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Buch aus Stein von Matthias Falke

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Die Entzifferung einer Bibliothek aus Stein und ein Sightseeing-Trip mit einer griechischen Göttin, die Konfrontation mit einem Wesen, das alles zu sein vermag, und ein Weltraumkrieg jenseits der Zeit. Das Epos des seltsamen Steppenvolkes der Lun'Ar und schließlich die Geschichte des anderen Adam, des letzten statt des ersten Menschen. Sechs Erzählungen, sechs Welten, sechs faszinierende Expeditionen in Räume jenseits des Alltäglichen.

 

Rezension:

Neben der Arbeit an weiteren Bänden seiner Enthymesis-Saga verfügt Matthias Falke offenbar noch über genügend Zeit, sich weiterhin der Kurzform zu widmen. Dass er damit bestens vertraut ist, konnte er schon oft beweisen; der DSFP für Boa Esperanca zeugt davon.

Der Band mit Erzählungen ist bei Amrûn erschienen, womit Falke das kleine Kunststück gelingt, in einem Jahr gleich in vier verschiedenen Verlagen Science-Fiction zu veröffentlichen.

 

Den Auftakt bildet eine im wahrsten Sinne des Wortes heiße Erzählung. In Athena sitzt ein Philosophie-Student in der mörderischen Hitze eines Jahrhundertsommers über Platons Politeia als ihm folgerichtig die Göttin der Weisheit erscheint. Athene heizt die Situation nicht nur weiter an, sie verhilft dem Studenten auch zu einigen neuen Ansichten, nicht nur die Philosophie betreffend.

Falke zeigt gleich zu Beginn, dass es in Buch aus Stein ambitioniert zu geht. Kurze Ausflüge in die Philosophie erweisen sich als mindest genauso handlungsrelevant, wie die sich entwickelnde Beziehung zwischen Mensch und Göttin.

Im prüfenden Blick der Griechin wirkt unsere Zivilisation wenig fortgeschritten, dennoch findet sie an einigen Dingen Gefallen, in erster Linie aber an Geist und Kunst. Und natürlich ist auch die Liebe stets präsent. Das besondere an der mit hohem Tempo erzählten Geschichte ist jedoch, die leichtfüßige Verknüpfung unserer Gegenwart mit den hellenistischen Reizen. Wer sich in seiner Jugend mit den Helden- und Göttersagen beschäftigte, in die Welt der Philosophen, Redner und Stückeschreiber versank, wird das verstehen. Wen hätte man damals lieber getroffen, Aphrodite oder Athene?

 

Es dauert vielleicht einige Szenen bis man erkennt, auf welcher Grundlage Gamenon entstanden ist. Nach der Auftaktgeschichte sollten die Antike-Antennen noch ausgefahren sein und Falke verfremdet die Namen und Orte nur minimal: Wir sind in einem Trojanischen Krieg. Als Kulisse dient zwar der Weltraum, eine weit entfernte Galaxie vielleicht, aber die Geschichte stammt aus der Illias und Falke assimiliert sie äußerst raffiniert.

In den Mittelpunkt stellt er den Anführer der Daner, Gamenon, der Agamemnon der klassischen Sage.

Der Krieg ist Dank einer List gewonnen, der Feind fast ausgelöscht, die Beute verteilt. Der alte Krieger ist müde und ausgelaugt. Angesichts der langen Jahre und vieler Tote ist sein Geist dumpf, verschlossen gegen das Leid der Besiegten. Die Zerstörung des besiegten Planeten erscheint ihm wie der notwendige, letzte Akt.

Seine Beute ist die Königstochter Ssandara, die Seherin. Widerspenstig zunächst, vereint eine ihrer Visionen ihr Leben mit dem Gamenons. Tod und Liebe in einem gemeinsamen Blick in die Zukunft …

Was Falke hier in düsteren, wie auch tief melancholischen Bildern vor uns ausbreitet, ist keine banale Adaption von Homers Heldengedicht. Vielmehr entwickelt er durch Rückblenden, Gespräche und Grübeleien eine ungemein dichte Welt, deren Hintergrund weit über das Notwendige hinausgeht, wenn er nur Troja hätte abhandeln wollen.

Ihm gelingt es, die uralte Zivilisation mit all ihren Regeln und Wertvorstellungen fühlbar zu machen. Er dringt sehr tief in seine Hauptfigur ein. Sein Gamenon ist kein klassischer Held, kein heroischer Anführer mit Charisma. Seine Härte ist Bestandteil seines Wesens und wird trotz aller Nachdenklichkeit nicht aufgeweicht. Bis zum bitteren Ende lässt Falke ihn als Summe seines Lebens agieren. Großartig von der ersten bis zur letzten Zeile.

 

Eine thematische Anknüpfung kommt einem sofort in den Sinn, wenn man Die Lun’Ar zu lesen beginnt. Die Lun’Ar sind ein Steppenvolk. Ein einfacher Stamm auf einer Welt, deren Sonne monatelang ununterbrochen scheint. Geht sie unter, gehen die Lun’Ar schlafen. Während des langen Winterschlafes beherrscht SchTár den Himmel, wer sie sieht wird Unheil heraufbeschwören.

