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172,3 von Vincent Voss

Rezension von Torsten Scheib

 

Rezension:

Übergewicht, Fettleibigkeit, Adipositas – lange Zeit brachte man damit nahezu ausschließlich die Burger und Fritten liebenden Amerikaner in Verbindung. Doch diese Gleichung hat schon lange an Aussagekraft eingebüßt. Man muss nur mal vor die eigene Haustür gehen – oder einfach den heimischen Badezimmerspiegel aufsuchen – um einer hässlichen, traurigen, unumstößlichen Wahrheit ins Auge zu blicken: Hierzulande ist es auch nicht gerade besser; lügen nüchterne Zahlen wohl doch nicht. Mehr noch. In Sachen Übergewicht sind wir beinahe rekordverdächtig und kratzen am Thron der »fettesten Nation Europas.«

Wenn da nicht die Briten wären.

 

Fast noch schlimmer die Zahlen bei Kindern und Jugendlichen, die sich zwar »nur« im unteren zweistelligen Bereich aufhalten, dennoch erschreckend genug sind. Über die Gründe könnte man gewiss seitenlange Aufsätze verfassen, was an dieser Stelle freilich nicht getan werden soll. Nur so viel: Die Krankheit (und das ist sie durchaus) Adipositas mag zwar auch durch die eigene Trägheit freie Bahn erhalten, vor allem aber ist sie ein hässliches Nebenprodukt einer gleichermaßen auf Konsum wie Produktivität getrimmten, immer hektischer werdenden Gesellschaft. Macht Kapitalismus nicht Spaß?

 

Es mag ein Leichtes sein, sich die überschüssigen Pfunde anzueignen, wesentlich schwieriger ist es jedoch, sie wieder loszuwerden. Unzählige Diätformen, die berüchtigten »Light«-Lebensmittel und nicht zuletzt die stets umtriebigen Damen und Herren von den Weight Watchers versprechen vollmundig einen leichten und schnellen Gewichtsverlust. Wirklich? Nimmt man 172,3, den Debütroman von Vincent Voss als Indikator, so scheint dem nicht unbedingt zu sein. Schließlich entstammte die Inspiration zu seinem Roman eben einem Abnehmversuch.

 

Doch zunächst entführt uns der Autor in die dunkle Vergangenheit dessen, was wir heute unter dem Schleswig-Holsteinschen Hügelland kennen. In einem gleichermaßen unheimlichen wie tödlichen Ritual inmitten eines geheimnisvollen Steinkreises wird Etwas – Es – beschworen. Oder doch bekämpft …?

Von jenen uralten Riten weiß der gemütliche, leicht introvertierte Lehrer Viktor Vogel herzlich wenig. Ihn plagen andere Sorgen. Etwa das Verhalten einiger rabiater Schüler, die gegenüber Vogel auch nicht vor Gewalt zurückschrecken. Oder das turbulente Liebesleben seiner pubertierenden Tochter. Und natürlich: sein Gewicht, das mit 172,3 kg erschreckend ausfällt. Zunächst noch hin und her gerissen, ob eine radikale Diät der richtige Weg wäre, ist es schließlich die Abscheu vor dem eigenen Körper, gepaart mit dem Versagen der eigenen Stamina, die Vogel dazu bringt, es doch zu probieren. Feierlich und im Rahmen eines leidlich romantischen Picknicks schwört er seiner Frau und großen Liebe Larissa, besagten Weg zu gehen – nicht ahnend, dass dieser, ungewollt mit Blut besiegelte Schwur, inmitten eines gewissen Steinkreises verkündet wurde.

Motiviert meldet sich Vogel daraufhin bei den lokalen Weight Watchers an – und tatsächlich: nicht lange, und die ersten Pfunde purzeln. Allerdings ist Vogels Freude nur von kurzer Dauer. Dunkle Gewitterwolken ziehen an seinem Horizont auf. Sind es zunächst unheimliche Erscheinungen im Unterholz hinter dem Garten, gesellt sich kurz darauf ein ziemlich unschönes Mobbingvideo samt Gewaltandrohung seiner Problemschüler hinzu. Als es schließlich zum ersten Todesfall kommt, sucht sich Vogel in seiner Verzweiflung Rat bei einer Esoterikerin. Und tatsächlich: Etwas sehr Böses hat es auf ihn abgesehen …

 

Das Sujet »Diät« im Horrorgenre ist nur bedingt etwas Neues. Schon 1984 setzte sich Richard Bachmann, das böse Alter Ego eines gewissen Stephen King, in Thinner – Der Fluch damit auseinander. Hegt man zu Beginn von »172,3« den vagen Verdacht, dass Vincent Voss die gleichen Gewässer aufgesucht hat, so wird man schon sehr bald eines Besseren belehrt. Sicher, die Versatzstücke sind alte Vertraute und auch gerne gesehen. Doch Voss pickt sie sich nicht einfach nur heraus. Vielmehr poliert er sie, sodass sie letzten Endes frisch, unverbraucht und vor allem originell anmuten.

Dieses Attribut trifft auch auf seinen Schreibstil zu, der niemals gekünstelt wirkt sondern authentisch und wunderbar lebensnah; ergänzt durch jede Menge norddeutsches Lokalkolorit. Auch sein »Held« ist überaus glaubhaft geworden. Viktor Vogel wirkt wie aus dem Leben gegriffen und nicht wie ein Übermensch respektive wie ein am Reißbrett entstandenes Klischee. Gerade weil er Fehler hat und an sich zweifelt, wächst er einem zusammen mit seiner Familie rasch ans Herz. Aus diesem Grund funktionieren die Spannungs- und Schreckpassagen auch so gut. Man leidet mit. Mit dem richtigen Gespür werden sie von Voss eingesetzt; mal steigern sie sich langsam, mal springen sie den geneigten Leser förmlich an, wirken aber niemals zwecklos oder übertrieben oder fehl am Platz.

Und selbst wenn der Autor seine Vorbilder – Stichwort Sam Raimi – ein bisschen über Gebühr zitiert, so findet er dennoch stets im richtigen Moment die Kurve. Falls überhaupt, so ist dieser Punkt das einzige »Makelchen« in einem überdurchschnittlichen, spannenden und kurzweiligen Werk von einem Autor, den es gilt, im Auge zu behalten!

 

Fazit:

Vincent Voss macht mit seinem Romaneinstand »172,3« nicht nur fast alles richtig, sondern übertrifft die Erwartungen sogar. Die unheimlich-spannende Odyssee seines Protagonisten samt konsequentem Finale ist ein toller Pageturner, der sich keinesfalls vor der internationalen Konkurrenz verstecken muss. Mehr davon!

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Buch:

172,3

Autor: Vincent Voss

Taschenbuch, 213 Seiten

Luzifer-Verlag, 8. Mai 2012

Titelbild: Timo Kümmel

Innenillustrationen: Jessica May Dean

 

ISBN-10: 394340806X

ISBN-13: 978-3943408065

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B0081TIFQ8

 

Erhältlich bei: Amazon Kindle-Edition

 

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Erstellt: 20.01.2013, zuletzt aktualisiert: 15.08.2017 20:48