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Kolumne: Dienstleistungsillusionen

Autor: Holger M. Pohl

 

Ich habe einen Verlag (nein, habe ich nicht, aber gehen wir doch einmal von der Illusion aus, ich hätte einen Verlag, der Illusionen wahr macht). Im Stil der Zeit wäre es natürlich ein Druckkostenzuschuss-Verlag … ups, böses Wort! Sagen wir also besser, ich hätte einen Dienstleistungs-Verlag. Meinen Firmen-Sitz würde ich mir nehmen in … Dartpfeil und Landkarte bitte … Treffer … also meinen Sitz würde ich nehmen in Frankfurt am Main, einer Hochburg der deutschen Dienstleistungs-Verlage.

Ich würde natürlich jede Dienstleistung anbieten, die mir in den Sinn kommt. Und nach der Lektüre dieser wundervollen Idee kann ich meine Dienstleistungspalette noch um ein Angebot erweitern! Nun gibt endlich es das Rund-um-sorglos-Paket für den Verlag! Was der Autor davon hat, ist zunächst einmal zweitrangig. Ich habe zumindest eine weitere Möglichkeit gefunden an sein Geld zu kommen. Anders gesagt: ich werde reich – er hat die Sorgen!

 

Was ich von Druckkostenzuschuss-Verlagen halte, das habe ich hier schon deutlich gesagt. Was ich von der neuen Idee halte, davon will ich nun schreiben. Ein Schelm ist natürlich, wer über diese neue Idee schlecht denkt. Nun gut, ab und zu bin ich ein Schelm. Wenn aber eine Gesellschaft, die sehr offensichtlich zur größten deutschen Verflechtung von Dienstleistungs-Verlagen gehört, so etwas auf den Markt wirft, dann kann ich eben nicht anders als schelmisch sein.

 

Es gibt unzählige Seiten im Net, auf denen Rezensionen veröffentlicht werden. Seiten wie unsere eine ist, dazu Blogs und Foren. Und unsere Rezensenten ebenso wie viele, viele andere machen das aus Spaß an der Freude – sprich umsonst. Unsere und andere Rezensenten haben von ihrer Rezension in aller Regel zwei Dinge: manchmal – selten – ein Feedback und für gewöhnlich das Objekt der Rezension als ihr Eigentum. Doch keiner hat das €-Zeichen in den Augen. (Ich denke, ich spreche hier für viele Rezensenten und Seiten im Web).

Das bewahrt uns zum einen eine gewisse Unabhängigkeit, zum anderen Ehrlichkeit und zum Dritten eine subjektive Objektivität. Wir loben nicht für €. Und € könnten uns auch nicht von einem Verriss abhalten. Oder anders herum.

 

Nun könnte man natürlich sagen: Halt, es gibt doch genügend Kritiker, die sich bezahlen lassen!

Stimmt, doch in aller Regel werden die nicht von jenem bezahlt, den sie kritisieren sollen, sondern von einer Tageszeitung, Funk und Fernsehen … in aller Regel kann man sich dort keine Kritik bestellen, sondern hat das Glück oder Unglück in den Focus dieser Kritiker zu geraten. Dann bestellen sie – oder machen etwas Vergleichbares – das Objekt ihres Kritikwunsches. Aber nicht anders herum.

Aber so läuft es eben bei Dienstleistungs-Verlagen: genau anders herum! Die Zeche bezahlen immer die anderen, nie der „Verlag“.

 

Nichtsdestotrotz bringt diese Idee natürlich etwas: weiteres Geld für meine Schatulle (so ich diesen Verlag denn hätte)! Illusionen können wahr werden – meine natürlich, nicht die der Autoren! Denn selbstredend würde ich meine Autoren dann per Vertrag verpflichten, dass sie nicht nur ihr Buch bei mir für ihr teures Geld dienstleisten lassen, sondern auch die Dienstleistung der Rezension ordern müssten.

Diese Rezension erscheint dann auf allen möglichen Seiten und ist ungeheuer werbend. Es ist ja eine professionelle Rezension, nicht so was amateurhaftes, wie es sonst im Netz erscheint. Schließlich sind diese Rezensionen von Amateuren, nämlich Lesern, geschrieben, die sowieso von nichts eine Ahnung haben. Ich bin immerhin ein guter Verleger!

 

Aber mal ganz ehrlich: Was hat so eine professionelle Rezension noch mit Ehrlichkeit, Unabhängigkeit und Objektivität zu tun, die von jemand verfasst wird, der mit dem Verlag, in dem das Werk erscheint, verwandtschaftlich eng verbandelt ist? Da kommt mir sofort das Bild mit der Krähe vor Augen, die der anderen dieselben nicht aushackt. Die ganze Idee ist aber eben auch zu profitabel. Für den Verlag natürlich – wie gehabt!

 

Aber es ist nun leider einmal so, dass diese Illusionsverlage … Entschuldigung, Dienstleistungs-Verlage können sehr gut von den Dienstleistungen, die sie erbringen, leben… von den Illusionen, die sie erzeugen. Vielleicht sollte ich daher ernsthaft darüber nachdenken, einen solchen Verlag zu gründen. Ich müsste dann zwar ein paar ethische, moralische und rechtliche Bedenken über Bord werfen … aber das sollte nicht so schwer sein. Ich sehe schon die €-Zeichen in meinen Augen und die tiefschwarzen Zahlen auf meinem Bankkonto. Danke, liebe Autoren, für Eure Illusionen!


Eure Meinung:

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Tintentroll
Sunday, 22. May 2011 09:48 Uhr
Na, da scheinen am Großer Hirschgraben 15 in Frankfurt ja "tolle" Ideen zu entstehen.
Man halte sich nur diese brillanten Möglichkeiten für Autoren für Augen!! Das lässt doch jedes Schreiberherz jauchzende Purzelbäume schlagen!!! Yippieh!
Nachdem man sein Buch hat ganz dienstleistungsmässig veröffentlichen lassen, kann man gleich noch ein paar gaaaanz professionelle Rezensionen mit dazu kaufen. Das rundum sorglos, all inclusive Paket!!!
Toll.

Judith
Saturday, 21. May 2011 17:01 Uhr
DANKE für diesen Beitrag! Emoticon ...

Ich glaube, jedem Rezensenten, der ernsthaft an die Sache rangeht, rollen sich bei diesem gewissen Angebot die Fußnägel hoch. Zumindest hoffe ich das.


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Holger M. Pohl


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Stand:  2014-12-09 19:03 |