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Geschichten unter dem Weltenbaum herausgegeben von Lothar Mischke

Anthologie

 

Rezension von Holger M. Pohl

 

Im Verlag Torsten Low erschien im Februar 2010 die Anthologie Geschichten unter dem Weltenbaum, herausgegeben von Lothar Mischke, auch bekannt unter dem Nick „Warin“ im Fantasy-Forum. Überhaupt sind viele Leute aus diesem Forum an der Entstehung beteiligt, denn es war eine Zusammenarbeit zwischen dem Verlag und dem Fantasy-Forum.

Thematisch geht es – grob gesagt – um den Weltenbaum Yggdrasil aus der nordischen Mythologie. Manche der Geschichten befassen sich direkt mit ihm, andere weniger direkt.

Die Anthologie ist in vier Unterbereiche aufgeteilt, wobei die ersten drei Einzelbereiche sich an den drei Ebenen orientieren, in die man in der Mythologie den Weltenbaum einteilt. Der vierte Themenbereich beschäftigt sich mit Ragnarök, dem Untergang der Götter und der Welt in der nordischen Mythologie.

 

19 sehr unterschiedliche Geschichten umfasst die Anthologie. Und das macht eine Rezension auch schwierig. Einerseits möchte man mehr als einen Zweizeiler zu jeder Geschichte schreiben, weil sie sich nicht vergleichen lassen, andererseits würde eine zu ausführliche Rezension den hier vorhandenen Rahmen sprengen.

 

Nichtsdestotrotz möchte ich zu jeder einzelnen Geschichte ein paar Worte verlieren. Zum einen was den Inhalt betrifft, zum anderen eine sehr einfache Beurteilung … die natürlich ob der Kürze sehr subjektiv ist.

 

Teil 1: Die Wurzel

Wie es sich für die Wurzel gehört, spielen die in diesem Teil der Anthologie vertretenen Geschichten vor allem in der Unterwelt und mit dem Dunklen.

 

Die Silberne Rose von Johannes Harstick erzählt, wie ein Verwundeter gegen den Tod kämpft und an der Schwelle zu Unterwelt steht. Durch seine Liebe und seine Beharrlichkeit gelingt es ihm standhaft zu bleiben und den Verlockungen zu widerstehen.

Eine ansprechende Geschichte mit einer Variation des Themas Liebe lässt einen den Tod besiegen.

 

In Schabernack von Kira Licht begegnet ein Ork, der auf der Wanderschaft ist um sein Reifeprüfung abzulegen, einer Dunkelelfin, die ihre Scherze mit ihm treibt und seine Ausrüstung in Flammen aufgehen lässt. Doch schließlich unterhalten sie sich und erzählen sich ein klein wenig ihrer Lebensgeschichte. Am Ende, als die Elfin verschwindet, ist die ganze Ausrüstung unversehrt. Der Ork wittert Magie, doch da er nur ein einfältiger Ork ist …

Ebenfalls eine ansprechende Geschichte, lediglich das Ende ist etwas zu vorhersehbar.

 

Orúthirs Pfad von Tilmann Wederich erzählt die Geschichte des Schwarzalben Gundragar, der unter der Führung Orúthirs, einem Angehörigen derselben Rasse, die Unterwelt verlassen will, um einen gewaltigen Schatz zu suchen. Denn Reichtum bedeutet Macht und Gundragar gierte nach dieser Macht.

Eine gute Geschichte mit einer Variation der Themen, dass zu große Gier den Tod bedeuten kann und dass Betrüger oft genug selbst betrogen werden.

 

Die Nachtmahre sind ein grausames Volk. Und am grausamsten ist immer der Herrscher – er ist Der Herr der Verzweiflung. So lautet der Titel dieser Geschichte von Wassilios Dimtsos. Der Stärkere darf alles und der Schwächere muss leiden. Und der Erstgeborene ist immer der Stärkere. Selbst bei eineiigen Zwillingen gibt es einen Erstgeborenen. Doch das spielt keine Rolle mehr, wenn der Zweitgeborene zum Herrscher wird.

Wer zuletzt lacht, lacht am besten – auch wenn es nichts zu lachen gibt. Das ist das Thema diese Geschichte. Sie ist ansprechend geschrieben, leider aber etwas zu vorhersehbar.

