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Steampunk

Anthologie herausgegeben von Erik Schreiber

Reihe: Geheimnisvolle Geschichten 2

 

Rezension von Torsten Scheib

 

Rezension:

Keine Frage: Steampunk ist in. Auch hierzulande ist die spannende Mischung aus Retro-Futurismus, viktorianischen Elementen und nicht zuletzt den grenzenlosen, ausnahmslos auf Dampf basierenden Maschinerien mittlerweile »angekommen«. Mit einem Unterschied: noch immer sind es überwiegend die Autoren aus England und Übersee, welche die Regale der Buchhandlungen mit ihren Konglomeraten füllen; fristet Steampunk made in Germany noch immer ein leider viel zu überschaubares Dasein. Umso löblicher muss daher auch das Vorgehen von Erik Schreiber, seines Zeichens Herausgeber und Geschäftsführer des Verlages Saphir im Stahl angesehen werden, den zweiten Band seiner Geheimnisvolle Geschichten-Anthologien ausschließlich den dampfenden Wundermaschinen zur Zeit Königin Viktorias zu widmen. Wer allerdings einfach nur eine weitere Steampunk-Geschichtensammlung erwartet, der liegt falsch. Die beteiligten Autoren hatten sich ausnahmslos an festgelegte Vorgaben zu halten. So wird das kaiserliche Frankreich von Preußen im Jahre 1871 zum Friedenspakt förmlich gezwungen, mutiert Italien zu einem, vom Vatikan beherrschten Land und das altehrwürdige Prag trotzt der preußischen Dominanz mittels eines magischen Schutzschirms. Hochinteressante und vor allem originelle Auflagen, welche den Beteiligten auferlegt wurden – und längst nicht alle, wie Schreiber im Vorwort verrät. Es ist auf jeden Fall ein sehr weites Feld, welches von den insgesamt vierzehn Mitwirkenden beackert werden durfte.

 

Die preisgekrönte und Steampunk-versierte Ju Honisch bestreitet mit ihrer Geschichte <b<Innovationen</b> den Auftakt – eine stets schwierige Aufgabe. Ist es doch zumeist die erste Erzählung, die einerseits am meisten im Fokus einer Anthologie steht und zudem mitunter den Ton eines solchen Bandes vorgibt. Doch die gebürtige Bayerin meistert diese Herausforderung mit Bravour. Luftschiffe, Piraten, ein reichlich forscher Zwerg, eine prominente Passagierin und nicht zuletzt die gesunde Portion Augenzwinkern an den richtigen Stellen macht aus »Innovationen« eine kurzweilige, in allen Belangen überzeugende Geschichte.

 

Danach wendet sich der vorwiegend für seine Jugendbücher bekannte Brite James Lovegrove dem Sport zu – mit einem entscheidenden Unterschied: hier boxen keine Menschen, sondern Automaten. Mechano Boxen wird diese Attraktion demnach auch folgerichtig benannt und verschafft dem Erzähler Ruhm und finanziellen Erfolg. Bis er die Schattenseiten kennen lernt …

War der Auftakt schon hervorragend, legt Steampunsh nochmals ein paar Schippen drauf und beweist ferner, dass der Himmel nicht unbedingt die Grenze sein muss. Originell, rasant und in einer bewundernswürdigen Prosa verfasst. Zweifellos das Highlight des Bandes.

 

Nach so viel wildem Einfallsreichtum geht Georg Plettenbergs Erzählung Vazlav Míhalik, korrumpiert und bestochen den umgekehrten Weg. Hier dominieren überwiegend historische Tatsachen, freilich in leicht abgeänderter Fassung. Es geht nach Prag, besser gesagt ins edle »Haus der drei Geigen«. Doch belassen es die beiden Protagonisten nicht bei den kulinarischen Ergüssen. Vielmehr artet die ganze Sache in einen dramatischen Konflikt aus, dessen Zutaten unter anderem Liebe, Ehre und Verrat sind. Sicherlich nicht ganz so spektakulär wie die Vorgänger, überzeugt diese Story vielmehr gerade ob ihrer eher verhaltenen Art.

