Zurück zur Startseite


  Platzhalter

Träume digitaler Schläfer von Anja Kümmel

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Sieben Jahre nach Ende des dritten Weltkriegs. Wirtschaftskonzerne regieren den ehemaligen Nordblock. Geschlechterunterschiede gibt es nicht mehr. Zumindest an der Oberfläche. Ashur und Elf leben im Untergrund. In virtuellen Räumen, in U-Bahn-Schächten, in der Kanalisation. Obwohl sie einander nicht kennen, haben sie etwas gemeinsam: Sie träumen. Von vergangenen Zeiten, von sich, von einander, in veränderter Gestalt. Ashur wird Adina wird Ana Luz. Elf wird Emrys wird Evita. Und nichts ist mehr, wie es schien.

 

Rezension:

Während man andernorts noch rätselt, wie man deutsche Science Fiktion beleben könne, schreiben andere einfach SF-Bücher.

Etwa Anja Kümmel. Ihr Roman Träume digitaler Schläfer lässt sich aber nicht bequem in eine Schublade stecken, vielmehr bietet er Genreübertretungen, die im besten Sinne phantastisch sind.

 

Zunächst führt uns der Roman in eine nicht allzu ferne Zukunft. Auffälligste Entwicklung ist das Verschwinden der Geschlechter. Wir begleiten zwei Es zu einer riesigen Einkaufslandschaft, tauchen dabei in die fremdartige Welt ein und mühen uns, einen Faden zu finden. Pais und Ashur leben irgendwie im Untergrund, unterdrücken ihre Pheromone und haben Angst vor Greifern. Es gibt eine virtuelle Realität, die ihnen wichtig ist, Türen in die Reste eines alten Netzwerkes, das einem hundertjährigen Krieg zu Opfer fiel. Konzerne führen seitdem die Reste der Zivilisation in den mehr oder weniger gut erhaltenen Ruinen der alten Welt. So ganz deutlich wird dieses Gesellschaftssystem nicht, es lebt vielmehr von dem, was sich der Leser aus ähnlichen Dystopien dazudenkt.

Plötzlich ändert sich die Schriftart im Buch – es beginnen die titelgebenden Träume und wir landen in Kastilien irgendwann zu Beginn der Renaissance. Die beiden Töchter eines mäßig einflussreichen Adligen leben von der Außenwelt abgeschlossen auf ihren Zimmern im Schloss mehr oder weniger ruhig vor sich hin, bis ein italienischer Maler Unordnung in ihr Leben bringt. Weil seine Bilder zu modern sind, stellt man ihn als Lehrer der Mädchen ein und schnell gelangen neue und aufregende Ideen in das Denken der älteren Schwester, Ana Luz. Sie beginnt zu zweifeln, Fragen zu stellen und Dinge zu beobachten. Schreckliche Dinge. Irgendwer holt nachts die jüngere Schwester Evita, betäubt durch eine Droge und bringt sie zunehmend kränker wieder zurück.

In einer düsteren Atmosphäre der Inquisition, Hexenverfolgung und Unterdrückung entwickelt sich eine Handlungsebene, die sich mit der Gewalt gegenüber Frauen beschäftigt und das Geflecht aufzeigt, in dem sich freie Geister verfingen.

Es ist ein Traum, in den Ashur immer wieder verfällt. Aber es ist nicht der einzige Träumer. Es gibt noch Elf, das zu einer Hacker-WG gehört, ebenfalls irgendwo im Untergrund, und an einem altruistischen Projekt arbeitet. Sein Traum aber führt nach Paris und beginnt kurz vor der deutschen Besatzung 1941. Die junge Amerikanerin Emrys will in Paris der Vergangenheit nachspüren, dem Wirken von Colette, Djuna Barnes, Gertrude Stein, Natalie Cillford Barney – all jenen Frauen, die ihren eigenen Weg gehen wollten, fern einer fremdbestimmten Realität. Frei für die Kunst und für die Liebe. Für eine kurze Zeit gelingt Emrys der Einstieg in eine verklingende Welt, sie verliebt sich in die deutsche Jüdin Adina (die Ähnlichkeiten zu Gisèle Freund aufweist) und ist glücklich, bis die Deutschen kommen. Das Überleben wird zu einer Jagd nach Liebe und einem Bekenntnis.

