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Kolumne: Ein Buch mit Siegel!

Autor: Holger M. Pohl

 

oder

 

Wer überwacht den Wächter?

 

Eine Reihe von Indies hat sich zusammengetan und etwas gegründet, das sich Qindie - Das Autorenkorrektiv nennt. So weit, so schön. Liest man sich so durch, was Qindie bezweckt, dann liest sich das auf den ersten Blick und ohne über den Tellerrand hinauszuschauen sehr schön: man möchte Indie-Publikationen mit einem Siegel versehen, das Aufschluss über die Qualität geben soll, denn (Zitat): „Wir möchten eine Plattform bieten, auf der sich Autorinnen und Autoren präsentieren, deren Bücher einen zweiten Blick wert sind. Hier kommen nur handverlesene, gute Bücher ins System. Dafür sorgt das Autorenkorrektiv – was hier landet, würden wir auch selbst lesen!“

 

Aha! Eine Art BÜV also - ein Bücherüberwachungsverein. Wobei (Zitat): „Wir sind eine Zweckgemeinschaft, kein Verein und kein Verlag.“ Qindie ist also kein Verein. Nächstes Aha! Andererseits (Zitat): „Die Qindie-Mitglieder begutachten deine Texte und treffen die Entscheidung in einer basisdemokratischen Abstimmung.

Wenn dein Aufnahmeantrag eine Mehrheit erhält, bekommst du deine Zugangsdaten und alle weiterführenden Informationen.“

Und noch ein Aha! Was denn nun: man ist kein Verein, trotzdem muss man sich bewerben und kann dann Mitglied werden? Ich nenne das Verein (denn Verein ist durchaus eng verknüpft mit Vereinigung!).

 

Also ist es ein BÜV und ähnlich dem TÜV sollen handverlesene Indie-Bücher mit einer Plakette versehen werden, die Aufschluss über die Qualität liefern. Noch nicht geklärt ist, soweit ich es mitbekommen habe, ob es dafür auch HUs geben soll und die sich in der Plakette niederschlagen - so in der Art „Ihr Buch ist zur nächsten HU fällig in 5/15”. Möglich auch, dass es verschiedene Qindies gibt: Qindie-Süd, Qindie-Nord etc. Steht alles noch in den Sternen.

 

Wie man sicher aus diesen Zeilen erkennen kann, stehe ich diesem Bücher-ÜV sehr skeptisch gegenüber. Und das in keinem Fall, weil ich etwas gegen Indies hätte. Mitnichten! Ich habe allenfalls etwas gegen Menschen, die sich für Autoren halten und ihr Werk auf Teufel komm raus an die lesende Öffentlichkeit bringen. Völlig ungeachtet jeder handwerklichen und inhaltlichen Mängel. Weil veröffentlichen kann ja heute jeder. Amazon und Co. sei (Un-)Dank!

 

Nein, meine Skepsis rührt von etwas anderem her. Wer sich nämlich so in der Welt umschaut - vorausgesetzt, man interessiert sich für die Welt und hält Tellerränder nicht für naturgesetzmäßig gesetzte Grenzen -, der wird die Erfahrung machen, dass es in den seltensten Fällen gut gegangen ist, wenn eine Gruppe sich selbst überwacht. Die erste Frage, die sich mir nämlich stellte, war die: Wer überwacht den Wächter?

Ich würde diesem Siegel in etwa so viel Vertrauen schenken, wie ich einem Siegel Vertrauen schenken würde, das Politiker sich für gerechte Steuergesetze oder Profi-Radsportler für garantierte Doping-Freiheit vergeben würden. Also eigentlich nicht sehr viel.

 

Das ist in meinen Augen nämlich die Krux an der Geschichte: Indies verleihen anderen Indies (oder auch sich selbst) ein Qualitätssiegel. Sehr unabhängig - und Indie kommt ja von Independent = Unabhängig - erscheint mir das nicht. Wobei - aber das ist schon wieder die berühmte andere Geschichte - wie unabhängig ist jemand, dessen Veröffentlichungsmöglichkeiten vom guten Willen einer Plattform wie Amazon abhängen? Die einen begeben sich in die Abhängigkeit von Verlagen, die anderen in die Abhängigkeit von Plattformen, die ihnen die Möglichkeit geben, selbst zu veröffentlichen. Aber wie gesagt, andere Geschichte …

 

Folgt man nun den an und für sich hehren Absichten von Qindie weiter, dann stellt man fest: das Siegel soll für Lesbarkeit und handwerkliche Ausführung vergeben werden. Erneutes Aha! Was bedeutet Lesbarkeit in diesem Zusammenhang? Und was handwerkliche Ausführung?