Häuptling Ar’Ak blickt auf sein Leben zurück und erzählt von seiner Initiation und von der beschwerlichen und opfervollen Reise, seine Braut zu freien. Er berichtet davon, wie er SchTár verfällt und sich aufmacht, Antworten auf seine Fragen zu erhalten, wie etwa die, warum die Sommer weniger zu gleißen scheint und das Gras der Steppe in den Geschichten der Alten so viel höher wuchs …

Auch diese Geschichte steckt voller Trauer und Melancholie. Falke erzählt von einer sterbenden Welt. Dabei legt er großen Wert auf eine glaubhafte Darstellung der Kultur seines Steppenvolkes. Das äußert sich in exotischen Namen und vor allem in sehr fremd erscheinenden Riten. Aberglaube und Wissensdrang, aber auch das Aufbegehren gegen die Tradition, stehen seinem Häuptling Ar’Ak im Weg. Die düstere Stimmung treibt weit über das Ende der Erzählung hinaus.

 

Die Hoffnungslosigkeit durchzieht auch Proteus. Der Bericht des namenlosen Ich-Erzählers beginnt mit der noch diffusen Andeutung einer Tragödie: Der Fischer, der das Boot zur Isla Isabela hinüberlenkt, warnt vor »El Diablo«.

Nur ein Jahr soll der Erzähler im Forschungsinstitut das Büro leiten, den Papierkram erledigen. Die Institutsmitarbeiter können wenig mit ihm anfangen, wie auch er sie ignoriert. Nur die Frau des Leiters bemuttert ihn und dann gibt es da noch Consuela. Das Mädchen liebt eine sehr spezielle Variante der Klassik. Bald kommt es zur Annäherung, eher aus Mangel an Alternativen, denn aus Liebe.

Doch dann erhält das Institut ein Paket. Als Lebendware deklariert gerät, dieser Schlüssel für die Forschungsarbeit alsbald zum schleichenden Fraß der Verwesung für den Alltag auf der Insel …

Auch die Hauptfigur von »Proteus« gibt sich keine Mühe, irgendwie sympathisch zu erscheinen. Ein penibler Sekretär, der sich so viel auf seine Bürotätigkeiten einbildet, dass er auf andere herabblickt. Und doch beginnt Consuela etwas in ihm zu verändern. Die Ereignisse bedrohen nicht nur sein Selbstbild, sie zwingen ihn auch dazu, sich mit ethischen Fragen auseinander zu setzen, die ihm eigentlich egal sind.

Falke spielt hier mit einem klassischen Horror-Szenario, ohne je in Gefahr zu geraten, ausgetretene Pfade zu beschreiten. Die blasierte Erzählweise charakterisiert seine Figur auf wunderbare Weise und stellt die stilistische Vielseitigkeit des Autors ein weiteres Mal unter Beweis.

 

Weltenende beginnt zunächst recht amüsant. Wieder ein Student und wieder ein grüblerischer Ich-Erzähler voller Wortneuschöpfungen. Als er erwacht, ist die Welt leer. Keine Menschen, keine Leichen, alle fort. Was macht man als letzter Mensch in seiner Heimatstadt? Bruckner hören! Endlich einmal eine ganze Symphonie ohne Störungen und in voller Lautstärke genießen. Und hinterher ein bisschen was zerstören. Etwas Abfackeln, in die Luft sprengen und was trinken. Bis man auf sie stößt: Auch Überlebende, übervorsichtig, mit einer Knarre in der Hand und sexy …

Man weiß es eigentlich von Anfang an, Falke schreibt keine Happy Ends. Die Frage ist nur, auf welche Weise werden sie scheitern.

Diese kleine Postapokalypse ist tieftraurig. Nicht, weil man mit dem Erzähler großartig mitfühlt, vielmehr gerade, weil er selbst so wenig zu fühlen scheint.

Der fast unerträgliche lakonische Erzählstil verdichtet die teilweise romantische letzte Beziehung zwischen einer Frau und einem Mann zu einem Symbol für die Unausweichlichkeit menschlichen Scheiterns. Manchmal überleben die Falschen. Und garantiert ist es eine Figur von Falke.

 

Den Abschluss bildet Die steinerne Bibliothek. Wieder so eine seltsame Geschichte, die mit einem Kennenlernen beginnt und sich dann rasend in eine ganz andere und dunklere Angelegenheit transformatiert. Von der analphabetischen Freundin in Deutschland geht es zum chinesischen Felsenkloster von Loulan. Die Expedition soll endlich das große Geheimnis des letzten Mönches erfahren und stößt auf die titelgebende Bibliothek …

Der Fortschritt der archäologischen Aufbereitung vermischt sich zunehmend mit dem Gefühl, ja dem Wissen, dass uns der Autor noch ein dickes Ende spendiert. Vielleicht kommt es angesichts der anderen Geschichten etwas harmloser daher, aber Matthias Falke erlaubt sich in der letzten Story des Bandes keinen qualitativen Ausrutscher.

 

Fazit:

»Buch aus Stein« bietet sechs hochklassige Geschichten zwischen Horror und Space-Opera, stets voller Düsternis und Figuren, deren Innerstes auszuleuchten Matthias Falke auf großartige Art und Weise gelingt. Er spielt mit Stil und Dramaturgie und findet für jede Geschichten einen eigenen Charakter, eine eigene Geschmacksnote, aber stets auf der finsteren, auf der allerletzten, verbrannten Seite des Weltenbuchs.

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Buch:

Buch aus Stein

Erzählungen

Autor: Matthias Falke

Tsachenbuch, 296 Seiten

Amrûn Verlag, 14. Juli 2014

Cover: Timo Kümmel

Inhalt:

 

  • Athena
  • Gamenon
  • Die Lun’Ar
  • Proteus
  • Weltenende
  • Die steinerne Bibliothek

 

 

ISBN-10: 394472951X

ISBN-13: 978-3944729510

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B00L1PWPVK

 

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Erstellt: 30.08.2014, zuletzt aktualisiert: 12.10.2016 20:01