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Harte Zeiten von Karl August Tavaststjerna

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Finnland im Jahr 1867: Ein eisiger, nicht enden wollender Winter zieht sich bis in den Juni. Erst am Mittsommertag zeigt sich die Frühlingssonne, die Felder liegen brach, an Ernte ist nicht zu denken. Hunger, Krankheit und Tod sind die Folge. Diese»harten Zeiten« bilden die Kulisse, vor der Karl August Tavaststjerna ein Bild der erschreckenden sozialen Gegensätze und des gesellschaftlichen Umbruchs in seinem Land zeichnete. Während sich die Oberschicht auf den Gutshöfen dem Luxus hingibt, kämpfen die Armen ums Überleben. Eines der bedeutendsten Werke des skandinavischen Realismus.

 

Rezension:

Der Winter im Finnland des Jahres 1867 will einfach nicht enden. Es zeichnet sich ein kurzer Sommer ab, der wohl kaum Zeit genug für das Gedeihen der Saat und für die Ernte reifer Früchte mit sich bringen wird. Wenn der Boden nicht mehr genug hergibt, um alle hungrigen Mäuler zu stopfen, ziehen die Menschen dorthin, wo es Arbeit, Lohn und damit etwas zu essen gibt. Auch Kalle Pihl macht sich auf dem Weg, Er verlässt Frau und Kinder, nimmt das Pferd und den Wagen auf der Suche nach bezahlten Fuhren. Er findet auch Anstellung beim reichen Hauptmann Thoreld, der eine günstige Gelegenheit wittert, nicht nur eine leere Kätnerstelle zu besetzen, sondern obendrein seine Konkubine loszuwerden, da er auf dem benachbarten Hof um die Gutsbesitzertochter werben will. Ehe es sich Kalle versieht hat er über seinen Familienstand gelogen und beginnt mit Bauernschläue, sein Problem zu lösen …

 

Der finnische Autor Karl August Tavaststjerna wurde nur 38 Jahre alt und dennoch gilt er mit seinem Werk heute als bedeutendster Vertreter des bürgerlichen Realismus. Sein Roman über die große Hungerkatastrophe 1867/68 dokumentiert nicht nur die schrecklichen Auswirkungen des langen Winters und dem folgenden frühen Frost. Tavaststjerna liefert auch eine breite Beschreibung der finnischen Gesellschaft.

Im Mittelpunkt steht zunächst der Bauer Kalle Pihl. Der Hunger treibt ihn von zu Hause fort, das bisschen schlechte Gewissen, das er empfindet, als er Frau und Kinder in Armut und Elend zurücklässt, redet er sich selbst aus. Von Anfang an ist dem Leser klar, dass er ein Lump ist, dessen Handeln zwar durch die Not gefördert, aber nicht zu entschulden ist.

Auf der anderen Seite steht Hauptmann Thoreld. Ein adliger Lebemann und Spieler, dessen Leben sich wandelt als seine Mutter stirbt und er sich der Pflicht hingibt, einen Hof zu führen.

Ihn stellt Tavaststjerna wesentlich besser dar. Sämtliche Fehltritte werden ihm mühelos verziehen und immer wieder werden seine guten Taten in den Vordergrund gestellt, gerade auch im Kontrast zu ihrer mangelnden Sichtbarkeit. Thoreld ist der alte Zausel, der wenig Worte um die Hilfe macht, die er zu geben bereit ist.

Das Spannungsverhältnis von Arm und Reich ist bei Tavaststjerna immer auch eine Frage der Gesinnung, des inneren Adels. Während Kalle Pihl durch seine Verderbtheit geradewegs in den Untergang steuert und für seine Taten hart bestraft wird, geht Thorald fast als Heiliger daraus hervor und bekommt auch noch das Mädchen.

Ein weiteres Opfer der Umstände ist Kalle Lehtimaa. Ebenfalls vor dem Hunger geflohen, wird er von Kalle Pihl für dessen Pläne um die Kätnerstelle ausgenutzt. Sein verschrobener Geist wähnt sich nun bald um Hof und Frau betrogen und reißt sich mit seiner wahnsinnigen Jagd nach Gerechtigkeit selbst in den Untergang. Dennoch stößt er auf jede Menge Mitleid und erregt sogar die Aufmerksamkeit der einfältigen Gutsbesitzertochter Louise von Blume. An dieser Stelle hätte sogar ein glücklicherer Weg im Leben beider begangen werden können, aber gesellschaftlich war das keine mögliche Alternative. Und so bleibt ihr dann nur noch der alte Hauptmann.

 

Nicht weniger tragisch ist das Schicksal der Meiereigehilfin Anna Mellilä. Wir lernen sie als vorlaut und oberflächlich kennen. Dabei wird schon bald klar, dass sie dem Hauptmann auch im Bett dienen musste und er sich ihr Schweigen mit der Kätnerstelle und einem passenden Mann erkauft. So wird sie zum Spielball männlicher Interessen und muss sich deren Willen beugen. Ja selbst im ihr Tod hat nichts mit ihr selbst zu tun, sondern ausschließlich mit den Problemen von Männern.