 

Eine ähnliche Tonlage besitzt auch Michael Buttlers Kurzgeschichte, Die Gelegenheit seines Lebens. Nach Prag geht es nun weiter in die österreichische Hauptstadt. Hier, im Schatten des Praters, fristet der junge Hansi ein hartes, trostloses Dasein. Die zermarternde Arbeit im Rummel scheint nicht nur seine Konstitution, sondern obendrein auch seine Zukunft dem Erdboden gleich zu machen. Bis zu jenem Tage, als ihm ein Unbekannter die Offerte seines Lebens anbietet …

Mit sehr viel Herz und treffsicherem Gefühl für Atmosphäre gelingt Buttler eine gleichermaßen faszinierende wie melancholische Geschichte, die rundum überzeugen kann.

 

Danach legt Andreas Zwengel einen Gang zu. Volldampf lautet der Titel seiner Erzählung und Volldampf ist es auch, was den Leser erwartet: eine rasante, ungemein actionbetonte Verfolgungsstory, in der Bismarcks höchsteigener Zug, der »Eiserne Kanzler« zum Objekt der Begierde wird. Dazu ein Schuss Intrige und fertig ist der wunderbar mundende Steampunk-Cocktail, der in seinen besten Momenten an eine aufgepäppelte Version von Joseph Conrads Der Geheimagent erinnert – mit Ian Fleming als Co-Autor.

 

Petra Jörns beschäftigt sich in Zeitlos mit einer Thematik bzw. einem Dilemma, welches nicht ausschließlich dem Steampunk vorbehalten ist: dem Wesen der Zeit. Ähnlich wie der namenlose Erfinder in H. G. WellsZeitmaschine gelang auch hier dem namenlosen Erschaffer eine Apparatur, welche imstande ist, in die Vergangenheit oder Zukunft zu reisen. Doch kann man damit auch das Wesen der Zeit überlisten? Wie bereits erwähnt, ist Jörns’ Thematik zwar nicht unbedingt neu, wird aber von der Autorin hervorragend umgesetzt.

 

Einen weiteren Erfinder präsentiert Jörg Olbrich in Die Dampfkanone. Es ist die gleichermaßen faszinierende wie auch traurig stimmende Erzählung eines Mannes, dessen Inbrunst langsam aber sicher zu krankhafter Besessenheit wird – und welche ihm mehr nehmen kann, als ihm lieb ist …

Ganz klar: hier stand VernesBaltimore Gun Club Pate. Doch die Verneigung vor dem Idol entpuppt sich vielmehr als detaillierte Beschreibung einer getriebenen Seele – und genau dieser Aspekt macht aus der Geschichte etwas ganz Besonderes.

 

Holger Kuhn haben es ebenfalls die Erfinder jener Zeit angetan. In Fortschritt dürfen wir unter anderem einen Blick ins Arbeitsleben von keinem Geringeren als Nicolaus August Otto werfen. Allerdings ist der Mann verzweifelt: seine vermeintliche revolutionäre Erfindung wird verspottet, Geldgeber drehen ihm den Hahn zu. Was also tun? Bis er schließlich die Offerte eines Fremden erhält – ohne die wahren Motive des Mannes zu kennen …

»Fortschritt« besitzt eine überraschend dunkle Note und lässt den Leser dank der nachdenklich stimmenden Reflexionen in Sachen Technik nachdenklich zurück. Ein weiterer grandioser Beitrag, der dank der magischen Note den richtigen Schuss Würze verpasst bekommt.

 

Danach geht es ins Badische, besser gesagt in das beschauliche Städtchen Linkenheim. Doch sollte man die Bewohner keinesfalls auf die geplante Rheinbegradigung ansprechen; eine Vorgabe, an der sich der Protagonist von Maximilian Weigls Tullas Traum natürlich nicht hält und die ungeahnten Konsequenzen zu spüren bekommt …

Zwar ist Weigls Erzählung kurzweilig, allerdings fehlt hier ein wenig das besondere Etwas, welches die vorangegangenen Beiträge ausgezeichnet hat. Leider nur guter Durchschnitt.

 

Max Pechmann greift danach in Ärger mit Mimi die von Lovegrove etablierte Automaten-Mechanik auf und verlagert sie an Bord eines Zeppelin-Bordells. Es ist ein Mord geschehen und infrage kommt ausgerechnet die attraktive Mimi, ihres Zeichens menschenähnlich und aufziehbar. Kann das sein? Ein weiteres Highlight der Anthologie; voller Witz und skurril-origineller Ideen. Herrlich!

