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Arkham Horror

Rezension von Matthias Oden

 

Die neuenglische Kleinstadt Arkham ist in Gefahr: Unter dem blassen Licht des Vollmonds öffnen sich in der ganzen Ortschaft Tore in andere Dimensionen und unheimliche Welten, durch die Straßen und Gassen ziehen monströse Kreaturen. Werden es die Spieler schaffen, rechtzeitig alle Tore zu versiegeln oder können sie nicht verhindern, dass Arkham von einem Schrecken überrannt wird, für den es auf dieser Welt keinen Namen gibt?

 

Dies ist, in aller Kürze, das Szenario von Arkham Horror, einem Brettspiel aus dem Hause Fantasy Flight Games, das im Cthulhu-Universum des Horror-Altmeisters H. P. Lovecraft angesiedelt ist. Aus 16 Charakteren suchen sich bis zu 8 Spieler ihre Spielfigur aus (oder lassen den Zufall entscheiden) und wagen sich hinein ins düstere Arkham, um innerhalb von 2 bis 4 Stunden die widernatürliche Bedrohung zu besiegen – oder bei dem Versuch zu unterliegen. Vor rund 20 Jahren erschien dieses Spiel erstmals, jetzt ist es mit überarbeiteten Regeln und Artwork (teilweise entliehen aus dem CCG Call of Cthulhu von FFG) wieder auf dem Markt erhältlich, so dass der Kampf gegen die Große Alten Lovecrafts nun endlich auch wieder als Brett- und Gesellschaftsspiel angetreten werden kann. Englisch-Kenntnisse vorausgesetzt, denn das Spiel gibt es bisher nur in dieser Sprache. Die Regeln und Texte des Spiels sind aber auch mit normalem Schulenglisch zu verstehen, so dass hier keine gehobenen Anforderungen gestellt werden.

 

Arkham Horror ist komplex, das fängt schon bei der Spielvorbereitung an: Um das sehr große Spielbrett, das wohl jeden durchschnittlichen Couchtisch durch seine Ausmaße in die Knie zwingen wird, müssen 196 Investigator Sttus Tokens (Geld, Clue Tokens, Sanity und Stamina Tokens etc.), 189 Investigator Cards (Items, Spells, Skills, Allies), 179 Ancient One Cards und 60 Monster Marker platziert werden, zusätzlich zu den Investigator Sheets der Spieler. Dazu kommt noch eine ganze Reiher weiterer Marker, so dass Arkham Horror mit beachtlicher Materialfülle aufwartet – alles liebe- und stimmungsvoll designt, auf robusten Karton.

 

Wie wird gespielt? In Arkham Horror spielen die Spieler nicht gegeneinander, sondern zusammen gegen das Spiel. Der Spielablauf ist in Runden eingeteilt, in denen sich die Spieler auf dem Spielbrett bewegen können, Monster ihre Kreise ziehen und Tore sich öffnen. Gezogene Karten beeinflussen das Spielgeschehen, geben an, wo Tore erscheinen, was die Charaktere an ihren jeweiligen Aufenthaltsorten erwartet oder was in fremden Dimensionen passiert. Während des Spiels besuchen die Spieler die 26 Locations in Arkham wie die Miskatonic University, das Gefängnis, die Silver Twilight Lodge und die Docks. Dort können sie Clue Tokens einlösen, die ihnen beim Schließen der Tore oder beim Bestehen von Würfelwürfen helfen können. Des Weiteren kann es dort zu Begegnungen kommen, während denen sie nützliche Gegenstände finden oder von Monstern und anderen Gegnern angegriffen werden. Um Tore zu schließen oder zu versiegeln muss in die dahinterliegenden Welten gereist und dort Abenteuer bestanden werden. Während der Aktionen der Spieler „läuft“ das Spiel quasi weiter und die Bedrohung Arkhams wächst. Dies äußert sich im Ansteigen des Terror-Levels (wodurch nach und nach Alliierte die Stadt verlassen und Läden schließen) und dem Anwachsen des Doom Tracks, an dessen Ende das Erwachen des zu Beginn des Spiels bestimmten Großen Alten, des Endgegners, steht.