 

In Das Herz des Jägers von Vanessa Kaiser und Thomas Lohwasser macht ein Mann macht sich auf den Weg, um ein Monster zu töten und damit den Tod seines Vaters zu rächen. So wie sein Vater vor ihm, den Tod seines Vaters rächen wollte, denn das Untier hat schon unzählige Väter getötet. Es gelingt ihm und er tötet die Bestie. Aber haben wir in unserem Inneren nicht alle etwas von einem Monster an uns?

Eine sehr schön geschriebene und interessante Geschichte, die mit dem Thema spielt, dass wir möglicherweise am Ende zu dem werden, was wir am meisten hassen. Für mich die beste Geschichte im Wurzel-Teil der Anthologie.

 

Die Wurzel allen Übels ist die Gier nach Macht. Mark Stefan Tänzer beschreibt in dieser Geschichte, wie ein Ex-Tyrann dem Tod entgegensieht. Doch die Hoffnung aufs Überleben naht in Form eines jungen Kriegers. Und so kann der Ex-Tyrann neue Pläne schmieden.

Insgesamt eine ansprechende Geschichte, nur das Ende erscheint etwas verwirrend. Es wird zwar eine Andeutung gemacht, doch die passt nicht zu dem, was vorher geschrieben wurde, und kann ihn eine Richtung lenken, die so nicht vorgesehen ist.

 

Mimirs Haupt von Bettina Ferbus variiert das Thema, dass Gier aller Laster Ende sein kann. Ein Mann findet sich in der Unterwelt wieder und schachert mit Mimirs Kopf, dem Wächter der Unterweltquelle, um sein Leben. Seine Forderungen werden erfüllt, doch wieder einmal zeigt sich, dass etwas zu erzwingen immer einen Haken haben kann.

Eine durchaus ansprechende Geschichte, auch wenn das Ende sehr schnell vorhersehbar ist.

 

In Das Elixier des Lebens von Christiane Gref träumt eine Frau im Sinne des Wortes von ihrer großen Liebe. Doch diese Liebe ist verboten. Sie wird als Ausgestoßene gezeichnet und geht in die Verbannung. Ihr Weg führt sie in die Wurzelwelt des Weltenbaumes hinab, ihrer einzigen und wahren Liebe entgegen. Aber Liebe kann blind machen und Träume sind oft grausam und enden schrecklich.

Obwohl die Geschichte durchaus ihren Reiz hat, so ist es für mich die schwächste Geschichte des Wurzel-Teils. Das liegt sicher daran, dass die Erzählsprache stellenweise zu modern, zu flapsig ist (insbesondere in den wörtlichen Reden) und damit nicht zum Gesamtkontext passt.

 

Teil 2: Der Stamm

Er stellt die Verbindung zwischen Wurzel und Krone da. So wie das Menschliche zwischen der Unterwelt und der Oberwelt stattfindet. Darum menschelt es in diesem Teil der Anthologie sehr.

 

Ein Tropfen Weisheit, genauer gesagt mehrere – an und für sich verbotene – Schlucke aus der Quelle der Unterwelt, machen aus einem Eichkater ein schlaues Kerlchen. Und das ist auch notwendig, denn damit er nicht als Appetithäppchen endet, hat er sich als Bote zwischen einem Drachen an der Wurzel und einem Adler in der Krone verdingt. Diese beiden tragen einen sehr alten Streit aus und wissen eigentlich schon gar nicht mehr, worum es dabei geht. Dem Eichkater gelingt es mit geschickter Manipulation der beiden Streithähne den Zwist zu beenden. Dass er dafür Mimir, dem Wächter der Quelle, ein bisschen seiner neu gewonnenen Freizeit opfern muss, nimmt er gerne in Kauf.

Humorvolle Geschichte von Ruth M. Fuchs, schön geschrieben und mit einem Lächeln zu lesen. Es zeigt sich wieder einmal, dass groß zu sein nicht unbedingt bedeutet schlau zu sein. Oder dass die schwachen Menschen (wenn man den Eichkater als Bild für den Menschen sieht) durch Schlauheit und mit List auch die mächtigen Herren von Ober- und Unterwelt gegeneinander ausspielen können. Ein Highlight des Stamm-Teils!

 

In Marimba von Marlies Aurig entdeckt die abgrundtief hässliche Tochter eines Königs im Palastgarten einen wundersamen Baum und darin eingeschlossen einen Jüngling von überirdischer Schönheit. Der magische Baum befreit die Beiden von ihren Makeln, die bislang verhindert haben, dass die Menschen sie sehen, wie sie wirklich sind. Aber alles im Leben hat seinen Preis.

