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Gute Ansätze

Autor: Torsten Scheib

 

Die Geschichte ist nominiert für den Vincent Preis und stammt aus der Anthologie Disturbania

 

 

Ich wollte nicht, dass es so endet.

Niemand von uns wollte das. Bitte glauben Sie mir.

Wir hatten es gut gemeint. Wirklich.

Wir waren davon überzeugt, etwas bewegen zu können.

Wie falsch wir doch lagen …

 

 

 

Dichte Nebelschwaden schwebten durch das Zimmer, einer unerlösten Seele gleichkommend. Das schwere Aroma von Haschisch legte sich wie ein Amboss auf die Brust. An den Wänden hingen zerknitterte Poster von enthäuteten Tigern. Tote Elefanten, ihres Elfenbeins beraubt. Blutige Eisschorlen, auf denen die Überreste von geschlachteten Robben klebten. Dazwischen Zeitungsausschnitte. Artikel aus Hochglanzmagazinen. Blätter mit handschriftlichen Kritzeleien.

„Das … ist ein Scherz, richtig?“ Ungläubig stierte Sonja, eingepfercht auf der alten Couch sitzend, über den Rand ihrer Brille. „Du willst uns verarschen, hab ich Recht?“

Tobias, der sich breitbeinig und mit verschränkten Armen vor dem kleinen Tischchen aufgebaut hatte wie der Türsteher einer Disko, deutete ein kaum merkliches Kopfschütteln an. Sein breites Grinsen war umso deutlicher. „Nein, meine liebe Sonja, das will ich nicht. Ganz sicher nicht.“ Er klang wie ein Grundschullehrer, der einem ganz besonders einfältigen Schüler das ABC zu erklären hatte. Äußerlich gefasst, im Inneren jedoch unruhig.

Er löste einen Arm. Sein Zeigefinger wies auf das dicke Buch auf dem Tisch. Schwarzer Ledereinband. Wellige Seiten. Der Wälzer erinnerte an Omas altes Kochbuch mit schlesischen Rezepten – und nicht an etwas, das man in einer dunklen Gasse in Marokko kaufen konnte.

„Ihr könnt mir ruhig glauben. Es ist echt. Ich hab’ das Buch einem alten Voodoopriester abgeknöpft. `s sind seine gesammelten Formeln und Sprüche darin.“

Leo, der die linke Seite der Couch ausfüllte, lehnte sich zurück. „Voodoo“, murmelte er, dabei das Mundstück seiner Bong an die Lippen führend. „Du meinst wohl eher Obatala und Yemayá.“ Die trübe Flüssigkeit der Wasserpfeife gab blubbernde Geräusche von sich, als er am Chillum zog.

„Ne Alter, jetzt verwechselst du was“, meldete sich Sebastian, der die rechte Couchseite eingenommen hatte. Seine Droge bestand zwar vornehmlich aus Hopfen und Malz, doch den geröteten Augen nach zu urteilen, hätte er auch als Dauerkiffer durchgehen können.

„Das sind Götter aus der kubanischen Santeria oder der brasilianischen Candomblé.“ Gleichgültig musterte er wieder den Zustand seiner Fingernägel.

Sonja und Tobi fehlten die Worte. Manchmal fiel ihnen zu den beiden Typen rein gar nichts mehr ein. Die größten Schlaftabletten – und dann so was.

Leo schien der geistreiche Kommentar schnurz zu sein. Die Bong hatte Priorität. Ziehen, husten, ziehen.

Sonja kam schließlich wieder auf das Thema zurück. „Und hat dir dieser Priester“, sie sprach das letzte Wort absichtlich überzogen aus, „auch eine von diesen Puppen mitgegeben?“

„Wohl kaum.“ Wieder Sebastian. „Voodoopuppen stammen vornehmlich aus New Orleans.“

Sonja ignorierte ihn einfach.