 

Wie kann man gewinnen? Auf verschiedene Weise. Entweder schließen die Spieler eine bestimmte Anzahl von Toren so, dass in einer Runde Arkham komplett torfrei ist oder sie versiegeln mindest sechs Tore auf immer. Ist der Große Alte erwacht, kann dieser in einem extrem schweren Finalkampf besiegt werden – auch dann ist das Spiel erfolgreich beendet. Auf der anderen Seite steht das totale Scheitern: Normalerweise jede Runde öffnet sich ein neues Tor und neue Monster strömen in die Stadt. Lassen sich die Spieler zu viel Zeit mit dem Torschließen oder haben sie einfach Würfelpech, wird die Stadt nach und nach von Monstern überrannt, und es wird immer schwerer, die Siegbedingungen zu erfüllen. Nicht alle Spiele werden die Spieler gewinnen können, schon gar nicht gegen die Großen Alten, die sehr fiese Spieleinflüsse haben, doch stünde am Ende stets der Sieg der Spieler, wäre es ja auch zu langweilig und dem Horror-Stoff des Spiels auch kaum angemessen.

 

Wie kompliziert ist das Spiel? Zu Beginn erscheint Arkham Horror ziemlich kompliziert, und die ersten Runden wird man immer wieder in der Spielanleitung blättern müssen (die beileibe nicht alle Fragen beantworten kann; unter www.fantasyflightgames.com/arkhamhorror.html gibt es deshalb ein recht umfangreiches FAQ als Download). Dann aber, wenn man die Spielmechanismen verinnerlicht hat, wird die Spielablauf flüssiger und regelt sich fast von allein. Die hohe Anzahl an verschiedenen Karten, Markern und Runden mag auf den einen oder anderen abschreckend wirken, aber an Gelegenheitsspieler richtet sich Arkham Horror sowieso nicht. An den Spielmechanismen ändert sich übrigens wenig, wenn die Spieleranzahl steigt: Dann steigen nämlich auch die Anforderungen. Allerdings dürfte es für mehrere Investigatoren im Schnitt doch leichter sein als für eine niedrige Anzahl an Spielern, dass Spiel zu gewinnen. Man kann das Spiel übrigens auch allein spielen – ob man allerdings bis zu 4 Stunden dazu Lust hat, steht auf einem anderen Blatt.

 

Was macht den besonderen Reiz des Spiels aus? Die Vielfältigkeit an Möglichkeiten. Die Wahl der Charaktere bestimmt ebenso den Verlauf des Spiels wie die Wahl des Großen Alten. Auf diese Weise ist jedes Spiel anders. Die extrem hohe Anzahl an Ereignis- und Ausrüstungskarten sorgt hier für weitere Abwechselung; der Wiederspielwert ist also weit über dem Durchschnitt. Und es macht Spaß, seinen Charakter mit den vielen Gegenständen, Zaubersprüchen und Eigenschaften auszurüsten, die man im Laufe des Spiels ansammelt. Darüber hinaus sind jede Runde neue Entscheidungen zu treffen: Lege ich die Fähigkeiten meines Charakters mehr auf Schleichen oder soll er eine größere Bewegungsreichweite haben? Soll er besser kämpfen können oder sich mehr gegen geistige Gefahren schützen? Und soll ich im Laden einen Gegenstand kaufen oder es lieber zu Begegnung kommen lassen, die vielleicht positive Auswirkungen hat – aber vielleicht meinem Charakter auch den letzten Rest gibt? Investiere ich wertvolle Kampf-Trophäen in bessere Ausrüstung oder spare ich sie auf, um so das Spiel eventuell schneller gewinnen zu können?