 

Hermann Ritter lässt es daraufhin wieder etwas ernster angehen. In Im Schatten des Pulverturms kehrt der Leser zurück nach Prag. Zwei Männer treffen sich in einem Café und diskutieren über ein Manuskript, welches unmöglich der Wahrheit entsprechen kann – oder? Auch dieser Beitrag überzeugt vollends und beweist den Einfallsreichtum und das exzellente Gespür für die passende Stimmung des Autoren.

 

Anke Brandt, die vorwiegend als Betreiberin des Geisterspiegels bekannt sein dürfte, kehrt mit Salbeiduft in die Welt der Schausteller und Artisten zurück. Die Revue des Carl Hagenbeck wird landein, landaus geschätzt und verehrt. Doch hinter den Kulissen gibt es eine Variable, die gleichermaßen existenziell für die Künstler und Tiere ist und stets Probleme bereitet: ein Dampfgenerator, der nur von dem mysteriös-sinistren Jack betrieben werden kann. Dies ist seine Geschichte …

Eine weitere tolle Story, die dank ihrer grandiosen Atmosphäre und nicht zuletzt ob der richtigen Dosis Grusel prächtig unterhält. Hoffentlich lässt die nächste Geschichte aus Anke Brandts Feder nicht lange auf sich warten.

 

Man kennt es ja: Sobald der 31.12. ins neue Jahr übergeht, werden allerorten neue Vorsätze geschmiedet – indirekt auch in Barbara Nitribitts Beitrag, Im neuen Jahr wird alles anders. Allerdings mit einem kleinen Unterschied, da sich zu den möglichen Vorsätzen neben einem Toten auch noch tragische Liebesgeschichte dazugesellt. Leider kann diese Erzählung nur bedingt überzeugen; es fehlt einfach die Würze.

 

Zum Abschluss meldet sich der Herausgeber nochmals zu Wort: In Mit einem Lächeln fährt Erik Schreiber nochmals schwere Geschütze auf. Gekonnt lässt er diverse Spione und Agenten in Prag zusammenkommen. Ausgerechnet an diesem neutralen Treffpunkt muss der Spitzel Franti ek Marik auf seine einstige Geliebte Milana treffen, die das gleiche Ziel wie er verfolgt; ein Ziel, das nur wenige Hotelzimmer entfernt auf einen der beiden wartet …

Je weiter die Handlung dieser Geschichte voranschreitet, desto mehr fallen einem die Agentenfilm-Klassiker der 60er Jahre ein: Topas (1969), eine Prise Liebesgrüße aus Moskau (1963), etwas Le Carré und Graham Greene – und fertig ist eine weitere, hervorragende Erzählung, die dank des Steampunk-Settings zusätzlichen Reiz erhält.

 

Fazit:

Neulinge und Steampunk-Veteranen sollten sich diese großartige Anthologie auf keinen Fall entgehen lassen. Bis auf sehr wenige, und, eigentlich nur marginale, Ausfälle kann die zweite Anthologie aus dem Hause Saphir im Stein vollends überzeugen und bürgt für uneingeschränkten Lesespaß der dampfend-phantastischen Art.

Eure Meinung:

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Buch:



Steampunk

Reihe: Geheimnisvolle Geschichten 2

Herausgeber: Erik Schreiber

Saphir im Stahl, 5. Juli 2011

Gebunden, 208 Seiten

 

ISBN-10: 3981382331

ISBN-13: 978-3981382334

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Inhalt:

Erik Schreiber: Vorwort
Ju Honisch: Innovationen
James Lovegrove: Steampunsh
Georg Plettenberg: Vazlav Míhalik, korrumpiert und bestochen
Michael Buttler: Die Gelegenheit seines Lebens
Andreas Zwengel: Volldampf
Petra Joerns: Zeitlos
Jörg Olbrich: Die Dampfkanone
Holger Kuhn: Fortschritt
Maximilian Weigl: Tullas Traum
Max Pechmann: Ärger mit Mimi
Hermann Ritter: Im Schatten des Pulverturms
Anke Brandt: Salbeiduft
Barbara Nitribitt: Im neuen Jahr wird alles anders
Erik Schreiber: Mit einem Lächeln

Weitere Infos:


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Stand:  2014-07-27 18:34 |