„Nein, hat er nicht“, antwortete Tobi reichlich ungehalten. „Die Magie befindet sich in dem Buch.“

Das Mundstück verharrte vor Leos rissigen Lippen. Für Sebastian hingegen schien der Dreck unter seinen Fingernägeln noch immer interessanter zu sein.

Gekonnt übertrieben nahm Sonja ihre Brille ab und schenkte Tobi einen frustrierten Blick.

„Du meinst damit die Formeln.“

„Nein, das Buch. Das Buch ist die Magie. Die Formeln nur der Schlüssel. Wie die Eingabe bei einem Computer.“

„Natürlich …“ Mit geschürzten Lippen ließ sich Sonja zurückfallen. Sie war wirklich zu alt für diese Babykacke!

„Der Alte meinte, die Seiten wären aus der Haut eines Dämons oder Engels oder –“

„Vielleicht lag’s aber auch an den Pilzen oder dem LSD.“

„Ich war nicht auf Drogen, als ich das Buch gekauft habe!“, verteidigte sich Tobi umgehend. Na ja, ein wenig vielleicht.

„Aber hey, wenn ihr mir nicht glauben wollt, dann wäre vielleicht eine Demonstration angesagt!“ Er drehte sich um. Stapfte zu seinem Rucksack. Zog etwas daraus hervor. Ein rechteckiges Glaskästchen. Die tote Erdkröte darin schwebte in einem Grab aus dunstigem Formaldehyd. Der Körper wirkte noch aufgeblähter, als er es ohnehin schon war. Vereinzelte Hautstücke umspielten das tote Tier wie in einer Schneekugel.

Vorsichtig stellte Tobi den Kasten ab und schnappte sich das Buch, klappte es auf. Bindung und Seiten ächzten gequält, eine Mischung aus Alter und Auflösung. Tobias’ Zeigefinger verharrte, war auf das erste, in krakeliger Schrift verfasste Wort gerichtet; das erste von vielen.

Unruhig warteten die anderen darauf, dass er endlich anfing. Ihre Blicke wanderten ungeduldig von der konservierten Kröte hin zu Tobi und wieder zurück.

Dieser konzentrierte sich. Vergegenwärtigte sich die genaue Aussprache der Worte. Ganz wie es ihm der Alte in Marokko eingetrichtert hatte.

Bevor er den Fisch … den ausgeweideten Fisch …

Er räusperte sich. Komisch, es roch hier drin wie damals in dem Laden.

… und er dann gezappelt; wie seine Flosse um sich geschlagen hat …

Seine geschlossenen Lider zitterten. Als wären sie die zarten Flügel eines frisch geschlüpften Falters.

… und wie er dann mit dem Hammer … und wie der Kopf förmlich zerplatzte …

Er öffnete die Augen wieder. Bedachte jeden Anwesenden mit einer Ernsthaftigkeit, die keinen Widerspruch zuließ.

Und fing an.

Die Worte waren eigenartig. Gutturale Inkantationen, welche eher an das morgendliche Geröchel eines siebzigjährigen Kettenrauchers erinnerten als an geheimnisvolle Beschwörungsformeln.

BUMM. Der laute Klang des zuschlagenden Buches hatte etwas Endgültiges. Tobias’ Hand hatte zu zittern begonnen. Zaghaft presste er den Einband gegen seine Brust, trat einen Schritt zurück. Seine ganze Aufmerksamkeit galt der Erdkröte.

Damit war er nicht alleine.

Begleitet von ihren eigenen, hämmernden Herzschlägen und dem Rauschen des Blutes in ihren Gehörgängen, warteten Sonja und die anderen darauf, das etwas passierte …

Eine Minute verging.

… dass endlich …

Zwei Minuten.

… etwas …

Lautlos, beinahe unmerklich trennte sich eine kleine Luftblase vom Boden des Glaskästchens, das Tobi bei der letzten Vorlesung einfach hatte mitgehen lassen. Das filigrane Bläschen bebte, während es sich immer weiter ihrem Ziele näherte und schließlich – PLOPP! – in Nichts auflöste.