Ob man „Lesbarkeit” qualitativ beurteilen kann und dann dazu noch objektiv, das weiß ich nicht, hege aber meine gewissen Zweifel daran. Für mich - und ich weiß, dass ich innerhalb der phantastischen Szene damit zu einer Minderheit gehöre - sind Bücher von Iain Banks unlesbar. Womit ich Iain Banks aber nicht zu nahe treten will. Denn es ist meine persönliche, völlig subjektive Einschätzung. Andere haben da ihre eigene subjektive Einschätzung.

Und handwerklich? Falls damit der Stil gemeint sein sollte, in dem jemand schreibt, dann gilt auch hier: der kann mir gefallen oder auch nicht. Sehr subjektive Sache!

Falls mit handwerklich jedoch der Umgang mit Rechtschreibung und Grammatik gemeint sein sollte, dann gestehe ich zu, dass dies sehr wohl objektiv zu bewerten ist. Schließlich gibt es da einschlägige Vorgaben. Wie etwa die des Duden. Ist also das Qindie-Siegel doch eine Art TÜV-Plakette, vergeben für korrekte Rechtschreibung und Grammatik? Verfallsdatum wäre dann spätestens die nächste Rechtschreibereform.

 

Und was nun, wenn ich als Indie - der ich aber nicht bin - mich entscheiden würde, mein Buch nicht diesem BÜV zu unterziehen? Wird es dann stillgelegt und aus dem Leseverkehr genommen? Drohen mir etwa Schreibverbot oder schlimmeres?

Und wenn ich das Siegel hätte, mich dann aber doch dafür entscheide es nicht zu nutzen? Auch wenn es heißt (Zitat): „Wer sich diesem Test erfolgreich unterzieht, erhält danach als Qindie-AutorIn das Recht und die Pflicht, mit dem Qindie-Qualitätssiegel seine/ihre Bücher zu bewerben.“ muss ich diese Pflicht auf mich nehmen? Was ist mit meiner Unabhängigkeit?

Und was - auch diese Stimmen von Indie-Seite gibt es - fällt diesen Qindie-Leuten überhaupt ein, über ihr eigenes Volk richten zu wollen?

Was befähigt diese Leute überhaupt, ein kompetentes Urteil abgeben zu können?

Und handverlesen … hört sich das nicht irgendwie sehr nach abgeschotteter Elite an?

Und gut … was ist ein gutes Buch? Ist ein Buch, das mir gefällt, aber das Siegel nicht hat, dann nicht gut?

Sind die Qindie-Macher eigentlich selbst qindieziert?

Bekomme ich meine Qindifikation auch als Urkunde?

 

Fragen über Fragen, die nicht nur mich beschäftigen! Doch wie gesagt: Tellerränder sind manchmal höher als der Mount Everest.

 

Letztlich - und das sollte auch ehrlich zugegeben werden - ist dieses Qindie-Siegel nichts anderes als der Versuch einen Kaufanreiz zu schaffen: “Seht her, dieses Buch hat das Q-Siegel! Ihr könnt es kaufen!” Es soll für den unbedarften Leser ein Signal sein, dass das vorliegende Werk auf Qualität geprüft wurde. Auf welche Art von Qualität erschließt sich auf den ersten Blick nicht daraus. Dazu müsste der Leser sich dann erst einmal tiefer damit beschäftigten, nach welchen Kriterien dieses Siegel vergeben wurde. Wird er aber nicht tun. Es wird sich im Kopf festsetzen: Q-Siegel steht für Qualität. Er wird nicht hinterfragen, für welche Art von Qualität es stehen soll. Wird er dann enttäuscht … einmal … zweimal … mehrmals … dann wird er in Zukunft dieses Siegel links liegen lassen. Es vielleicht sogar als Anti-Empfehlung betrachten: „Das ist von Indies für Indies. Vetternwirtschaft! Finger weg!“

