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Interview mit Thorsten Grewe

Thorsten Greve

Redakteurin: Ramona Schroller

 

Thorsten Grewe ist Lesern von Fanzines ein Begriff, immerhin ist er einer der Künstler für das von Markus Kastenholz herausgegebene Zine „Nocturno“. Auch in der Kleinverlagsszene ist der Grafiker nicht unbekannt. Ein großer Teil der Cover für HaryProductions stammt aus seiner Feder.

Er hat aber noch mehr zu bieten als hervorragende Bilder. Seit neuestem erscheint bei HaryProductions eine neue Serie mit dem Titel „Ranulf O'Hale“, deren Ideengeber und Herausgeber er ist. Teilweise schreibt er an den Folgen um den mutigen, wenn auch schwer vom Schicksal geprüften Exorzisten mit - ein verborgenes Talent?

Dem FantasyGuide.de gab Thorsten Grewe folgendes Interview:

FantasyGuide: Thorsten, bitte stelle dich den Lesern doch kurz vor.

 

Thorsten Grewe: Normalerweise beginne ich meine biographischen Angaben immer mit dem Satz "Geboren wurde ich im Jahr der gesellschaftklichen Umwälzungen, ein Jahr vor der Mondlandung." Aber das interessiert, glaube ich, niemanden wirklich.

Ich verdiene meine Brötchen seit vielen Jahren als Gebrauchsgrafiker und befinde mich ferner in den letzten Zügen meines Studiums zum Religionshistoriker.

Obwohl ich stets betone, daß ich nichts sammele, habe ich in jahrelanger, mühsamer Kleinarbeit eine beachtliche Comic-Sammlung zusammengetragen und beherberge ferner mindestens 36 Tiger von Stofftieren bis zu Figürchen, was auf meinen Spitznamen zurückgeht.

Dem Gesetz nach unverheiratet lebe ich aber seit 14 (oder mehr?) Jahren in einer festen Beziehung. Haustiere besitze ich bis auf die oben genannten Tiger nicht.

Seit 2003 wohne ich außerhalb von Dortmund in ländlicher Abgeschiedenheit. Vom Fenster meines Arbeitszimmers aus blicke ich über ein Feld hinweg auf den Wald. Vor dem Haus stehen einige uralte Nußbäume.

Zuletzt habe ich noch einen Chtulhu adoptiert, aber das würde jetzt zu weit führen...

 

 

FantasyGuide: Ranulf O'Hale stammt ursprünglich aus deiner Feder. Wie bist du auf diese Figur gekommen?

 

Thorsten Grewe: Ranulfs "Geburt" liegt jetzt fast zwei Jahrzehnte zurück. Damals zeichnete ich für die Comic-Reihen und Magazine des Verlags BS-Press verschiedene Comics, die hauptsächlich im Horror- und Gruselbereich angesiedelt waren. BS-Press war seinerzeit für eine junge, wilde Künstlergeneration von Zeichnern und Autoren der Anlaufpunkt schlechthin. Wir wollten natürlich alles ändern, besser machen, den Muff beseitigen. Bei den etablierten Verlagen gab es dafür keine Chance. Aber Ralle Leismann, der Begründer, Herausgeber und "Übervater" von BS-Press war jeder neuen Idee gegenüber aufgeschlossen, wenn sie auch noch so verrückt und abseitig war. Das war toll - wir konnten uns grenzenlos austoben. Die Comicreihen, die ich hier zeichnete, sollten bissiger sein, dunkler, "blutiger" als die Massenware, die beispielsweise Marvel oder DC in dieser Zeit boten. In gewisser Weise nahmen wir damals die Entwicklung voraus, wie sie fünf, zehn Jahre später bei Marvel unter dem Stichwort "Heroes for the Nineties" eingeläutet wurde oder bei DC von Frank Miller mit "The Dark Knight". Nicht daß ich mich mit diesen Größen vergleichen wollte, aber wir "jungen Wilden" suchten eben dieselben Auswege aus den eingefahrenen Gleisen. Damals zeichnete ich "Maskdancer", den wahnsinnigen Rächer, oder "Gareth Griffiths", den Detektiv des Übersinnlichen. Wahrscheinlich kennt heute kein Mensch mehr diese Serien und das ist bestimmt auch besser so.