Gleichzeitig bewegte sich das rechte Hinterbein der Kröte. Zuckend, als stünde es unter Strom. Die restlichen Gliedmaßen folgten Sekunden später.

Als das Tier die trüben Augen aufschlug und sein Maul aufriss, verfolgte Tobi voller Genugtuung, wie sich Sonja, Sebastian und Leo immer tiefer in die Rückenlehne zwängten. Der Schreck lag auf ihren Zügen wie ein Schatten. Mit einem Gefühl des Triumphes streckte Tobi eine Hand nach dem Kästchen aus.

„Seht ihr? Aber mir zuerst kein Wort glaub-“

Er erstarrte. Riss die Augen auf. Weit auf.

Das Zucken der Kröte hatte andere, bedrohlichere Züge angenommen. Das Tier schien außer sich zu sein vor Furcht. Wild schlug es um sich; schwamm es den eng begrenzten Spielraum des Kästchens ab. Es erinnerte an den verzweifelten Kampf eines Nichtschwimmers kurz vor dem Ertrinken.

Klapperdiklapperdiklapp – das Kästchen hüpfte auf und ab, schien das Unfassbare noch um weitere Nuancen zu verstärken.

„Lass ihn raus!“, entfuhr es Sonja. Eine Träne löste sich, perlte an ihrer Wange hinab.

Tobias zögerte. Sollte er –

Unvermittelt erwachte Leo aus seiner Erstarrung. Ausgerechnet Leo. Wie ein befreiter Springteufel stürzte er vor. Schnappte sich das Kästchen. Drosch es auf die Tischoberfläche. Immer und immer wieder, begleitet vom manischen Gestrampel der eingesperrten Kröte.

Scheppernd verwandelten sich die Pressglasschalen in glitzernde Splitter. Der Formaldehyd lief über den Tisch, weichte Zeitungen und Magazine ein.

Und Sebastian hatte zu schreien begonnen.

Tobias konnte nur noch zur Seite springen, als er ohne Vorwarnung angestürmt kam, dabei immer und immer wieder die gleichen Worte – „Macheswegmacheswegmachesweg!“ – brüllend. Wie ein Irrer drehte er sich um sich selbst, prallte er gegen die Wand, stürzte er zu Boden … doch die Kröte hatte sich in seinem Gesicht förmlich festgefressen und dachte nicht daran, aufzugeben.

Dann war Tobias über ihm. Breitbeinig beugte er sich vor; versuchte er, nach dem glitschigen Körper zu greifen, der förmlich mit der Wange verwachsen zu sein schien.

Leo half ihm dabei. Gemeinsam zerrten sie die sich noch immer wie rasend gebärdende Kröte von ihrem Opfer, schmetterten den aufgedunsenen Körper zu Boden. Bevor das Tier die Flucht ergreifen konnte, war bereits Leo über ihm. Gegen die schwere Sohle seiner Doc Martens hatte die Kröte keine Chance und zerplatzte wie ein Luftballon, gefüllt mit eitrigen Körperflüssigkeiten und geschrumpften Organen.

Niemand sagte ein Wort. Neben Tobi richtete sich Sebastian wieder auf, leichenblass. Eine Hand gegen die Wange gepresst. Blut quoll zwischen seinen Fingern hervor.

Auch Sonja war mittlerweile aufgestanden. In ihrem Gesicht standen Wut und unausgesprochene Vorwürfe geschrieben.

Tobi wandte sich ab. Sah zu Boden. Dachte nach. Die Blicke der anderen nagten an ihm wie die Kauwerkzeuge einer ganzen Schwadron von Blutegeln.

War es das gewesen? Ist es vorbei?

Es gab nur eine Lösung; einen einzigen Weg, es herauszufinden.

Seinen ganzen Mut zusammennehmend, fragte er schließlich: „Also? Seid ihr dabei …?“

Hinter ihm zuckte ein Krötenbein.

