniger wertvolle wie mich. Jemandem, der nicht erkennt, was den größten Wert in seinem Leben hat, dem sollte auch niemand dienen. Ich altere zwar nicht wie ein Mensch und könnte ewig leben. Aber ich bin nicht unsterblich, Malik. Meine Zuflucht ist dort unten!“

Malik hörte die Worte des Halbwesens, doch er verstand sie nicht sofort. Erst als der Rabenmensch sich umdrehte und die Arme ausbreitete, als wolle er mit dem Wind davonfliegen, begriff der Hauptmann. Seine Starre löste sich, als der schneeweiße Körper nach vorne in die Tiefe kippte. Langsam, als würde der Wind ihn tragen.

„NEIIIIN!“, brüllte Malik und stürzte nach vorn, warf sich über die Brüstung und griff nach dem Jungen. Er bekam gerade noch die Hand zu fassen und hielt sie eisern fest. Doch wenn er sich früher über das geringe Gewicht des Rabenmenschen gewundert hatte, so kam es ihm plötzlich vor, als wäre der Körper des Jungen schwer wie Blei. Der Wind riss an ihm und seinen langen Haaren und Malik musste sich schwer gegen die Brüstung pressen. Er streckte auch seine andere Hand nach dem Jungen aus, als seine Füße Halt an der Mauer fanden, doch der blickte nur mit einem gequälten Blick vorwurfsvoll zu ihm hoch.

„Lass mich gehen! Ich will nicht mehr dein Sklave sein und von dir geknechtet und gequält werden, Kindesmörder!“

Malik wusste nicht, welches der Worte ihn am härtesten traf. Er kämpfte verzweifelt gegen den Willen des Rabenmenschen an, sich selbst zu töten, um frei zu sein. Die zierliche Hand entglitt ihm langsam. Er würde den Sturz in die Tiefe nicht verhindern können, das wurde ihm schmerzlich bewusst. Aber den Tod des Wesens, das ihm zu hohem Ansehen verholfen hatte, konnte er verhindern. Er zog sich mit dem Mund den Ring vom Finger. Im gleichen Moment, als ihm die Hand des Jungen entglitt, gelang es ihm, den Ring über dessen Daumen zu streifen.

Entsetzt verfolgte er den Sturz des Jungen in den Abgrund. Er fiel mit dem Rücken zuerst, daher konnte Malik den plötzlichen Glanz in den schwarzen Augen sehen. Die Verwandlung ging rasend schnell, der Rabe hatte noch lange nicht den Fuß der Klippe erreicht, als er sich mit wenigen Flügelschlägen vor dem Absturz rettete. Der Ring blitzte kurz auf, als er von der Daumenfeder rutschte, doch der Rabe fing ihn geschickt mit dem Schnabel auf.

„Komm zurück!“, brüllte Malik gegen den Wind an, verzweifelt über den Verlust seines Schatzes. Verwundert sah er, dass der Rabe tatsächlich nach einem großen Bogen zu dem Turm zurückkehrte. Doch er landete auf einer Zinne weit außerhalb seines Zugriffs. Den Ring legte er vor sich ab und schloss seine Krallen darum.

„Nein, ich kehre nicht zu dir zurück. Ich habe den Preis, den du für mich gezahlt hast, bereits mehrfach wieder eingebracht. Ist es nicht so?“ Die Stimme des Raben war heiser, weil dem Vogel das Sprechen fremd war, aber Malik konnte ihn gut verstehen. „Ich werde etwas anderes für dich tun. Dein Sohn ist noch am Leben. Ich versuche, ihn zu retten. Ihm schulde ich noch etwas, dir nicht!“

Die Krallenzehen hielten den Ring fest und der Rabe flog davon. Malik sah ihm mit hängenden Schultern nach. Begreifen machte sich in ihm breit. Er wusste, dass er nun endgültig alles verloren hatte und Verzweiflung begann, sein Herz zu zerfressen. Selbst wenn der Rabe sein Wort hielt und Rajan rettete, sein Sohn würde nicht zurückkehren. Er hatte ihn oft genug seine Geringschätzung spüren lassen und der alte Hauptmann begann zu begreifen, dass er sein Erbe zerstört hatte, anstatt es zu ganzer Blüte aufzubauen.

Malik drehte sich der Mauer zum Abhang zu und stieg auf die Brüstung. Als der Wind unbarmherzig an seinen Kleidern zerrte, erkannte er den Weg, der ihm blieb, um sein Seelenheil wieder zu finden. Es war nur ein ganz kleiner Schritt...