Ich war ein Fan der damaligen Heftromane: Hohlbeins "Hexer", Dan Shockers "Larry Brent" oder W.A.Harys "Mark Tate". Mein Lieblingscomic war Marvels "Dr.Strange, Meister der magischen Künste". Man merkt wahrscheinlich meine Orientierung zu einem gewissen Genre. Diese Helden fand ich klasse, so etwas wollte ich für meine Comics. Mein Held sollte finanziell unabhängig sein, also besaß er ein unermeßliches Privatvermögen, das seine Familie seit Jahrhunderten zusammengetragen hatte. Er arbeitete nicht für eine irgendwie lokal begrenzte Organisation. Nein, mein Held sollte überall am Werk sein, mit der Rückendeckung und den Spesenkonten der weltweit größten Organisation - der katholischen Kirche. Er hatte keinerlei Gewisensbisse bei seiner Arbeit, denn er war unerschütterlich auf der Seite des Rechts, glaubte er zumeindest. Mein Held war kein gewöhnlicher Geisterjäger, aber auch kein übermächtiger Magier - er war eher irgendwo dazwischen: ein Exorzist. Und so entstand Ranulf H. O'Hale, Exorzist des Vatikans. Im Lauf der verschiedenen Abenteuer entwickelte er sich, entspann sich eine Biographie um ihn herum. Zugegeben, heutzutage bin ich ganz froh, daß die alten Ranulf-Comics nicht mehr zu haben sind.

Die besten Comics, die ich bei BS-Press gemacht hatte, erschienen übrigens Anfang der 90er gesammelt als sog. Konzeptalbum unter dem Titel "Zsaqaerdos". Es war ca. 1995, denke ich, als unter demselben Titel in Zusammenarbeit mit der Filmcrew vom ÄON-Team ein Videoclip entstand, mit dem wir durch einige Cons und Ausstellungen tourten. Der Clip lief erst kürzlich wieder in einer Reihe von Lokalsendern. Ein amüsantes Stück Zeit- und Ranulf-Geschichte

 

 

FantasyGuide: Ranulf war zu Anfang eine reine Comic-Figur. Seine Abenteuer sind teilweise recht düster nachzulesen. Als Romanheld aber entwickelt er eine völlig neue Tiefe, seine Welt wirkt wesentlich komplexer. War der Schritt schwierig für dich oder hattest du alles schon von Anfang an im Kopf?

 