Dann: Jeder, der Lovecrafts Geschichten kennt, wird sich sofort heimisch fühlen. An nahezu jedem Flecken trifft er auf Bekanntes. Ob man nun auf dem Campus der Miskatonic-Universität auf Professor Armitage trifft, den Maler Pickman oder Inspektor LeGrasse als Alliierten gewinnt oder in die Loge des Orden vom Silbernen Zwielicht einkehrt – stets hat man das Gefühl, „nach Hause“ zu kommen. Natürlich hat die Spielatmosphäre wenig von Lovecrafts trostlosen Nihilismus eines kosmischen Grauens, sondern setzt voll auf die Pulp-Karte, aber das gekonnt und mit Liebe zum Detail. Wer das Rollenspiel Cthulhu kennt, wird übrigens auch die eine oder andere Ähnlichkeit zu diesem bemerken: Die Chaosium-Troika Sandy Petersen, Charlie Krank und Lynn Willis hat bei der ursprünglichen Konzeption des Spiels mitgewirkt.

Aber auch wer Lovecrafts Geschichten nicht kennt, kann das Flair von Arkham Horror natürlich genießen: Obwohl man miteinander spielt, ist man ständig gefordert, je nach ausgewähltem Großen Alten verzeiht es nur wenig bis keine Fehler. Nutzt man nicht ab Spielbeginn jede Chance, die sich einem bietet, wird man im Verlauf des Spiels mit (über den Kopf) wachsenden Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Für Spannung ist also in jedem Fall gesorgt.

 

Was ist nicht so gut gelungen? Wie gesagt, die Spielanleitung gibt nicht zu allen Fragen Antwort, dafür aber gibt es online Abhilfe. Die Schrift auf den kleinen Karten ist für Leute mit Leseschwäche möglicherweise schwer zu entziffern, da sie eben auch sehr klein ist. Etwas befremdlich auch dass gerade der Große Alte Azathoth, der Dämonensultan, das nukleare Chaos im Zentrum des Universums, einer der am leichtesten zu besiegenden Endgegner ist: Während andere Große wie Nyarlathotep, Cthulhu oder Yog-Sothoth teilweise hammerharte Auswirkungen auf das Spielgeschehen haben (Shub-Niggurath beispielsweise erhöht die Stärke aller Monster), ist die Einflussnahme von Azathoth eher gering. Gut, man kann ihn nicht im offenen Kampf besiegen, aber auf eine Konfrontation mit einem Großen Alten sollte man sich ohnehin nicht einlassen. Für Lovecraft-Puristen außerdem ärgerlich: In die Reihen der Monster haben sich auch einige Kreaturen verirrt, die in Lovecrafts Schöpfung nicht auftauchen. Hexen, Vampire und Zombies gehören vielleicht in Gothic Novels und Splatterfilme, aber nicht in ein lovecraftsches Horror-Setting.

Doch dies sind alles nur marginale Kritikpunkte – gegen die spannende Atmosphäre, die gelungene Aufmachung und den extrem hohen Wiederspielwert fallen sie nicht sonderlich ins Gewicht.

 

Fazit: Arkham Horror bietet bei einem sicherlich nicht geringen Preis zwischen 37 und 49 Euro trotzdem ein sehr gutes Preis/Leistungs-Verhältnis – die Ausstattung in Qualität und Quantität muss keinen Vergleich scheuen. Der kooperative Charakter ist eine nette Abwechslung und stützt die Atmosphäre des Spiels, die jedem Lovecraft-Fan das Herz höher schlagen lässt. Wer sich an der pulpigen Umsetzung seines Cthulhu-Mythos nicht stört, kann mit Arkham Horror ein Spiel erwerben, das ihm Stunden spannender immer wieder neuer und herausfordernder, aber nie unfairer Spieltisch-Action bescheren wird. In diesem Sinne: Cthulhu fhtagn!