 

Rajan spürte seinen Körper nicht mehr. Es kam ihm vor, als befände er sich gar nicht mehr darin, sondern würde neben ihm stehen und ihn betrachten. Abgehängt von dem Leid, das ihm zugefügt worden war. Dieser Zustand bewirkte, dass er mit klarem Kopf über sein Schicksal grübeln konnte, was ihm vorher durch die wahnsinnigen Schmerzen nicht gelungen war.

Sein Vater hatte ihn auf eine, für einen einzelnen Mann unmöglich zu erfüllende Mission geschickt.

Ein Todeskommando.

Warum hatte er dennoch versucht, seine Aufgabe zu erfüllen, warum nur hatte er es nicht als Chance begriffen, endlich sein Leben hinter sich zu lassen und endgültig den Assassinen Lebewohl zu sagen?

Das zu tun, was er sich immer vorgestellt hatte...

Weil sein Vater ihm dann andere Assassinen auf den Hals geschickt hätte. Er hätte nirgends Frieden gefunden, immer nur die Flucht, selbst wenn er einen Ozean durchschwimmen würde.

Rajans Gedanken wichen von den Pfaden ab, von denen er wusste, dass er sich auf ihnen nur selbst quälen würde. Er dachte an den Rabenmenschen, dem er sich so zugetan fühlte. Dachte an den angsterfüllten Blick, als der Totenleser ganz offensichtlich auch in den Gedanken eines Lebenden forschen konnte. Die Sorge, die sich das fremdartige Wesen um den einzigen Menschen in Alamut gemacht hatte, der ihm vertraut war und ihn pflegte. Die Frage, wie es dem armen Wesen nun ergehen würde, ließ erneut Hass auf seinen Vater in ihm aufkochen. Unendliche Wut auf den Menschen, der nicht einen Augenblick gezögert hatte, sein eigen Fleisch und Blut zu opfern.

Die Wut und das Selbstmitleid verleitete seinen Geist, Bewegung auf seinen Körper zu übertragen. Ein gequälter, heiserer Schrei entfuhr ihm und er riss die Augen auf. Wie durch einen Schleier erkannte er, dass sich an seiner Situation nichts geändert hatte. Er hing noch immer an der Stadtmauer, gefesselt an eiserne Ringe, gezeichnet von den Peitschenhieben des Foltermeisters. Aber es war Nacht und die Kühle tat seiner von der Sonne verbrannten Haut gut. Die Geier, die am Tag um ihn herum gesessen hatten, aber noch nicht zuzugreifen wagten, waren von Schakalen abgelöst worden. Die zogen sich sofort zurück, weil sein Schrei ihnen gezeigt hatte, dass aus dem vermeintlichen Aas noch nicht alles Leben entwichen war. Ein Schatten landete zwischen den Schakalen und ein heiseres Zischen aus einem massiven schwarzen Schnabel ließ die Schakale noch weiter zurück zucken.

Rajan riss die Augen auf. Ein Rabe saß vor ihm auf dem Boden und sah sich aufmerksam um. Dann ging eine unheimliche Verwandlung mit ihm vor und vor ihm stand, in der dunklen Nacht wie ein Nebelschleier leuchtend, sein Gefährte aus Alamut. Der Rabenmensch griff nach einem Knochen, der von einem der unglücklichen Opfer vor Rajan übrig war und zerbrach ihn, um mit den scharfen Bruchkanten Rajans Fesseln zu zerschneiden. Rajan war zu schwach, um sich aufrecht zu halten, die Spuren der Folter waren zu stark. Er sackte in sich zusammen und wurde von dem zierlichen Rabenmenschen abgefangen, der mit einem Mal große Kräfte zu entwickeln schien. Rajan spürte, wie er von der Mauer weggezerrt wurde, in ein Gebüsch hinein, dann schwanden ihm die Sinne.

 

Als er wieder zu sich kam, fand er sich in einer Höhle wieder und sah sich um. Vor dem schmalen Eingang, der hinter einem Busch verborgen lag, saß der Rabenmensch und sah ihn schweigend an. Rajans Blick glitt über den nackten Körper des Anderen und seine Augen füllten sich mit Tränen. „Womit habe ich das verdient?“, flüsterte er heiser. „Du bist doch sicher nicht auf Geheiß meines Vaters hier?“