Thorsten Grewe: Fiktive Charaktere, egal ob Comic- oder Romanfiguren entwickeln sich immer mit der Zeit. Wenn sie plötzlich beginnen, ein Eigenleben zu führen, weiß man, daß sie "lebendig" sind und keine Abziehbilder. Beim Zeichnen oder Schreiben sagt dir deine Figur: "Nein, das würde ich nicht machen!" Dann lebt sie. Als Comicheld stellte Ranulf ganz andere Anforderungen im Vergleich zum Romanhelden. Eine Comicfigur muß grafisch wirken, optisch plakativ sein. Deshalb Ranulfs dunkel geränderte Augen und seine weiße Locke, die ihm immer in die Stirn fällt. Da war wohl ein bißchen Punk-Einfluß dabei. Als Markus Kastenholz mich im Jahr 2000 ansprach, ob ich für sein neugegründetes Magazin "Nocturno" Comics beisteuern wollte, war ich in eine Menge anderer Projekte eingebunden. Eigentlich mache ich schon seit einiger Zeit keine Comics mehr, weil das zu zeitintensiv ist. Wenn man vom Zeichnen seinen Lebensunterhalt bestreitet, ist eben das Wichtigste, möglichst viele Aufträge in möglichst kurzer Zeit fertigzustellen, in möglichst bester Qualität. Aber mir fielen die alten Ranulf-Comics ein, die ich zur Verfügung stellen konnte. Die besten Abenteuer liefen dann in "Nocturno". Das kam bei den Lesern recht gut an und man fragte nach neuen Abenteuern. Aber wie gesagt: keine Zeit. Doch da kam die Idee auf, aus der Comicfigur einen Romancharakter zu machen. Gut, da waren die alten Exposés für die Comichandlungen, die man recht schnell in Kurzgeschichten umschreiben konnte. Meine Versuche als Autor waren allerdings immer nur sporadisch gewesen, weswegen ich mir einige kompetente Mitstreiter an Bord holte, um Ranulf ins neue Medium umzuarbeiten. Da war natürlich Markus Kastenholz der erste Ansprechpartner. Markus hat einen herrlich schonungslosen Schreibstil, das gefiel mir. Als nächstes kam Charlotte Engmann an Bord, die für unterschiedliche Verlage schreibt. Mit ihr zusammen entwickelte ich in langen Telefongesprächen die Ideen für einige Handlungsstränge, die stets im Hintergrund bei Ranulf mitlaufen, z. B. der Kampf gegen die AllGewaltigen der Tiefe und die magischen Moosberg-Eier. Schließlich stieß der belgische Zeichner und Thrillerautor Alain Meesschaert dazu, der einige wichtige Nebenfiguren mitbrachte, die aus seinen früheren Romanen stammten, so z.B. der Urvampir Mordechaj Mistelczwyg oder Ranulfs Chef Kardinal Rejn Malpertuis. Beide Figuren haben sich inzwischen zu besonderen Publikumslieblingen entwickelt. Zusammen entwarfen wir ein Grundgerüst für Ranulf, worin sich andere AutorInnen einbringen konnten. Seitdem wächst dies Gerüst mit jedem neuen Roman. Eine Menge Nebenfiguren sind hinzugekommen, die es im Comic noch nicht gab: die Direktorin der vatikanischen Archive Maria Golgotha, der dicke bischöfliche Kurator Franz Jörg Benning, Ranulfs Haushälterin Molly Malverne. Einige Figuren, wie der auf die Vampirjagd spezialisierte Rosenritter Alvino Vladiscini, waren im Comic noch ganz andere Charaktere. Ranulf ist reifer geworden, älter. Er ist sarkastischer als früher. Seinen Fimmel für Designerkleidung, italienische Schuhe und seine Autosammlung hat er erst in den Romanen bekommen. Mit jedem neuen Abenteuer wird er lebendiger. Seine Biographie ist mittlerweile ausgestaltet, man weiß, welche Musik er bevorzugt, was er gern ißt (wenn er überhaupt ißt und nicht trinkt, ähm...) usw.. Unter dem Einfluß von Alain Meesschaert ist aus Ranulf eine Art James Bond des Vatikan geworden. Sein Faible für alles Teure und Exquisite, die unvermeidlichen guten und bösen "Ranulfgirls" etc..

 

 

FantasyGuide: Letztes Jahr erschien bei HaryProductions als Eröffnungsband eine Anthologie mit Ranulf-Geschichten, teilweise wurdest du als Autor genannt. Allerdings bist du dem Publikum eher als Grafiker bekannt. Seit wann schreibst du und dürfen die Leser bald mehr von dir erwarten?

 

Thorsten Grewe: Der Übergang von gezeichneten zum geschriebenen Ranulf war wie gesagt eine Art Selbstläufer. Normalerweise arbeite ich als Grafiker und Entwickler für grafische Projekte im PrePress Bereich. Ich entwickle Layouts, setze Texte, illustriere Romane und CD-Booklets. Titelbilder für Bücher, Poster, Glückwunschkarten, Innenausstattung von Geschäften, Kalender, Briefbogen - alles, was irgendwie grafisch ist, wird von mir erledigt. Ich arbeite seit langem für die Monstergalerie in den "Gespenstergeschichten" von Bastei Lübbe, für die Arbeiter Wohlfahrt. Ein Großteil entsteht im Auftrag einer Agentur. Geschrieben habe ich vor Ranulf eher selten, wenn ein befreundeter Autor eine Anthologie zusammenstellte oder ähnliches. Berichte zur Verlags- und Comicszene oder auch Artikel für religiöse Zeitschriften habe ich hingegen häufig verfaßt.

Als Ranulf eine Romanfigur wurde, war es einfach eine Notwendigkeit mitzuschreiben, um der Figur die reichtige Richtung zu geben. Zurzeit arbeite ich mit Wilfried Hary an einem Mehrteiler aus Ranulfs Vergangenheit, der erzählt, wie Ranulf zu seinem Palazetto in Venedig mit dem mechanischen Kabinett kam...

