Die Stadt & Die Stadt von China Miéville

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Zwei Städte - geeint und doch entzweit. Die Bewohner werden erzogen, einander nicht zu sehen. Das unerlaubte Betreten der jeweils andere Stadt zieht schwerste Strafen nach sich. Ein ganz alltägliches Szenario für Kommissar Borlú. Eines Tages wird in Borlús Stadt eine Frauenleiche gefunden. Der Mord stellt ihn vor ein Rätsel. Denn die Tote hätte niemals in seiner Stadt auftauchen dürfen. Offenbar hat der Mörder gegen die Regeln verstoßen: Er hat die Leiche von der einen Stadt in die andere geschafft, ohne Alarm auszulösen. Will Borlú den Fall lösen, bleibt ihm nur ein einziger Weg: Er muss allein in die verbotene Zwillingsstadt, um das Ungesehene sichtbar zu machen ...

 

Rezension:

Besźel und Ul Qoma sind zwei Stadtstaaten. Das besondere an ihnen ist, dass sie rein räumlich nur eine einzige Stadt sind. Jedoch gibt es eine strickte Trennung der Städte. Jede Straße, jedes Haus gehört nur zu einer. So kann es passieren, dass zwei benachbarte Gebäude in unterschiedlichen Staaten liegen, doch die Grenze existiert nur in den Köpfen der Bewohner. Von Kindheit an wird man dazu erzogen, die Anderen und deren Stadt nichtzusehen. Nichtsehen ist ein eigenes Wort. Störungen aus der anderen Stadt, etwa Polizeiautos, Unfälle, ja selbst Tote sind nur Protubs. Unterbrechungen der Realität, die man umgeht und ignoriert. Wer diese Grenze übertritt begeht Grenzbruch und wird von einer geheimnisvollen Instanz zur Rechenschaft gezogen - Ahndung.

Wann und wo leben diese seltsamen Menschen? Heute, irgendwo am schwarzen Meer. Eine Mischung aus Europa und Orient, die eine Stadt ruhiger, ärmer und rückständiger, die andere heiß brennend, pulsierend und am Rande der Rechtsstaatlichkeit.

 

China Miéville hat Erfahrungen mit Geschichten über seltsame Städte. Erneut stellt er seine Hauptfigur vor die Aufgabe, in seiner Stadt zu ermitteln und dabei an die Grenzen seiner Erfahrung und darüber hinaus zu gehen. Borlú ist Kommissar. Eher der Maigret-Typ, grüblerisch, mit messerscharfen Verstand. Bei den Ermittlungen in einem Mordfall wird deutlich, dass die Tote nicht nur aus der anderen Stadt kommt und wahrscheinlich auch dort ermordet wurde, sie hatte auch in einer urbanen Legende gewühlt. Orciny - die dritte, ungesehene Stadt. Irgendwem war die junge Frau ein Dorn im Auge. Borlú bemüht sich darum, dass Ahndung den Fall übernimmt, da offensichtlich ein Grenzbruch vorliegt und diese mächtige Instanz über Methoden verfügt, von denen der einfache Polizist aus Besźel nur träumen kann.

Doch jemand funkt dazwischen. Borlú soll weiter ermitteln, aber drüben, in der anderen Stadt, Ul Qoma. Und so begibt sich Borlú zur Kopula im Stadtzentrum, dem Ort an dem man legal die Städte wechseln kann. Ein- und Ausreise. Sehen und Nichtsehen wechseln. Bestimmte Farben ausblenden, auf andere Geräusche hören, andere Gesten beachten. Andere Sprache, Kultur - andere Bullen.

Doch der Fall reißt an ganz andere Grenzen, wird politischer und fast zu groß für ihn ...

 

Es gibt viele Bedeutungsebenen, die man dem Werk geben kann. Das liegt nicht nur an der ziemlich krassen Idee, sondern vor allem an der sehr einleuchtenden Kolorierung, mit der Miéville die Doppelstadt beschreibt und ihren skurrilen Regeln eine tiefe Folgerichtigkeit verpasst.

 

Wer den Kurzgeschichtenband von Miéville gelesen hat, Andere Himmel, kennt bereits das Faible des Autors für Geschichten, die sich an klassischer Phantastik anlehnen, an Franz Kafka, Gustav Meyrink oder an Bruno Schulz, den er auch explizit in seiner Danksagung erwähnt. Sein eigener künstlerischer Rahmen definiert sich damit in etwa als die vielbeschriebene New Weird, deren Einordnung in die Phantastik genügend Wissenschaftler beschäftigt.