Das Ende der Geschichte ist zu magisch und es wird auch etwas zu sehr auf den Moralknopf gedrückt. Für mich eine der schwächeren Geschichten der Anthologie.

 

Schwalbensommer von Miriam Kraft erinnert vom Thema her an Das letzte Einhorn. Ein Zauberer fühlt sich einsam und macht aus einer Schwalbe ein wunderschönes Mädchen. Nach seinem Tod wird der Zauber jedoch nicht aufgehoben und das Mädchen leidet. Sie möchte wieder zu dem werden, was sie einmal war, und dorthin zurück, wo sie hingehört.

Die Geschichte ist sehr vorhersehbar, allerdings gefühlvoll geschrieben, von daher durchaus ansprechend.

 

In Heldengarten von Nathalie Gnann möchte ein Erdling zum Helden werden, der die Welt rettet. Er wird der Retter der Welt, aber anders als er es sich vorstellt.

Ein interessante und gut geschriebene Geschichte zur Thematik, dass auch das Wünschenswerte und Gute seine grausamen Seiten haben kann; dass das Wohl eines Einzelnen manchmal hinter dem Wohl vieler zurückstehen muss. Das zweite Highlight des Stamm-Teils.

 

In Der mieseste Job der Welt von Thomas Matterne nimmt ein Mann den undankbaren Job an, einen Baum in einem Hinterhof zu bewachen. Mit der Zeit beginnt er sich zu langweilen und sich zu fragen, was an diesem Baum so wichtig sein soll. Sein Auftrag lautet an und für sich, den Baum nicht aus den Augen zu lassen. Denn es ist der Weltenbaum …

Eine gelungene Geschichte, die zeigt, dass es oft die unbedeutenden, unwichtig erscheinenden Dinge sind, die den Fortbestand der Welt sichern.

 

Teil 3: Die Krone

In der Krone finden sich die göttlichen Dinge, die Oberwelt, das Dach des Baumes. Aber auch die können weniger angenehme Seiten haben als man zunächst annimmt.

 

Mark Stefan Tänzers erzählt in Von toten und lebenden Helden humorvoll wie ein gefallener Krieger, ein Einherjar, sich in Walhall wieder findet und das paradiesische Leben genießen soll. Doch er kann an der grenzenlosen Langweile, dem ewigen Feiern und Trinken, keine so rechte Freude empfinden. Er sehnt sich zurück nach Kampf und Abenteuer. Und so verlässt er Walhall und kehrt nach Midgard, der Welt der Menschen, zurück. Ein Walküre wird ihm nachgeschickt um ihn zurück zu holen. Was ihr auch gelingt … nach einem Abenteuer … woran sie wiederum Gefallen findet.

Sehr humorige Geschichte, gut geschrieben und sehr ansprechend. Das Highlight im Krone-Teil.

 

Unaussprechliche Freuden des Himmels erwarten einen Verstorbenen in der Geschichte von Karl Plepelits. Es könnten natürlich auch unaussprechliche Qualen der Hölle sein. Entweder – oder. Doch die Welt ist nicht nur Schwarz oder Weiß.

Eine Geschichte, die nicht in die Anthologie passt und mir von daher im Gesamtzusammenhang nicht gefallen hat. Diese Geschichte hat durchaus Potential – in einem anderen Umfeld. Der Weltenbaum spielt weder eine Rolle geschweige denn wird er erwähnt. So also: überflüssig in dieser Kurzgeschichten-Sammlung.

 

Des Himmels Chronisten von Moira Frank führt uns in die Himmelsstadt. Der Chronist derselben und sein Bruder, Bibliothekar der Windschriften, erhalten den Auftrag einem Seher zu helfen. Doch der Seher ist nicht der, der er zu sein vorgibt. Spät, fast zu spät kommen die Brüder dahinter.

Eine insgesamt ansprechende Geschichte, die allerdings keine überraschenden Wendungen hat.

 

In Dunkle Asche von Heike Pauckner opfert sich der Bruder der Schicksalsbotin. Er erfüllt einen alten, grausamen Pakt und rettet ihr das Leben. Und er kann dadurch vielleicht die Seele seiner anderen Schwester retten.

Eine gefühlvoll geschriebene Geschichte zum Thema Geschwisterliebe, leider aber zu vorhersehbar.

