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Die Stadt und das Mädchen von Jiro Taniguchi

Reihe: Shodoku

Rezension von Christian Endres

 

Wieder einmal ist es ein passionierter Gipfelstürmer, den der japanische Manga-Allstar Jiro Taniguchi in den Mittelpunkt eines seiner kleinen Comic-Meisterwerke rückt. Bergsteiger Shiga bindet ein ganz besonderes Versprechen an die vierzehnjährige Megumi. Als deren Mutter ihm die Nachricht zukommen lässt, dass das Mädchen verschwunden ist, hält den leidenschaftlichen Alpinisten nichts und niemand mehr auf seinem Berg. Shiga macht sich sofort auf, Megumi in Tokio aufzuspüren. Damit beginnt eine Suche, die Shiga vieles abverlangt und ihn auch in Gefahr bringt - denn zwischen Lügen und Prostitution, dem grellen, lauten, gefährlichen Nachtleben der Großstadt und seinem eigenen Ehrgeiz kann sich auch ein körperlich wie mental gestärkter Bezwinger der Berge nur allzu leicht verlieren und abstürzen...

 

Inzwischen hat wohl auch der letzte seiner Leser begriffen, dass Jiro Taniguchi ein besonderes Verhältnis zum Bergsteigen und dessen »Helden« hat. Letztlich suchte sich Taniguchi seinen klassischen Action-Recken also auch für »Die Stadt und das Mädchen« wieder dort, wo man ihn nicht unbedingt vermutet: Im Alpinistenverein. Sind es die robusten Männerfiguren, die dem Japaner von der Physis her als ideale Hauptfiguren erscheinen? Oder sind es doch eher deren seelische Zustände, psychischen Besonderheiten und speziellen Wertvorstellungen? Schließlich sind Taniguchis Alpinisten stets verbissene, ehrgeizige, aber auch getriebene und von ganz eigenen Dämonen besessene Männer, die selten wissen, wann sie aufhören müssen, und sich häufig wider besseren Wissens mit ihrer Halsstarrig- und Waghalsigkeit nur noch in Gefahr bringen. Außerdem ist es ein wunderbarer Kontrast, wenn Taniguchi Shiga gegen das Nachtleben der modern-sündigen Großstadt stellt. Denn Shigas Fähigkeiten scheinen ihm nicht viel zu helfen, als er sich Pädophilen, Kindesentführung und -prostitution sowie dem Wegsehen der Gesellschaft gegenüber steht.

 

Überhaupt sind das ernste, kritisch und mit einer gewissen Nachdenklichkeit subtil in Szene gesetzte Themen, mit denen sich Taniguchi in seinem zeichnerisch gewohnt hochwertigen Manga beschäftigt. Dabei schafft aber auch der versierte Altmeister es nicht, einen Bogen um jedes Klischee zu machen, während Shigas verbissene Suche nach der Tochter seines verstorbenen Freundes hier und da manchmal sogar arg konstruiert wirkt. Allerdings ist selbst eine eher »hausbacken« erzählte Geschichte von Routinier Taniguchi noch überdurchschnittlich gut und trotz vorhersehbarem Storyverlauf ziemlich spannend - es sei ihm also verziehen, dass er die Notwendigkeit des einen oder anderen Klischees für diese Art Geschichte anerkennt.

 

Bergsteiger, Sozialdrama und das Leben in der Stadt. Das sind drei der großen Themen in Taniguchis nicht weniger großem Werk. In »Die Stadt und das Mädchen« vereint der begnadete Realist unter den zeitgenössischen Mangaka sie zu einem recht spannenden und intensiven Werk.

 

Nicht der beste Taniguchi - aber alles in allem durchaus gefällige Manga-Unterhaltung mit hochrealistischen Zeichnungen und angenehm leisen, kritischen Untertönen.

 

 

Eure Meinung:


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Comic:

Die Stadt und das Mädchen

Reihe: Shodoku

von Jiro Taniguchi

Paperback m. Klappenbroschur, 335 Seiten

Schreiber&Leser, Mai 2008

ISBN: 3937102655

Erhältlich bei: Amazon

Zusätzliche Infos

Leseprobe & mehr auf der Verlagshomepage


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Erstellt: 21.06.2008, zuletzt aktualisiert: 27.02.2017 18:50