Aber wesentlich ist hier nur die Tatsache, dass sich der Autor treu bleibt ohne auf der Stelle zu treten, oder sich gar zu wiederholen. Miéville nutzt die Krimihandlung sehr geschickt, um die Doppelstadt vorzustellen. Gerade die abseitigen politischen Strömungen und wie man mit ihnen umgeht, offenbaren tiefere Züge der jeweiligen Gesellschaft. Es wäre Miéville schwer gefallen, dies mit einem anderen Plot sinnvoll einzubauen. Das ganze Flair erinnert an alte französische Krimis. Miéville schreibt sehr visuell. Selbst das Nichtsehen wird immer deutlich beschrieben, ein bisschen Germelshausen, ein bisschen Paris und das alles vermischt mit europäischer Kulturgeschichte.

 

Das zentrale Thema in Die Stadt & Die Stadt ist gar nicht der Mordfall, sondern das sehr komplexe Nichtsehen. Zunächst ist man äußerst kritisch, ob so etwas überhaupt funktionieren kann. Je länger man aber dem Gedanken folgt, um so mehr eigenes Nichtsehen nimmt man wahr. Seien es die Verkäufer von Obdachlosenzeitungen, die stehende Oma in der Bahn, Grashalme in Gehwegritzen oder der dicke Pickel im Gesicht eines Kumpels. Bewusste und unbewusste Ausblendungen. Unser Gehirn filtert automatisch, lernt hinzu und reagiert mit Kurzschlüssen auf plötzliche Veränderungen. So unvorstellbar ist das also gar nicht. Die Schizophrenie ist sowenig fassbar, wie sie seltsame Ausmaße annehmen kann.

Bewohner geteilter Städte entwickeln ganz eigene Verhaltensweisen, mit der Situation umzugehen. Da wird die trennende Mauer zur Staatsgrenze, die andere Seite der Straße zum Ausland und doch hört man das Radioprogramm von Drüben, assimiliert die andere Kultur. Was Miéville untersucht, hat so viele Bezüge zu unserer Wirklichkeit, wie es zerrissene Länder, Völker und Kulturen gibt. Nicht umsonst liegt seine Doppelstadt irgendwo an der Grenze zwischen Asien und Europa, gibt es Kurden, Juden und Flüchtlinge aus den Resten Jugoslawiens in ihr. Die räumliche Verortung von Menschen zu einer Gesellschaft ist kein alleingültiges Prinzip, nur eine weit verbreitete Regel. Es war nicht immer so, dass man als Angehöriger eines Volkes in der Fremde dem dortigen Recht unterstand. Miéville treibt dieses Prinzip auf die Spitze, indem er die Staatszugehörigkeit auf kleinste Orte eingrenzt, bis hin zu Gebäuden, Räumen, Wegstücken. Unendlich viele kleine Grenzen. Und dahinter eine molochartige Instanz, die jede Grenzverletzung ahndet und den Status Quo gewaltsam festschreibt. Ganz selbstverständlich geht China Miéville davon aus, dass die Bewohner beider Städte dies in der Mehrheit auch nicht ändern wollen. Der kleine, zudem angezettelte Aufstand der Vereiniger (Unifikationisten), scheitert mangels Widerhall in der Masse. Miévilles Städte sind nie fröhlich voranschreitende Kommunen, keine Utopien, so phantastisch auch ihr Background ist. Stets sind sie lebendige und durch und durch realistische Blaupausen vorhandener Städte, in denen man eigentlich gar nicht leben will und es doch tut – weil wir gelernt haben, ganz besonders die negativen, unwirtlichen Dinge zu Nichtsehen.

 

Das Cover von Arndt Drechsler fängt die Atmosphäre des Romans punktgenau ein und hinterlässt damit auch optisch einen überzeugenden Eindruck.

 

Fazti:

China Miéville ist einer der ganz besonderen Phantastik-Autoren, die mit ihren Werken mehr zu erzählen haben, als das, was oberflächlich die zentrale Handlung darstellt. »Die Stadt & Die Stadt« ist kein Thriller, Krimi oder dergleichen. Vielmehr stellt sich der Autor der großen Herausforderung, unseren täglichen Wahnsinn zu hinterfragen und unsere Augen auf die blinden Flecke unserer Wahrnehmung zu richten. Dort, wo sich sogar ganze Städte verstecken können.

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Buch:

Die Stadt & Die Stadt

Original: The City & The City, 2009

Autor: China Miéville

Übersetzerin: Eva Bauche-Eppers

Cover: Arndt Drechsler

Taschenbuch, 432 Seiten

Bastei Lübbe, 28. August 2010

 

ISBN-10: 3404243935

ISBN-13: 978-3404243938

 

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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zuletzt aktualisiert: 30.09.2019 08:42 | Users Online
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