Das dunkle MuseumAutor: Uwe Voehl und Markus K. Korb
Auf dem nichtssagenden Plakat direkt vor dem alten Fachwerkhaus, das sie soeben mit der Reisegruppe besichtigt hatte, stand: „GEWALT manifestationen – Entstehen einer Ausstellung“. Doch sie hatte den Namen des Künstlers bereits vergessen, als sie den Eingang betreten und vor der menschenleeren Kasse stand. Freier Eintritt. Auch gut, wo alles und jedes teurer geworden war. Sie steckte die VOGUE, mit der sie sich draußen Luft in der flimmernden Sommerhitze zugewedelt hatte, zurück in ihre Shopping-Bag. Hier drinnen herrschte eine angenehme Kühle, wie sie sie seit Stunden nicht erfahren hatte. Sie war nassgeschwitzt bis auf den BH. Es war eine blöde Idee gewesen, sich der Reisegruppe anzuschließen, anstatt auf Siegmar im Hotel zu warten, bis der seinen noch blöderen Geschäftstermin erledigt hatte.
Zögernd machte sie ein paar Schritte vorwärts. Vielleicht war die Ausstellung noch gar nicht eröffnet. Jedenfalls war kein Mensch zu sehen. Aber dann hörte sie von irgendwoher Stimmen. Sie ging den Stimmen nach, wobei sie das Gefühl hatte, etwas Verbotenes zu tun. Die Stimmen schienen zu streiten. Sie hörte eine sehr laute, männliche Stimme heraus, und eine zweite, die von einer Frau zu stammen schien. Vielleicht der Künstler, der mit irgend jemanden stritt. Die Frau schrie auf, doch der Schrei ging augenblicklich in ein fast lustvolles Stöhnen unter. Ellen spürte, wie ihre Erregung wuchs.
Die Erregung fiel in sich zusammen, als sie in einen Raum trat und den Ursprung der Stimmen erkannte. Auf der Betonwand lief ein flimmernder Schwarz-Weiß-Film. Er zeigte eine auf einem Bett gefesselte Frau, die von zwei maskierten Männern in die Mangel genommen wurde. Der Soundtrack dazu kam aus versteckten Lautsprechern. Doch ebenso wie die verwackelten Schwarz-Weiß-Bilder, auf denen kaum etwas Konkretes zu erkennen war, waren auch die Stimmen zu verzerrt, um sie zu verstehen. Allein die Schreie waren unmissverständlich.
Kunst oder nicht, derartige Widerwärtigkeiten wollte sie sich nicht anschauen. Sie drehte sich um und suchte den Ausgang, als eine Stimme sie aufhielt:
„Sie wollen doch nicht schon wieder gehen?“
„Wenn Sie nichts dagegen haben.“ Ihr forscher Ton war einstudiert. In Wahrheit war sie irritiert. Sie konnte den Mann, der sie angesprochen hatte, in dem diffusen Dunkel kaum ausmachen. Er stand im Schatten, doch im nächsten Moment trat er vor, so dass der Film teilweise auf ihn drauf projiziert wurde. Die sich bewegenden, schwarz-weißen Filmbilder vermischten sich mit seinen Konturen.
„Schade“, sagte der Mann. „ich hätte sie gern durch meine Ausstellung geführt.“
„Ihre Ausstellung?“
Er machte eine weitausholende Geste. „Alles noch im Aufbau. Sie wird erst in ein paar Tagen eröffnet.
Na prima, dann hatte sie ja wenigstens einen Grund, gleich wieder zu verschwinden.