 

Der Name – Kunsthaus – war nichts weiter als ein schlechter Scherz. Eine solch klangvolle, vielversprechende, aufregende Bezeichnung für solch einen widerwärtigen, abstoßenden, deplatzierten Betonklotz, der weder eine Aussage hatte noch dem Auge schmeichelte. Der rote Teppich davor zog sich wie ein Strom aus Blut über den Vorplatz. Schwere Absperrungen zu beiden Seiten, kreischende Teenies und frustrierte Journalisten dahinter. Breitschultrige Sicherheitsmänner in schwarzen Bomberjacken, verspiegelten Sonnenbrillen und kahlrasierten Schädeln davor. Auf einem Treffen der NPD würden die nicht weiter auffallen, ganz im Gegenteil. Polizisten fuhren Streife, ließen die Spürhunde an den Kanaldeckeln schnuppern, stiefelten am Kunsthaus entlang. Sicherheit war hier das höchste Gebot, trafen doch schon in wenigen Minuten die Reichen und Schönen ein, um sich selbst zu feiern.

Tobi und die anderen hatten sich in die Meute eingeordnet. Sie wirkten fehl am Platze zwischen den meist Minderjährigen, die nur davon träumten, einen Blick auf die Stars und Sternchen erhaschen oder ein verwackeltes Bild vom sexysten Mann Deutschlands und seiner halb so alten Ehefrau schießen zu können. Nervös warf Sonja einen Blick auf ihre Uhr. Ein rascher Rundblick. So mussten sich die Missionare gefühlt haben, dachte sie, als sie zum ersten Male den Wilden gegenübergestanden haben. Neben ihr nagte Leo an seiner Unterlippe. Sein Blick war ins Leere gerichtet. Sebastian war nicht mitgekommen. Er fühlte sich nicht besonders, hatte er behauptet - und die anderen hatten es ihm abgekauft. Sogar Tobias, der stets alles und jeden hinterfragte. Wie er wohl reagiert hätte, wenn ihm Leo reinen Wein eingeschenkt hätte? Nämlich, dass sein Kumpel und gleichzeitiger WG-Mitbewohner seit dem hässlichen Zwischenfall mit der reanimierten Kröte ein immer merkwürdiger werdendes Verhalten an den Tag gelegt und seiner Freundin ein beachtliches Stück Fleisch aus dem Unterarm gebissen hatte? Dass Leo keine andere Wahl geblieben war, als den Schädel seines Freundes mit Hilfe eines Minigolfschlägers zu pürieren, nachdem er auf ihn losgestürmt war?

Warum bin ich eigentlich hier? Was habe ich hier eigentlich verloren … das alles ist doch blanker Irrsinn! Leo kämpfte mit sich selbst. War Sebastians Verhalten wirklich dem Biss der Kröte zuzuschreiben? Oder möglicherweise doch den Magic Mushrooms, die er für harmloses Knabberzeugs gehalten und im Alleingang verdrückt hatte? Sein Verstand fuhr Achterbahn, während vor seinem inneren Auge ein Bild auf Dauerrotation ablief: der eingeschlagene Schädel … Knochenfragmente, die wie Findlinge zwischen Haaren und Kopfhaut hervorstechen … der gebrochene Blick, das rasselnde Keuchen … die roten Brocken an der Wand und auf dem Big Lebowski-Poster …

Plötzlich hielt er einen Flachmann in der Hand. Der Fusel brannte wie Napalm. Löschte vorübergehend die Emotionen aus. Gut so.