 

Eure Meinung:

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Steffen
Montag, 06. Juni 2011 13:59 Uhr
Nach dem ersten Spiel (aufbauen, Anleitung lesen usw) mit über 6 Stunden Spielzeit muss ich sagen, klar ist die tiefe des Spiels schön, aber ich muss echt sagen, viel zu viele Aspekte sind einfach nur Zufall/Glück. Z.B. Welche Begegnung man bekommt, dass kann sein das man etweder was sehr wertvolles bekommt (z.B. einen Verbündeten), oder einfach mal mal xyz verliert ... Dieses "(Karten-)Glück" ist mir zu mächtig und aus meiner Sicht macht das eine Planung fast überflüssig. Das Kämpfe gewürfelt werden, teilweise auch mit 15 Würfeln, stört mich nicht, finde ich ok, da man quasi durch sein "Würfelgeschick" noch das Gefühl hat, das beeinflussen zu können. Aber gegen eine Karte mache eine Probe auf ZUFALLSATTRIBUT (und man kann nicht alle Werte hoch haben) sonst dann bist "tod" ... finde ich einfach bisschen heftig.

Auch ist die strategische Tiefe manchmal störend, das so eine Spielerrunde relativ lange dauern kann, bis jeder alles gemacht hat, die Monster verschoben, die Ereignisse behandelt usw ...

Daher werden wir das Spiel wohl eher nicht mehr benutzten, sondern lieber eine der vielen vereinfachten Versionen spielen, die nicht ganz so zäh sind.

Rolf
Sonntag, 01. März 2009 16:37 Uhr
Ich werde mich heute abend mit Freunden zu einer Partie Arkham Horror treffen und freue mich schon darauf, denn wir haben es bereits mehrmals gespielt und waren bislang begeistert. Unsere Clique besteht aus erfahrenen Rollen- und Strategiespielern und wir sind mehrheitlich der Ansicht, dass eine Partie AH eine willkommene Abwechslung zu einem herkömmlichen Rollenspiel ist, vor allem, da man eben keinen Spielleiter benötigt, der sich intensiv vorbereiten muss. Im Team gegen "das Brett", wie wir bei uns so sagen, anzutreten, ist für viele von uns angenehmer als gegeneinander zu kämpfen.
Zwar stimmt es, dass die Regeln anfangs recht kompliziert erscheinen und etwas unübersichtlich präsentiert werden, doch die Mühe, sich gründlich einzulesen, ist es m.E. wirklich wert. Ich stimme der Rezension dahingehend zu, dass sich das Spiel absolut nicht an Gelegenheitsspieler richtet; "mal eben so" spielt man dieses monströs ausgestattete Spiel nicht. Echte Fans verfügen häufig über einen sehr großen Tisch, der hier wirklich von Vorteil ist, 130x90 cm und größer wäre empfehlenswert.
Auch der Wiederspielwert ist sehr hoch, die Auswahl des Großen Alten wirkt sich ebenso auf den Spielverlauf (und Dauer) aus, wie auch die Auswahl (oder zufällige Kombination) der Spielercharaktere. Wir verfügen inzwischen auch schon über die Dunwich Horror Erweiterung, die das Spiel bereichert und für neue Möglichkeiten sorgt. Ich kann dieses Spiel sehr empfehlen, aber vorrangig denjenigen, die gern bereit sind, drei bis fünf Stunden für eine Partie zu investieren. Gelegenheitsspieler sollten eher zu Schatten über Camelot greifen, welches ebenfalls "gegen das Brett" gespielt wird, aber in höchstens anderthalb Stunden entschieden werden kann.

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Arkham Horror

Hersteller: Fantasy Flight Games / Sprache: Englisch

Autor: Richard Launius & Kevin Wilson

ASIN: B000ALCC5K

Spieler: 1-6 Spieler

Spieldauer: 2-4 Stunden

Altersempfehlung: ab 12 Jahre

Erhältlich bei: Heidelberger-Spieleverlag

Erhältlich bei: Amazon

 

Hinweis:

Spielregeln als Download gibt es hier!

 


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Erstellt: 28.03.2006, zuletzt aktualisiert: 16.02.2018 17:50