 

 

FantasyGuide: Du hast für die Serie die unterschiedlichsten Autoren gewonnen. Wie schaffst du es, sie alle bei der Stange zu halten und die Geschichten in eine plausible Reihenfolge zu bringen?

 

Thorsten Grewe: Grundsätzlich macht es mir mehr Spaß, mit anderen zusammen zu arbeiten als allein vor mich hinzuwerkeln. Deswegen nehme ich z.B. lieber an Gemeinschaftsausstellungen als an Soloaktionen teil. Deswegen war mir von Anfang an klar, daß ich die Ranulf-Romane nicht allein schreiben wollte. Das hätte ich einerseits zeitlich nicht geschafft und das hätte mir auch nicht recht Spaß gemacht. Der Reiz besteht für mich gerade darin, zu sehen, was andere AutorInnen aus Ranulf und den anderen Figuren machen. Gut, manchmal muß ich dann etwas schlucken, wenn beispielsweise ein Autor Ranulf in einer Situation Erektionsprobleme verpaßt. Das wollte ich eigentlich nicht wissen. Aber sei's drum.

An dem ersten Ranulf-Band "Himmel, Hölle und dazwischen" haben mit mir zusammen 16 AutoInnen geschrieben, wobei jeder ein oder mehrere Kapitel einer Gesamtgeschichte übernommen hat. Seitdem Ranulf danach regelmäßig in der Serie "Horror" läuft, sind noch einige weitere dazugekommen. Die ersten Autoren erhielten nur ein paar ausgewählte alte Comicabenteuer an die Hand als Leitfaden. Als dann die ersten Stories vorlagen, erstellten wir ein stetig anwachsendes Gerüst von Hintergrundinfos, das jeder Autor bekommt, wenn er einsteigen will, oder das die anderen regelmäßig als Update bekommen. Erstlektorat und Redaktion wird von mir übernommen. Ich muß darauf achten, daß die Figuren in ihrem Charakter stimmig bleiben. Es darf keine Widersprüche im chronologischen Ablauf geben, die Verzahnung der Einzelromane muß stimmen, die Handlungsstränge müssen über mehrere Folgen weiterlaufen.

Natürlich hat jeder einen anderen Schreibstil. Aber das ist gerade das Schöne an der Reihe. Man muß eben nur den entsprechenden Autor mit seinem speziellen Stil für einen Roman gewinnen, zu dem dieser Schreibstil paßt. Deswegen sind einige Ranulf-Abenteuer eher Grusel, andere richtiggehend Splatter. Manche sind Krimis oder Thriller, andere eher Fantasy oder auch Lovestory. Jeder Autor kann seine eigenen Figuren einbringen, sein Augenmerk eher auf Nebenfiguren richten oder auch Stories erzählen, die in der Vergangenheit von Ranulf und den anderen Figuren geschehen sind.

Die meisten Autoren konnte ich fürs Mitschreiben gewinnen, weil ich sie schon von anderen Projekten her kannte, an denen wir zusammengearbeitet hatten. Von denen bekam ich dann die Adressen von weiteren Autoren, die eventuell mitschreiben würden usw.. Bis auf wenige Ausnahmen antworten die AutorInnen auch auf meine Anfragen. Die meisten sind mehr oder weniger Profis und deshalb total unkompliziert. Wenn einer keine Lust oder keine Zeit hat, ist das ja kein Problem. Das ist okay. Manche scheuen davor zurück, daß wir keine Honorare zahlen können. Als Gegenleistung kann aber jeder Autor von mir Illus für seine Buchprojekte haben, wenn er will. Eine Hand wäscht schließlich die andere.

 

 

FantasyGuide: Ich habe das Gerücht gehört (von dir *zwinker*), es werde in einiger Zeit auch einen Soundtrack zu Ranulf O'Hale geben. Was erwartet den Fan des Exorzisten denn auf diesem Soundtrack?