 

Keine fünf Minuten zuvor: der Taxifahrer schrie. Presste eine Hand gegen die Bisswunde an seinem Hals – zwecklos. Immer mehr Blut quoll zwischen seinen Fingern hervor, lief am Handrücken hinab, verklebte seine Lederjacke, sog den Stoff seines Hemdes voll. Durch einen Tränenschleier hindurch sah er der verzerrten Gestalt nach, die ihn angegriffen hatte. Dabei hatte die junge Frau alles andere als wahnsinnig gewirkt, als sie vorhin in seinen Wagen eingestiegen war. Nur krank. Die fahle Hautfarbe, das Zittern, der Schweiß … Sie hatte ihn förmlich angefleht, sie ins Krankenhaus zu fahren. Rasch, wenn’s geht. Was er auch getan hatte. Bis …

 

Leo wusste nichts von dem Taxifahrer. Oder den drei weiteren Opfern, die sich Sebastians Freundin bedauerlicherweise in den Weg gestellt und nun ebenfalls die Straßen unsicher machten. Wahrscheinlich hätte er sonst den Flachmann in einem Zuge leergesoffen – und Schlimmeres getan. Unwissenheit konnte in der Tat manchmal ein Segen sein!

Aus dem Augenwinkel bemerkte er eine Bewegung. Langsam zog Tobias am Reißverschluss seines Parkas. Gleichzeitig verwandelte sich die Menschenmenge in das Äquivalent eines außer Kontrolle geratenen Affengeheges.

„Es ist soweit“, raunte er den anderen zu und zog langsam das Buch hervor. Mittlerweile waren die ersten Prominenten aus ihren Limousinen und spritschluckenden Sportwagen ausgestiegen und räkelten sich im Blitzlichtgewitter. Dem Heulen und Schreien der Teenies begegneten sie mit dem gleichen aufgesetzten Grinsen wie den ewig gleichen Fragen der Journaille.

„Seht sie euch an“, murmelte Tobi und deutete auf die weichen Stolen aus den Fellen europäischer Rotfüchse, den bequemen Mänteln mit Biberkragen, den schmeichelnden Gewändern aus Kanin, den edlen Stiefeln aus Alligatorleder, den trendigen Handtaschen aus der Haut indischer Kalbsbabys. Reuelos wurde der Tod den Kameras und Gaffern präsentiert, die Dekadenz in neue Höhen erhoben.

Was auch immer gleich passieren mochte – Tobias empfand keine Reue. Nur Abscheu. Mit einem Male kam ihm selbst das widerwärtige Treiben zweier besonders emsiger Tierschützerinnen sinnvoll vor, die in den Staaten ihren reichen pelz- und lederbehangenen Opfern die Haut vom Leibe gezogen hatten und nun im Todestrakt auf ihr ganz persönliches Finale warteten. Man zahlte es diesen degenerierten Idioten mit gleicher Münze heim, ganz so, wie es schon in der Bibel gestanden hatte – was konnte daran falsch sein?!?

Tobias’ Aufmerksamkeit galt jetzt ganz dem aufgeschlagenen Buch. Langsam bewegten sich seine Lippen, formten Zunge und Rachen Worte.

Und dann änderte sich … alles.