„Ich – ich interessiere mich nicht für so etwas“, sagte sie. Das Wort Kunst wollte ihr nicht über die Lippen kommen. Sollte er sie meinetwegen für eine dumme Kuh halten, aber sie setzte hinzu: „Mein Kunstverständnis hört bei den Impressionisten oder so auf.“
„Tja dann. Kann man wohl nichts machen. Schade.“
Sie konnte es kaum glauben, dass er sie so einfach aus seinen Fängen entließ. Und sie hatte schon befürchtet, sich auf irgendeine langatmige Diskussion mit ihm einlassen zu müssen. Andererseits: So einfach entlassen zu werden, gefiel ihr auch nicht. Ihr fiel etwas an ihm auf, und sie sagte es:
„Wie ein Künstler sehen Sie gar nicht aus.“
„Wie sehen denn Künstler – Ihrer geschätzten Meinung nach - aus?“
Nahm er sie auf den Arm? Ihr fiel ihr eigener Widerspruch auf: Wenn sie behauptete, nichts von Kunst zu verstehen, wie sollte sie dann wissen, wie ein Künstler aussah? Jedenfalls nicht wie er: Sein Anzug war mindestens von BOSS. Seine Krawatte war eindeutig Hermès und seine wildledernen leichten Schuhe irgendein italienisches Fabrikat. Künstler hatte sie sich immer in ölfarbenverschmierten Overalls vorgestellt. Mit langen Haaren oder kahlgeschorenem Schädel, während ihr Gegenüber einen modischen Kurzhaarschnitt bevorzugte. Er erinnerte sie an George Clooney.
Das sagte sie ihm natürlich nicht. Sie fühlte sich nicht wohl. Vielleicht war es die Kälte. Sie spürte, wie sie fast ein wenig taumelte. Nicht auch das noch!
„Geht es Ihnen nicht gut?“, fragte er besorgt.
„Doch, es geht schon. Bloß die Hitze, wissen Sie. Sie würde doch hier keinen Schwächeanfall kriegen. Das hätte ihr gerade noch gefehlt. „Und hier drinnen ist es so kühl.“ Wie in einem Leichenschauhaus, setzte sie in Gedanken hinzu.
Die Schreie der Frau in dem Film waren inzwischen verstummt. Gottseidank. Aber dann begann der Film von Neuem. Widerwärtig.
„Ich gehe jetzt“, sagte sie.
„Ich denke, sie haben Recht. Gehen Sie!“, sagte ihr Gegenüber und lächelte freundlich.
Sie drehte sich um und suchte den Ausgang.
In diesem Moment fühlte sie, wie ihre Arme von vier starken Händen gepackt wurden. Links und rechts von ihr tauchten maskierte Männer auf.
„Nicht so schnell, meine Dame“ hörte sie den Künstler von hinten rufen. „Sie gehen ja in die falsche Richtung. Meine Angestellten werden Sie begleiten. Auf Wiedersehen!“
Sie wehrte sich verbissen, schrie und trat mit den Füßen, aber sie kam nicht gegen die beiden Männer an. Diese zogen sie in einen schattendurchwobenen Seitengang, wo ein Schild mit der Aufschrift „Notausgang“ in der Ferne leuchtete. Es roch nach Alkohol, dem ein Geruch beigemischt war, der in ihr die Erinnerung an ein Krankenhauszimmer wachrief.
Das grünleuchtende Notausgangsschild rückte immer näher. Sie schöpfte Hoffnung, dass sie von den beiden Begleitern in der Tat dem Ausgang zugeführt wurde und wehrte sich nicht mehr. Als die Männer stoppten und einer in seiner Hosentasche kramte, war es bereits zu spät. Sekundenbruchteile später fühlte sie einen Einstich im Oberarm, dann umfing sie dunkelste Nacht.
Sie schlug die Augen auf und glaubte einen Moment, sie hätte dies nicht getan. Um sie herum war Schwärze von einer Intensität, die an Absolutheit grenzte. Doch langsam schälten sich Umrisse aus dem Dunkel: ein grünes Leuchten drang von oben herab durch das Glasfenster einer Tür vor ihr, wo draußen ein Notausgangsschild hing. Das Licht umspielte einen schrankartigen Gegenstand ungefähr einen Meter vor ihr, der mit einem Tuch verhüllt war. Daneben stand ein Tisch mit metallisch glänzender Oberfläche, auf dem die Schatten von medizinischen Werkzeugen lagen. Sie unterschied eine halbmondförmige Knochensäge und ein Skalpell. Der Rest war ihr unbekannt.