 

Thorsten Grewe: Ja, es wird in naher Zukunft einen "Exorzisten-Soundtrack" geben. DJ HolleMolle hat die musikalische Gesamtkonzeption des Projekts betreut und eine Reihe spezieller Musikstücke beigesteuert. Weitere wunderbare Musikstücke stammen von Michael Kaiser. Die Stücke erzählen die Geschichte vom Kampf des Lichts gegen die Finsternis während eines Exorzismus. Gerahmt wird die Musik von Hörspielteilen der beiden Vortragskünstler Dominik Irtenkauf und Ensifer Clarus, die schon bei "Himmel, Hölle und dazwischen" mitgewirkt haben. Die Entstehung der CD hat fast ein Jahr gedauert. Nach zahlreichen Umarbeitungen ist die Endversion die dritte oder vierte Fassung. Jetzt entspricht sie dem, worauf wir hinaus wollten.

Der Soundtrack wird als eins der Specials herauskommen, die es im Zuge des Ranulf-Jubiläums geben wird.

 

 

FantasyGuide: Du zeichnest einen Großteil der Cover für Hary Productions, hast schon einige Jahre „auf dem Buckel“ mit deinen Grafiken. Wenn man sich deine Bilder betrachtet, kann man sich kaum vorstellen, was für ein Mensch hinter diesen Horror-Zeichnungen stecken mag. Alle, die dich kennen, sagen einhellig, was für ein lieber, netter Mann du bist. Ist das nicht ein gewaltiger Spagat?

 

Thorsten Grewe: Pssst! Wenn Ihr hier allen erzählt, daß ich im Grunde ganz umgänglich bin, zerstört das mein Image...

Wahrscheinlich soll ich jetzt soetwas sagen wie "in meinen düsteren Bildervisionen lebe ich meine dunkle Seite aus." Aber das wäre Quatsch. Als Grafiker muß man sich eben auf ein Genre spezialisieren, um am Markt bestehen zu können. und da habe ich mir nunmal Horror und Grusel ausgesucht. Vielleicht kann sich noch der eine oder die andere an meine Arbeiten im Science Fiction Bereich erinnern, die ich vor ungefähr zehn Jahren gamacht habe. Beispielsweise die Comicserie "Die neuen Abenteuer der ORION", die in "RdM" erschienen, dem offiziellen Magazin der Fans der Fernsehserie "Raumpatrouille Orion". Das war gar nicht düster, sondern feinster Retro-SF. Für spezielle Verlage zeichne ich auch unter anderem Namen erotische Motive. Man denke in diesem Zusammenhang an die von mir 1998 organisierte Ausstellung "LustObjekte" zurück, eine Präsentation erotischer Werke zeitgenössischer Künstler in einer Dortmunder Galerie. Erotische Elemente baue ich auch gern in meine Gruselbilder ein. Liebend gern würde ich Western illustrieren. Das Problem ist nur, daß es in diesem Genre herzlich wenig Nachfrage gibt. Also bleibe ich bei Horrormotiven.

 

 

FantasyGuide: Wie klappt die Zusammenarbeit zwischen Wilfried Hary und dir? Er muß ja große Stücke auf dich halten. Wenn ich recht gezählt habe, stammen über die Hälfte der Cover aus deiner Feder.

 

Thorsten Grewe: Irgendwie bin ich mit Wilfried aufgewachsen. In meiner Jugend las man Heftromane, die einen eher SF wie "Perry Rhodan" oder "Terra Astra", die andere Fraktion verschlang Horrorschmöker. Von daher war mir W.A. Hary als Autor der "Mark Tate" Romane ein Begriff oder auch als Autor der Comicserie "Masters of the Universe". Später war Wilfried der erste, der Romane nicht gedruckt, sondern als Datei herausgab, die sog. "Diskomane". Zuerst auf Diskette, später online usw.. Irgendwann entschloß er sich dann doch, die Romane auch gedruckt zu publizieren und suchte Titelbildmaler. Mein guter Kumpel Gerry Börnsen, der bereits die Cover für Wilfrieds SF-Serien entwarf, machte Wilfried und mich miteinander bekannt, als Wilfried jemanden für die Cover seiner Horrorserie suchte.