 

Zwei Traumebenen und eine Zukunft, die sich immer weiter vernetzen. Die Autorin zwingt den Leser, die verschiedenen Epochen und Ereignisse in Bezug zueinander zu setzen. Die Basis bildet die starke emotionelle Bindung von Ashur und Elf, ihre Suche über die Jahrhunderte hinweg, zunächst unklar, später immer deutlicher wird es ein schmerzliches Sehnen nach dem Anderen. Wer den Klappentext nicht gelesen hat, wird vielleicht Schwierigkeiten haben, die Figuren zuzuordnen, zumal die Träumer sich selbst jeweils als das Stärkere wahrnehmen.

Diesen Unterschiede in den persönlichen Träumen steht in der postapokalyptischen Schicht jedoch die Gleichwertigkeit beider Figuren gegenüber. Es geht also nicht um Emanzipation, sondern um die Umschlingung zweier verwandter Seelen.

 

Aber nicht nur unterschiedliche Schriftarten verwendet die Autorin, auch stilistisch besitzen alle drei Handlungsebenen ihren ganz eigenen Ton.

Kastilien ist deutlich feministisch geprägt. Hier spürt man den intensiven Wunsch, die Grenzen weiblichen Lebens darzustellen, mit Kirche, Inquisition und strenger Aufsicht und massiver Gewalt, die leider zum Schluss übertrieben wird, sodass die Konstruktion an Glaubwürdigkeit verliert. Ganz anders Paris. Hier gelingt der Autorin die eindringlichste und bunteste Ebene. Man könnte meinen, dass sich die Autorin mit eigenen kulturellen Wurzeln befasst, so leidenschaftlich sind Coming out und Bohème beschrieben. Emigranten- und Kriegsschicksale sind so einfühlsam dargestellt, dass diese Storyline das warme Herz des Romans bildet. Die zukünftige Welt beginnt erst nach und nach Konturen zu entwickeln. Die Autorin versucht am Anfang, mit Opulenz Fremdartigkeit zu erzeugen, Das Setting aus Trümmern und Cyberspace erinnert stark Newromancer und Matrix und erst spät im Roman entwickelt sich daraus mit der »Wiege des Lebens« etwas Neues. Dazu muss der Leser jedoch einige Längen überwinden, da lange Zeit unklar bleibt, warum es geht, was im Zentrum der Ereignisse steht. Geht es um den Kometen und das Torus-Programm? Oder im Allgemeinen um Frauen (XXs) in der Zukunft?

Zum Schluss hin gibt es eine seltsame Hast in der Erzählung. Dadurch lösen sich auch nicht alle Fäden. Es bleiben einige Fragen, deren Beantwortung man selbst übernehmen muss.

 

Interessant ist der Hinweis der Autorin im Nachwort, in dem Roman eine Reminiszenz zu Orlando von Virginia Woolfe zu sehen. Vielleicht bietet sich also auch eine Interpretation in Richtung symbolischer Frauenfigur an. Mehrere Aspekte, die sich verselbständigt haben und nach Synthese streben. Unter diesem Gesichtspunkt lässt sich auch die Frage beantworten, wer in welcher Zeitebene stirbt und was es bedeutet.

 

Fazit:

»Träume digitaler Schläfer« von Anja Kümmel ist ein vielschichtiger Roman, der intensiv den Rollen nachspürt, die Frauen ausfüllen. Ob in dunkler Vergangenheit oder in einer völlig neu gemischter Zukunft. Ist der Platz vorherbestimmt oder bereit, umgeformt zu werden? Kein SF-Roman in herkömmlichen Sinne, aber fesselnd und beeindruckend bis zum Schluss.

Zum Seitenanfang

Eure Bewertung der Besprechung:

Eure Meinung:

Keine Kommentare
Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*
*
*
Platzhalter

Buch:

Träume digitaler Schläfer

Autorin: Anja Kümmel

Taschenbuch: 407 Seiten

Verlag: thealit (Mai 2012)

Cover: Florian Hauer

 

ISBN-10: 393092420X

ISBN-13: 978-3930924202

 

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:

Biographie, Bibliographie, Rezensionen und mehr zu Anja Kümmel

 

Empfehlen:


Platzhalter
Platzhalter
Erstellt: 15.09.2012, zuletzt aktualisiert: 03.04.2017 10:14