Die Tür ging auf und der Lichtklecks einer Taschenlampe geisterte über medizinische Apparaturen an den Wänden, merkwürdig verbogen und gekrümmt, deren Sinn unentschlüsselbar war.
Das Taschenlampenlicht bildete helle Koronen um sein rundes Zentrum, so dass sie die Augen zusammenkneifen musste. Irgendetwas stimmte damit nicht.
Ein Mann trat auf sie zu – der Künstler sprach mit leiser Stimme:
„Schön, dass Sie uns nicht verlassen haben. Leider ist die Ausstellung noch nicht komplett, aber ich sammle schon, wie Sie gleich sehen können. Hier hinter dem Tuch verborgen ist das erste Exponat.“
Der Mann richtete den Strahl der Taschenlampe auf das Tuch. Die Frau wunderte sich, dass der verhüllte Schrank, insofern es sich um einen handelte, kaum Tiefe besaß. Der Künstler griff in die Falten des Tuches, ließ sie aber sofort wieder los.
„Oh, fast hätte ich Ihre Frage vergessen, die Sie nicht stellen können, da ich ein Relaxans benutzt habe, welches ihre Muskeln lähmt.“
Sie glaubte ein leises Lachen zu hören.
„Versuchen Sie nicht den Mund zu bewegen, es ist sinnlos. Ich musste ihn eng zunähen. Aber davon spüren Sie nichts: Morphium wirkt Wunder.
Nun war sie sicher, dass er kicherte.
„Vom Hals abwärts sind Sie paralysiert – mit Ausnahme der Brustmuskeln natürlich, sonst könnten Sie nicht atmen. Keine Angst, die Wirkung des Mittels lässt alle zwölf Stunden nach und daher muss die Injektion wiederholt werden. Falls das nicht geschieht, können Sie wieder sprechen, laufen, was immer sie wollen. Aber ich brauche Sie noch. Sie sollen als erster Besucher den Auftakt meiner Ausstellungs-Performance sehen. Drehen Sie ruhig Ihre Augen ein wenig zu mir, so ist es gut. Danke!“
Sie verfolgte die Bewegungen des Künstlers, der zum Tisch ging und das Skalpell aufhob. Nachdenklich drehte er es in der Hand und betrachtete es.
„Das ist mein Pinsel. Sie müssen wissen, dass ich Arzt war. Leider hat man mir auf Grund einiger...bedauerlicher Zwischenfälle die Approbation entzogen. Jetzt bin ich Künstler und male mit dem Skalpell meine dreidimensionalen Bilder.“
Sie glaubte den Verstand zu verlieren. Was hatte dieser „Künstler“ mit ihr vor?
„Bis auf eines sind die Ausstellungsstücke noch nicht angekommen. Aber das werden sie sicherlich. Bald schon. Und auch die Besucher werden kommen. Wer kann schon diesem kleinen Schwarz-Weiß-Film entgehen, den ich im Foyer zeige?“
Seine Stimme schien zu lächeln.
„Auch Sie sind ja dem lustvollen Stöhnen gefolgt. Für Sie habe ich etwas ganz Besonderes: Sie dürfen als erste Besucherin das Exponat bewundern. Zu schade, dass Sie nicht applaudieren können. Ich glaube, mir ist da etwas ganz Besonderes gelungen, finden Sie nicht auch?“
Mit einem Schritt trat er an das Tuch. Die Frau wollte nicht hinsehen, wollte dem Grauen entgehen, das sie hinter dem Tuch verborgen glaubte. Doch eine innere Faszination am Schrecklichen, Monströsen behielt die Oberhand und sie blickte auf das, was hinter dem Stofflaken aufrecht im Halbdunkel stand.