Die Zusammenarbeit mit Wilfried ist ganz unterschiedlich. Einerseits bekommt er von mir in regelmäßigen Abständen einen Packen neuer Bilder, aus denen er dann passende Motive zu den Romanen, Büchern und Hörbüchern auswählt. Teilweise entstehen die Motive auch nach den Titeln der demnächst erscheinenden Romane. Manchmal bekomme ich auch Textauszüge, um eine bestimmte Szene darzustellen. Das hängt aber auch vom jeweiligen Autor ab, inwieweit er Wert darauf legt, das eine spezielle Szene oder Figur auf dem Cover zu sehen ist. Über Wilfried kam auch die Zusammenarbeit mit Alfred Becker und seinem Verlag Cassiopeia Press zustande. Hier läuft es ähnlich ab. Da ich bereits die Innenillustrationen für die Buchserie "Murphy" beim mg Verlag gemacht hatte, war es naheliegend, daß ich auch die Titelbilder der "Murphy" Heftserie bei Cassiopeia gastaltete.

Im allgemeinen stelle ich bei meinen Titelmotiven nicht so gern eine bestimmte, im Roman geschilderte Szene nach, sondern versuche, die Gesamtatmosphäre des Hefts einzufangen. Meine Bilder sind eher, sofern ich freie Hand habe, eine symbolische Darstellung des Heft-Inhalts.

Da für den enormen monatlichen Ausstoß von Titeln bei Hary Productions sehr viele Bilder gebraucht werden, entwickelte ich zu Beginn meiner Zusammenarbeit mit Wilfried einen speziellen Zeichenstil, den ich seitdem zu meinem "Hauptstil" gemacht habe. Ich nenne ihn den "Schattenstil". Nach dem Vorbild des Film Noire der 50er Jahre werden hier viele Stellen überschattet und eingeschwärzt. Außerdem habe ich mir angewöhnt, die Motive nur in Din-A 5 vorzuzeichnen, da das schneller geht als in einem größeren Format. So kann ich an einem guten Tag bis zu fünf Motive anfertigen.

Bei den Ranulf-Romanen, die in der Heftreihe "Horror" erscheinen, läßt Wilfried mir relativ freie Hand. Ich kann die AutorInnen nach meinem Belieben auswählen, habe freie Entscheidung über die Handlungsstränge. Man könnte fast sagen, er läßt den Leuten, die in seinem Team mitarbeiten, seien es jetzt Zeichner oder Autoren, Narrenfreiheit.

Wilfried ist einer der unkompliziertesten und aufgeschlossensten Menschen, mit denen ich jemals zusammengearbeitet habe. In den Jahren unserer Zusammenarbeit hat sich aus dem anfänglichen Mitarbeiterverhältnis mittlerweile eine Freundschaft entwickelt. Und das sage ich jetzt nicht nur für den Fall, daß Wilfried dies Interview lesen könnte. Wenn zwischen uns nicht ein uneingeschränktes Vertrauensverhältnis bestehen würde, hätte er mir, schätze ich, niemals freie Hand gegeben, mein Ranulf-Projekt bei Hary Productions durchzuziehen. Er hat mich immer unterstützt und hatte eine Menge hilfreicher Ratschläge parat. Nicht zuletzt hat er auch selbst an Ranulf mitgeschrieben.

 

 

FantasyGuide: Im Fandom bist du sehr engagiert, festes Mitglied bei einem großen SF-Club usw. Du hattest bereits Kontakt zu den „Großen“ der phantastischen Literatur wie Wolfgang Hohlbein. Aber hast du auch den Ehrgeiz, ebensoweit zu gehen?

 

Thorsten Grewe: Einerseits mögen es nostalgische Gründe sein, wenn ich immer noch gern Material für Fanzines beisteuere. Fanzines sind enorm wichtig, da sie Autoren und Zeichnern die ersten Gehversuche ermöglichen und das erste Forum vor der Öffentlichkeit bereitstellen. Ohne die Fanzines würde ich heute vielleicht immer noch vor mich hinwerkeln und die fertigen Bilder ungesehen in eine Schublade packen. Andererseits sind Fanzines als Kontrollinstanz, so möchte ich es nennen, wichtig. Bei großen Verlagen bekommt man als Zeichner, Illustrator, Titelbildmaler keine Rückmeldung, ob deine Arbeit gut oder schlecht war. Dein Redakteur oder Artdirector erteilt dir einen Auftrag, nickt ihn gegebenenfalls ab und das war's. Bei Fanzines allerdings gibt es das direkte Feedback der Leser. Die zerreißen dich in der Luft, wenn du geschluddert hast. Die bemerken jeden Fehler, gnadenlos. Das ist unschätzbar wertvoll.

