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Gier von Marcel Feige

Rezension von Christine Schlicht

 

In der Hauptstadt steht ein Regierungswechsel an. Rot-Rot soll gegen Schwarz-Gelb ausgetauscht werden und die Situation der Hauptstadt spielt den Anwärtern auf die Posten des regierenden Bürgermeisters und des Innensenators in die Hände. Da kommt es ihnen sogar fast gelegen, als in einer Neuköllner Schule ein Lehrer angeblich von zwei Schülern erschossen wird. Natürlich sind das Problemschüler mit Migrationshintergrund, der Rumäne Lukasz und der Türke Asim. Die Jugendlichen tauchen unter und der Fall wird für den Wahlkampf ausgeschlachtet, die Polizei scheint machtlos.

 

Da die Polizei hoffnungslos überlastet ist, wird Kommissar Kalkbrenner überstürzt aus dem Urlaub zurückgerufen. Der Urlaub, der ihm eigentlich helfen sollte, eine Entscheidung zu treffen, wie er sein weiteres Leben bestreiten soll. Das Problem besteht in erster Linie darin, dass die Spurensicherung deutliche Hinweise darauf gefunden hat, dass es nicht die beiden Jungs waren, die den Lehrer töteten, diesen aber gesehen haben müssen.

 

Kalkbrenner macht sich auf den Weg zur Witwe des ermordeten Lehrers und stellt mit Erschrecken fest, dass es sich um seine Jugendliebe Judith handelt. Obwohl er selbst in größten familiären Schwierigkeiten steckt und sich langsam wieder seiner Frau anzunähern versucht, will er auch Judith helfen und gerät dabei in missverständliche Situationen, die das Verhältnis zu seiner Frau und seiner Tochter trüben.

 

Die hohe Politik und besonders die Saubermänner der CDU müssen nach ihrem Wahlsieg schnell feststellen, dass nicht alles Gold ist, was glänzt und das auch ihre eigenen Leute fest im Filz der Halb- und Unterwelt verstrickt sind. Das vieles von dem, was sie präsentieren und repräsentieren nur schöner Schein ist, zum Beispiel die heile Familie und die Unbestechlichkeit. Der wichtigste Kampf des neuen Innensenators gilt dem organisierten Verbrechen, besonders dem Paten Dossantos, der das Rotlichtmilieu beherrscht. Und endlich scheint der Tag gekommen, an dem sie ihn dingfest machen können, denn sie haben einen Kronzeugen: Dossantos Frau.

 

Da wird der Sohn von Dossantos ermordet und in der Küche von dessen ausgebrannten Lokal findet man auch die Leichen der beiden Schüler. Zunächst weist alles auf die Russenmafia hin, doch das erweist sich schnell als Irrtum. Der ermordete Lehrer bekam Schweigegeld, bei Judith wird eingebrochen, und Dossantos wird verhaftet. Seinem Anwalt gelingt es jedoch, ihn mit einer kleinen Erpressung des Richters auf Kaution freizubekommen, woraufhin seine Frau voller Angst ihre Aussage zurückzieht. Kalkbrenner bringt derweil Judith in der Datsche seiner Frau in Sicherheit.

 

Immer tiefer wird er in das Rotlichtmilieu hineingezogen, das der Schlüssel für alle Verbrechen zu sein scheint und auch die Politiker können sich dem nicht entziehen, denn so sauber sind deren Westen nicht. Als selbst der beste Freund des künftigen Innensenators den Kurs der Partei verrät, damit der Name seines Freundes nicht durch den im Drogenrausch begangenen Mord an einer Prostituierten durch seinen Sohn in den Schmutz gezogen wird, wird klar, dass Dossantos wieder einmal gesiegt hat.

 

Und Judith ist alles andere als die brave Ehefrau eines armen Neuköllner Lehrers...

 

 

Kaum zu glauben, aber nach „Wut“ ist bei Marcel Feige noch eine Steigerung drin gewesen. Wer schon voll des Lobes für den ersten Krimi um Kommissar Kalkbrenner war, dem fällt es schwer, das Loblied jetzt noch in höheren Tönen zu singen. Aber den Versuch ist es wert.

 

Während „Wut“ stellenweise noch ein paar Spannungsbremsen enthielt und daher in erster Linie durch seinen beklemmenden Hintergrund bestach, ist „Gier“ nun das perfekte Lesevergnügen für den Thriller-Fan. Bis zum bitteren Ende verfolgt man als Leser ahnungslos die gleichen falschen Spuren wie Kalkbrenner und Dossantos. Dazu wird man durch die Cliffhanger, mit denen fast jedes Kapitel endet, gnadenlos von Seite zu Seite und von Kapitel zu Kapitel weiter gezogen. Der Spannungsbogen wird gnadenlos gehalten und erlaubt keinen Ausblick auf das, was am Ende kommt.

 

Die Unmenge an Personen, die in diesem Verwirrspiel eine Rolle einnehmen, sollte eigentlich ein Problem sein und erst mal erschrickt man auch über das dreiseitige Personenregister am Beginn des Buches. Aber das Register ist eigentlich völlig unnötig, denn jede einzelne Person ist derart eingehend und stimmig charakterisiert, das man ihr beim Lesen automatisch einen Stimme zuordnet, die im Kopf für Klarheit sorgt. Verwechslung ausgeschlossen.

 

Dabei hat auch jeder der Charaktere seine Stärken und Schwächen, keiner ist wirklich einseitig dargestellt, wie es ja nun mal auch in der realen Welt so ist. Ein jeder hat seine guten und seine schlechten Seiten. Dadurch kann man auch schon mal anfangen, mit jemandem wie Dossantos zu sympathisieren und den schneidigen Politiker von Hirschfeld zu verabscheuen, denn der ist Biedermann und Brandstifter in einem.

 

Schwarzen Humor nennt man es dann wohl, wenn man am Ende des Romans liest, dass alle Personen fiktiv sind (klar, gehört sich so für eine Romanfiktion), man beim Lesen den einzelnen Charakteren aber automatisch eine real existierende Person zuordnet, weil einfach die Parallelen sehr stark sind (zum Beispiel bei der im Roman erscheinenden Bundeskanzlerin Elisabeth Heynemann... oder auch dem Sicherheitsphrasen dreschenden Von Hirschfeld)

 

Beschäftigte sich „Wut“ noch mit dem Bodensatz der Gesellschaft und somit nur mit einem kleinen Teil des großen Ganzen, wird hier eine Strukturvielfalt der Hauptstadt sichtbar, die wieder einmal beweist, dass die ach so einfachen Lösungen, die unsere Sicherheitspolitiker immer herausposaunen, nie die wahren Probleme erfassen und schon gar nicht lösen.

 

„Gier“ ist ein rasantes Leseerlebnis, für das man sich Zeit nehmen sollte. Zum einen, weil man dazu neigt, es in einem Rutsch durchzulesen, zum anderen, um die Vielschichtigkeit der Handlung und der Charaktere voll zu erfassen. Ein weiterer Kalkbrenner-Thriller soll in Arbeit sein – nach „Gier“ kann man den nur voller Ungeduld erwarten.

 

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Gier

Autor: Marcel Feige

Broschiert: 606 Seiten

Verlag: Goldmann (Juli 2008)

Sprache: Deutsch

ISBN-10:

ISBN-13: 978-3442465804

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 13.08.2008, zuletzt aktualisiert: 06.04.2017 12:44