Es war eine Art Schrank, wie sie richtig vermutet hatte. Hinter einer Glasplatte schwappte eine dickflüssige Substanz. Es war aber kein Öl, da die Flüssigkeit halb durchsichtig war. Irgendwie milchig, fand die Frau. Darin stand ein Schatten.
Im ersten Moment erschrak sie und glaubte, dass der Arzt-Künstler einen menschlichen Leichnam konserviert habe und nun der Öffentlichkeit präsentierte. Sie sah genauer hin.
Es musste ein Affe sein, oder etwas Vergleichbares, dem die Flüssigkeit bis knapp unter die Nase ging. Lange Haare trieben wie ein flüssiges Spinnennetz um einen Kopf, der in einem Geschirr festgeschraubt war, so dass er nicht herabfiel und so dem Betrachter stets das Gesicht zuwandte. Wegen des Halbdunkels konnte die Frau nicht erkennen, welchen Ausdruck dieses menschenähnliche Antlitz hatte.
Der Rest des Körpers wirkte merkwürdig derangiert, verformt. Schwarze Schatten schoben sich aus dem Brustkorb wie die Lamellen eines Fächers, zwischen denen die milchige Flüssigkeit durchschimmerte. Andere Stellen des Bauchraums wiesen klumpenartige Wucherungen auf, die in der ölartigen Substanz schwammen, von Schnüren gehalten, die aus dem Körper selbst herauszuragen schienen. Ab dem Bauchnabel steckte das Wesen in einem schwarzen Kasten.
„Tata – ich nenne es: „Von der Raupe zum Schmetterling“. Einst war es hässlich, doch durch meine Hand wurde es zu etwas Besonderem verwandelt. Betrachten Sie die beiden fächerartigen Flügel, die ich aus dem Fleisch der Brustmuskeln tranchiert habe. Sind sie nicht wunderschön? Oder hier vor dem Bauch - die einzelnen Organe, welche noch mit Blut und Sauerstoff versorgt werden, da ich sie der fleischigen Höhle entnahm und die Gefäße nicht kappte.“
Sie erschrak. Er musste es an ihrem Gesicht gesehen haben, denn er flüsterte:
„Ja, Sie haben die richtigen Schlüsse gezogen – das Exponat lebt noch. So wie alle meine Ausstellungsstücke leben werden. Das ist ja der Clou daran!“
Sie fühlte, wie ein Schauer über ihre Wangen rann.
„Egal, wie sehr ich den Körper verforme, zerstückele, neu ordne, verdrehe“, fuhr der Arzt-Künstler fort. „Sie alle leben noch. Niemand wird getötet. In einer winzigen Operation trenne ich die schmerzleitenden Nervenbahnen zum Gehirn. Dann befestige ich Nährschläuche mit dem Magen, Abfuhrschläuche mit den Ausscheidungsorganen – beides habe ich übrigens diskret im unteren Abschnitt des Schaukastens verborgen – und voilá: das Exponat lebt!“
Er schwieg einen Moment lang, ehe er weitersprach.
„Aber leider ist meine Kunst nicht von Dauer. Bislang sind alle Ausstellungsstücke nach und nach verstorben. Ich weiß nicht, woran das liegt. Können Sie mir einen Tipp geben? Ach so – Sie können ja nicht reden. Entschuldigen Sie bitte meinen Zynismus.“
Er lachte.
„Oh!“ Der Arzt-Künstler sah von der Seite her auf den Glasschrank. „Da ist ein unschöner Fleck. Den werde ich entfernen, damit Sie einen perfekten Blick auf das Exponat haben können!“
Er trat vor den Glasschrank und wischte mit dem Ärmel seiner Jacke über die glattpolierte Oberfläche eines glänzenden Spiegels...
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