Seit vielen Jahren engagiere ich mich bei AIONA, einem Verein zur Fördrung von Kultur und Wissenschaft. Wir produzieren regelmäßig die Magazinsendung "Das fantastische Forum" für eine Reihe von Lokalsendern, geben das Printzine "Intern" heraus, veranstalten Ausstellungen für zeitgenössische phantastische Kunst, halten einen monatlichen Stammtisch für Phantastik ab, verleihen jährlich einen Preis und einiges mehr. Hierbei habe ich als Aufnahmeleiter im Fernsehstudio und als Redakteur viele bekannte Künstler unterschiedlichster Bereiche kennengelernt, Autoren, Zeichner, Schauspieler, Musiker, Specialeffects-Leute usw..

Es ist interessant, solche Größen persönlich zu treffen. Manche Begegnungen sind bereichernd, andere enttäuschend. Die meisten dieser Persönlichkeiten erwiesen sich als freundlich und umgänglich, eben Profis. Natürlich ist es schön, wenn unzählige Fans bewundern, was man leistet. Ich selbst bezeichne mich allerdings nicht als Künstler, sondern als Gebrauchsgrafiker. Künstler widmen ihr Leben (im besten Fall) ihrer Kunst, leben für und durch sie. Als Grafiker erbringe ich hingegen eine handwerkliche Dienstleistung. Meine Werke sind nicht im künstlerischen Sinn sinn - und zweckfrei, existieren nicht nur um ihrer selbst willen, sondern sind für ein bestimmtes Projekt entstanden, ein Buch, einen Roman, ein Poster etc.. Meine Bilder sind keine sich durch die Künstlerhand selbst erschaffenden Offenbarungen, sondern zielgerichtet erstanden nach speziellen zuvor formulierten Anforderungen. Das Ziel meiner Werke ist es, ein Produkt möglichst gut zu verkaufen, sie sind kein Selbstzweck. Wenn möglichst viele Leser einen Roman kaufen, weil sie das Titelbild gereizt hat, das Heft aus dem Regal heraus in die Hand zu nehmen, bin ich hundertprozentig zufrieden. Ziel erreicht, Mission accomplished.

 

 

FantasyGuide: Welche Pläne für die Zukunft gibt es? Kommt da noch etwas neben Ranulf oder willst du dich vorerst voll und ganz auf ihn konzentrieren?

 

Thorsten Grewe: Ranulf ist natürlich nur ein Teil meiner Arbeit, wenn auch - zugegeben - einer, der mir sehr am Herzen hängt. Wenn morgen ein Hollywood-Produzent anklopft und fragt, ob er Ranulf als Big Budget Produktion mit Gabriel Byrne in der Titelrolle verfilmen darf, wäre das eine schöne Sache. Da das aber nie pasieren wird (oder doch?), werde ich noch viele andere Illustrationen zeichnen, viele Briefköpfe entwerfen und viele Bedienungsanleitungs-Texte setzen müssen, um meine Brötchen bezahlen zu können.

Im Jahr 2005 gibt es das 20-jährige Ranulf-Jubiläum zu feiern, wozu es einige Extras geben wird. So z.B. eine Ausschreibung für alle AutorInnen (Nachwuchs oder Profis), die gern einen Ranulf beisteuern wollen. Außerdem gibt es den oben erwähnten "Exorzisten-Soundtrack". In weiterer Planung ist eine Präsentation ausgewählter Bilder, entweder als Sammelpostkarten oder als Bildband. Schließlich wird es in mittelfristiger Zukunft eine DVD geben mit Interviews mit mir, einer Bildershow, dem "Zsaqaerdos" Clip und vielem mehr. Ich denke, das reicht erst einmal, um mich die nächste Zeit auf Trapp zu halten.

 

FantasyGuide: Vielen Dank für das Interview.

 

Thorsten Grewe: Ich habe zu danken. Grausige Grüße an eure LeserInnen!

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Erstellt: 02.05.2005, zuletzt aktualisiert: 17.10.2017 23:34