 

Alle einhundert Jahre wird Das Wintermädchen erwählt, um den Göttern zu dienen. In Franziska Kopkas Geschichte trifft es dieses Mal die Frau eines Elfen, der hoffte, dass seine Geliebte verschont bleiben würde, weil sie verheiratet sind. Doch er irrt sich. Die Beiden fliehen, aber sie können ihrem Schicksal nicht entgehen. Doch es bleibt Hoffnung, wenn die Kraft der Liebe die Zeit überdauert.

Eine sehr gefühlvoll geschriebene Geschichte mit einem sehr emotionalen und hoffnungsvollen Ende.

 

Teil 4: Ragnarök

Ragnarök, der Untergang der Welt der Götter, steht bevor. Ein Toter kehrt als Wiedergänger zurück und will die Menschen warnen. Doch Wiedergänger sind nicht sehr beliebt und werden gejagt. Aber auch der Fenriswolf ist hinter ihm her um zu verhindern, dass der Wiedergänger seine Warnung den Menschen überbringt. Am Ende erlebt ein Mensch an der Seite der Götter den Beginn des Untergangs.

Astrid Rauners Geschichte vom Ende der Asen-Zeit und dem Ende des Weltenbaums ist für mich das Highlight der gesamten Anthologie. Gut und durchgehend interessant geschrieben.

 

Fazit:

Insgesamt gesehen ist es eine gelungene Anthologie. Natürlich gibt es schwächere und stärkere Geschichten, doch ich fühlte mich durchweg gut und kurzweilig unterhalten.

Höhere Ansprüche, wenn man es literarisch sehen will, erfüllen die Geschichten und damit die Anthologie nicht, aber ich denke, das war auch nicht die Absicht des Herausgebers, des Verlages und der Autorinnen und Autoren. Sie wollten unterhalten und das haben sie weitgehend geschafft.

Lothar Mischke und dem Verlag Torsten Low ist auf alle Fälle gelungen eine durchaus interessante und empfehlenswerte Anthologie zusammenzustellen – besonders wenn man sich für nordische Mythologie interessiert und einmal andere Sichtweisen lesen möchte. Ausnahme hiervon ist nur die Geschichte Unaussprechliche Freuden. Sie passt einfach nicht in diese Sammlung. Der Rest jedoch bietet für jeden etwas. Preis und Leistung stehen in einem ausgewogenen Verhältnis und besonders nett und erwähnenswert ist der Gag mit dem echten Blatt, das der Anthologie beiliegt. Meine botanischen Kenntnisse reichen aber nicht aus um zu sagen, ob es das Blatt einer Esche ist oder nicht.

Wer Fantasy-Kurzgeschichten im Allgemeinen und Geschichten mit einem nordisch-mythologischen Hintergrund im Speziellen mag, der macht nichts verkehrt, wenn er sich zum Kauf der Geschichten unter dem Weltenbaum entscheidet.

 

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Buch:

Geschichten unter dem Weltenbaum

Herausgeber: Lothar Mischke

Verlag Torsten Low, Februar 2010

Vorwort von Christoph Hardebusch

Cover: Katja Metzen

Illustrationen: Maike Gerstenkorn, Kristina Ruprecht und Alina Savini

Taschenbuch, 300 Seiten

 

ISBN-10: 3940036048

ISBN-13: 978-3940036049

 

Erhältlich bei: Amazon

Inhalt:

  • Die silberne Rose – Johannes Harstick
  • Schabernack – Kira Licht
  • Orúthirs Pfad – Tilmann Wederich
  • Der Herr der Verzweiflung – Wassilios Dimtsos
  • Das Herz des Jägers – Vanessa Kaiser und Thomas Lohwasser
  • Die Wurzel allen Übels – Mark Stefan Tänzer
  • Mimirs Haupt – Bettina Ferbus
  • Das Elixier des Lebens – Christiane Gref
  • Ein Tropfen Weisheit – Ruth M. Fuchs
  • Marimba – Marlies Aurig
  • Schwalbensommer – Miriam Kraft
  • Heldengarten – Nathalie Gnann
  • Der mieseste Job der Welt – Thomas Matterne
  • Von toten und lebenden Helden – Mark Stefan Tänzer
  • Unaussprechliche Freuden – Karl Plepelits
  • Des Himmels Chronisten – Moira Frank
  • Dunkle Asche – Heike Pauckner
  • Das Wintermädchen – Franziska Kopka
  • Wiedergänger – Astrid Rauner

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Erstellt: 14.07.2010, zuletzt aktualisiert: 17.07.2017 22:46