Ein junges Ding Anfang zwanzig, das in besseren, ehrlicheren Zeiten mit ihrem dünnen Fiepstimmchen nicht mal als Straßenmusikantin über die Runden gekommen wäre, brach zusammen, nachdem sich ihre Nerzstola in eine tödliche, fellbesetzte Garrotte verwandelt hatte. Röchelnd würgte sie blutigen Speichel hervor, während ihre Augen immer weiter aus den Höhlen quollen. Keine zwei Meter entfernt schrie der angeblich sexsüchtige Hauptdarsteller einer preisgekrönten Anwaltsserie wie von Sinnen, nachdem sein Hut aus Bärenfell zum Angriff übergangen war. Ein roter Vorhang bedeckte seine gelifteten Züge; warm, klebrig, tödlich. Ihr Fuchsmantel wurde dem beliebtesten Playmate des letzten Jahres zum Verhängnis und zog sich immer fester zusammen. Unnachgiebig brachen Knochen, wurden Fleisch und Organe zu Brei. Niemandem fiel die dickflüssige Substanz auf, die an den Beinen der Schönheit hinablief – der Inhalt ihrer beiden Silikonimplantate, die förmlich explodiert waren. Überall, wo man auch hinsah, tobte der Wahnsinn. Erwachten Leder und Pelz zu unheiligem Leben und nahmen Rache für all die von Menschenhand zugefügten Qualen und Schmerzen. Polizisten und Sicherheitsmänner kämpften verzweifelt gegen die animalischen Golems und wurden dabei nicht selten deren Opfer. Ein besonders eifriger Beamter feuerte das komplette Magazin aus seiner Dienstwaffe auf einen außer Kontrolle geratenen Rentiermantel, brachte aber lediglich den Träger zu Fall. Alles unter den Augen und Linsen sensationslüsterner Kameramänner und Fotografen, die nicht das Blutbad vor sich sahen, sondern die dicken Schecks der Hochglanzmagazine, Klatschblätter und Sendeanstalten dieser Welt. Die sich eben noch wie wild gebärdende Teenagermeute hatte sich plötzlich in brave Chorsänger verwandelt. Zwar stand auch ihnen der Schrecken in den Augen geschrieben, dennoch wichen sie kein Jota von der Seite. Wie Maschinen hielten sie ihre Digitalkameras und Fotohandys und die Höhe und knipsten, was das Zeug hielt. Manche kicherten sogar. Die lüsterne Sensationsgeilheit hatte auch sie erfasst und verdrängte jeglichen Gedanken an Schrecken, Abscheu … oder Moral.

Bis auch sie zu den Opfern wurden.

Mit einem Male war sie plötzlich da – eine Woge aus Unterwolle, Granne und gegerbter Haut. Fielen Reporter und Pubertierende wie Fliegen. Und inmitten dieses Chaos: Tobias …

Stumme Tränen lösten sich von seinen geröteten Augen, das Buch fest an die Brust gedrückt. Er war zu einer Salzsäule geworden; erstarrt vom Blick einer Meduse, die er viel zu spät wahrgenommen hatte. Reglos verfolgte er, wie blutiger Regen zu Boden prasselte, sich Knochen durch die Haut bohrten, sehnige Batzen klatschend aufschlugen. Die hässlichen Laute, die über den Vorplatz brandeten hätten eigentlich keiner menschlichen Stimme entspringen dürfen – eigentlich.

Sonja schloss sich dem akustischen Alptraum an, als sie von etwas angefallen und zu Boden gerissen wurde. Ihre Brille löste sich, beschrieb einen Bogen. Als sie Sekunden später von der Meute niedergetrampelt wurde, spürte sie es schon gar nicht mehr.

Und mit einem Male stand Tobias völlig alleine da. Noch immer apathisch, noch immer regungslos. Nur das Beben seines Körpers deutete darauf hin, dass er noch lebte. Eigenartigerweise wurde er verschont …

Er blickte zum Buch hinab. Warf es angewidert auf den blutgetränkten Boden. Gleich neben Leos augenlosen Schädel …

Dann rannte er los.

 

Den Rest kennen Sie ja.

Meine Freunde sind tot. Die Dinger toben noch immer in der Stadt herum. Und da ist noch diese eine Sache. Die Menschen in tollwütige Monster verwandelt. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass sie auch meine Schuld ist. Ob mir Leo etwas verschwiegen hat …? Die Antwort darauf werde ich wohl niemals mehr erfahren – oder schon sehr bald.

Es ist alles meine Schuld. Daran führt kein Weg vorbei.

Und ich werde dafür aufkommen. Keine Sorge.

Aber – bitte! – glauben Sie mir. Ich hatte es nur gut gemeint. Wirklich.

Hoffentlich hält der Strick.

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Disclaimer

Die Charaktere dieser Geschichte, sowie alle Handlungen sind geistiges Eigentum des Autors. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen, Orten oder Handlungen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Der Autor verfolgt kein kommerzielles Interesse an der Veröffentlichung dieser Geschichte.

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Erstellt: 02.04.2009, zuletzt aktualisiert: 08.03.2018 19:26