Wellensang. Anthologie herausgegeben von Alisha Bionda & Michael BorlikRezension von Ramona Schroller
Klappentext:
Daß Fantasy-Literatur viel mehr sein kann als endlose Schwertkämpfe und ewige Racheschwüre, beweisen die Geschichten von so bekannten Autoren wie Barbara, Büchner, Alisha Bionda, Barbara Jung, Frank W. Haubold, Christel Scheja, Linda Budinger und Eddie M. Angerhuber. Segeln Sie mit der Wellensang in eine Welt voller Phantasie und Überraschungen.
Rezension:
Der doch recht kleine Verlag „Schreiblust“ macht auf sich aufmerksam, und das ist nicht zum Schlechten. Anthologien, die nach Auskunft vieler Verlage, „wie Steine in den Regalen liegen“, Aufsehen erregen können, beweist Andreas Schröter mit diesem Buch, das herausgegeben wurde von Alisha Bionda und Michael Borlik.
Wenden wir uns nun also dem Inhalt zu und sehen, ob der Klappentext nicht zuviel verspricht.
Christel Scheja bildet den Auftakt mit dem „Lied der Krähe“. Eine schöne, einfühlsame Geschichte, angelehnt an die keltische Erzählweisen, die sich im Moment großer Beliebtheit erfreuen. Ein Höhepunkt der Anthologie, ein wirklicher Leckerbissen.
Irene Salzmann ist ebenfalls keine Unbekannte. Sie berichtet von der „Göttin im Felsendom“ und löst damit ein Rätsel der Menschheitsgeschichte. Mir persönlich einen Hauch zu sehr an der Realität, dennoch spannend, gewohnt sicher und routiniert geschrieben. Daumen hoch - wenn auch nicht mein persönliches Highlight.
Barbara Jung sucht „das Orakel“ auf. Eine Geschichte über zwei Ebenen, in denen eine wieder unsere Realität ist. Ein bißchen zu technisch (für meinen Geschmack wohlgemerkt), das Ende einen Hauch zu düster. Doch gut und routiniert geschrieben.
Alisha Biondas „Welt zwischen den Zeilen“ dagegen ist schon beinahe eine SF-Geschichte. Ein wenig mehr den mahnenden Finger zu senken wäre wünschenswert gewesen.
Barbara Büchners „La Belle et la Bete“ führt in eine Märchenwelt, besser erzählt eines (?) der bekannten Märchen weiter - wenn auch nicht bis zum Ende. Hoher Schmunzelfaktor, aber auch ziemlich viel Ratlosigkeit. Ich zumindest kenne besseres von dieser Autorin.
Marlies Eifert sucht „das Haus ohne Schlüssel“ auf. Eher in den Bereich Phantastik anzusiedeln statt in die Fantasy, aber gute und überraschende Wendung.
Armin Rößler berichtet von den „Tränen des Blauen Gottes“ und knüpft damit an beliebte und gern gelesene Fantasy an. Nicht überragend, aber trotzdem gelungen. Gute Geschichte!
Heike Reiters „Mohnblumenkönigin“ ist auch nicht unbedingt traditionelle Fantasy zu nennen, dennoch aber gut und schön geschrieben. Ein bißchen was zum Träumen, mit überraschendem Ausgang.
Solveig Ferner schreibt „Zolineks Geschichte“ auf. Könnte bitte jemand diesen Zwerg zum Schweigen bringen? Der ist schlimmer als seine Gnomenfrau, seit ich die Story gelesen habe. Eindeutig ein Daumenhoch, trotz doch dramatischem Ende ein kleines bißchen was zum Schmunzeln.
Frank W. Haubold berichtet von „der gläsernen Stadt“. Ehrlich gesagt, diese Geschichte läßt mich ein bißchen ratlos zurück. Was hat sie in einer Fantasy-Anthologie zu suchen? Ist doch eher der Real-Literatur zuzuordnen, finde ich. Trotzdem gut erzählt.
Michael Borliks „Weißgipfel“ ist ebenfalls Welten von der traditionellen Fantasy entfernt, dennoch schöne und bewegende Geschichte. Könnte eine Legende werden ...
Andrea Tillmanns wartet bis „die Eiswölfe singen“. Schöne Szenerie, Fantasywelt angelehnt an die Inuik-Legenden. Ein weiteres Highlight der Anthologie - wundervoll!
Linda Budinger bringt mit „Wellensang“ die Titelgeschichte der Anthologie und erzählt eine wunderschöne Geschichte über eine Kaufmannsfamilie. Nahe an der Realität, kratzt aber im letzten Moment doch noch die Kurve. Ich frage mich am Rande nur, warum sie nie einen Mann als Hauptfigur wählt.
Arthur Gordon Wolfs „von Zähnen, Sternen und Feen“ ist eher Horror, allenfalls düstere Phantastik, aber sicher keine Fantasy. Wieder die Frage, wie eine solche Geschichte in eine Fantasy-Anthologie kommt.
Eddie M. Angerhuber dagegen versucht sich zumindest mit „zwischen 9 und 9“ an einem märchenhaften Szenario. Darf ich verraten, woran mich die Geschichte erinnerte? Hier gilt ebenfalls, auch wenn sehr düsteres Setting, gewohnt gut und überzeugend geschrieben. Highlight? Nicht ganz sicher, auf jeden Fall aber ein dickes Daumenhoch.
Dominik Irtenkauf sendet den Leser in eine „Nebelbank“ - und genau da bin ich auch gelandet. Tut mir leid, aber ich verstehe diese Geschichte nicht.
Ines Haberkorn sehnt sich nach der „Heimkehr nach Kalipay“. Sehr kurzes Ende für die Länge der Einleitung, aber einfühlsam und gut geschrieben. Ein weiteres Highlight.
Lutz Schafstadts „Dämonenbrut“ bildet den Abschluß der Geschichten. Kurzweilige Heroen-Fantasy mit einem gehörigen Schuß Sarkasmus. Mittelfeld - wird aber sicherlich einige Liebhaber finden.
Den „offiziellen“ Schluß bildet Stefanie Benses Essay über „Fantasy im Dickicht der Definition“. Vielleicht hätten die Herausgeber sich an der einen oder anderen Stelle an diesem Artikel orientieren sollen, jedenfalls wäre es dann zu weit weniger Irritationen gekommen - hoffe ich zumindest. Guter, solide recherchierter Artikel, erstmals im Newsletter des Autorenforums veröffentlicht. Und jetzt muß ich selbst noch mal nachschlagen über die Definition. Eine Hausaufgabe hat Stefanie Bense mir jedenfalls gegeben, neben einer hervorragenden Erläuterung.
Alles in allem durchaus empfehlenswert, mit überdurchschnittlich guten Geschichten. Allerdings hätte man den Untertitel „Fantasy-Welten“ eher durch phantastische Welten ersetzen sollen. Dann jedenfalls wäre es nicht zu Irritationen gekommen.
Eure Meinung:
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