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Wut von Marcel Feige

Rezension von Christine Schlicht

 

Berlin steht Kopf. In wenigen Tagen soll der große Umweltgipfel stattfinden und sogar der amerikanische Präsident hat schließlich und endlich doch sein Kommen angekündigt. Es ist Sommer und nicht nur die Straßen und Büros sind überhitzt, auch die Gemüter. Nicht zuletzt die der Polizei und aller anderen Gruppen, die für oder wieder oder gegen den Klimagipfel in der Hauptstadt sind.

 

Während sich in der Stadt langsam aber sicher die Kritiker zu mehr oder minder friedlichen Protesten zusammenrotten, sterben ausgerechnet in der klinisch sauberen Atmosphäre der U-Bahn-Station Potsdamer Platz zwei Menschen, ein Mann und eine junge Frau. Was zunächst wie ein grässlicher Unfall aussieht, da die junge Frau vor die U-Bahn gelaufen ist, entpuppt sich als gnadenloser, entsetzlicher Mord. Die beiden Toten, ein Zuhälter und eine aus Osteuropa eingeschleppte Frau, waren bei einem konspirativen Treffen in der Unterwelt von Berlin, bei dem gut zahlende, gutbürgerliche Männer ihre Fantasien an der ahnungslosen Frau ausleben durften. Aber diese waren nicht die Mörder, denn der Mann starb nicht durch die U-Bahn, sondern wurde mit Eisenrohren zu Tode geprügelt. Die Polizei kann nur rätseln, vermutet dahinter aber einen Streit im Rotlichtmilieu, nichts, was die Konferenz betrifft und vermutlich auch nichts, was sie jemals aufklären können.

 

Weder die Konferenz noch irgendetwas anderes interessieren zu dieser Zeit den Studenten Leif Nehring. Er hat ein ganz anderes Problem, denn er steht vor dem Richter, angeklagt wegen eines Drogendeliktes, für das er nichts konnte. Er sollte im Auftrag seiner Freundin Gras besorgen, er selbst nutzt es nicht, bestenfalls mal eine Extasy-Pille, aber er wurde von dem Dealer gelinkt. Der Richter ist fast noch gnädig, er lädt ihm 60 Stunden Sozialdienst auf.

 

Wütend auf alles und besonders sich selbst tritt er seinen Dienst an. Sein neuer Chef Raisin ist ein Ekelpaket und dessen Helfer Noppe auch nicht das, was sich Leif sonst als Freund anlachen würde. Noppe zeigt ihm eine Welt, von der er nichts wusste: Die Welt unter Berlin. Noch unter der U-Bahn und den bekannten Bereichen des Untergrundes. Leif erfährt, dass die Obdachlosen, die bettelnd in den Fußgängerzonen sitzen, diejenigen sind, die auf der Leiter nach unten noch auf der obersten Sprosse stehen. Dort, wo Noppe und Leif ihre Hilfsarbeit verrichten, in Kanälen, Bunkern, Fernwärmeleitungen und Gängen der Stasi oder noch Schlimmeres, sind die Leute, für die es im Leben gar nichts mehr gibt außer dem nackten Leben an sich. Hier lernt Leif, was sein Leben tatsächlich wert ist. Die Leute dort unten – es sind Frauen und Männer, krank, vernarbt, leblos, sogar ein kleines Kind ist darunter, das die Menschen dort unten im Müll fanden, weggeworfen. Leif lernt, ihnen mit Medikamentenspenden wenigstens die Schmerzen zu ersparen und selbst zu helfen, als Noppe ihn schon am zweiten Tag allein lässt. Er erfährt die Namen der Menschen, Eckhard, Antonia, die kleine Sarah. Und er lernt die Angst kennen, die diese Leute vor etwas scheinbar irrealen haben, das für ihn bald schon nur zu real wird.

 

Bei Bauarbeiten wird in einem Tunnel die Leiche eines Bauarbeiters gefunden, ein Schwarzarbeiter, vorbestraft wegen Zuhälterei, eine Frau namens Antonia Vogel hatte ihn angezeigt. Wieder Rotlichtmilieu, der Fall scheint klar, hier wurde ein Zeuge beseitigt. Allerdings einer, der dem Milieu schon lange den Rücken gekehrt hatte, weil er Familie hatte. Auf der Suche nach Antonia Vogel findet Kommissar Kalkbrenner nur eine völlig verwüstete Junkie-Wohnung vor, die Frau ist schon lange verschwunden.