 

Doch selbst wenn das nicht der Fall sein sollte, was ich mir durchaus vorstellen kann, und der unbedarfte Leser es so nimmt, wie es gedacht ist, kommen wir spätestens hier wieder an den Punkt der Unabhängigkeit: nehmen wir einmal an, dieses Qindie-Siegel würde tatsächlich zu etwas führen, das den Verkauf steigert, und Indie-Bücher mit Qindie-Siegel würden besser verkauft werden. Muss man dann nicht als Indie zwangsläufig sein Buch diesem BÜV vorlegen, damit man dieses Werbeargument nutzen kann? Ob man will oder nicht?

 

Man kann es drehen und wenden wie man will: Indies sind längst nicht so unabhängig, wie sie glauben. Aber sie glauben es gerne. Mit Qindie begeben sie sich nur in eine weitere Abhängigkeit. Ein Indie, der veröffentlichen will, der wird veröffentlichen. Spätestens, wenn er feststellen sollte, dass ein Qindie-Siegel die Verkaufserfolge steigert, wird er ein solches Siegel haben wollen. Adieu schöne Unabhängigkeit! Indies werden von Qindie abhängig! Doch vielleicht ist gerade das das Ziel?

 

Vielleicht sollten wir mal überlegen, ob wir nicht ein FG-Siegel ins Leben rufen: Das FG-Siegel für die beste uns bekannte Website zum Beispiel. Erster Siegel-Träger wären natürlich wir. Man gönnt sich ja sonst nicht …

 

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HMP
Samstag, 19. Oktober 2013 17:35 Uhr
Wer erleben möchte, wie sich dieses Autorenkorrektiv selbst erledigt, der kann die "Diskussion" und Anbiederei zum Thema "Buchpiraten" auf deren Seite und bei Dacebook gerne mal verfolgen:

Qindie:
http://[..] Spaß!


HMP
Samstag, 07. September 2013 08:07 Uhr
@ Doro:

Wenn ich das lese
(Zitat aus FAQ)
"Wir unterscheiden jetzt bei unseren Autoren nach Bronze-, Silber- und Goldstatus."

dann weiß ich, was die Stunde geschlagen hat. Dann ist vorbei mit der Schönrednerei.

Ich nenne das "Autorenklassengesellschft". Es geht damit doch um eine Aburteilung. Und wer es nicht mal bis zum Bronze-Status schafft ist was? Paria? No-Name-Autor?

Schlimm ist es nicht, aber irgendwie herzlich belanglos ...

doro
Mittwoch, 04. September 2013 16:02 Uhr
hallo,
die kritische sicht ist verständlich und naheliegend, vor allem unter dem aspekt der (schein)unabhängigkeit.
denn[..] war für mich anreiz, als autorin ein buch außerhalb von verlagen herauszubringen. es geht qindie ja nicht um eine aburteilung in gut und unlesbar, sondern darüber hinaus geben erfahrene autoren/innen tipps - auch zur covergestaltung. und wenn es nicht im 1.anlauf mit dem gefragten Q klappt, überarbeitet man das manuskript, lässt es z.b. lektorieren (was man natürlich grundsätzlich machen sollte), sorgt für ein prfessionelleres cover o.ä , was durchaus von vorteil sein kann.
insofern hat qindie auch den anspruch, autoren in ihrer entwicklung weiterzuhelfen.
ist also alles nicht so schlimm...

HMP
Samstag, 25. Mai 2013 16:15 Uhr
Vielen Dank für Euer Feedback!

Jan-Tobias
Samstag, 25. Mai 2013 12:13 Uhr
Sehr schöne Analyse, die auch meine Meinung voll trifft. Ich habe zwei Romane bei Verlagen veröffentlicht und im Herbst bringe ich eine Kurzgeschichtensammlung im Self-Publishing raus (einfach mal als Testballon). Werde ich es Quindie vorlegen? Ganz bestimmt nicht! Warum: Weil ich es eben als SELF-Publisher machen möchte und nicht vorher zum BÜV möchte.

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Erstellt: 19.05.2013, zuletzt aktualisiert: 01.10.2017 15:44