„Nein, ich bin frei von ihm. Der Bann ist gelöst. Aber das war ich dir schuldig, denn er hat dich auch deshalb auf diese tödliche Mission geschickt, weil du mir so zugetan warst. Du bist noch nicht in Sicherheit, diese Höhle ist sehr nah an der Stadtmauer, aber gut verborgen. Ich habe dir Wasser, Nahrung und Kleidung her geschafft und deine Wunden versorgt. Der Rest liegt bei dir. Heute Abend werde ich weiter ziehen und auch aus deinem Leben verschwinden, denn ich glaube, du brauchst mich nicht mehr und kommst alleine zurecht. Ich hoffe, es gelingt dir, ein neues Leben anzufangen.“ Der Rabenmensch löste sich vom Höhleneingang und legte sich zu Rajan unter die Decke. „Dieses Mal ist es an mir, dir die Wärme zu schenken, die dich wieder heilt.“

Rajan nahm ihn dankbar in die Arme, obwohl jede Faser seines Körpers sich gegen die Bewegungen auflehnte. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich deine Fürsorge wirklich verdient habe. Alles, alles werde ich tun, was du verlangst. Ein anderes Leben steht mir klar vor Augen, ich werde es beginnen, sobald ich diese Höhle verlassen kann. Ich danke dir!“

Rajans Hände streichelten den Körper des Rabenmenschen, der ihm mit einem Mal nicht mehr so vertraut vorkam. Das Wesen schien kräftiger geworden zu sein und sein Willen war stark. Der Assassine fühlte sich ihm gegenüber mit einem Mal schwach. „Wer bist du wirklich?“

Das Wesen in seinen Armen seufzte leise. „Ich weiß es nicht. Nicht so genau, wie ich es gern hätte. Als der Bann über mich gelegt wurde, war ich noch ein halbes Kind, ich habe meine Eltern sterben sehen und ihr Flehen in den Ohren, niemals aufzugeben, weil ich womöglich der Letzte meiner Art bin. Das ich meine Bestimmung finden soll. Doch wie mir das gelingen soll, allein, das weiß ich nicht. Ich bin ein Corvan, ein Halbwesen. So etwas wie die Canida, die ihr Menschen Werwölfe nennt, ohne zu verstehen, was sie wirklich sind. Der Name, den mir meine Eltern gaben, ist Yargis. Ich werde wohl als Erstes an den Ort zurückkehren, von dem ich glaube, dass es die Heimat meiner Eltern war. Wir werden uns nicht mehr wieder sehen, Rajan, aber wir sollten uns in guter Erinnerung behalten.“

Die Worte des Rabenmenschen hatten einen nahezu hypnotischen Klang und Rajan wurde von ihnen schläfrig. Als er wieder aus dieser seltsamen Betäubung erwachte, war ihm kalt und er zog sich die Decke fest um seinen Körper. Es war dunkel in der Höhle, doch fahles Mondlicht am Eingang ließ ihn wenigstens Umrisse erkennen. Er war alleine.

Es kostete ihn Überwindung, seine schmerzenden Glieder zu bewegen, doch es gelang ihm sich von seinem Lager zu erheben und aus den Krügen, die daneben standen, Wasser und Nahrung zu sich zu nehmen. Etwas blitzte im Mondlicht geheimnisvoll, nahe dem Ausgang und er bewegte sich neugierig hin. Es war ein Klumpen geschmolzenes Gold und ein kleiner grüner Stein. Der Ring, der seinen magischen Bann über den Raben verloren hatte. Er lag auf einem zusammengefalteten Stück Papier in dem eine glänzende schwarze Feder klemmte. Er faltete das Pergament auf und las die Worte darauf wieder und wieder:

Lebe Wohl, Rajan, ich hoffe, das kleine bisschen Gold kann dir den Beginn deines neuen Lebens erleichtern. Ich habe dich nicht gehasst, ich denke, das solltest du wissen, vielleicht erleichtert es dich. Viel Glück.

„Das wünsche ich dir auch, mein Freund, ich bete dafür, dass du deine Bestimmung findest, irgendwo, irgendwann. Gib die Hoffnung nie auf, so wie ich die Hoffnung nie aufgeben werde, dich doch eines Tage wieder zu sehen.“ Rajan spähte aus der Höhle, seine Hand hielt die Feder und den Goldklumpen umklammert, von dem er sich schwor, dass er lieber verhungern würde, als ihn als Zahlungsmittel zu verwenden.

Der Mond stand groß und rund am klaren Nachthimmel und tauchte die Welt in ein milchiges Licht. Ein Schatten zog an ihm vorbei. Das Flugbild eines großen Raben, der sich langsam von ihm entfernte.

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Die Charaktere dieser Geschichte, sowie alle Handlungen sind geistiges Eigentum des Autors. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen, Orten oder Handlungen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Der Autor verfolgt kein kommerzielles Interesse an der Veröffentlichung dieser Geschichte.

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Erstellt: 05.06.2009, zuletzt aktualisiert: 27.09.2016 09:58