 

Leif, der auf dem Weg zu seinen Schützlingen ist, entdeckt den Dealer, der ihn gelinkt hatte und verfolgt ihn in eine Kammer der Unterwelt. Er wird entdeckt, doch als eine dritte Person auftaucht, muss sich Leif verstecken. Diese dritte Person erschießt den Dealer kaltblütig und Leif, der von dem Killer entdeckt wird, muss durch die labyrinthische Unterwelt fliehen. Er kann dem Killer nur mit letzter Kraft entkommen, verirrt sich aber. Eckhard hilft ihm.

 

Kalkbrenner hat einen weiteren Mord, um den er sich kümmern muss und so langsam beginnt ihm alles zu entgleiten. Nicht nur, dass er nebenbei auch noch die Scheidung von seiner Frau und die Abneigung seiner erwachsenen Tochter deswegen verkraften muss und sein Beruf ihn immer wieder dazu zwingt, private Verabredungen zu brechen. Ein hartnäckiger Journalist auf der Suche nach einer guten Story erfährt von den Morden durch einen Informanten bei der Polizei und bringt zusätzlich Probleme mit sich.

 

Auf den Überwachungskameras wird Leif identifiziert, wie er dem letzten Toten folgt, seine Fußspuren und die eines Dritten verlieren sich in den Katakomben. Ist Leif Täter oder Opfer? Kalkbrenner bleibt nicht mehr viel Zeit, denn durch den Journalisten wird auf ihn wegen der Konferenz Druck gemacht. Ein perverser Serienkiller passt nicht ins Bild der Stadt – und die Menschen in den Katakomben schon gar nicht. Diese kennen aber das Geheimnis der Unterwelt und mit Leifs Hilfe bringen sie die Polizei auf die richtige Spur.

 

 

 

Die Krimiwelle in Deutschland hat einen neuen Höhepunkt erreicht. „Wut“ braucht sich wirklich nicht vor irgendetwas zu verstecken, da kommen viele der Stars der Szene nicht mit.

 

Hier stimmt einfach alles:

 

Die Charaktere, in die man sich wirklich jederzeit und fraglos hinein versetzen kann. Die immer klar ihrer Motivation folgen, die so natürlich sind und ihre ganz natürlichen Fehler machen. Von Kommissar Kalkbrenner, der mit seiner Arbeit verheiratet ist und einfach nicht die Grenze zwischen seinem Privatleben und dem / der Beruf / Berufung findet bis hin zu den armen Gestrandeten in der Unterwelt, ebenso der junge, sorglose Leif, für den die ganze Welt eine einzige Party ist, bis er die andere Seite des Lebens kennen lernt.

 

Das Setting, von dem man ganz genau spürt, wie gut der Autor die Stadt kennt, in der er seine Charaktere handeln lässt und die nicht nur Hintergrund, sondern auch Begründung für alles ist, was in ihr geschieht. Wo auch immer die Charaktere sich gerade herumtreiben, man kann die Umgebung förmlich riechen, spüren, schmecken, man wird in das Setting hineingezogen, selbst wenn man nie an den fraglichen Orten war.

 

Das Tempo und der ganze Erzählstil. Einerseits locker flockig, andererseits auch so intensiv, das man die Szenen filmisch vor dem inneren Auge ablaufen sieht. Der Detailreichtum wird dabei nie langatmig, er muss sein und ist so angelegt, dass er diesen inneren Film anknipst. So ruhig und bedächtig manche Szenen, zum Beispiel bei der Ermittlung der Polizei manchmal rüber kommen, so hoch ist doch das Erzähltempo, denn in jedem Detail steckt ein Hinweis.

 

Brutal und doch nüchtern. Seltsam eigentlich, obwohl so viel Perverses und so viel Brutales in diesem Buch geschieht, es wirkt nicht wie billiger Horror. Es ist etwas, das geschieht, mitten unter uns (oder zumindest geschehen kann), an dem man aber ebenso vorbei sieht, wie an den vielen Gestrandeten, die einem bei einem flüchtigen Gang durch die Fußgängerzonen begegnen. Das macht diese Geschichte so mitreißend, denn es gibt keinen Ekelfaktor nur einen Realitätsbonus. Es zwingt, auf den ganz natürlichen Ekel, der die ganze Zeit um uns herum ist, mal einen genaueren Blick zu werfen und die Menschen dahinter zu sehen.

 

Dennoch oder auch gerade deswegen: Fünf Punkte von Fünf möglichen für beste Krimiunterhaltung!

 

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Wut

Autor: Marcel Feige

Broschiert: 512 Seiten

Verlag: Goldmann (2007)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3442464617

ISBN-13: 978-3442464616

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 12.10.2007, zuletzt aktualisiert: 06.04.2017 13:05