 

Noch bemitleidenswerter ist die Frau von Kalle Pihl. Im Elend sitzen gelassen wird sie von ihrem Mann verleugnet und vom Hof gejagt. Stolz verweigert sie die Almosen, sie will ihr Leben zurück. Tavaststjerna gönnt ihr keinen Frieden. Zwar bekommt sie auf dem Hof von Hauptmann Thoreld eine Anstellung, wird dann aber schnell als undankbarer und verbissener Störenfried dargestellt.

 

Die Figuren weisen also eine klare Standeszuordnung auf und es fällt schwer, zu glauben, Tavaststjerna hätte damit Probleme.

Allerdings gibt es noch eine weitere Ebene in »Harte Zeiten«.

Immer wieder schweift der Blick des Romans über das Land. Dann wird in lyrischen Bildern beschrieben, wie der lange Winter das Land zermürbt und später die Frostnacht alle Hoffnung auf eine noch halbwegs brauchbare Ernte zerstört. Diese Passagen sind so eindringlich und wunderschön, trotz ihrer innewohnenden Härte, dass man sich mühelos Tavaststjerna als Dichter vorstellen kann.

Und dann kommt auch immer eine breite gesellschaftliche Kritik daher. Gegen das verlogene Nichtreagieren der Verwaltung, die anstelle Nahrungsmittel zu kaufen, ein Gebet sprechen lässt.

Es gibt Kritik an der Eisenbahn, deren Besitzer das Leid der Bevölkerung mit Lohndumping ausnutzen.

Gegen die Spekulanten, denen ihr schnöder Mammon wichtiger ist, als das Leben ihrer Landsleute. Aber selbst diese kommen schlecht weg, wenn sich die Sonne, die »Königin des Morgens« wundert, dass all die Hungernden von ein paar Landjägern im Zaum gehalten werden können.

 

Wegen seines Kontrastes interessant ist deshalb auch das große Fest beim Hauptmann, auf dem mitten in der Hungerzeit geprasst und getanzt wird, als ob es draußen keine frierenden und sterbenden Menschen gäbe. Und doch sind sie da draußen. Kommen näher und erfreuen sich an der Musik. Mit knurrendem Magen und zitternd. Aber ohne ein böses Wort gegenüber der Herrschaft.

 

Zum Schluss erleben wir dann noch eine bitterböse Gerichtsverhandlung, in deren Verlauf das Verhältnis zu Schweden zur Sprache kommt. Der Richter liest die Anklage gegen Lehtimaa auf Schwedisch vor und niemand im Saal versteht ein Wort davon, doch alle verhalten sich so, als sei das Gegenteil der Fall. Und was veranlasst den Mörder die Tat doch noch zu gestehen, obwohl er schon fast frei gesprochen war? Die Angst vor dem Meineid und den Folgen im Jenseits.

So steht am Ende der verrückte Mörder als einzige rechtschaffene Figur im Saal.

 

Während Selma Lagerlöf in Gösta Berling eine Geschichte erzählt, in der aus Unbill auch Gutes erwächst und die Liebe an zentraler Stelle steht, bleiben hehre Gefühle bei Tavaststjerna weitestgehend auf der Strecke. Es regieren die niederen Triebe. Der Mensch steht am Rande zu Kreatur. Fast besiegt von einer launigen Natur und seiner eigenen Unmenschlichkeit.

 

Das Nachwort von Übersetzer Klaus-Jürgen Liedtke widmet sich vor allem der Einordnung Tavaststjernas in das finnische Selbstverständnis und bereichert das Buch um historische und biographische Fakten.

Ebenso informitiv ist die Zeittafel zu Leben und Werk des Autors.

 

Fazit:

»Harte Zeiten« beleuchtet eine große finnische Katastrophe, die ihrem Autor Karl August Tavaststjerna erlaubte über das Herz seines Landes zu schreiben. Wie der Hunger Wunden schlug. Nicht nur in ganze Landstriche sondern auch im Verständnis von dem, was man für das Land tun muss. Seine Figuren sind vielleicht nicht perfekt, aber der furchtbare Zauber einer frühen Frostnacht in Finnland ist ein literarischer Moment von bewegender Kraft.

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Eure Meinung:

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Buch:

Harte Zeiten

Original: Harda tider, 1891

Autor: Karl August Tavaststjerna

Übersetzer und Nachwort: Klaus-Jürgen Liedtke

Taschenbuch, 271 Seiten

Deutscher Taschenbuch Verlag, 1. Oktober 2014

Cover: Fritz Thaulow

 

ISBN-10: 3423143509

ISBN-13: 978-3423143509

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B00K0MHL00

 

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Erstellt: 05.10.2014, zuletzt aktualisiert: 13.12.2019 11:11